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Der Kardinal Napellus von Gustav Meyrink

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 18

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Mit dem achtzehnten Band der Bibliothek von Babel wendet sich Herausgeber J. L. Borges zum ersten Mal einem deutschsprachigen Autor zu: Gustav Meyrink. In Der Kardinal Napellus sind drei Erzählungen enthalten, die aus dem 1915 veröffentlichten Erzählband Fledermäuse stammen. In diesen drei Geschichten verbindet Meyrink (alp-)traumhafte Wunder mit zentralen Fragen des Lebens.

 

Zu den Geschichten im Einzelnen:

J. H. Obereits Besuch bei den Zeitegeln (15 S.): Der Erzähler wundert sich ob des eigenwilligen Mottos auf seines Großvaters Grabstein: vivo – ich lebe. So sehr der Erzähler in den folgenden Jahren auch auf Friedhöfen nach jenem Motto sucht, er findet es nur zweimal. In einem Geheimfach findet er allerdings einige Papiere seines Großvaters, die auf die Existenz einer Geheimgesellschaft, den Philadelphischen Brüdern, hinweisen; es scheint, als wären sie der Unsterblichkeit auf der Spur gewesen. Ein Freund des Großvaters war ein Chemiker namens J. H. Obereit, der in Runkel lebte. Um etwas über den Bekannten seines Vorfahren zu erfahren, besucht der Erzähler den Ort – und findet einen Mann in seinem Alter auf dem dortigen Friedhof vor, der behauptet eben jener Obereit zu sein. Er weiß von einem sonderbaren Reich zu berichten, in dem die Zeitegel leben, die den Menschen, die Zeit absaugen.

Meyrink verbindet hier Wundergeschichte mit conte philosophique: Unsterblichkeit, den Zeitegeln entrungen – aber um welchen Preis?

Der Kardinal Napellus (18 S.): Der Erzähler wartet mit seinen Bekannten – Giovanni Braccesco, Mr. Finch und dem Botaniker Eshcuid – nach einer Angelpartie auf den sonderbaren Hieronymus Radspieller. Dieser fährt tagein, tagaus auf den See um den Grund auszuloten. Es heißt, er sei einst ein Mönch gewesen. Er kommt vor Energie sprühend um Mitternacht ins Zimmer: Endlich ist es ihm gelungen den Grund zu finden! Es ist die tiefste Stelle auf Erden, zu der je ein menschliches Instrument gedrungen ist, triumphiert er. Aber was soll er morgen tun? Diese Tätigkeit betäubte seine wunde Seele. Wie es dazu kam? Radspieller beginnt von seiner Vergangenheit zu erzählen, von der Zeit, da er kein Geistlicher war, sondern dem geheimen Orden der Blauen Brüder angehörte. Die Sekte war vor langer Zeit vom sagenhaften Kardinal Napellus gegründet worden, dessen Symbol der giftige blaue Sturmhut, das Aconitum Napellus, ist.

Hier präsentiert Meyrink wiederum eine vielschichtige Horrorgeschichte. Zunächst ist es eine etwas wirre Geschichte um einen esoterischen Vampir, der eine numinose Macht über Radspieller ausübt. Doch es stellt sich die Frage, ob der labile Radspieller sich nicht einfach in eine religiös-esoterische Fantasie hineinsteigert – damit wird es zur todorovschen Phantastik. Diese zweifelhafte Wundergeschichte ummantelt die Kernfrage nach dem Sinn des Lebens, dem Weltschmerz und dem Umgang damit aus religiös-esoterischer Sich; somit wird es auch zur conte philosophique.

Die vier Mondbrüder (29 S.): Der alt gewordene Diener Gustav Meyrink legt Zeugnis ab; er will von einer sonderbaren Begebenheit berichten, die ihn seit Jahren umtreibt – er will keine Maschine werden. Vor vielen Jahren war Gustav in die Dienste des Grafen du Chazal getreten. Der Graf war ein seltsamer Mann: Er sammelte allerlei groteske alte Geräte, Uhrwerke und Fernrohre und hatte auch einige ungewöhnliche Gepflogenheiten. Im Dorf hieß es, der Graf würde nicht nass, wenn es regnet, und dass die Uhren stehen blieben, wenn er vorüber gehe. Gustav machte sich nichts aus den Gerüchten; es war ein Naturphänomen wie auch die Tatsache, dass zu einer gewissen Zeit im Monat eiserne Gegenstände magnetisch werden. Der Graf machte den Mond dafür verantwortlich. Wenn sein Freund Dr. Haselmayer zu Besuch kam – was einmal im Jahr geschah – dann beredeten und unternahmen sie bizarre Dinge: Gustav ertappte sie einmal dabei, wie sie den Mond anfütterten. Schließlich drängt der Graf seinen Diener dazu bei dem Freund Magister Wirtzigh eine Stellung anzunehmen.

