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Der grüne Planet herausgegeben von Hans Jürgen Kugler und René Moreau

Zukunft im Klimawandel. Eine Anthologie

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Phantastische Themenanthologien bieten oft Raum für Experimente und Erstveröffentlichungen. Da das Thema Klimawandel trotz tagesaktueller Probleme weiterhin lichterloh brennt, beschloss das Exodus-Team, sich an Autorinnen und Autoren zu wenden mit der Bitte um Geschichten zu den vier Kategorien:

     

  • Apocalypse Now – Die Katastrophe hat stattgefunden.

  • Crisis? What Crisis? – Noch einmal davongekommen. Wie wir der Welt ein Schnippchen geschlagen haben.

  • Heiße Zeiten – Der Klimawandel hat auch seine schönen Seiten …

  • Mad World – War da was?

 

Jede Kategorie bekam ein Titelblatt mit kurzen Teasertexten und zu jeder Geschichte steuerte Uli Bendick aufwändig kolorierte Collagen bei, die in Verbindung mit der hochwertigen Ausgabe als gebundenes Buch und der wie immer phänomenalen Designkunst von benSwerk Der grüne Planet bereits optisch zu einem Glanzstück machen. Hier ließen sich die Herausgeber Hans Jürgen Kugler und René Moreau wahrlich nicht lumpen.

 

Der Themenbereich »Apokalypse Now« beginnt mit Clouds across the moon von Kai Focke.

Im Jahr 2136 hat sich Mondstadt Lunaria zu einer prosperierenden Gemeinschaft entwickelt. Doch nach einem Versuch der Erde vor fast siebzig Jahren, die Unabhängigkeitsbewegung der Kolonie zu zerschlagen, beobachtet man die Aktivitäten der Erde besonders argwöhnisch. Und tatsächlich, die lunare Überwachung sieht sich gezwungen, den Verdacht auf einen ›Weltenbrand‹ zu melden …

Obwohl eine schwere ethische Entscheidung am Ende der Geschichte steht, fokussiert der Autor hauptsächlich auf Diskussionen und Erklärungen zum Hintergrund der Entscheidungsfindung, sodass zu keiner Zeit Spannung aufkommt.

 

 

Christian Endres hingegen gelingt dies in Der Klang des sich lichtenden Nebels vom ersten Satz an.

Ein Mann kämpft sich durch eine feindliche, postapokalyptische Welt. Er geht diesen gefährlichen Weg immer wieder, denn er will, dass sich der Nebel lichtet …

Mit voller emotionaler Breitseite wirft uns Christian Endres in sein Untergangszenario und legt früh die Messlatte für das Folgende hoch.

 

 

Der Ansatz von Uwe Hermann ist wie erwartet zunächst satirisch.

In Die Tage nach dem Lärm müht sich der Haushaltsroboter Robard darum, einen Haushalt zu führen, obwohl die Familie, um die er sich kümmern soll, der Katastrophe zum Opfer fiel. Doch er ist nicht der einzige Roboter in der untergehenden Ordnung …

Was passiert mit der intelligenten Haushaltstechnik, wenn es uns Menschen nicht mehr gibt? Wie weit gehen ihre programmierten Routinen und was geschieht, wenn sie den Bach runtergehen? Uwe Hermann zieht einmal mehr so amüsante wie bitterböse Schlüsse.

 

 

Auch Erik Simon ist ein Meister der ironischen Verfremdung. In Vom Dramp liefert er uns die erste Future-History des Bandes.

Eine alte Frau erzählt ihrer Nachfolgerin als »Greta« des Stammes vom titelgebenden Dramp, dass die Südländer beherrschen und von den Vorfahren, die einst die große Wärme brachten.

Erik Simon gelingt es, die Veränderungen nach einer Klimakatastrophe aus der Sicht von Menschen zu erzählen, die wieder in die Steinzeit zurückgefallen sind und für die wir nur noch Legenden sind.

Es ist nicht die einzige Erwähnung der schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg in dieser Anthologie. Erik Simon schenkt ihr in seiner kurzen Fabel ein fast liebevolles Gedenken.

