Artikel: Sherlock Holmes
 
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Sherlock Holmes: »Elementar, mein lieber Watson!«

Ein kleiner Überblick über das Phänomen Sherlock Holmes

 

Redakteur: Oliver Kotowski

 

1887 ließ der britische Arzt Sir Arthur C. Doyle in Eine Studie in Scharlachrot Sherlock Holmes den bisher unbekannten Dr. Watson mit den Worten: "Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe", begrüßen. Die beiden suchten eine billige Wohnung und mieteten sich nicht nur in der Baker Street 221b in London ein, sie wurden auch enge Freunde. Die Partnerschaft von dem genialen Meisterdetektiv und dem eher durchschnittlichen britischen Gentleman sollte die Kriminalliteratur massiv beeinflussen.

Um diesen Erfolg auf die Spur zu kommen soll zunächst ein Blick auf die beiden zentralen Figuren, dann auf die Methode, darauf auf die vier wichtigsten Fälle und schließlich auf die Nachwirkung der Holmes-Geschichten geworfen werden.

 

Der exzentrische Sherlock Holmes ist von den beiden klar die interessantere Figur: Der hagere Einzelgänger mit der Falkennase hat sich ein bizarres, scheinbar wahllos geordnetes Wissen über Chemikalien, exotische Pflanzen- und Tiergifte, Geologie, sofern sie Erdarten betrifft, und alte Kriminalfälle angeeignet. Er kann nicht nur meisterlich Fechten und Boxen, er spielt auch die Violine mit Perfektion. Wirkt er so bleich, weil er dunkle Haare hat – oder hängt es mit seinem Kokain-Konsum zusammen? Denn der notorische Spätaufsteher raucht nicht nur Pfeife, deren Tabak er in einem Pantoffel aufbewahrt. Zum unstetem Lebenswandel des weltweit einzigen beratenden Detektivs gehört auch ein eher laxer Umgang mit dem Gesetz (das er allerdings gut kennt): Im Zweifelsfall bricht er es um die Verbrecher dingfest zu machen. Ein Umstand, den sich die britische Polizei, die Holmes so gerne als stümperhaft verspottet, nicht zu Nutze machen kann. Der unvermeidliche Deerstalker-Hut ist dabei mehr auf die Illustrationen des Strand Magazins, in denen die Geschichten zuerst erschienen, als auf die Geschichten selbst zurückzuführen.

 

Dr. John H. Watson dagegen ist eine eher durchschnittliche Erscheinung – dabei ist der kräftige Mann durchaus gut aussehend. In den Verfilmungen ist er häufig der dümmliche Sidekick und fungiert als comical relief, doch in den Büchern ist er ein kompetenter Partner für Holmes: Er ist gebildet, moralisch standhaft und tapfer; nur neben dem hochbegabten Holmes verblassen seine Fähigkeiten. Wie sein Schöpfer ist er Arzt und hat kriegerische Auseinandersetzungen selbst erlebt; Holmes Freund ist sowohl bei Gefechten in Indien, wie auch in Afghanistan verwundet worden – eine Verletzung aus dieser Zeit lässt ihn ein wenig Hinken. Watson ist der Chronist der Abenteuer des Meisterdetektivs; Doyle setzt ihn hierbei als zwischen dem Leser und der Genialität Holmes' vermittelnden sensible man ein.

 

Zentral für den Erfolg ist dabei Holmes Methode: der Triumph des analytischen Verstandes, der Wissenschaftlichkeit, über Vermutungen, Instinkt und okkulte 'Kräfte'. Holmes in Eine Frage der Identität: "Es ist schon lange einer meiner Grundsätze, dass die kleinsten Dinge bei weitem die wichtigsten sind." Er untersucht den Tatort und verhört die Zeugen genau; kein Detail und sei es noch so klein entgeht ihm. Dann werden die Fakten sorgfältig und ohne jede Mutmaßung analysiert. – "Ich rate nie!" – Schließlich zieht er unbeirrbar – und nahezu unfehlbar – seine Schlüsse. Holmes ist zwar nicht der erste Verfechter des Deduktiv-Rationalen – Edgar Allen Poes August Dupin aus Der Doppelmord in der Rue Morgue wird von Watson im ersten Abenteuer mit Holmes sogar explizit erwähnt – doch seine Gegenspieler sind keine gewöhnlichen Verbrecher: Es sind raffinierte und gerissene Schurken. Berüchtigt ist Professor James Moriaty, der "Napoleon des Verbrechens", der Holmes intellektuell kaum nachsteht.

