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Carnacki, der Geisterfinder von W. H. Hodgson

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Vor knapp 100 Jahren begann W. H. Hodgson mit dem Schreiben von Kurzgeschichten um den Detektiv Thomas Carnacki. Erstmalig liegen mit Carnacki, der Geisterfinder die neun Geschichten gesammelt und ins Deutsche übertragen vor. Jede Geschichte beginnt damit, dass der Ermittler in Sachen Unmögliches seine Freunde – darunter den Ich-Erzähler – zu sich einlädt und nach einem Abendessen mit gespanntem Schweigen von einem seiner ungewöhnlichen Fälle erzählt.

 

Die Geschichten im Einzelnen:

Das Tor des Monsters (20 S.): Carnacki wurde in das Haus eines Herrn Anderson in ein nahe gelegenes Dorf gerufen. Dort, so der Hausherr, spuke es. Das alte, einsam stehende Gebäude hat einen Raum, das Graue Zimmer, in dem sich vor 150 Jahren eine Tragödie zutrug: In jenem Zimmer wurden die Gemahlin und der Sprössling eines der Ahnen Andersons erwürgt aufgefunden. In der Nacht darauf fiel auch Sir Hulbert, der Ehemann, dem Würger zum Opfer. Seit dieser Zeit wurden nachts die Türen in jenem Stockwerk geöffnet und mit aller Macht wieder zugeschlagen und am Morgen liegt das Bettzeug in einer Ecke des Grauen Zimmers. Der Butler drängte Carnacki dazu den Raum in der Dunkelheit zu meiden. Zunächst reagierte der Ermittler mit Belustigung, doch schon bald wurde ihm klar, dass in jenem Raum das Grauen hauste.

Das Haus in den Lorbeeren (18 S.): Carnacki wurde ins irische Dorf Korunton gerufen. Das nahe Gannigton Manor war kurz zuvor von Mr. Wentworth erworben worden – er wusste nichts von dessen schlechtem Ruf. Es stand schon länger leer, da hier einst der gesamte O'Hara-Klan heimtückisch im Schlaf niedergemetzelt worden sei. Seitdem spuke es dort. In der letzten Zeit waren nur wenige so mutig – oder töricht – in jenem Anwesen zu nächtigen: Zwei tote Landstreicher künden von den Folgen. Mr. Wentworth überredete die Männer des Dorfes sich in der Halle des Manors eine lustige Nacht mit einigen Whiskeyflaschen zu machen – am nächsten Morgen wendete man sich an Carnacki.

Das pfeifende Zimmer (24 S.): Carnacki wurde von Sid Tassoc nach Irland, nahe Galways gerufen. In dessen Hütte – Schloss Iastrae – scheint es zu spuken. Mr. Tassoc hatte vor kurzem das Schloss gekauft und machte Miss. Donnehue den Hof – was einigen lokalen Rivalen nicht zusagte. Als sie hörten, wo Tassoc wohnen würde, boten sie ihm eine Wette an: Innerhalb von sechs Monaten würde er die Immobilie wieder verkaufen. Und tatsächlich, in einem Raum des Schlosses ertönt in der Nacht ein lautes Pfeifen. Wer sich dann im Raum aufhält, spürt eine bösartige Präsenz: ein Geist? Oder stecken doch die Rivalen dahinter?

Das Pferd aus dem Unsichtbaren (24 S.): Carnacki wurde in den Norden nach East Lancashire zur alten, traditionsreichen Familie der Hisgins gerufen. In deren Geschichte gehört ein Fluch: Wenn das erstgeborene Kind ein Mädchen ist, dann wird es in der Zeit der Verlobung von einem Geisterpferd heimgesucht. Da die letzten sieben Generationen von Erstgeborenen alle Jungen waren, nahm man den Fluch nicht mehr ernst. Doch als Miss. Hisgins sich mit Beaumont verlobte, war ein furchtbares Wiehern zu hören und ein Schlag oder Tritt brach ihm den Unterarm. Ein Blick in die alten Familiendokumente enthüllte die Geschichten von fünf jungen Hisgins-Frauen, die während ihrer Verlobungszeit vor 250 bis 150 Jahren auf ungeklärte Weise zu Tode kamen – jeweils die Erstgeborenen der Generation.

Das letzte Haus (24 S.): Carnacki berichtet von einem lange zurückliegenden Fall. Er lebte damals noch mit seiner Mutter zusammen; die beiden hatten sich ein altes Haus gemietet und wohnten schon zwei Jahre dort, ohne dass es zu Merkwürdigkeiten gekommen wäre. Eines Nachts jedoch hörte er seine Mutter (sie schlief im Erdgeschoss, während Carnacki im oberen Teil war) an die Treppe kommen und auf das Geländer klopfen – sie erinnerte ihn häufig daran nicht zu lange aufzubleiben. Er beendete schnell seine Arbeit und da seine Mutter schon eingeschlafen war, schloss er noch die Tür. Den widerlichen Grabesgeruch nahm er kaum wahr. Am nächsten Morgen gibt es allerdings einige Verwunderung: Die Mutter behauptet, dass sie die ganze Zeit geschlafen habe; auch klopft sie nicht sondern ruft.

