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Für Fortgeschrittene von Alek Popov

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Für Fortgeschrittene ist eine Sammlung von zwanzig Kurzgeschichten des Autors Alek Popov. Die in den Jahren von 1992 bis 2007 veröffentlichten Texte sind zwischen sechs und dreiunddreißig Seiten lang. Die Geschichten haben mehrheitlich einen bulgarischen Protagonisten und befassen sich zumeist auch mit dem südosteuropäischen Nachbarland. Die Themen sind dabei nicht unbedingt bekannt: Zwar geht es vielfach um den Überwachungsstaat, aber auch um enorme Armut, die echten Hunger mit sich bringt, oder den postsowjetischen "Wilden Osten". Die Geschichten verwenden dabei eine große Bandbreite, doch zumeist sind sie von einem bitterbösen, makaberen Humor durchdrungen. Sie stehen dabei zumeist an der Grenze zwischen Realismus und Phantastik – nur auf welcher Seite ist nicht immer klar. Doch selbst die realistischen sind so surreal, grotesk oder böse, dass sie zum Staunen anregen. Nun zu den einzelnen Geschichten.

 

Russisches E-Mail (7 S.): Der Bulgare Sascha lernt via Internet die witzige Russin Viktorija kennen und beginnt eine E-Mail-Affäre mit ihr. Nach einigem heißen Cybersex kündigt sie an, für eine Woche nach Sofia zu kommen, um ihn face to face gegenüberzustehen. Sascha ist die Angelegenheit sehr unangenehm, ihm schwant Übles. Nach sieben mitreißenden Seiten hat der Leser einige überraschende Wendungen mitgemacht und fragt sich, ob er gerade eine garstige conte cruel à la Léon Bloy oder Auguste Villiers De L'Isle-Adam oder eine böse Eulenspiegelei gelesen hat.

Wie man sich bettet (22 S.): Bei einem Trip nach London wird der Bulgare Tommie obdachlos – er teilt die Brücke und die Flasche Wodka mit dem Penner Derek. Der springt plötzlich in den Fluss. Tommie weiß nicht, was er tun soll – vielleicht gibt es einen Hinweis auf Familie oder so in den Sachen des Obdachlosen. Derartiges findet Tommy nicht, aber einen riesigen Haufen Geld. Eine grausame Groteske, in der zu viel Geld in den Ruin treiben kann.

Die Dienstleistung (7 S.): Bei den Kleinanzeigen unter Dienstleistungen bietet jemand "Enthauptungen" an. Dieses Wort regt den Geist der Erzählers so sehr an, dass er darauf reagieren muss, um herauszufinden, was damit gemeint ist. Ihm steht eine gemeine Überraschung bevor. Curiosity kills the cat, ist das Motto dieser bitter-komischen conte cruel.

Der Stipendiat (18 S.): Der fünfzigjährige Funktionär Ilya Kumanoff hat sich selbst einen bezahlten Kurzurlaub in New York in Form eines Stipendiums der Patrick-Swain-Stiftung zugeschanzt. Aufgeregt kommt er an; er wundert sich nicht sonderlich, dass er gleich seinen Pass abgeben muss. Außerdem sagt ihm auch die schäbige Wohnung nicht zu – und das ist erst der Anfang. Auf den ersten Blick ist es eine humorige kleine Rachegeschichte, doch wenn man einen Schritt zurücktritt, wird es zu einem bitterbösen Detail aus einem bulgarischen Sittengemälde.

Für Fortgeschrittene (8 S.): Lana sieht gar nicht mal schlecht aus und hat Stil – leider auch ein ernsthaftes Problem. Und dieses Problem ist zum Problem für die ganze Gruppe geworden. Darum soll der Erzähler es lösen. Ein wunderbares Beispiel für eine Geschichte voller dunkler Vorahnungen, die zwar erfüllt werden, aber doch ganz anders als der Leser erwartet. In der Verbindung von Tragik und Komik zu recht als Titelgeschichte ausgewählt.