 

In Die Beryll-Krone verleiht der Meisterdetektiv seiner Selbstsicherheit so Ausdruck: "Wenn Du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, wie unwahrscheinlich sie auch ist." Denn die Gauner versuchen ihre Untat geschickt zu tarnen; der Höhepunkt ist hierbei das Vortäuschen eines übernatürlichen Vorganges: In Der Teufelsfuß wird vermutet, dass eben jener Höllenfürst Tod und Wahnsinn in Cornwall, wo die beiden Londoner zur Erholung weilen, verbreitet; in Der Vampir von Sussex scheint sich die junge und schöne Frau des Klienten Mr. Ferguson in eine Blutsaugerin zu verwandeln und in Der Hund der Baskervilles scheint ein uralter Fluch in Form eines mörderischen Phantomhundes die letzten Mitglieder eines adligen Geschlechts in Dartmoor dahinzuraffen.

Die erste Geschichte, die schon erwähnte Studie in Scharlachrot, wurde 1887 veröffentlicht. In ihr lernen sich Holmes und Watson gerade erst kennen, als die Polizei um Hilfe bittet; ein reicher Amerikaner wurde in einem heruntergekommenen Haus ermordet aufgefunden. Hinweise gibt es keine, nur das deutsche Wort "Rache" wurde mit Blut an die Wand geschrieben – und ein goldener Ring findet sich. Eigentlich sucht Holmes den Tatort nur auf um dem skeptischen Watson seine Methode zu demonstrieren, doch am Ende hat der Meisterdetektiv sein Archiv um eine interessante Studie erweitern können.

1890 folgt der zweite Roman: Das Zeichen der Vier. London versinkt im dichten Neben und die Verbrecher bleiben untätig. Das Schlimmste, was Holmes passieren kann – es gibt nichts zu tun. Um seinen Geist anzuregen, konsumiert er Kokain wie nie zuvor. Da tritt Mary Morstan auf und mit einem sonderbaren Rätsel an Holmes und Watson heran: Seit sechs Jahren erhält sie eine wertvolle Perle zu ihrem Geburtstag, jetzt aber erhielt sie einen Hinweis auf den Verbleib ihres vor zehn Jahren verschwundenen Vaters. Dieser war in Indien als Hauptmann der britischen Armee tätig und hatte sich anscheinend einen gewaltigen Reichtum, den Aga-Schatz, angeeignet, den man ihm allerdings abgegaunert hätte. Dieser Fall lässt die zwei Junggesellen von der Baker Street sofort entflammen: Holmes, da er endlich zu Arbeiten hat, und Watson, da die energische Klientin sein Herz erobert. Höhepunkt ist eine rasante Verfolgungsjagd, die den Roman fast zum Thriller werden lässt.

 

Doyle hat in insgesamt 60 Geschichten den Meisterdetektiv ermitteln lassen – 4 Romanen und 56 Kurzgeschichten; dass es so viele geworden sind, ist der enormen Nachfrage zu verdanken, denn der Autor war seiner Schöpfung überdrüssig geworden und hatte 1893 in Das letzte Problem Holmes mit Zweikampf mit seinem Todfeind Moriaty sich in den Reichenbachfällen in der Schweiz zu Tode stürzen lassen. Doch in den 1902 erschienenen Roman Der Hund der Baskervilles verwendet Doyle seinen beliebten Helden wieder – der Roman ist einige Jahre vor dem Zwischenfall angesiedelt. Darin kommt Sir Charles Baskerville auf rätselhafte Weise zu Tode: Man findet seine Leiche im Garten, ohne jede sichtbare Gewaltanwendung, doch mit einem von Schrecken verzerrten Gesicht. Am Rande des Gartens finden sich die Pfotenspuren eines riesigen Hundes – und man hört des Nächtens ein schauriges Heulen über das tückische Dartmoor klingen. Ist es der alte Fluch, der auf der Familie der Baskervilles liegt? Der Hausfreund Dr. Mortimer fürchtet, dass dem jungen Erben Sir Henry dasselbe Schicksal droht und bittet Holmes um Hilfe.

