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Neptunation oder Naturgesetze, Alter! von Dietmar Dath

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Kurz vor dem Ende des Kalten Kriegs entsenden die Sowjetunion und die untergehende DDR ein Himmelfahrtskommando ins All. Die Mission scheitert, schickt aber ein Signal zurück, angeblich vom Neptun: Hilferuf, Warnung, etwas anderes?

Mehr als dreißig Jahre später bricht ein deutsch-chinesisches Rettungsunternehmen auf, um herauszufinden, ob es in unserer kosmischen Nachbarschaft wirklich nur menschliche Technik gibt, ob Menschen die Wahrheit überhaupt aushalten … und was Politik mit Schwerkraft zu tun hat.

 

Rezension:

Dietmar Dath ist ein sehr produktiver Autor. Neben seinen journalistischen Arbeiten brachte er allein dieses Jahr ein Sachbuch zur Science-Fiction, eine SF-Erzählung und den mit 688 Seiten sehr umfangreich geratenen SF-Roman Neptunation oder Naturgesetze, Alter! an den Start.

Die Prämisse des Klappentextes verspricht die inzwischen typisch gewordene Mischung in Daths Werken: Sozialistische Hinterlassenschaften, in die Zukunft weisende Technik und hochkomplexes außerirdisches Leben.

 

Die große Stärke Daths ist das Erschaffen von Figuren. Auch »Neptunation« beginnt mit einer Reihe von Kapiteln in denen Figuren eingeführt werden. Dabei springt Dath in Zeit und Ort recht frei umher, sodass die Einführungsrunde ungeheuer lebendig und abwechslungsreich ausfällt. Vom chinesischen Jungen, der wegen Mathematkbücher verprügelt wird, über einen sowjetischen Raketenwissenschaftler bis hin zu einem amerikanischen Pärchen, das sich vor den Behörden versteckt, reicht der Biographien-Bogen. Dabei verbindet Dath erneut die persönlichen Fakten mit den politischen Themen der entsprechenden Epochen und lässt die Figuren als soziale Wesen erscheinen, deren gesellschaftlicher Hintergrund mindestens genauso wichtig ist, wie die reinen biographischen Daten.

 

Ein weiterer Bestandteil dieser Charakterisierung ist die Einbettung in Daths bisheriges Schaffen. »Neptunation« setzt die Mathematik-Welt fort, die mit Deutsche Demokratische Rechnung begann und uns zuletzt in Der Schnitt durch die Sonne mit den intelligenten Sonnenwirbeln bekannt machte.

Deren Einmischung in die Geschicke der Menschen äußert sich durch das Lichtlesen, einer Art Aktivierung besonderer geistiger Fähigkeiten. Was allerdings nicht immer gelingt, so auch im Fall der Oma von Filipa Scholz. Die Siebzehnjährige wird nach dem Tod ihrer Oma von Vera Ulitz unter die Fittiche genommen, jener Mathematikerin aus »Deutsche Demokratische Rechnung« und »Der Schnitt durch die Sonne«. Hier spielt sie nur eine kurze Rolle, denn Filipa wird wie auch schon die anderen Figuren für eine ganz besondere Mission rekrutiert. Die geheimnisvolle »Cheffin«, die jeder unter einem anderen Namen kennenlernt, will einer Raumschiffsmission nachfolgen, die sich 1989 zum Neptun aufmachte. Man startet auch diesen Flug im Geheimen, die besonderen Fähigkeiten der Lichtgelesenen bringen nicht nur enormen technologischen Fortschritt, sondern lassen sich auch in Geld umsetzen. Doch die Mission wird von Anfang an von Außen bedroht. Aus dem Kuipergürtel schicken die sogenannten Dysoniki hocheffiziente Killerroboter auf die Erde. Der Versuch, den Flug zu sabotieren kostet unter anderem dem Vater von Christian Winseck das Leben. Der Linguist soll während des Fluges eine rätselhafte und sonderlich chiffrierte Botschaft entziffern, die von der Kommandeurin der ersten Mission, Alexandra Burkhard, stammt.

