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Der Ring des Thot

Gruselkabinett 61

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der Engländer John Vansittart Smith ist ein exzentrischer Mensch: Genialistisch, aber unstet wechselte er von einem Studienfach zum nächsten. Schließlich landet er bei der Ägyptologie, wo er für einigen Wirbel sorgt. Vielleicht hätte ihm eine glanzvolle Laufbahn bevorgestanden – wäre da nicht dieser eigenwillige Zwischenfall im Louvre gewesen. Smith war nach Paris gefahren, um seine Forschungen voranzutreiben – gerade hatte einer seiner Artikel einige Aufmerksamkeit erhalten. Da er nach der frühen Ankunft noch voller Unruhe ist, beschließt er gleich in die Papyri-Sammlung zu gehen und mit der Arbeit zu beginnen. Während des Entschlüsselns der Hieroglyphen kommt er nicht umhin, zwei seiner Landsmänner zu belauschen – sie rätseln über einen Museumswärter, der ihnen wie eine revitalisierte Mumie scheint. Smith stimmt ihnen heimlich zu: Der Mann sieht wirklich wie ein Vetter der Pharaonen aus. So schwer es ihm fällt, er beschließt, den Fremden anzusprechen – doch die Antwort lautet, er sei ein gebürtiger Franzose. Enttäuscht kehrt Smith an seine Arbeit zurück und endlich holen ihn die großen Anstrengungen der letzten Tage ein – der Forscher schläft in seiner abgelegenen Ecke über den Papyri ein. Anscheinend ist er bei der Schließung des Museum übersehen worden, denn er erwacht alleine im Dunkeln – oder doch nicht ganz alleine? Was sind das für leise Geräusche, die er hört?

 

Der Ring des Thot ist eine seltsame Geschichte. Es ist eine Mischung aus tragischer Liebesgeschichte, conte cruel und Wundergeschichte. Smith hat in der Nacht tatsächlich eine unheimliche Begegnung mit dem alten Ägypten: Diese Begegnung an sich ist eine Wundergeschichte, die ihre Spannungsquellen einerseits im eigentlichen Wunder, andererseits in der teils greifbaren, teils ungreifbaren Bedrohung sucht. Diese Wundergeschichte kann man als Rahmenhandlung begreifen, denn ausgehend von dieser Begegnung erfährt Smith eine weitere Geschichte, in der eine tragische Liebe gepaart mit einem weiteren Wunder – das Ergebnis ist dann die conte cruel. Leider funktioniert das ganze meines Erachtens nur bedingt. Denn daran, dass die Liebe scheitert, gibt es keinen Zweifel, darin kann keine Spannung liegen; dieser Teil ist eher als Motivation für die folgende Geschichte zu verstehen. Doch auch die folgende conte cruel kann kaum wirken, da die eigentliche Grausamkeit bloß angedeutet wird. Daraus entsteht nun eine erheblich Unausgewogenheit – die Rahmenhandlung funktioniert an sich ganz ordentlich, ohne die eingebettete Erzählung wäre sie aber ein wenig witzlos; die Liebesgeschichte ist wichtig zur Charakterisierung und Motivation, aber dann kommt nichts Konkretes mehr: Das ist wie eine riesige Geschenkverpackung, in der sich eine weitere Geschenkverpackung befindet, in der sich dann ein Büchergutschein verbirgt.

Eines irritiert mich noch: Warum regt sich ein Träger eines Geheimwissens darüber auf, dass niemand über dieses geheime Wissen berichtet? Wäre das nicht eher ein Grund, sich über die erfolgreiche Geheimhaltung zu freuen? Und wie seltsam, dass keiner dieser Ägyptologie-Experten den altägyptischen Namen der eigenen Heimatstadt kennt: Hut-waret – „Avaris“, wie es diese Experten alle nennen, war der altgriechische Name. Als historische Geschichte sollte man sie wirklich nicht begreifen.

Doch das alles ist nun keineswegs eine Katastrophe; solide baut sich die Spannung auf – nur am Ende hapert es.

 

Das Booklet zählt zwar insgesamt zehn Sprecher auf – womit man sich für die Spieldauer im unteren Durchschnitt bewegt – doch einige von ihnen haben nur kleine Rollen.