 

1915 erscheint mit Das Tal der Angst der letzte Roman von Doyle um seinen berühmten Helden; auch er ist in der Zeit vor dem Abenteuer in der Schweiz angesiedelt: 1888 erhält Holmes von einem Mitarbeiter Professor Moriatys den Hinweis auf einen geplanten Mord an John Douglas, doch bevor das Gespann aus der Baker Street tätig werden kann, bringt die Polizei die Nachricht vom Tod Moriatys Opfer. Zu den Ermittlungen macht man sich auf nach Birlstone Manor House, wo Douglas durch einen Schrotflintenschuss ins Gesicht getötet wurde; es gibt allerdings einige mysteriöse Umstände; warum, zum Beispiel, ist die Gattin so ruhig und was hat es mit dem versteckten Fahrrad auf sich?

In der Kurzgeschichte Das leere Haus von 1903, die nach Holmes Urlaub an den Reichenbachfällen spielt, steht dem getreuen Watson und dem geneigten Leser allerdings eine Überraschung bevor – Holmes hatte seinen Tod nur vorgetäuscht um ungestört arbeiten zu können. Der anhaltende Protest der Sherlockians hatte Wirkung gezeigt (der Brief eines aufgebrachten Fans nach Holmes' Tod an Doyle begann mit den Worten: "You Brute!").

Oftmals wird gemutmaßt, dass Werke, die großen Zuspruch von den Zeitgenossen, besonders wenn es sich dabei nicht um berufsmäßige Literaturkritiker, sondern um 'einfache' Leser handelt, erhalten, bald in Vergessenheit geraten würden. Die enorme Wirkung der Holmes-Geschichten ist ein starkes Gegenbeispiel. Die älteste Geschichte wurde 1887 veröffentlicht und der zeitgenössische 'Hype' um die Geschichten war so groß, dass der Held reaktiviert werden musste. Die Mitteilung, dass wirklich keine Geschichten mehr geschrieben wurden, zog zahllose Pastiches nach sich und die Methode beeinflusste die Kriminalliteratur massiv: Der Whodunnit-Detektiv ist fast immer ein brillanter Analytiker, der gerissenste Verbrecher überführt und das scheinbar Unmögliche oder gar Übernatürliche erklärt. Doch anders als diese Club-Detektive kann Holmes nicht nur Boxen und Schießen – er muss diese Fertigkeiten bisweilen auch verwenden. Aber während viele Helden des Whodunnit in Vergessenheit geraten sind, werden Doyles Geschichten über seinen Meisterdetektiv immer wieder aufgelegt und neu übersetzt; gerade diesen Monat (i. e. November 2007) erscheint beim Insel Verlag eine komplette Neuübersetzung. Die schiere Zahl der literaturwissenschaftlichen Untersuchungen macht deutlich, wie ernst das Thema in den Universitäten genommen wird.

 

Bereits als noch neue Fälle von Doyle verfasst wurden, verfilmte man deren Lösungen, seitdem ist die Zahl massiv angestiegen. Der Hund von Baskerville wurde 1914 das erste Mal verfilmt und bis heute mindestens 24 weitere Male; Basil Rathbone, Peter Cushing, Christopher Lee und sogar Peter O'Toole haben als Meisterdetektiv den Phantomhund aufgespürt. 2002 wurde dieser Fall zum (bisher) letzten Mal in bewegte Bilder gebannt, doch schon nächstes Jahr soll The House of the Baskervilles in die Kinos kommen – worum es da wohl geht? Im Film Der Mann der Sherlock Holmes war von 1937 mit Hans Albers und Heinz Rühmann wird auf ein besonderes Phänomen eingegangen: Es gibt eine Vielzahl von Sherlockians, die spielerisch eine reale Existenz von Doyles Schöpfung annehmen und nun nach Erklärungen von Widersprüchen und dergleichen suchen – Nick Rennison hat in diesem Geiste eine fiktionale Biographie über Holmes verfasst – aber anscheinend gibt es auch einige Fans, die dieses ernsthaft glauben.

 

Der nachhaltige Erfolg der Reihe ist auch bei den Hörbücher zu spüren: Allein im Deutschen ist Der Hund der Baskervilles in sieben verschiedenen Fassungen in Silberlinge gepresst worden.

