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Nemesis von Jeremy Robinson

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Homeland Security. Das klingt nach … schwarzen SUVs. Männern in Sonnenbrillen und mit Hörmuscheln in den Ohren. Auch für Jon Hudson, der ironischerweise ebendort angestellt ist. Aber statt Anzüge und Sonnenbrillen trägt er lieber dreiviertel lange Cargohosen, Sportschuhe und ’ne schicke Mütze über dem sich zurück ziehenden Haaransatz. Während seine Kollegen echten Bedrohungen nachgehen, darf sich Jon nun schon seit Jahren mit obskuren, potenziell paranormalen Phänomenen rumschlagen, weil einer der Ton angebenden Honchos offensichtlich zu viel Akte X geglotzt hat. Das Resultat: Gepflegte Langeweile, gepaart mit Frust und kombiniert mit obskuren Aufträgen – wie beispielsweise dem Aufspüren eines Sasquatch, der angeblich durch die Wälder trampelt. Doch statt eines menschenähnlichen Riesenaffen, darf sich Jon zunächst mit einer zornigen Bärenmutter konfrontiert sehen – und schließlich mit der gleichermaßen attraktiven wie schlagfertigen Gesetzeshüterin Ashley Collins.

 

Zusammen gehen die beiden der vermeintlichen ›Spur‹ nach und stoßen schließlich auf eine doch nicht ganz so verwaiste Raketenabschussbasis; einem Relikt aus Zeiten des Kalten Kriegs. Doch genau hier, in den dichten Wäldern von Maine, fernab jeglicher Zivilisation und unter strengster Geheimhaltung, ist der mehr als dubiose, einstige General Lance Gordon mit einem sehr speziellen Experiment zugange, welches auch von großem persönlichem Wert für ihn ist: dem Kreuzen von menschlicher mit … nun ja, der DNA eines Monsters. Einer legendären, eventuell sogar außerirdischer Kreatur. Verständlich, dass da allzu neugierige Individuen nicht wirklich gerne gesehen sind. Demzufolge werden aus Jon uns Ashley Gejagte; unerbittlich verfolgt von Spezialeinheiten unter der Aufsicht von Gordons Handlanger, dem nicht weniger mörderisch veranlagtem Japaner Endo.

Doch während die Kugeln links und rechts um Jon und seine Begleitung fliegen, gerät das Experiment des Generals außer Kontrolle – in einem Maße, das keiner, absolut keiner in dieser Größe erwartet hätte.

Wieder zurück an der Abschussbasis, aber weiterhin mit den Verfolgern im Nacken, stoßen Jon und Ashley auf ein komplett zerstörtes Gebäude und ein unfassbares Blutbad – und schließlich auf einen veränderten, stark veränderten General Gordon, dem sie nur mit Müh und Not entkommen können, bevor sie direkt ins Visier eines übergroßen, konstant wachsenden Ungetüms geraten, welches neben Zerstörung auch einen großen Appetit auf Menschen besitzt …

 

Dank dem Neustart von Godzilla (2014) und Guillermo del Toros Pacific Rim (2013) haben die klassischen Riesenmonster von einst, auch unter dem japanischen Begiff ›Kaiju‹ (dt. seltsame Bestie, rätselhafte Bestie) wieder Hochkonjunktur. Filmemacher und Autoren haben offenbar den Spaß an ungehemmter Zerstörung durch wolkenkratzerhohe Kreaturen wiederentdeckt. Und weshalb auch nicht, nach all den Zombies und Vampiren, die in letzter Zeit überfallartig Film und Literatur dominiert haben?

Doch auch hier gilt: Einfach ›nur so‹ machen, ist nicht. Wer mit dem Urmaterial nicht vertraut ist, der sollte besser die Finger davon lassen. Denn auch massive Monster-Zerstampfungsorgien müssen einigermaßen glaubwürdig und, ja, logisch inszeniert werden.

 