 

 

Monika Niehaus verpackt ihre Historie der Klimakatastrophe in die Märchenhafte Erzählung eines alten Mannes. Wenn der Großvater erzählt … unterscheidet sich stilistisch stark von der vorhergehenden Geschichte, setzt den Akzent aber ähnlich wie Erik Simon auf das unausweichliche Vorwärtsstreben der Menschheit.

 

 

Komplett anders geht Heidrun Jänchen in ihren Mietnomaden an die Beschreibung der Klimakatastrophe heran. Schlaglichtartig wirft sie in zehn Episoden Blicke auf die Entwicklung vom heißesten Sommer der Wetteraufzeichnung über Flüchtlingsströme bis hin zu einem Generationenraumschiff auf der Suche nach einer neuen Erde. Dabei wirft sie am Ende Fragen auf, die trivial klingen, aber schon heute erfolglos gestellt werden.

 

 

»Crisis? What Crisis?« ist der zweite Abschnitt übertitelt und Rainer Schorm eröffnet die Infragestellung mit einer sehr schrägen Geschichte. In Carbonized besucht eine Marsmission nach langer Zeit der Kontaktlosigkeit die Erde und trifft dort nicht auf die erwartete von einer Klimakatastrophe gebeutelten Reste der Menschheit.

Es fällt schwer, die Geschichte anders zu lesen als ein Aufbegehren eines Leugners der Klimakatastrophe. Vielleicht wollte der Autor dem Thema gerecht werden und andere Ursachen für eine mögliche globale Katastrophe, wie eben Ebola-Pandemien, untersuchen – Corona dürfte zum Entstehungszeitpunkt noch keine Rolle gespielt haben – aber viele Textpassagen deuten eher daraufhin, dass der Autor es ernst damit meint, wenn er die Angst vor Klimaveränderungen und den Wunsch nach sofortigen Gegenmaßnahmen als übertrieben darstellt.

Leider gelingt ihm dabei nicht einmal eine spannende Geschichte. Der größtenteils flapsige Umgangston der Figuren, skurrile Situationen und abgedroschene Missverständnisse bilden ein schwaches Vehikel für die politische Botschaft.

 

 

Tino Falke gelingt die Verbindung von rasanter Handlung und ökologischem Zeigefinger schon deutlich besser.

Was passiert, wenn eine Trendsetterin in der Zukunft eine Renaissance von stinkenden Autos mit Verbrennungsmotoren in Gang setzt? Mit einem deutlichen Zeichen beim Millennial Mammut Crash Derby 3000 will sie ein Umdenken einleiten …

Auch wenn die Idee und besonders der Schluss noch etwas hätten ausgebaut werden können, überzeugt dieser doch erstaunlich positive Ausblick in eine ferne Zukunft.

 

 

Karlheinz Schiedels Die große Vernunft ist wieder eine Future-History, die fast völlig ohne Handlung und auch leider ohne interessante Aspekte auskommt. Vielleicht hätte man solche Texte konsequenterweise gleich als Essays ausgestalten sollen.

 

 

Auch Werner Zillig versucht sich an einer Future-History.

In Apoikiai. Oder: Wie die Rettung der Welt begonnen hat begleiten wir eine Redeschreiberin dabei, wie sie eine Rede zu Ehren einer Frau ausarbeitet, die durch eine Idee für neuartige Stadtgemeinschaft globale Veränderungen in Gang brachte.

Wer politische Reden mag und Spaß daran hat zuzusehen, wie sie geschrieben werden, wird hier aufjubeln. Fans von SF-Geschichten eher nicht.

 

 

Karla Weigands Lesebrief Protest! reiht sich ein in die Texte, die mehr Potential für ein Essay gehabt hätten. Die Leserbriefschreiberin arbeitet sich an Standpunkten eines Wissenschaftlers ab, die in einer Zeitung des Jahres 2049 veröffentlicht wurden. Uninteressant wie alle solche Leserbriefe und es bleibt nach der Lektüre die Frage, ob die Autorin hier vermitteln wollte, dass in dreißig Jahren die Welt noch genauso durchgedreht ist wie heute?

 

 

Passend dazu spendiert uns Jörg Weigand die Frühnachrichten. Ein Mann sinniert beim morgendlichen Kaffeetrinken über die schlechten Meldungen der Nachrichten, während sich seine Frau eine Etage höher im Bad zurecht macht.