Der Fall Anjuta (20 S.): Glasnost und Perestroika! Sowjetunion und USA rücken näher aneinander, was mit einem Prestigeprojekt verdeutlicht werden soll: Die Befruchtung und frühe Schwangerschaft soll im Weltraum wissenschaftlich ausgewertet werden. Die USA stellen den Playboy Luke Bolton, die Sowjetunion die Heldin der sozialistischen Arbeit Anjuta Fjodorovna. Diese hübsche kleine SF-Satire nimmt gewisse Eigenheiten der Kalten Krieger unter die Lupe.

Ninive (6 S.): "Und, würdest Du die Welt vernichten, wenn es von Dir abhinge?" – "Sofort", sagte ich, ohne darüber nachzudenken. "Ich würde sie platt machen." So beginnt diese kleine Groteske; es ist eine etwas schwächere, weil zu vorhersehbare Geschichte, doch ob des geschmeidigen Stils immer noch gut lesbar.

Auf nach Syrakus! (29 S.): Gorm ist der Hüter – der Hüter des Urins des Oppositionspolitikers Edom. Doch als Edom sein Jahrzehnte andauerndes Fasten bricht, gerät das labile Gleichgewicht aus der Balance. Gorm beschließt zu fliehen. Dies ist eine außerordentlich bizarre Farce über die Stabilität von politischen Systemen und kultischer Verehrung – egal was, aber Menschen brauchen Banner, um die sie sich scharen können, wie der Revolutionär Guevara hier lernen kann.

Bericht abgeliefert (9 S.): Damals war der Erzähler stolz auf seine Arbeit bei der Staatssicherheit, auch wenn es nur ein kleiner Handlangerjob war. Dann aber fiel ihm durch ein Missgeschick ein Teil eines geheimen Berichts in die Hände und er beschloss, das Papier persönlich abzugeben und die Situation zu erklären. Eine böse allegorienhafte Geschichte die sich Bilder des christlichen Mythos zu eigen macht.

Kontrolle ist besser (6 S.): "Alex" trifft sich mit seinen Kontaktmann "Max", um ihm in einem Feuerzeug versteckte codierte Informationen zu übergeben. Es wurde ein komplizierter Apparat aufgezogen, um Bürger 03 zu überwachen, denn der Kerl scheint verdächtig zuverlässig zu sein. Eine amüsante Agentengroteske.

Keine leichte Beichte (14 S.): Geodon ist ein lebendes Aufnahmegerät – alles, was er wahrnimmt, wird er sich merken. Als der Beamte, den er üblicherweise von den Verfehlungen seiner Mitmenschen berichtet, nicht auftaucht, macht sich Geodon auf die Suche. Eine böse kleine Fabel, die sich mit dem Denunziantentum befasst.

Derrida kommt! (7 S.): Malamir Malamov ist ein typischer Nachwuchswissenschaftler – völlig verarmt lebt er nur für seine Forschung – den Dekonstruktionismus. Da erhält er eine Einladung zu einer Tagung zu seinem Thema in Sofia – Derrida kommt auch! Sofort zernagen ihn Selbstzweifel. Eine gemeine Geschichte, in der ein Wissenschaftler seinen abstrakten Forschungsgegenstand ganz konkret zu spüren bekommt.

Simić ist tot (9 S.): Der jugoslawische Übersetzer Simić ist tot. Er wurde bei einem Bombenangriff der NATO getötet. Für den Erzähler, einem bulgarischen Autor, hatte er nie richtig existiert – sie hatten sich nie gesehen, telefoniert oder sonst wie Kontakt gehabt. Um diesen Tod zu begreifen, reist der Erzähler nach Jugoslawien, an den bombardierten Ort. Dies ist vermutlich die ernsthafteste Geschichte der Sammlung – thematisiert werden Aspekte des unbegreiflichen Kriegs.

Perlen vor die Säue (8 S.): Der Dichter Milan Teofanov hat das große Los gezogen – ein Mäzen hat ihn entdeckt. Zwar sitzt der weder in Stockholm oder Hollywood, sondern nur auf dem bulgarischen Land, doch zehntausend Euro sind zehntausend Euro, nicht wahr? Eine böse kleine tall tale über den Stand der Kunst in Bulgarien.

