Artikel: Monster am Genfer See
 
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Monster am Genfer See – oder: Wie der Vampir zur Celebrity wurde

Artikel von Thomas Jeenicke

 

Adoleszierende Bewunderer überschütten ihn mit Fanpost. Wo ein öffentlicher Auftritt auch nur vermutet wird, bildet sich eine hysterische Menge. Frauen, die ihm begegnen, sinken entzückt in Ohnmacht (so heißt es zumindest, belegt ist nur ein einziger Fall). Die Rede ist nun aber nicht von irgendeinem Sternchen unserer Tage. Vielmehr befinden wir uns im frühen 19. Jahrhundert. Nach der Veröffentlichung des ersten Teils des Poems Childe Harold's Pilgrimage im Jahre 1812 wacht der damals 22jährige Baron George Gordon Byron (Lord Byron) eines Morgens als Berühmtheit auf. Sein ausschweifender Lebensstil und seine radikalen politischen Ansichten führen bald zu Skandalen und als noch finanzielle Probleme hinzukommen, entschließt sich Byron 1816 zu einer Reise auf den Kontinent. Neben einigen Bediensteten begleitet ihn ein neuer Leibarzt, ein junger Mann namens <link>John William Polidori. Während der Gerichtsvollzieher in Byrons Londoner Domizil eindringt, schiffen sich der Lord und Dr. Polidori in Dover ein, nicht ahnend, dass sie auf dieser Reise den Archetyp einer der beliebtesten modernen Horrorgestalten schaffen werden.

 

Nach einmonatiger Reise erreicht die Gruppe den Genfer See und mietet sich in der Villa Diodati ein. Zu Byrons regelmäßigen Gästen dort zählen der Dichter Percy Bysshe Shelley und dessen Geliebte und spätere zweite Frau Mary Wollstonecraft Godwin. Von den geplanten Ausflügen in die Umgebung lassen sich nur wenige verwirklichen und die Schuld daran trägt ein Vulkan: Im Jahr zuvor war auf der indonesischen Insel Sumbawa der Tambora ausgebrochen, eine gewaltige Naturkatastrophe mit Einfluss auf das globale Klima. So wird 1816 in Europa zum »Jahr ohne Sommer« und die Dichterschar verbringt notgedrungen viele Tage in der Villa, während draußen der Regen kein Ende nehmen will. Ein Zeitvertreib ist es, sich Schauerromane vorzulesen, bis Byron schließlich den Vorschlag zu einem kleinen literarischen Wettstreit macht: jeder solle selbst einmal eine Gruselgeschichte schreiben. Während Shelley und Polidori nichts Rechtes zustande bringen, legt Mary Godwin (Mary Shelley) eine Erzählung vor, die sie zum Roman ausarbeiten und zwei Jahre später unter dem Titel Frankenstein or The Modern Prometheus veröffentlichen wird.

Byrons Versuch (er ist als fünfseitiges Fragment erhalten geblieben) schildert, wie der Ich-Erzähler in Begleitung eines zweiten englischen Herrn eine Mittelmeerreise unternimmt. In Kleinasien angekommen, stirbt der Begleiter und wird unter geheimnisvollen Umständen begraben. Und gerade hier, wo es erst richtig spannend zu werden verspricht, bricht die Geschichte ab. Im weiteren Verlauf sollte der Totgeglaubte wohl wieder in England auftauchen und die Schwester des Erzählers in Gefahr bringen. Man vermutet, dass Byron dabei inspiriert war von Geschichten über Untote/Ghule aus dem arabischen Raum, die er in der Türkei kennengelernt hatte (in den Jahren 1809-1811 hatte er selbst eine ausgedehnt Mittelmeertour absolviert.) Eine regelrechte Vampirgestalt schwebte dem Dichter aber wahrscheinlich nicht vor: später wird er behaupten, er habe mit dem Vampirmythos nichts zu tun und finde ihn abstoßend.

 

Unterdessen bleibt die Atmosphäre in der Reisegesellschaft nicht ohne Spannungen. Byron und Shelley machen sich über die literarischen Ambitionen des Doktors lustig, während der gläubige Katholik Polidori deren Lebenswandel schwerlich akzeptieren kann. Gegen Ende des Sommers schließlich entlässt Byron Polidori aus seinen Dienst. Immerhin erhält er noch genug Gehalt, um den Aufenthalt in Kontinentaleuropa zunächst fortzusetzen zu können. Während dieser Zeit greift Polidori Byrons Fragment auf und entwickelt daraus eine vollständige Erzählung, die er mit dem Titel The Vampyre versieht.