Eine weitere Future-History – vielleicht hätten die Verleger diese Textart besser verteilen oder noch strenger aussieben müssen, die sich immer ähnlicher werdenden, möglichen Szenarien führen zu einem Ermüdungseffekt.

 

 

Mit lyrischen Bildern erzählt Ursula Isbel in Land unter von einer Frau, die sich in die Zeit ihrer Kindheit zurückträumt und dort die Natur mit ihren Pflanzen und Tieren genießt, denn die Gegenwart ist eine einzige Katastrophe.

Zwar schön geschrieben, aber letztlich eine weitere Nichtgeschichte.

 

 

Womit könnte man den Themenkomplex »Heiße Zeiten« besser einleiten als mit etwas Weihnachtszauber? Ute Wehrle beschreibt in ihrer Geschichte den Besuch eines weihnachtlichen Schneeparadieses. In Zeiten der globalen Erwärmung sind 90 Minuten im Schnee der pure Luxus ein ein großartiges Weihnachtsgeschenk.

Eine kurze, ideengetriebene Story ohne Höhepunkte.

 

 

Um Schnee geht es auch in Marianne Labischs Der Traum.

Die kleine Hanna bittet ihren Opa Vincent, vom Schnee zu erzählen und davon, wie es zu ihrer Welt ohne Schnee kam.

Eine weitere Future-History und auch Greta Thunberg wird darin wieder erwähnt.

 

 

Friedhelm Schneidewind zieht in Die Eisbergpiratin die ganz großen literarischen Karten.

Die Gewinnung von Trinkwasser aus Eisbergen ruft nicht nur brutale Staaten und Konzerne auf den Plan, sondern auch Piraten. Unsere Protagonistin will aber mehr als einen Eisberg stehlen, sie will Rache …

Kurz und knackig, auf den Punkt erzählt. Aus der Idee von Gert Prokop entwickelt Friedhelm Schneidewind eine düstere und bittere Geschichte.

 

 

Die wohl epischste Geschichte der Anthologie liefert Frank Neugebauer. Nach fünf Klimakriegen sind die Reste der Menschheit verteilt. Immer wieder landen Expeditionen auf der toxischen Insel von Cloudy …

Hitzekoller 3000 – Im Banne der weißen Sirene lässt die Leserschaft lange Zeit darüber im Unklaren, wie die Figuren und ihre Realitätswahrnehmungen zusammenpassen und am Ende wird man so oder so überrascht. Frank Neugebauer arbeitet raffiniert mit den Informationen und nutzt mit Cloudy eine überaus faszinierende Frauenfigur, um seiner postapokalyptischen Welt eine exotische, aber stets gefährliche Protagonistin zu schenken.

 

 

Das vegetarchische Manifest von Mitherausgeber Hans Jürgen Kugler eröffnet den letzten, mit »Mad World« betitelten Abschnitt der Anthologie.

Wie würde eine Kampfansage der globalen Vegetation an die Bedrohung durch den Menschen klingen? Hans Jürgen Kugler liefert das passende Manifest.

 

 

Olaf Kemmler befasst sich in Das Ende der Party mit dem Abholzen der Regenwälder. Paolo und Paula arbeiten für einen Bio-Hightech-Konzern. Während des Besuchs einer Rodung erscheint der Bioingenieurin ein Waldgeist und prophezeit ihr, dass bei weiterer Rodung etwas Übles aus dem Boden steigen würde.

Zwei Jahre später erscheinen überall seltsame Irrlichter und bringen ein tödliches Geschenk …

Das Ende bringt dann doch noch eine Überraschung in die etwas zäh erzählte Geschichte, deren Figuren trotz ihrer Hintergründe erstaunlich blass bleiben.

 

 

In einer postapokalyptischen Welt macht sich ein teilweise gelähmter Mann auf, seine Kaninchenfallen nach Nahrung zu überprüfen. Ihn begleitet eine Krähe und der Mann ahnt, dass sein Ende nur eine Frage der Zeit ist …

Wolf Welling lässt sich in seiner Future-History Die Nähe der Krähe Zeit, das Innenleben seines Protagonisten vor uns offen zu legen. So ziehen wir mit ihm mühsam durch die vom Klimawandel und seinen Folgen verwüstete Welt.