Das unsichtbare Ding (17 S.): Carnacki wurde nach Burtontree im südlichen Kent gerufen. Die Familie Jarnock wurde seit Jahrhunderten von einem seltsamen Fluch geplagt: In ihrer Schlosskapelle befand sich ein kreuzförmiger Dolch mit unheimlichen Inschriften wie einem eingeätzten Pentagramm; dieser Dolch solle sich gegen die Feinde der Familie wenden. Sir Alfred schloss die Kapelle daher in der Dunkelheit immer ab. Doch dann wurde bei einem Gottesdienst vor den Augen vieler Zeugen der Butler angegriffen: Der Dolch wurde ihm durch die Schulter gestoßen – doch keine sichtbare Hand hatte die Klinge geführt.

Spuk auf der Jarvee (17 S.): Um seiner Gesundheit willen – und da sein alter Freund Captain Thompson von eigentümlichen Ereignissen im Umfeld der Jarvee erzählte – unternahm Carnacki eine Seereise mit eben jenem Segelschiff. Schon bald erschienen große Schatten im Meer, die das Schiff einkreisten. Thompson machte sie für die unheimliche Windstille verantwortlich, Carnacki war skeptisch. Doch bei Nacht brach ein furchtbarer Sturm los. Und dieses sonderbare Wetter hielt an – wie auch die Schatten blieben.

Das Schwein (41 S.): Dr. Witton schickte einen Patienten zu Carnacki. Mr. Bains litt unter sonderbaren Alpträumen: Er stieg zu einem grauenhaften Ort hinab, an dem er um seine Seele mit einer monströsen Präsenz kämpfen musste. Obschon er seine Augen öffnen konnte, gelang es ihm nicht zu erwachen. Nur langsam zog sein Körper die Seele wieder zurück. Das Merkwürdigste: Bains hörte ein Grunzen wie von Schweinen – und antwortete entsprechend. Diese Alpträume erschöpften Bains zusehend; er bangte um seinen Verstand. Es schien Carnacki, als drohe eines der äußeren Ungeheuer von Bains Besitz zu ergreifen.

Der Fund (9 S.): Carnacki wurde von den Herausgebern von Bibliophile and Book Table zu rate gezogen, denn anscheinend waren sie auf eine Ausgabe der Akrostichen des Dumpley gestoßen – "Unmöglich!" explodierte Bücherexperte Van Dyll: Es gäbe nur ein Exemplar, da der Auftraggeber des Werkes, Lord Welbeck, sehr bedacht darauf war, dass nur ein einziges Exemplar existierte – und diese Ausgabe befand sich im Museum und wurde niemals ausgeliehen. Doch auch er musste eingestehen, dass jene andere Ausgabe echt war.

 

Die Geschichten spielen Anfang des 20. Jh. in Großbritannien, Irland und den umliegenden Gewässern, aber die Schauplätze werden nur sehr beiläufig erwähnt und haben kaum einen Einfluss auf die Geschichte. Das Setting ist damit ein schwach entwickeltes Ambiente.

Ungewöhnlich sind die phantastischen Elemente: Carnacki hat sich schon öfters mit Phänomen beschäftigt, die zunächst wie ein klassischer Spuk aussahen, sich dann aber als seltsame Naturereignisse oder Täuschungsversuche von Menschen entpuppten. Mit eigenwilligen Hilfsmitteln geht Carnacki den Dingen auf den Grund: Schutz gewährt ein elektrisches Pentakel; das ist ein Pentagramm aus unter elektrischer Spannung stehendem Draht. Die Form alleine bietet Schutz und die Felder um den Draht verstärken ihn. Aus dem Sigsand Manuskript erhält er allerlei Hinweise, wie er sich zu verhalten hat und welche Zauber-Formeln er zu verwenden hat. Die wahren Monster, die Carnacki zu fürchten hat, sind schreckliche Wesen von Jenseits der menschlichen Gefilde. Aber Carnacki hat auch einen Revolver dabei um sich gegen menschliche Schurken zu schützen – oder um sich selbst zu erschießen, falls die Gefahr für seine Seele zu groß wird.

Damit sind die Carnacki-Geschichten gewissermaßen ein Bindeglied zwischen den klassischen Gruselgeschichten und dem kosmischen Schrecken H. P. Lovecrafts. Deutlicher bezieht sich der Schöpfer Cthulhus zwar auf Hodgsons Nachtland (engl. The Night Land) – der geneigte Leser möge einmal die Suche nach der schönen Naani mit Randolph Carters Traumsuche nach dem unbekannten Kadath vergleichen – doch auch in den Carnacki-Geschichten lassen sich vereinzelt motivische Ähnlichkeiten feststellen.