Auch die dritte Geschichte des Bandes gehört zum Horror. Allerdings ist dieser schwer festzumachen. Der Graf und der Doktor besprechen beängstigende und bizarre Dinge, es herrscht insgesamt eine vage, verhohlene Gewaltdrohung – der fiktive Meyrink ist das Opfer, er soll eine Maschine werden. Mit verschiedenen Symbolen verschlüsselt greift diese Geschichte den Triumph der Maschine über den Menschen auf, der seinen Höhepunkt in der Vermassung und Entindividualisierung des Menschen findet – der einzelne Mensch wird so zu einem genormten Zahnrad, die Maschine läuft nicht mehr zur Menschenzeit, sie zwingt den Menschen zur Maschinenzeit zu funktionieren: Der Mensch wird eine seelenlose Maschine. Die eigenwillige Traumhaftigkeit und das zweideutige Ende rücken diese Geschichte wiederum in den Bereich der todorovschen Phantastik.

 

Die Settings spielen so gut wie keine Rolle. In Die vier Mondbrüder lässt sich am Verhalten der Figuren erahnen, dass der Schauplatz wohl das Österreich des frühen 20. Jh. ist; für die anderen Geschichten ist ähnliches zu vermuten. Die Figuren werden nur sehr schwach realisiert. Zumeist weist nur die zentrale Figur etwas Charakter auf, dieser ist dann auf das Thema der Geschichte zugeschnitten.

Eine wichtige Spannungsquelle der jeweiligen Geschichte ist das enthaltene Wunder – damit werden sie alle zu Wundergeschichten. Bei den Geschichten J. H. Obereits Besuch bei den Zeitegeln und Der Kardinal Napellus handelt es sich um Vampir-Geschichten. Meyrink geht aber so kreativ mit dem Motiv um, dass sie kaum als solche wieder zu erkennen sind – die Verwendung des Motivs ähnelt Robert Blochs Der Schlächter von den Sternen (engl. The Shambler from the Stars; z. B. in Hüter der Pforten) deutlich mehr als Bram Stokers Dracula. Bemerkenswert ist ihr sehr unwirkliches Wirken; die Bezeichnung Phantasmagorie passt hier perfekt. Diese Unwirklichkeit findet sich auch in Die vier Mondbrüder, dort sogar noch ausgeprägter. Inhaltlich gehört das Wunder zu den Maschinenphantasien. Alle drei Geschichten haben zum Motiv qualitativ Neues hinzugefügt.

Die andere wichtige Spannungsquelle ist das relevante Thema. In J. H. Obereits Besuch ist es die Frage wie sich das Hoffen auf das Leben auswirkt, in Kardinal Napellus die Frage ob esoterisch-religiöse Dogmen heilend oder schädlich wirken und in Mondbrüder die Frage wie sich das Arbeiten mit Maschinen auf den Menschen auswirkt. In dieser Hinsicht sind die Geschichten contes philosophique.

Die Erzähltechnik ist konservativ, der Stil barock: Die Sätze sind lang und gewunden, die Wortwahl neigt zum Gespreizten und Altertümelnden; dieses passt nicht zur Stimmung, es erzeugt die Stimmung!

 

Fazit:

Ob Vampirismus oder Maschinenwerdung, dreimal verbindet Meyrink Wundergeschichte mit lebensweltlicher Thematik zu einer intensiven Phantasmagorie. Borges stellt einmal mehr äußerst lesenswerte Geschichten vor, dieses Mal von einem der bedeutendsten deutschsprachigen Phantasten.

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Titel: Der Kardinal Napellus

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 18

Original: Ohne Angabe

Autor: Gustav Meyrink

Übersetzer: -

Verlag: Edition Büchergilde

Seiten: 77-Gebunden

Titelbild: Bernhard Jäger

ISBN-13: 978-3-940111-13-5

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 21.04.2008, zuletzt aktualisiert: 12.04.2019 16:18