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Das große Steingesicht von Nathaniel Hawthorne

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 9

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Das große Steingesicht ist der neunte Band der von J. L. Borges herausgegebenen Bibliothek von Babel. In diesem Band finden sich fünf Kurzgeschichten des US-Amerikaners Nathaniel Hawthorne. Er entstammte einer puritanischen Familientradition, die sich auch in vielen seiner Geschichten widerspiegelt. Hinzu kommt noch seine Auseinandersetzung mit dem Transzendentalisten von Concord. Vielfach sind die Geschichten nur im weiteren Sinne phantastisch: Sie behandeln bizarres Vorgänge oder sind als Allegorien zu verstehen.

 

Die Geschichten im Einzelnen sind:

Wakefield (17 S.): Wakefield ist eine ziemlich durchschnittliche Person – er ist einigermaßen klug, strengt seinen Verstand aber nicht an, hat eine mittelmäßige Position und sieht unauffällig aus. Eine Mischung aus Neugierde und Eitelkeit lässt ihn ein sonderbares Schelmenstück beschließen: Er verlässt am Anfang der Woche das Haus, gibt sich geheimnisvoll, deutet aber gegenüber seiner Ehefrau an, spätestens am Freitag wieder zurück zu sein, plant jedoch insgeheim erst am Montag heim zu kommen. Er richtet sich für die Woche in einem Haus nur eine Straße weiter ein – bleibt dann aber aus einer merkwürdigen Laune heraus zwanzig Jahre fort.

Wakefield ist eine sehr sonderbare Geschichte; es scheint sich nur ein extrem exzentrisches Verhalten Wakefields zu handeln, doch der auktoriale Erzähler lässt immer einen bedrohlichen Unterton mitschwingen, der auf eine verborgene Bedeutung anspielt.

Das große Steingesicht (36 S.): Ernst wächst im Tal unter dem gütigen Blick des großen Steingesichts auf. Dieses ist das Abbild eines ehrwürdigen und weisen Mannes im nahen Gebirge. Ist man so weit entfernt, dass es gerade noch zu erspähen ist, dann scheint es das Antlitz eines Lebenden zu sein, doch kommt man nahe heran, dann zerfällt es in eine bloße Ansammlung von Erkern und Kerben im Gestein. In jenem Tal nun wird eine alte Legende erzählt: Dereinst wird ein Mann kommen, des das Ebenbild des großen Steingesichts ist. Dieser Mann wird ein großer Erlöser sein. Ernst hat eine nahezu spirituelle Verbindung zum Wahrzeichen des Tals – und wartet sehnsüchtig auf dessen menschliche Verkörperung.

Dieses ist ein Kustmärchen, welches Demut und das Streben nach Weisheit thematisiert.

Das Brandopfer der Erde (36 S.): In unbestimmter Zukunft haben die Müllberge sich enorm vergrößert. Man beschließt diese in einer US-amerikanischen Ebene zusammenzudrängen und mit einer großen Feierlichkeit verbunden zu verbrennen. Dem schließen sich die Reformatoren an, die dazu noch Unnützes ins gewaltige Feuer werfen. Den Anfang machen Erinnerungsstücke an den Adel und dessen Privilegien. Auch wenn die Mehrheit sich mit großer Innbrunst an deren Verbrennung beteiligen, gibt es einige, die an diesen Symbolen festhalten wollen. Dann wenden die Reformer sich anderen unnützen Dingen zu.

Diese Allegorie befasst sich mit dem Wert von Kultur und dem Ursprung des Verderblichen – leider kratzt die Geschichte nur an der Oberfläche; überraschend ist die Nutzung der Verbrennung von Müllbergen als Aufhänger der Geschichte.

Mr. Higginbothams Katastrophe (26 S.): Dominicus Pike ist ein fahrender Tabakhändler. Mit seinem grüngestrichenem Wagen fährt der junge Mann von Ort zu Ort und – da er recht neugierig ist – tauscht er unterdessen allerlei Neuigkeiten und Tratsch aus. Eines Morgens trifft der Hausierer auf einen finsteren Gesellen, der vom schändlichen Mord an Mr. Higginbothams erzählt. Anderorts gibt Dominicus diese Geschichte – nur leicht ausgeschmückt – zum Besten. Allein ein Farmer sagt ihm frei heraus, es könne nicht stimmen, da er selbst den vermeintlich Toten noch am heutigen Morgen gesprochen habe. Irgendetwas stimmt an der Sache offensichtlich nicht.