 

Nach der Einführung der Figuren beginnt die Reise und sie besteht über weite Strecken aus Erörterungen wissenschaftlicher Themen, auf die der Untertitel des Romans »Naturgesetze, Alter!« bereits hinwies. Leider zeigt sich hier das große Manko Daths. Kommt er erst einmal in den Vortragsmodus, palavern seine Figuren quälend endlos und leider alle in ein und demselben Ton. Vielleicht ist sich Dietmar Daths des Problems bewusst, denn die beiden großen Handlungsbrüche erfolgen jeweils inmitten einer wissenschaftlichen Erörterung, quasi als kleiner Paukenschlag für abgelenkte LeserInnen.

Dabei sind die behandelten Themen hochaktuell und interessant, von KI-Forschung über neue Gesellschaftsformen bis hin zu Bio-Optimierung schleift uns Dath durch ein breites Spektrum der Wissenschaften und natürlich stehen Mathematik, Physik und Philosophie ganz weit vorn. Wenn im finalen Teil Raum und Zeit des Romans endlich zu einer Einheit finden, hat man das Gefühl, drei verschiedene Werke Daths gelesen zu haben. Ein Sachbuch, ein Dath-Schaffens-Meta-Buch und einen SF-Roman.

 

Der spannendste Teil des SF-Parts ist vielleicht die Gesellschaft der Dysoniki. Nach der Trennung der ersten Expedition blieben vor allem die sowjetischen Teile der Besatzung im Kuipergürtel. Mithilfe einer einer sehr abstrakten und fremdartigen Lebensform gelingt ihnen eine sprunghafte Entwicklung auf fast allen Wissensgebieten. Sie verändern sich physisch durch technische und biologische Erweiterungen und auch gesellschaftlich stehen Veränderungen bevor, denn diktatorische Strukturen setzen Grenzen. Als eingefleischter Dialektiker spielt Dath an allen Romanecken mit Qualitätssprüngen. Dabei bläst er nicht nur zu Revolution und Evolution, er verpackt seine virile Zukunftsvision in eine von Intrigen und Scharaden nur so protzende Story, wie er sie bereits in Venus siegt erschuf und die in »Neptunation« stark in die Französische Revolution erinnert.

 

Das überraschendste vielleicht an »Neptunation« ist, dass Dath nicht bei der technischen Explosion des Kuipergürtels bleibt. Klar, der Titel deutet auf den Neptun als zentralen Bedeutungsort, dennoch fragt man sich auf der zweiten langen Reise des Romans, was denn nun noch kommen soll. Erneut sammelt Dath jede Menge Quantität an, bevor er seinem Roman und seinem Kosmos den nächsten Entwicklungssprung schenkt. Vielleicht nicht unbedingt in der Qualität der Handlung spürbar, die zwar mit unerwarteten Volten aufwartet, aber in Summe Standard bleibt, vielmehr gönnt uns der Autor eine neue Sicht auf unser Universum, die in ihrer Verspieltheit an das Zwiebelschalenmodell der Perry Rhodan-Serie erinnert. Für eingefleischte Dath-Fans werden sich zudem Verbindungen bis hin zu Feldeváye eröffnen.

 

Vielleicht sollte man »Neptunation oder Naturgesetze, Alter!« daher auch eher als Geschenk für ebenjene Fans sehen und sich damit trösten, dass die deutschsprachige Science Fiction tatsächlich und ganz un-Zeit-gemäß noch mehr »relevante« Autorinnen und Autoren besitzt, um das unbedachte Zitat des Buchrückens nicht unkommentiert zu lassen.

 

Fazit:

»Neptunation oder Naturgesetze, Alter!« von Dietmar Dath ist nicht nur durch seine Seitenzahl ein Schwergewicht. Tolle Figuren und eine wegweisende Science-Fiction-Story kämpfen zwischen überlangen Theorieabhandlungen um die Aufmerksamkeit der Leserschaft. Das macht »Neptunation oder Naturgesetze, Alter!« zu einem interessanten, aber leider nicht zu einem überragenden Buch.

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Eure Meinung:

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Buch:

Neptunation oder Naturgesetze, Alter!

Autor: Dietmar Dath

Taschenbuch, 687 Seiten

FISCHER Tor, 25. September 2019

 

ISBN-10: 3596702232

ISBN-13: 978-3596702237

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07R3SSTCG

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 30.12.2019, zuletzt aktualisiert: 30.12.2019 10:51