Drei Spreche sind zentral: Thomas Piper spricht die Texte des Erzählers ein; Piper ist ein bekannter Schauspieler, Synchronsprecher, Sänger und „Bausparfuchs“, kann aber auch aus Hörspielen wie der ALF-Reihe oder Die drei ??? Kids bekannt sein. Als zweites ist natürlich Patrick Roche zu nennen, der die Figur des John Vansittart Smith spricht; Roche ist wiederum als Synchronsprecher bekannt – er ist fester Bestanteil der Bis(s)-Reihe, verleiht Jon Schnee in Game of Thrones und Titus aus Gormenghast die deutsche Stimme – ist aber auch in einigen weitere Hörspielen des Gruselkabinetts zu hören. Als Dritten will ich Christian Weygand nennen, der die zentrale Figur der Binnenerzählung spricht; auch er ist ein Synchronsprecher mit großer Erfahrung, wobei es für mich wenig Wiedererkennungswert gibt, außer vielleicht als Big Gay Al aus Southpark, Der Ring des Thot scheint sein erstes Hörspiel zu sein.

Die beiden folgenden Sprecher sind zwar für die Binnenerzählung unverzichtbar, hinsichtlich der Größe ihrer Rollen aber schon eher als Nebenfiguren zu begreifen. Da ist einerseits Tim Schwarzmaier, noch ein Synchronsprecher (der junge Harry Potter), hat aber auch schon Hörspiel-Erfahrung (WDR: Der Grausame), und andererseits Annina Braunmiller, die ja schon mehrfach Beachtung fand (Drachenlanze oder Das Gespenst von Canterville). Auch die kleineren Rollen sind gut besetzt – die beiden Engländer werden etwa von Manfred Erdmann und Reinhard Glemnitz gesprochen.

Alles in allem eine gute Performanz der Sprecherriege.

 

Die Inszenierung ist gemäßigt konservativ. So gibt es einen Erzähler, der auch einiges zu tun hat. Dennoch teilt er sich die Erzähler-Funktionen mit der Smith-Figur, die in geringeren Maßen ebenfalls beschreibende Texte äußert. Hier wird schön gezeigt, dass ein Quasidialog von Figur und Erzähler durchaus funktionieren kann. Auch die Geräuschkulisse wird konservativ verwendet – nämlich stets szenisch und relativ zurückhaltend. Die musikalische Begleitung ist indes erheblich spielerischer: Wenn Smith in seinem normalen Umfeld agiert, sind Streicher und Bläser so gedehnt zu hören, dass sich kaum eine Melodie ausmachen lässt – dafür wird gut der Anschluss an klassisch-inszenierte Gruselfilme gefunden. Gelangt Smith aber in ein ägyptisches Umfeld, wird zu einem Zupfinstrument, vielleicht eine arabische Laute, und einem Schlagzeug mit orientalisierender Melodie gewechselt. Die Musik trägt wie immer gut zur Stimmung bei.

 

Fazit:

Der exzentrische Ägyptologe John Vansittart Smith schläft nach einem harten Tag über seinen Papyri ein, um mitten in der Nacht allein im Museum zu erwachen – oder eben doch nicht ganz allein. Mit Der Ring des Thot liefert das Gruselkabinett eine geschachtelte Mischung aus gruseliger Wundergeschichte und romantischer conte cruel – leider gehen die Spannungsquellen am Ende nicht ganz auf. Sieht man von dieser Schwäche ab, so ist es ein solides bis gutes Hörspiel, wozu vor allem die Sprecher und die sehr gute musikalische Begleitung beitragen.

 

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Eure Meinung:

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Hörspiel:

Der Ring des Thot

Reihe: Gruselkabinett 61

Vorlage: Arthur Conan Dyle

Buch: Marc Gruppe

Regie: Stephan Bosenius & Marc Gruppe

Label: Titania Medien

Erschienen: März 2012

Umfang: 1 CD, ca. 63 min

ASIN: 3785746385

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher (Auswahl)

Thomas Piper

Patrick Roche

Christian Weygand

Tim Schwarzmaier

Annina Braunmiller

Angelika Bender

 

 

Serienguide:

Alles zur Reihe Gruselkabinett

Weitere Infos:

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Erstellt: 30.05.2012, zuletzt aktualisiert: 28.05.2019 19:09