Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Im Nebel kein Wort von Frank Hebben

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Hitze, kein Wind geht. Laut und hart klingt die Eisenspitze, wenn Dostya ihren Schirm aufsetzt.

Und sie laufen — im Rücken ein Bauerndorf im Dunst eines Nachmittags im Jahre des Herrn.

Eine Welt ohne Krieg.

Eine Welt ohne Maschinen, ohne Strom.

Eine Frau und ein Mädchen auf der Suche nach den Steinen …

Und ein Himmel voller Sterne.

 

Rezension:

Frank Hebben hat mit dem Begedia Verlag seinen Hausverlag gefunden. Nachdem bereits Anfang 2016 seine Novelle Der Algorithmus des Meeres in grandioser Aufmachung dort erschien, folgt bereits ein halbes Jahr später Im Nebel kein Wort. Die gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag in edlem Design enthält neben der titelgebenden nigelnagelneuen Novelle vier weitere thematisch passende Texte und ein Nachwort von Karsten Kruschel

 

Der Erste Weltkrieg kennzeichnet eine der größten geschichtlichen Zäsuren der Neuzeit. Technik modernisierte das Morden, neue Staaten gründeten sich in den Resten implodierter Weltreiche und eine ganze Generation wand sich verloren in diversen Traumata.

Frank Hebben geht mitten hinein in die Geschichte und transformiert sie. Seltsame Kristalle schlagen 1916 in den Kriegsgebieten ein und verhindern fortan jegliche höhere Technik.

Wer einen Kristall berührt, wird wie die alte Lehrerin Dostya oder das junge Mädchen Lilja zu einem Steinkind, gezeichnet, isoliert. Oder stirbt, wie Liljas Stelldichein Andrej.

Die Berührung ändert alles. Lilja sieht Regenbögen, die sich zwischen den Steinen erstrecken, hört eine lockende Stimme und schöpft Lebenskraft. Doch sie fällt auch in eine andere Zeit. Stillstehende Zeit. Veränderungslos. Jenseits der Steinorte läuft die Zeit weiter, müssen sich die Menschen zurückbesinnen auf ein Leben ohne Strom.

An den Schnittstellen jedoch wabert der Krieg noch nach. Gerät ein Steinkind hinein, kommen Visionen vom Schlachten und Sterben, von Gas, Granaten, Schlamm …

 

Für Genrefans offenbaren sich schnell die Referenzen, auf denen Frank Hebbens Werk gründet. Picknick am Wegesrand der Gebrüder Strugatzki, Ballards Kristallwelt ebenso wie Remarques Im Westen nichts Neues.

Aliens, die nebenbei die Geschichte beeinflussen, gibt es in der Science Fiction viele. Und sie stehen bei Frank Hebben auch nicht im Mittelpunkt. Vielmehr sind es die beiden Frauen.

Eine alt und erfahren, verbissen im Überlebensmodus und unbemerkt am Erlöschen. Die andere blutjung, nicht weniger kämpferisch, doch fordernd, herausfordernd.

Dostya rettet Lilja und Lilja rettet Dostya. Ein weiblicher Weg durch das Chaos der Zerstörung.

Frank Hebben findet eine hochpoetische Sprache für seine Geschichte. Mit lyrischen Bildern schenkt er seinen Figuren eine pralle Welt. Licht, Geruch, Töne – feine Satztupfer zaubern die Dimensionen der Realität fast beiläufig dahin und entfalten dennoch eine brachiale Wirklichkeit, dass man selbst meint, Durst oder blutende Kratzer zu verspüren. Hebben schreibt in Höchstform und man ist froh, dass er seine Geschichten so kurz, kompakt auf dem Punkt erzählt. Wer wollte so viel Leben auf Dauer aushalten?

 

In seinem Nachwort bewegen Karsten Kruschel ähnliche Gedanken. Er stellt »Im Nebel kein Wort« in den Kontext früher Storys von Frank Hebben und baut somit eine sehr gute Überleitung zu den vier Geschichten, die seinen Worten unter der Überschrift Erzählungen folgen.

Sie alle finden sich bereits im Erzählband Das Lied der Grammophonbäume, Imperium Germanicum erschien zudem auch in Prothesengötter.

In ihr begibt sich Frank Hebben direkt in den Schützengraben und lässt uns nicht nur das Grauen dort miterleben, sondern treibt es sogar noch ein Stück tiefer in den Horror: Seine durch Maschinenprothesen entmenschlichten Wolfsbrigaden nehmen den Naziwahnsinn vorweg.

Bestiarium befasst sich als kurze Prosa-Elegie mit den Tieren des Schlachtfelds.

 

Das Wunder von Flandern beschreibt eindringlich den Weihnachtsfrieden, jene nichtoffizielle Verbrüderung zwischen britischen und deutschen Truppen 1914 und lässt die Frage nachhallen, was passiert wäre, wenn die Waffen nicht wieder in die geschundenen Soldatenhände zurückgelegt worden wären.

Ein letzter poetischer Text beschließt den Band. In Verlassenes Haus erleben wir das Leid eines Dorfes während des Krieges aus der Sicht eines Hauses. Eine tief berührende Geschichte, deren Perspektive im Gedächtnis bleibt.

 

Fazit:

Obwohl im Zentrum von Frank Hebbens jüngster Veröffentlichung die Novelle »Im Nebel kein Wort« steht, bildet das gesamte Buch einen Themenband. Aus dem fürchterlichen Ersten Weltkrieg schöpft Frank Hebben mit konzentrierter Sprachfertigkeit eine fotorealistische Welt und bereichert sie ebenso virtuos um phantastische Elemente.

»Im Nebel kein Wort« steht auf den breiten Schultern der Science Fiction, die Flügel bereit, in die lichte Weite aufzusteigen.

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:

botMessage_toctoc_comments_9210
Platzhalter

Buch:

Im Nebel kein Wort

Autor: Frank Hebben

Gebundene Ausgabe, 156 Seiten

Begedia Verlag, 30. November 2016

Nachwort: Karsten Kruschel

Cover und Illustrationen: Nikolaj Djatschenko

 

ISBN-10: 3957770939

ISBN-13: 978-3957770936

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Im Nebel kein Wort
  • Imperium Germanicum
  • Bestiarium
  • Das Wunder von Flandern
  • Verlassenes Haus

Weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 21.01.2017, zuletzt aktualisiert: 21.01.2017 16:09