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In einer anderen Welt von Jo Walton

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Die fünfzehnjährige Morwenna ist auf der Flucht vor einer Mutter, die sich der finsteren Magie verschrieben hat, vor der staatlichen Fürsorge und vor der Erinnerung an den Tod ihrer Zwillingsschwester. Am schlimmsten trifft sie jedoch, dass sie ihre Heimat verlassen muss, das märchenhafte Wales, und damit ihre einzigen Freunde, die Feen und Geister, die dort in den Wäldern zu Hause sind.

 

Auch ihr Vater, den sie nie gekannt hat, möchte sie nicht bei sich aufnehmen und schickt sie auf ein Mädcheninternat, wo sie mit der Verständnislosigkeit der Lehrer und dem maßlosen Ehrgeiz der anderen Schülerinnen fertig werden muss. Verzweifelt greift sie zu der Magie, die sie seit ihrer Kindheit begleitet, einer Magie, die niemand außer ihr sehen kann. Und zu ihren Büchern. In Science-Fiction- und Fantasy-Romanen findet sie mehr als nur flüchtigen Trost: Sie öffnen Tore zu anderen Welten, und das nicht nur im übertragenen Sinne.

 

Als ihre Mutter zu einem neuerlichen Schlag ausholt, sind es Bücher, in die Morwenna ihre ganze Hoffnung setzt …

 

Rezension:

Bücher besitzen Magie. Sie sind in der Lage, den Lesenden zu verzaubern, ihn so in den Bann zu schlagen, dass man nicht aufhören möchte zu lesen. Das vermag nicht jedes Buch und es klappt auch nicht für jeden Menschen gleichermaßen. Aber selten konnte man ein solches Lob so oft hören, wie bei In einer anderen Welt von Jo Walton. Das Buch gewann die drei wichtigsten Preise der englischsprachigen Phantastik: Hugo, Nebula und den British Fantasy Award.

 

Während sich der Klappentext noch leidlich spannend und eher konventionell liest, wird bereits nach wenigen Zeilen der Lektüre deutlich, worin der Zauber des Buches besteht. Der Tagebucheintrag geht fünf Jahre in die Vergangenheit zurück und berichtet davon, wie die Zwillingsmädchen einen Feen-Zauber ausführen, um eine umweltverpestende Fabik loszuwerden, die die Schwestern »Mordor« nennen. Und schon haben wir fast alle Ingredienzien zusammen. Magie, persönliche Nähe und den Bezug zur phantastischen Literatur. Dass der Herr der Ringe gleich zu Beginn referenziert wird, ist durchaus beabsichtigt. Das Werk legt das Fundament fest, auf dem sich die phantastische Welt Morwennas aufbaut. Der literarischen Welt. Denn Morwenna ist keine Tagträumerin, die nicht zwischen Realität und Buchwelten unterscheiden möchte. Vielmehr ist das Gelesene und ihre AutorInnen fester Bestandteil ihres Ichs, ihres Denkens aber auch ihres Fühlens.

Immer wenn es um Bücher geht, und es sind nicht nur Phantastik-Werke, dienen sie als Denkanstoß, als Mittel sich Gedanken zu machen um all die Themen, die ein fünfzehnjähriges Mädchen tief bewegen. Es geht um Emanzipation ebenso, wie um Außenpolitik, Klassenschranken und Philosophie.

Morwenna interessiert sich für weitaus mehr, als Bücher, aber sie nutzt das Lesen, um sich mit ihren Fragen auseinanderzusetzen, Aktiv und weit entfernt davon, die Welt auszuschließen.

So merkt man schnell, dass Jo Walton hier eine Figur präsentiert, die sie von allen Klischees über Büchereulen und Fantasy-Nerds befreit. Morwenna ist trotz Magie und Behinderung ein ganz normales Mädchen, zumindest für all jene, die Lesen und Interesse am Universum und dem ganzen Rest als normal empfinden.

 

Es gibt viele Bücher, die das Lesen, Buchhandlungen, Bibliotheken und Bücher selbst feiern, »In einer anderen Welt« reiht sich hier würdig ein. Es gibt eine umfassende Liste der erwähnten Bücher und Autoren auf der Verlagshomepage und es freute mich beim Lesen ganz besonders, dass James Tiptree Jr. eine wichtige Rolle eingeräumt wurde. Ihre Geschichten berühren den Geist Morwennas auf eine ganz eigene Art und Weise. Jo Walton verbindet hier sehr raffiniert die Situation ihrer Heldin mit den Schicksalen in den Geschichten Tiptrees, inklusive Morwennas Reaktion auf die Enthüllung der Identität Tiptrees. Zwar muss Mor nicht mit den Gespenstern kämpfen, die Alice B. Sheldon quälten, aber ist gibt durchaus Punkte in der Geschichte, an denen es eine böse oder zumindest tragische Wendung hätte nehmen können. Davor aber scheint Jo Walton zurückgeschreckt zu haben. »In einer anderen Welt« verfügt zwar über Feen, Magie und Kämpfe gegen das Böse, aber dem Leser werden keine richtigen Übel zugemutet. Selbst den magischen Szenen liegt der Zweifel nahe, da wir sie durch die Augen Mors sehen. So kann man selbst den Tod ihrer Schwester als psychische Reaktion auf den Autounfall verstehen. Jo Walton legt einige Spuren hierhin. Es könnte also durchaus sein, dass die tote Schwester die Inkarnation des früheren Ichs Morwennas ist. Das alte Leben. Lebendig geworden in den Zeilen des Tagebuchs.