Diese makabre Rätselgeschichte nimmt einige Kniffe der späteren Kriminalgeschichten vorweg – E. A. Poe veröffentlichte seine Geschichten um August Dupin vier Jahre später und erinnert damit klar an G. K. Chestertons Pater-Brown-Geschichten; jedoch weißt sie einen wahrhaftigen Antiklimax auf – ein Zeugnis der drastisch veränderten literarischen Konventionen.

Des Pfarrers schwarzer Schleier (25 S.): Pfarrer Hooper ist ein umgänglicher Junggeselle; er versucht seine Herde nicht mit Wortgedonner ins Paradies zu treiben, sondern mit sanfter Predigt auf dem Pfad der Tugend zu lotsen. Eines Sonntags aber hält er einen Gottesdienst, bei dem er sein Gesicht hinter einen Schleier verbirgt. Damit wird der melancholische Mann plötzlich der Gemeinde unheimlich. Man kommt überein, ihn zur Rede zu stellen.

Diese Geschichte ist eine weitere Allegorie, die sich mit Sünde – dem Verheimlichen von unheimlichen Aspekten einer Person – befasst.

 

Sieht man von Wakefield ab, welches London als Schauplatz nutzt, spielen die Geschichten in Nordamerika. Das Brandopfer der Erde scheint in einer unbestimmten Zukunft angesiedelt zu sein, die anderen Geschichten dagegen gehören in Hawthorns eigene Zeit. Der Beschreibung des Settings widmet Hawthorne zwar nur wenige Sätze, jedoch gelingt es ihm ein stimmiges Bild zu entwerfen. Die Settings neigen zum Milieuhaften.

In den Allegorien sind die Figuren eher typenhaft, in den anderen Geschichten wesentlich runder. Exzentrisch sind sie alle. Wie üblich für Kurzgeschichten werden sie nur skizzenhaft charakterisiert. Wakefield selbst bildet hier eine Ausnahme: Er ist das Eichmaß der Durchschnittlichkeit, dafür aber relativ detailreich dargestellt.

Mit Ausnahme von Mr. Higginbothams Katastrophe ziehen die Geschichten ihre Spannung aus dem moralischem Stoff; die zuvor genannte Geschichte nutzt das rätselhafte Geschehen als Spannungsquelle. Allesamt regen zum Staunen an und sind damit bis zu einem gewissen Maße Wundergeschichten. Der Plotfluss ist jeweils recht langsam.

Die Erzähltechnik ist relativ konventionell – es wird ein auktorialer oder ein Ich-Erzähler verwendet, die Geschichten entwickeln klar progressive, wobei einige dramatisch, andere eher episodisch sind. Ungewöhnlich ist allein wiederum Mr. Higginbothams Katastrophe; am Ende gibt es eine große erzähltechnische Überraschung, die meiner Ansicht nach allerdings der Spannung entgegenwirkt. Die Sätze sind abwechslungsreich und die Sprache ist klar – gute Voraussetzungen für einen interessanten Erzählstil. Doch der Autor ist sehr umständlich in der Entwicklung seines Plots; er führt einzelne Punkte weit aus und wiederholt sie auch schon mal vom Inhalt her. Daher ist es nach meinem Dafürhalten der bisher schwächste Band, obwohl viele interessante Themen aufgegriffen werden.

 

Fazit:

Der Band Das große Steingesicht enthält anregende Kurzgeschichten, die sich häufig um moralische Themen drehen. Wen die weitschweifige Erzählweise nicht stört, der erhält hier wiederum sehr gute Beispiele für einen weiteren Aspekt der phantastischen Literatur.

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Titel: Das große Steingesicht

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 9

Autor: Nathaniel Hawthorne

Übersetzer: Hannelore Neves, Siegfried Schmitz und Alice Sieben

Verlag: Edition Büchergilde, 2007

Seiten: Hardcover, 153 Seiten

Titelbild: Bernhard Jäger

ISBN-13: 978-3940111098

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 07.07.2007, zuletzt aktualisiert: 16.08.2019 12:16