Keine Sorge: Jeremy Robinson weiß, wie’s geht. Sehr schnell wird klar, dass der Mann einen Teil seiner hoffentlich unbeschwerten Kindheit vor der Glotze verbracht hat – Monsterfilme gucken. Vorwiegend japanischen Ursprungs. Nemesis ist aber keinesfalls ein x-beliebiger Godzilla-Aufguss des ungemein produktiven Amerikaners. Vielmehr kreiert er hier etwas eigenes, ist sein Roman in mehrfacher Hinsicht eine literarische Version von General Gordons Experiment, stecken in den Zellen des Buches zu gleichen Teilen amerikanische wie japanische DNA. Letztere aber nur sehr bedingt im Aufbau der, zugegeben, für Action- und Adrenalinjunkies durchaus etwas klobig anmuten könnte. Robinson lässt sich Zeit, gewiss, aber schadet dies dem Gesamtwerk? In keinster Weise. Vielmehr tappt er nicht in die Falle, die menschlichen Protagonisten zu gesichtslosen, austauschbaren Nebensächlichkeiten zu degradieren. Im Gegenteil: Da die Geschichte überwiegend aus der Perspektive des sympathischen Jon Hudson erzählt wird, bleibt das humane Element erhalten und erhält ferner dank Jons flapsigem Tonfall einen angenehm mundenden Schuss Authentizität, der jeglichen Anflug von Gestelztheit bereits im Kern erstickt.

 

Wie erwähnt, dauert es ein bisschen, ehe die ersten Versicherungen Insolvenz anmelden dürfen, ist aber in diesem Fall von absoluter Eminenz, wenn der Roman nicht zum sinnlosen Quatsch verkommen soll. Vielmehr, ganz ähnlich wie ein gewisser Spielberg beim Weißen Hai (1975) und gut vier Jahrzehnte später Gareth Edwards bei seiner Neuinterpretation von, passenderweise, »Godzilla« (2014) – breitet Robinson seine Spielfiguren erst aus, gibt er dem Plot und dem dahinter verborgenen Geheimnis um jenen Kaiju namens »Nemesis« ausreichend Freiraum, um sich einerseits entfalten und parallel mit dem Pfad der Vernichtung Schritt halten zu können. (Fast) alles ist nämlich verbunden.

 

Doch zweifelt nicht, werte Vernichtungsverfechter – was wäre denn ein Monster- respektive Kaiju-Roman ohne panische Massenfluchten, Explosionen, Wolkenkratzer die kartenhausgleich in sich zusammenfallen, meterhohe Wellen; kurzum: der vollen Ladung? Aber auch hier gilt: Vorsicht, Herr Autor. Gerade bei diesen Sequenzen ist es ein Leichtes, dem Affen zuviel Zucker zu geben. Soll heißen – das Ganze so dermaßen aufzublähen und ausufern zu lassen, dass einfach alles zu einer großen Lächerlichkeit verlottert. Bei beiden Aspekten kann jedoch Entwarnung gegeben werden. Wenngleich die diabolisch-infantile Freude und Leidenschaft des Autors verschmitzt hinter jeder Zeile hervorlugt, verliert Robinson nie den Faden, nie die Übersicht. Mit der cineastischen Erfahrung und Genauigkeit eines erfahrenen Hollywood-Blockbusterregisseurs inszeniert er Werde- und Zerstörungsgang seines hauseigenen Ungetüms routiniert, passgenau ebenso, wie mit Hingabe und Ungehemmtheit. In diesem Zusammenhang mag das Sprüchlein ›dabei geht er sogar über Leichen‹ recht abgedroschen anmuten, trifft es aber dennoch ziemlich gut.

Wäre Robinson besagter Regisseur, sein Monsterfilm käme jedenfalls nur mit dem FSK 18-Siegel in die Lichtspielhäuser. Nö, der Mann hält drauf, statt auszublenden. Hin und wieder geht er sogar noch weiter. Einzig beim großen, durchaus befriedigenden Finale lässt sich ein Gefühl von Größenwahn Marke Dan Brown/Matthew Reilly nicht verheimlichen. Wenn der Held zum Superhelden wird und so. Gibt einen Abzug in der B-Note, tut aber nur bedingt weh. Schlimmer wär's, werter Festa-Verlag, wenn uns die Fortsetzungen (inzwischen gibt’s drei davon) vorenthalten würden – denn »Nemesis« hat definitiv Laune gemacht!

 

Fazit:

»Godzilla«, »Pacific Rim« – und nun »Nemesis«. Jeremy Robinsons Monsterroman besitzt sämtliche Ingredienzien, um Fans von groß angelegten Vernichtungsexzessen ebenso glücklich zu machen wie Action- und durchaus auch Horrorfans. Großes Kino im Taschenbuchformat!

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Eure Meinung:

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Buch:

Nemesis

Reihe Nemesis Band 1

Originaltitel: Project Nemesis, Dezember 2012

Autor: Jeremy Robinson

Übersetzer: Jürgen Bullin

Taschenbuch, 416 Seiten

Festa-Verlag, 25. Juni 2015

 

ISBN-10: 3865523838

ISBN-13: 978-3865523839

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00Y1CDIRK

 

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Erstellt: 10.11.2015, zuletzt aktualisiert: 11.10.2020 16:04