 

Auch deswegen ist der Tagebuchroman ebenfalls ein Buch über das Erwachsenwerden. Die Emanzipation vom Elternhaus wird durch die böse Mutter auf der einen Seite und den unbekannten Vater auf der anderen Seite abgesteckt. Dort die erzieherische Enge, die Bevormundung und die Sünden der Vergangenheit – nicht zufällig verhindern die Mädchen den Untergang der Welt durch die Mutter – und hier die Neuentdeckung des Menschen hinter dem Wort Vater. Es ist nie leicht, sich gegen seine Eltern zu stellen, wenn man begreift, dass man mit ihren Entscheidungen und Lebensweisen nichts mehr zu tun haben will. Es kostet Opfer. Das liebe brave Kind stirbt, manches Porzellan lässt sich nie wieder kitten. Aber auch aus den Eltern werden andere Menschen, vielleicht sogar Partner, mit denen man über Dinge reden kann. Wie eben die spannenden Bücher, die man frisch für sich entdeckt hat.

Hier bietet Joe Walton eine phantastisch ummantelte Entwicklungsgeschichte, modern und mit spannungsvoller Lockerheit.

 

Wesentlich dabei ist Mors Auseinandersetzung mit der Magie. Der typische Fantasyheld und auch die Heldinnen müssen sich meist damit auseinandersetzen, erwählt worden zu sein, eine Bestimmung zu haben, ein Schicksal. Magie ist das notwendige Mittel, das man erlernen muss. Und das man im entscheidenden Augenblick auch einsetzt.

Jo Walton lässt ihre Mor hingegen über das Wesen der magischen Änderungen nachdenken. Es drängt Mor danach, verantwortungsbewusst zu sein. Sie kann sich nie sicher sein, ob die von ihr verursachten Veränderungen in der Welt jene Dinge manipulieren, die ihr wichtig sind. Wird sie geliebt, weil sie Magie einsetzte? Oder wegen ihrer selbst?

Dieses intensive Erkennen von Verantwortung führt dazu, dass Mor ihre Macht nicht anwenden will. Es ist keine Angst vor dem Scheitern, auch keine Angst vor den Konsequenzen, sondern vielmehr die Gewissheit, dass sie eine magische Unterstützung für sich selbst gar nicht benötigt. Mor ist tatsächlich frei von Schicksal und Vorbestimmung.

 

Ein weiterer Aspekt, der dem Buch Würze verleiht, ist die Beschreibung Wales und Englands Ende der Siebziger. Die Kasten spielen dabei ebenso eine Rolle, wie Wirtschaftskrise und Liebe zur Heimat. Das ist ein ganz ähnlicher Hintergrund wie etwa in Harry Potter. Die Notwendigkeit, sich entsprechend seiner Geburt zu verhalten und auch danach bewertet zu werden, stört Harry Potter zwar ebenfalls, jedoch stellt er die gesellschaftlichen Hierarchien nicht wirklich in Frage. Mor ist da weiter. Weil ihr ganz andere Dinge wichtig sind, stoßen ihr die Schichten und ihre skurrilen Abgrenzungen erst recht negativ auf. Sie bewertet Menschen lieber danach, was sie lesen und denken. Gerade die vielen liebevoll beschriebenen Nebenfiguren, ganz besonders auch ältere, geben dem Charakter der Mor Tiefe, lässt ihn erstrahlen und unglaublich sympathisch werden.

 

Und welch Zauber liegt noch auf dem Buch? Wer das echte Buch in den Händen hält, wird ihn sehen. »In einer anderen Welt« ist auch als Buch bezaubernd. Hannes Riffel, der neben seiner Übersetzer-Tätigkeit auch der Verlagschef von Golkonda ist, steht inzwischen als Garant für wunderschöne Bücher und auch hier gelang es seinem Team und dem Zeichner Maxim Kartashev, dem Text einen passenden Rahmen zu geben. Buchgestaltung ist eine Kunst, die selbst einem großartigen Buch noch zusätzlichen Glanz verleihen kann.

 

Fazit:

»In einer anderen Welt« ist ein großes magisches Wunder. Ein Buch, dass zum Lesen verführen will und eine nebenbei eine bezaubernde Geschichte erzählt. Wer hinterher nicht den Drang verspürt, eine Bibliothek, eine Buchhandlung oder einen Con zu erstürmen, sollte das Buch unbedingt gleich noch einmal lesen. Jo Walton hat hier ein phantastisches Meisterwerk geschrieben. Feiert es!

Eure Meinung:

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Buch:

In einer anderen Welt

Original: Among Others, 2010

Autorin: Jo Walton

Übersetzer: Hannes Riffel

Golkonda, 2013

Taschenbuch, 298 Seiten

Cover: Maxim Kartashev

 

ISBN-10: 3942396750

ISBN-13: 978-3942396752

 

Erhältlich bei Amazon

 

Kindle-ASIN: B00C4ZPJFA

 

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Erstellt: 29.06.2013, zuletzt aktualisiert: 01.12.2020 20:03