 

 

In Das letzte Buch vom Illustrator der Anthologie, Uli Bendick, darf die 16jährige Mahut zu ihrer Gemeinde sprechen. In ihrer Rede erinnert sie an das legendäre Projekt der »Arche 2.0«, mit der ihre Erbauer vor dreihundert Jahren versuchten, einen Ort zu erschaffen, an dem sie die Klimakatastrophe aussitzen können. Doch es ist eine Legende und niemand hörte je wieder etwas von dieser Arche …

Uli Bendick springt etwas chaotisch zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und Schauplätzen herum, sodass sich weder eine Bindung zu den Figuren noch ihrem Leben aufbaut. So wirkt die Geschichte unausgegoren und unfertig.

 

 

Rico Gehrke dürfte vor allem als Herausgeber der Anthologien seines Verlages für Moderne Phantastik bekannt sein. Mit Beichte einer Nacht auf einem anderen Planeten entführt er uns zunächst an der Seite seiner Ich-Erzählerin Deborah Quinn auf eine Expedition den Amazonas hinauf. Dass diese Reise immer rätselhafter wird, hat einen erschreckenden Grund …

Die zweigeteilte Geschichte überwältigt zunächst mit einer Fülle an Informationen, Namen und Details, die für die eigentliche Handlung völlig ohne Belang sind. Der zweite Teil wirkt dadurch noch nüchterner. Und obwohl der Plottwist durchaus das Potential der Idee dahinter aufzeigt, gelingt es Rico Gehrke nicht, daraus eine gute Geschichte zu machen.

 

 

Zum Glück verabschiedet uns die Anthologie mit einem letzten Highlight.

Anne Grießer lässt uns am Quallengeflüster der vielleicht letzten ihrer Art teilhaben. Am Ende ihrer Zivilisation lassen drei weise Quallenspezialisten die anderen berühmten Umbrüche und Untergänge der Erde Revue passieren.

Ein so tiefsinniger wie lustiger Text, der aufzeigt, dass man auch auf unterhaltsame Weise eine mögliche Geschichte der Klimakatastrophe kredenzen kann.

 

Fazit:

»Der grüne Planet« liefert einige gute aber auch viele schlechte Geschichten zum Thema »Zukunft im Klimawandel«. Das wunderschön gestaltete Buch hätte eine bessere Auswahl verdient.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der grüne Planet

Zukunft im Klimawandel. Eine Anthologie

Herausgeber: Hans-Jürgen Kugler und René Moreau

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten

Hirnkost, 15. Mai 2020

Layout: benSwerk

Illustrationen: Uli Bendick

 

ISBN-10: 3948675155

ISBN-13: 978-3948675158

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B088RLXL9C

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Inhalt:

  • Kai Focke: Clouds across the moon
  • Christian Endres: Der Klang des sich lichtenden Nebels
  • Uwe Hermann: Die Tage nach dem Lärm
  • Erik Simon: Vom Dramp
  • Monika Niehaus: Wenn der Großvater erzählt …
  • Heidrun Jänchen: Mietnomaden
  • Rainer Schorm: Carbonized
  • Tino Falke: Millennial Mammut Crash Derby 3000
  • Karlheinz Schiedel: Die große Vernunft
  • Werner Zillig: Apoikiai. Oder: Wie die Rettung der Welt begonnen hat
  • Karla Weigand: Protest!
  • Jörg Weigand: Frühnachrichten
  • Ursula Isbel: Land unter
  • Ute Wehrle: Weihnachtszauber
  • Marianne Labisch: Der Traum
  • Friedhelm Schneidewind: Die Eisbergpiratin
  • Frank Neugebauer: Hitzekoller 3000 – Im Banne der weißen Sirene
  • Hans Jürgen Kugler: Das vegetarchische Manifest
  • Olaf Kemmler: Das Ende der Party
  • Wolf Welling: Die Nähe der Krähe
  • Uli Bendick: Das letzte Buch
  • Rico Gehrke: Beichte einer Nacht auf einem anderen Planeten
  • Anne Grießer: Quallengeflüster

Weitere Infos:


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Erstellt: 19.07.2020, zuletzt aktualisiert: 24.07.2020 15:25