Mit dem Hype kamen die Nachahmer; der bekannteste Detektiv, der die Lücke, die das Ende der Holmes-Ära hinterlassen hatte, füllen sollte ist vermutlich August Derleths Schöpfung: Solar Pons. Allerdings kann dieser Ermittler durchaus auf eigenen Beinen stehen und bleibt im Stil zwar der Vorlage treu, entfernt sich aber in anderen Belangen. Die bekanntesten Geschichten um Sherlock Holmes, die nicht aus Arthur Conan Doyles Feder stammen, dürften in der Sammlung Sherlock Holmes Nachlaß, Bd. 1 & 2, von John Dickson Carr und Adrian Conan Doyle (Arthurs jüngstem Sohn) aus dem Jahre 1954 zu finden sein, da sie bei Komplettausgaben zuweilen den Originalen einfach angehängt wurden. Die frühesten wurden noch im 19. Jahrhundert veröffentlicht – John Kendrick Bangs, The pursuit of the house-boat von 1897 ist da nur ein Beispiel. Einige der älteren Pastiches erscheinen in der Reihe Sherlock Holmes Criminal Bibilothek vom Blitz-Verlag. Viele der neuen Abenteuer wurden von Doyles angedeutet; so meint Holmes gegenüber Watson in Der Vampir von Sussex, dass die Welt für die Geschichte mit der Riesenratte von Sumatra noch nicht bereit sei. 1976 war sie es: Rick Boyer schrieb den Roman Sherlock Holmes und die Riesenratte von Sumatra. Dieser Fall kommt trotz des Titels noch ohne phantastische Elemente aus, aber andere Geschichten sind hier weniger zurückhaltend. Isaak Asimov lässt den Meisterdetektiv in der Anthologie Mit Sherlock Holmes durch Raum und Zeit auch gegen Aliens und Roboter ermitteln und in der von Michael Reaves herausgegebenen Anthologie Sherlock Holmes – Schatten über Baker Street muss sich der Rationalist endgültig mit dem Übernatürlichen herumschlagen: In Neil Gaimans Kurzgeschichte Eine Studie in Smaragdgrün hat der Große Cthulhu selbst die Tentakel im Spiel. Fred Saberhagen lässt in The Holmes-Dracula File den Meisterdetektiv auf den Meistervampir treffen (in Kim Newmans Anno Dracula hat der Ermittler freilich weniger Glück: Der Herr der Untoten lässt ihn kurzer Hand in ein Konzentrationslager stecken); Jack the Ripper, Dr. Jekyll, Karl Marx, Sigmund Freud – die Reihe der Berühmtheiten, die Holmes in Pastiches traf, lässt sich beinahe endlos fortführen. Dass es sich hierbei keineswegs automatisch um Schund handelt, belegt Das letzte Rätsel, der Pastiche des Purlitzer-Preis-Träger Michael Chabon um einen gealterten, zurückgezogen lebenden Holmes.

 

Wenn Terry Pratchett Holmes erste Deduktion vorführt, indem er feststellt, dass ein Mann mit steifer Haltung, rauer Stimme und Tätowierung am Arm nicht unbedingt ein Bootsmann der Navy sein muss, sondern eventuell den Tag zuvor heftig feierte und daher heiser ist, besoffen auf dem Sofa geschlafen hat und daher einen steifen Nacken hat, die Tätowierung sich stechen ließ, als er siebzehn oder besoffen war (was in den meisten Fällen auf den selben Zeitraum hinauslaufe), dann trifft er nur zur Hälfte: Einerseits konnte man im Viktorianischen England deutlich mehr aus dem Erscheinungsbild schließen als heutzutage und andererseits lässt Doyle Holmes bisweilen irren – Holmes durchschaut nur begrenzt das Verhältnis von Frauen zur Puderdose. Nichtsdestoweniger sind zahllose Parodien entstanden, die erste schon 1893: Picklock Holes und Potson ermitteln im Fall The Bishop's Crime und schon 1894 kann Watson in The Sign of the '400': Being a continuation of the adventures of Sherlock Holmes das Gefiedel nicht mehr ertragen und greift selbst zum Methadon.

 

Auch wenn die Geschichten nicht mehr die neuesten sind und die Überlegenheit des Rationalen über dem Irrationalen oder der Logik über der Intuition arrogant erscheint, geht einem bei völliger Unkenntnis doch einiges verloren – Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten sind nicht nur stimmungsvoll und spannend, sie sind außerdem ein Meilenstein in der Geschichte der Kriminalliteratur und häufig verwendeter Topos der Alltagskultur.

 

»Elementar, mein lieber Watson!« stammt übrigens nicht aus Doyles Feder, auch wenn das Zitat fest mit diesem verknüpft ist. Diesen Satz sagt Basil Rathbone als Sherlock Holmes in dem Film Die Abenteuer des Sherlock Holmes von 1939 – der Film basiert nicht auf einer bestimmten Geschichte Doyles, sondern nur auf Motiven der Krimis.

 

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Erstellt: 08.11.2007, zuletzt aktualisiert: 11.07.2024 19:06, 5234