 

Geschildert wird, wie der junge Aubrey, ein etwas naiver Romantiker, der Faszination des seltsam-bleichen Lord Ruthven erliegt und mit ihm zusammen eine Tour auf den Kontinent unternimmt. Während der Reise beginnt er aber die Abgründe im Charakter seines Begleiters, der gerade auf junge unschuldige Frauen einen fatalen Einfluss zu haben scheint, zu erahnen. Schließlich trennt sich Aubrey in Italien von dem Lord und reist alleine weiter nach Griechenland. Dort verliebt er sich in Ianthe, die Tochter seines Gastgebers. In einer stürmischen Nacht kommt das Mädchen gewaltsam ums Leben. Aubrey ist zugegen, kann aber in der Dunkelheit weder den Angreifer erkennen noch verhindern, dass der seinem Opfer das Blut aussaugt. Nach dem erschütternden Erlebnis hält sich Aubrey zunächst in Athen auf, wo er wieder auf Lord Ruthven trifft. Ruthven gibt vor, seinen bösen Lebenswandel ändern zu wollen. Gemeinsam setzten die beiden ihre Erkundung Griechenlands fort. Eines Tages werden sie dabei von Räubern überfallen und der Lord schwer verletzt. Der vermeintlich Sterbende ringt Aubrey den Eid ab, für ein Jahr und einen Tag über das, was er von Ruthvens Leben und Sterben erfahren hat, in der Heimat zu schweigen, um dessen Ehre zu bewahren. Bald darauf verschwindet die Leiche des Lords auf mysteriöse Weise und unter den Hinterlassenschaften Ruthvens findet Aubrey Hinweise auf die Identität des Angreifers in jener grausigen Nacht, als Ianthe das Leben genommen wurde. Schlimmer noch: wieder zurück in England begegnet ihm niemand anderes als der tote Lord! Durch seinen fatalen Schwur gebunden, muss Aubrey hilflos mitansehen, wie Ruthven sich seiner jüngeren Schwester annähert. Als er von Heiratsplänen der beiden erfährt, fällt er regelrecht in den Wahnsinn und am Ende – nun, das Ende, sei es auch noch so absehbar, soll hier nicht verraten werden.

 

Die literarische Figur des Lord Ruthven ist für Polidori, der seine Entlassung nie verwinden wird, in gewisser Weise eine Abrechnung mit seinem Ex-Arbeitgeber, projiziert er doch alles, was er an Schlechtem in dem echten Lord sah oder sehen wollte, auf den fiktiven. Zugleich aber kann man auch in Aubrey Züge Byrons erkennen, er ist gleichsam eine idealisierte Version des Dichters. Bis zum Schluss kann sich auch Polidori, wie so viele seiner Zeitgenossen, der Faszination der Celebrity Byron nicht entziehen, eine Faszination, in der sich Bewunderung und Abscheu vermischen.

 

Während der Doktor noch auf dem Kontinent weilt, findet seine Erzählung den Weg nach England und wird dort 1819 veröffentlicht – unter dem Namen Byrons! Dieses »Versehen« des Verlegers garantiert dem Werk einen großen kommerziellen Erfolg. Es gibt mehrere Nachdrucke (geistiges Eigentum war damals kaum geschützt) und auch Übersetzungen. Mythen über blutsaugende Monster sind zwar uralt und hie und da tauchten auch schon vor Polidori Vampirgestalten in der Dichtung auf (bspw. in Goethes Ballade Die Braut von Korinth), doch erst Polidori schuf mit »The Vampyre« den klassischen, populären Typ des Vampirs. Als Bram Stoker viele Jahrzehnte später seinen Dracula schreibt, ist die literarische Figur des bleichen, blutsaugenden Aristokraten längst fest etabliert.

 

Wieder in England versucht Polidori seinen Anteil am finanziellen Erfolg des »Vampyre« einzuklagen, doch ohne Erfolg. Auch mit weiteren literarischen Projekten findet er keine Anerkennung. Seine physische und psychische Gesundheit verschlechtert sich zusehends, von der Öffentlichkeit unbeachtet stirbt Polidori am 24. August 1821.

 

Von den Monsterschöpfern am Genfer See wird nur Mary Shelley die 1820er Jahre überleben (1851 erliegt sie einem Hirntumor). Percy Shelley gerät im Juli 1822 während eines Segelausflugs in einen Sturm und ertrinkt. Und Byron findet sein Ende ausgerechnet in Griechenland. 1824 schließt er sich der hellenischen Aufstandsbewegung gegen die Türken an und zieht sich dort eine Lungenentzündung zu. Eine allzu traditionelle medizinische Behandlung (Ader lassen, Ader lassen und noch einmal Ader lassen …) trägt das ihre bei; am 19. April 1824 scheidet Lord Byron aus dem Leben.

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Hörspiel

Der Vampir

Reihe: Gruselkabinett 30

Vorlage: John William Polidori

Buch: Mark Gruppe

Produktion und Regie: Stephan Bosenius und Mark Gruppe

Umfang: 1 CD

Laufzeit: über 60 Minuten

Titania Medien/Lübbe Audio, November 2008

Titelbild von Firuz Askin

 

ISBN-10: 378573638X

ISBN-13: 978-3785736388

 

Erhältlich bei Amazon

 

Sprecher:

Patrick Bach

Christian Stark

Kristine Walther

Jochen Schröder

Kaspar Eichel

Sarah Riedel

Bodo Wolf

Anita Lochner


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Erstellt: 12.04.2015, zuletzt aktualisiert: 20.06.2022 18:24