Die ausführlich behandelten phantastischen Elemente bergen immer ein Moment der Überraschung, sei es in der Auflösung oder im Auftreten, und häufig sind sie genuin originell; einige sind außerdem gut geeignet dem empfänglichen Leser einen Schauer den Rücken hinunter laufen zu lassen.

 

Figuren gibt es nur wenige und die werden kaum charakterisiert. Carnacki ist klug und aufmerksam, doch er neigt auch dazu unbedacht große Risiken einzugehen – jedoch nicht weil er überaus tapfer ist, sondern weil er lieber probiert als studiert. Sonst ist er ein allround-Talent: Er kennt sich mit dem Okkultismus und der Physik aus und weiß zudem mit einer Pistole umzugehen. Seine Manieren schwanken jedoch zwischen grob unhöflich und freundschaftlich jovial. Er wirkt wie ein Geek des frühen 20. Jh.

Auch wenn Carnacki nicht der erste Detektiv des Okkulten ist – hier sei nur auf Algernon Blackwoods Dr. John Silence oder Arthur Machens Mr. Dyson verwiesen – oder der letzte – man möge sich einige Folgen der Fernsehserie Akte X oder Fälle des Harry Dresden von Jim Butcher zu Gemüte führen – doch verweist er auf einen neuen Typ: der okkulte Geek – dieser findet sich sonst nur selten; er ist die zentrale Figur in Charles Stross' Abenteuer um Bob Howard (z. B.: Dämonentor).

Die anderen Figuren sind eher flache und zentrische Figuren, wie sie die Handlung erfordert.

 

Die Plots sind recht simpel: Es gibt ein mysteriöses Rätsel, man wendet sich an Carnacki. Er macht einige Beobachtungen, testet ein wenig und macht sich an die Lösung. Diese können allerdings recht unterschiedlich aussehen, was auch das ungewöhnliche an diesen Mystery-Plots ist: Mal geht es um verbrecherische Täuschung, mal um übernatürliche Ereignisse – und mal wird beides vermengt. Die Spannungsquellen sind entsprechend in erster Linie die Rätsel und nur in zweiter Linie das Grauen. Die Plots neigen dazu eher langsam zu fließen; besonders in Das Schwein, der längsten Geschichte neigt er zu belanglosen Beschreibungen.

 

Erzähltechnisch fällt eine überflüssige Schachtelung auf: Ein Ich-Erzähler besucht Carnacki, der ihm dann eine Geschichte erzählt; damit weisen die Geschichten eine strukturelle Ähnlichkeit mit den Club-Stories (z. B. Lord Dunsanys Jorkens-Geschichten) auf, unterscheiden sich in der Wirkung aber wesentlich.

Darüber hinaus ist der Stil recht zugänglich: Die Sätze lesen sich flüssig und die Wortwahl neigt zum Saloppen.

 

Eine kleine Bemerkung zum Verlag. Büchern, die im BoD erscheinen, haftet ein negativer Ruch an: Hat sich hier bloß ein Amateur selbst verwirklicht (was er – mangels Befähigung – bei den großen Verlagen nie gekonnt hätte)? Der Autor W. H. Hodgson ist ein Schwergewicht des Genres – Lovecraft beschreibt in seiner Supernatural Horror in Literature (dt. Die Literatur der Angst. Zur Geschichte der Phantastik) dessen Schwächen, aber auch Stärken sehr gut. Die Übersetzung von Martin Clauß ist durchaus gelungen und mir sind nur drei Fehler aufgefallen – das ist etwa im Rahmen der großen Verlage. Dennoch gibt es ein ärgerliches Problem: In der Geschichte Das letzte Haus haben sich drei Druckfehler eingeschlichen, die das Lesen der jeweiligen Satzanfänge erschweren. Die Geschichte bleibt lesbar, aber man wird schon sehr aus dem Lesefluss herausgerissen – schade!

 

 

Fazit:

Carnacki, der Detektiv des Okkulten, erzählt am Abend von seinen rätselhaften Fällen, in denen er sich mit trickreichen Verbrechern, sonderbaren Naturphänomen und monströsen Wesen auseinandersetzen muss. Diese Mystery-Geschichten weisen zwar manche Schwäche auf, sind aber immer noch für Freunde dieses Genres lesenswert, da die Rätsel sehr abwechslungsreich gelöst werden und es Momente echten Gruselns gibt; darüber hinaus ist es ein literaturhistorischer Meilenstein, der Manches der Geschichten von H. P. Lovecraft und heute Charles Stross vorweg nimmt. Von der Veröffentlichung im BoD-Verlag muss man sich nicht schrecken lassen, auch wenn sich die Qualität noch steigern lässt.

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Carnacki, der Geisterfinder

Autor: W. H. Hodgson

Verlag: Books on Demand; (Juli 2007)

Broschiert: 200 Seiten

ISBN-10: 3837000559

ISBN-13: 978-3837000559

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 17.09.2007, zuletzt aktualisiert: 02.08.2019 10:23