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Die steinernen Götter von Jeanette Winterson

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Botox war gestern. In Jeanette Wintersons schöner neuer Welt lässt man sich genfixieren. Frauen selten über dreißig, Männer oft kurz vor vierzig, und falls man beim eigenen Partner eine Vorliebe für junge Mädchen entdeckt, gibt es die Rückfixierung, notfalls auf zwölf Jahre. Die Ewigkeit ist Gegenwart geworden in Die steinernen Götter, der Traum von unvergänglicher Jugend Realität. Nur der geschundene Planet gibt Anzeichen, dem Jahrtausende währenden Raubbau einer immer rücksichtsloseren Menschheit nicht länger stand zuhalten. Mit hemmungslos verspielter Phantasie und Scharfsinn entwirft Jeanette Winterson eine nicht allzu fern liegende Zukunftswelt, deren Trostlosigkeit er schreckend ist, doch sie wäre nicht Jeanette Winterson, wenn sie Zerstörung und Leere nicht eine ihrer leidenschaftlichen, idealistischen Heldinnen entgegensetzte. Billie, die sich der Fixierung widersetzt, dem Altern stellt und die alles besiegende Kraft der Liebe entdeckt. Eindringlich erzählt Jeanette Winterson vom Verschwinden der Welt und vom Bleiben der Liebe.

 

Rezension:

Geschichten werden die Welt nicht verbessern. Vielleicht nicht einmal großartig verändern. Der Mensch und sein Wirken ist eine Episode in der Fastunendlichkeit, als die uns das Alter der Welt vorkommen mag. Wir zerstören vielleicht diese Welt, rasen durchs All und befallen die nächste.

Die britische Autorin Jeanette Winterson machte sich ihre eigenen Gedanken zu diesen Wiederholungen. Ihre fiktive Welt Orbus könnte die Erde sein oder ist es sogar, die Nähe ist kaum verhüllt, am Rande des Unterganges. Die Menschheit befindet sich in einer apokalyptischen Verfassung, eine neue Welt zu besiedeln steht auf dem Plan, ein Blauer Planet soll den Roten Planeten Orbus als Menschenheimat folgen. Eine neue Chance?

Oder wieder nur eine Schleife auf dem ewigen Rundkurs des Parasiten Mensch?

 

Winterson erzählt ihre Geschichte nicht linear. In vier unterschiedlichen Teilen nähert sie sich den Wiederholungen an, fragt nach dem, was den Menschen ausmacht und verweilt immer wieder bei der Liebe.

 

Der erste Teil berichtet von Billie, einer jungen Beamtin, die mit Verwaltungsproblemen der Zukunft beschäftigt ist. Die Menschen lassen sich auf ihr Lieblingsalter genfixieren, stehen alle in der optischen Blüte ihrer Jahre, silikon- und technikgeschwängerte Götter in einer kontrollierten Welt. Doch Billie begegnet Spike, der schönen Robo Sapiens, der klugen, perfekten und hinreißenden Roboterfrau. Kann man einen Roboter lieben? Liebe zwischen Kohlenstoff und Silicium? Beide geraten auf die Mission zum Blauen Planeten, dessen störende Dinosaurier durch einen künstlichen Meteor-Einschlag beseitigt werden sollen. Doch wie immer ist die Natur unberechenbar.

Die berührende Eindringlichkeit mit der Winterson hier philosophische Fragen mit dem Überleben und vor allem der Liebe verknüpft, ist einer der ganz großen Szenen der modernen SF. Spikes Reduzierung bis nur ein Kuss übrigbleibt, die wunderbar lyrische und weise Sprache deren Magie sich durch alle vier Teile zieht und sie verbindet.

 

Im zweiten Teil baut Winterson eine weitere Metapher für das Wiederholen von Fehlern. Sie weitet den Bericht James Cooks vom Besuch der Osterinsel zu einer Parabel über die Zerstörung einer Welt. Der zurückgelassene Matrose Billy erlebt, wie der letzte Baum gefällt wird und sich die Einwohner im Streit der Ideologien töten. Erlebt, wie Idealismus scheitert und wie die Liebe alles zu unterbrechen vermag.

Es gibt die gestürzten steinernen Götter als Zeichen der Zivilisation. Ursache und Sinnbild der Zerstörung und doch von Menschen geschaffen, wie auch der Robo Sapiens als jemand, der globale Probleme lösen soll.

 

Das Manuskript der Reisen wird als Zeugnis weitergegeben ohne wirklich etwas zu verändern. Es trägt die Billie des dritten Teils in die Vergangenheit, der Zeit nach dem dritten Weltkrieg, der eine neue Ordnung zurücklässt. Kurze Erinnerungsschnipsel eines verlorenen Kindes einer verlorenen Kindmutter, verwoben mit den Spinnenfäden der Möglichkeiten vor denen wir stehen. Die Autorin wurde selbst als Kind adoptiert und hier spürt die persönliche Nähe zu ihrer Figur. Billie gehört zu den Erben unserer Entscheidungen. Sie trägt dieses Erbe durch eine ungewollte Welt. Durch die Reste des blauen Planeten und bei ihr der Kopf von Spike, der Robo Sapiens, die den Kreis im vierten Teil schließen wird. Einen der vielen Kreise der sich wiederholenden Welten.

 

Am Ende wird man als Leser von den eigenen Emotionen fortgetragen.

Liebe ist ein zentrales Motiv des Romans. Aber nicht im Sinne von schwülstiger Romantik, sondern als Triebfeder, als Motivation aus den festgetrampelten Pfaden auszubrechen, Liebe als Rettungsanker, als Hoffnung für Gestrandete und ganz am Rande auch als Sex.

 

Die Betrachtungsweisen sind weiblich, ohne Frage. Aber da gibt es kein Zuviel, keine Übertreibung. Alles ist vollständig in der tiefgründigen SF-Story eingebunden. Der Roman ist kein politisches Manifest oder eine actiongeladene Dystopie, eher Space Fiction im Sinne von Doris Lessings Shikasta und eine große Liebesgeschichte. »Liebe ist eine Intervention.« Sie kann die Wiederholungen unterbrechen und Neues entstehen lassen.

 

Fazit:

Jeanette Winterson schreibt in anrührenden Worten über unsere Zukunft. Sie zeichnet kein einfaches Bild, vielmehr interpretiert sie Vergangenes und Mögliches zu immer wiederkehrenden Chancen, der Selbstzerstörung zu entgehen, einen Ausweg zu finden aus Raubbau und Entmenschlichung. Sie stellt dem nichts entgegen, sondern lässt aus den Trümmern etwas schlüpfen, dass mit Tränen und Küssen genährt wird.

Ein zauberhaftes Buch über ein unterbrechenswert leichtes Universum. Über die Liebe.

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Buch:

Die steinernen Götter

Original: The stone gods, 2007

Autorin: Jeanette Winterson

Übersetzerin: Monika Schmalz

gebunden, 272 Seiten

Berlin Verlag, 12. März 2011

Cover: Nina Rothfos und Patrick Gabler

 

ISBN-10: 3827009502

ISBN-13: 978-3827009500

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 11.08.2011, zuletzt aktualisiert: 29.12.2017 14:24