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Die einsame Radfahrerin

Reihe: Sherlock Holmes 37

Hörspiel

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Am Wochenende fährt die junge Musiklehrerin Miss Violet Smith von ihrem neuen Arbeitsplatz nach London, um ihre Mutter zu besuchen. Dazu muss sie eine gewisse Strecke mit dem Fahrrad durch eine einsame Gegend zum Bahnhof radeln – reich ist Miss Smith nicht. Diese Fahrt ist ihr unangenehm, denn auf der Höhe von Charlington Hall folgt ihr stets ein schwarzgekleideter Fremder. Als sie ihn zur Sprache stellen will, verschwindet er plötzlich. Nun wird ihr die Angelegenheit doch zu mulmig und so wendet sie sich an den Meisterdetektiv Sherlock Holmes. Der indes ist mit anderen brisanten Fällen befasst und glaubt ohnehin nur an einen schüchternen Verehrer der äußerst attraktiven Frau, obschon er einräumen muss, dass der Fall merkwürdig ist. Bald wird klar, dass es um wesentlich mehr gehen muss.

 

Wie alle Sherlock Holmes-Geschichten ist auch diese ein Krimi. Wer ist der geheimnisvolle Fremde, der Miss Smith belästigt, und was will er von ihr – ist es wirklich nur ein seltsamer Verehrer? Dem Hörer ist selbstverständlich klar, dass es um mehr geht: Schon bald treten einige sehr zwielichtige Gestalten auf, die ebenfalls ein gesteigertes Interesse an der begehrenswerten Miss Smith zeigen.

Neben diesen Rätseln gibt es noch zwei weitere Spannungsquellen. Zunächst gibt es einige Kabbeleien zwischen Holmes und Dr. Watson: Holmes ist stets von Watson enttäuscht, was er mit spöttischer Kritik zum Ausdruck bringt. Watson dagegen entlarvt manche Analyse Holmes' als eitle Selbstdarstellung. Diese Frotzeleien sind einerseits eine Weiterentwicklung der Figuren und andererseits durchaus komisch ohne dabei ins Alberne abzugleiten.

Außerdem ist die Geschichte interessant arrangiert: Nach einem kleinen Teaser gibt es eine ungewöhnliche lange Holmes-Einleitung, in der Miss Smith weitgehend regressiv ihren Fall darlegt. Es folgen einige Ermittlungen, die zwar im generellen Duktus progressiv verlaufen, aber zahlreiche regressive Momente haben. In der Auflösung wird beides dann auf die Spitze getrieben. Der Plotfluss ist zügig, ohne überhastet zu sein und füllt so die Spieldauer exakt aus.

 

Das Hörspiel kommt mit relativ wenig Figuren aus – es gibt insgesamt nur sieben Sprechrollen. Holmes und Watson sind mit den Stammsprechern Christian Rode und Peter Groeger besetzt. Zusammen decken die beiden Veteranen fast alle großen Hörspielreihen ab: Die drei Fragezeichen, Gabriel Burns, Geisterjäger John Sinclair, Caine usw. Rode legt den Holmes dieses Mal 'normal' an – er ist ein wenig arrogant, unwirsch und aufbrausend, doch bevor er zu unangenehm wird, lenkt er mit einigen freundlichen Worten ein. Eine Interpretation, die mir gut gefällt. Groegers Watson wirkt zunächst ein wenig trottelig, doch eigentlich ist er es nicht, denn er macht nur das Naheliegendste, statt des Klügsten. Dennoch lässt er sich von Holmes nicht die Butter vom Brot nehmen – ein gut ausgewogenes Paar.

Es gibt einen witzigen Sammelpunkt: Alle der anderen Sprecher haben irgendwann eine Sprechrolle in der Maritim-Serie NYPDead gehabt. Sabine Bohlmann ist wohl am bekanntesten für ihre Rolle als Lisa Simpson – bei ihrer Interpretation der energischen, jungen Miss Smith besteht aber keinerlei Verwechslungsgefahr. Bohlmanns Stimme passt hervorragend auf diese Rolle. Manfred Erdmann spricht Bob Carruthers, den neuen Arbeitgeber von Miss Smith. Er spricht den anscheinend wohlmeinenden und gesitteten Mann zwar wesentlich unauffälliger, aber nicht minder treffend. Andreas von der Meden muss kaum mehr vorgestellt werden. Seine Erzrollen sind der gestelzt sprechende Chauffeur Morton und der zwielichtige Skinny Norris, beide aus Die drei Fragezeichen. Für den aufdringlichen und schleimigen Mr Woodley variiert er angemessen den Skinny Norris. Bleiben zwei Nebenrollen: Der Wirt und Williamson, die von Fritz von Hardenberg, der mir als Gaetano di Tempesta sehr positiv im ansonsten verunglückten Hörspiel Diadem aufgefallen war, und Michael Habeck, der wohl am ehesten als deutsche Stimme von Oliver Hardy, Danny DeVito und anderen Größen bekannt ist. Alle Sprecher machen ihre Sache ausgesprochen gut – hier mag ich keinen positiv herausheben und schon gar nicht negativ. Tolles Ensemble!

 

Die Inszenierung ist gewohnt konservativ angelegt: Wenn Watson nicht als Erzähler anwesend ist, kommentieren die Figuren ihre Situation selbst. Dieses stört allerdings keineswegs, denn einerseits sind die Kommentare sehr zurückhaltend und können durchaus als innerer Monolog durchgehen, und andererseits ist die Geschichte ohnehin recht dialoglastig. Die Untermalung ist ebenfalls sehr zurückhaltend – Stühlerücken, Schritte, Papierknistern – man kann es zwar leicht überhören, doch die Atmosphäre profitiert sehr davon. Die Musiken werden zumeist eingesetzt, um einen Szenenwechsel zu markieren: Harfen-Spiel für einen Zeitsprung, Orchestralmusik oder Jazzartiges, an Hitchcock-Filme erinnernde Stücke, für Wechsel bei Figuren oder Schauplätzen.

 

Fazit:

Wer lauert der Rad fahrenden Miss Smith stets an der Charlington Hall auf, was will er von der attraktiven jungen Frau und nimmt Holmes den Fall ernst genug? Der Plot ist zwar recht gewöhnlich, doch die hervorragende Inszenierung macht Die einsame Radfahrerin zu einer Folge, die ich mir sicherlich wieder einmal anhören werde.

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Hörspiel:

Die einsame Radfahrerin

Reihe: Sherlock Holmes 37

Produktion & Regie: Studion Maritim

Buch: Ben Sachtleben

Vorlage: Sir Arthur Conan Doyle

Label: Maritim

Erschienen: Juni 2009

Umfang: 1 CD, ca. 61 min.

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher (Auswahl):

Christian Rode

Peter Groeger

Sabine Bohlmann

Manfred Erdmann

Andreas von der Meden

Fritz von Hardenberg

Michael Habeck

Weitere Infos:


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Erstellt: 22.08.2009, zuletzt aktualisiert: 14.05.2019 14:55