Der Krautzyklus (33 S.): Hovav, der Vater des Erzählers, ist ein seltsamer und strenger Mann. Wie alle anderen Nachbarn des Plattenbaugettos setzt er selbst Sauerkraut an. Doch er geht mit wahrhaft religiösen Eifer ans Werk – während der Tage, in denen das Kraut reift, dürfen die Mutter und die Söhne das Schlafzimmer nicht verlassen und verschlafen die Zeit. Eine äußerst bizarre Familiengeschichte, die sich mit der Natur des Glaubens befasst.

Auf der Insel der Koprophagen (8 S.): Professor Gustav Schmeichels Experimente gelten als bestialisch und abstoßend, doch als es ihm gelingt, die Ernährung einiger Albaner mittels eines kleines Eingriffs vollständig auf Scheiße umzustellen, scheint ein großes Problem gelöst zu sein. Es kommt allerdings zu ungeahnten Folgen. Satirische SF, die sich mit dem Zwang, Scheiße zu produzieren, beschäftigt.

Der Unabhängigkeitstag (30 S.): Zum hohen Feiertag äußert sich der Erzähler gegenüber der Kommission völlig inoffiziell zur Frage, ob man in Bulgarien Hunger gelitten habe. Er erinnert sich, dass sein Vater zunächst die Hunde der Nachbarschaft gejagt hätte, und als es keine mehr gab, sich nach einem anderen Opfer umgesehen hatte. Zum Beispiel einen überflüssigen Esser. Diese leicht überspitzte Horrorgeschichte mag zwar an Cormac McCarthys Die Straße erinnern, fußt jedoch viel mehr auf Jonathan Swifts satirischen Vorschlag.

Saubere Arbeit (6 S.): "Meister Proper putzt so gründlich, daß man sich drin spiegeln kann!" Kamelija ist skeptisch, außerdem hat sie den ganzen Vormittag geputzt und darum ist nichts schmutzig. Aber weil sie Mitleid mit dem Vertreter hat (soll sie ihm vielleicht eine alte Mütze von ihrem Mann schenken? Der arme Kerl muss doch frieren, so ganz ohne Haare), lässt sie ihn herein. Eine tall tale, die sich mit Segen und Fluch der modernen Konsumgesellschaft auseinandersetzt – vor allem dem Fluch.

Onkels unschuldige Hände (9 S.): Der Onkel hat höchst sensible Hände – vielleicht, weil er sie sein Lebtag nicht zum Arbeiten brauchte – und diese fühlen sich von gewissen Dingen magisch angezogen. Der Onkel kann nichts dafür, Ehrenwort! Eine klassische phantastische Kurzgeschichte mit doppelter Wendung und schwarzen Schelmenhumor.

Die anderen Lichter (10 S.): Die Freundin des Erzählers ist fort. Überall entdeckt er Zeichen ihres Fortseins. Während er ihr noch nachtrauert, bemerkt er einen Mann mit Taschenlampe auf dem Dach. In dieser an den magischen Realismus grenzenden Kurzgeschichte behandelt der Autor den Individualismus und die staatliche Haltung dazu.

 

Fazit:

Die Gruppe hat ein Problem mit Lana, und da der Erzähler ja – nach Ansicht der Anderen – ganz dicke mit Lana ist, solle er doch bitte schön das Problem lösen. Wie wird er jetzt die sture Lana los? In der Auflösung dieser Geschichte liegen Horror und Humor ganz dicht beieinander – Satire, bei der das Lachen im Halse stecken bleiben kann. Dies ist mehr oder minder das Wesen aller zwanzig Geschichten, ob es nun SF der nahen Zukunft (und damit mittlerweile der Vergangenheit), tall tales oder eben conte cruels sind. Popov erzählt gerne doppelbödig und stets präzise durchgeformt. Das Ergebnis sind gute bis meisterhafte Geschichten. Für Freunde des bissigen, schwarzen Humors ist diese Sammlung ein Fest.

 

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Anthologie:

Titel: Für Fortgeschrittene

Reihe: -

Original: Die Geschichten stammen mehrheitlich aus der Sammlung Nivo za naprednali (2002)

Autor: Alek Popov

Übersetzung aus dem Bulgarischen Alexander Sitzmann

Verlag: Residenz Verlag

Seiten: 280 Gebunden

Titelbild: Arnd Ötting, aus der Serie "Cold Warriors"

ISBN-13: 978-3-7017-1525-1

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 04.04.2010, zuletzt aktualisiert: 26.04.2018 19:05