Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Das Chamäleon

Hörspiel

Humanemy 1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Lennart macht die Drecksarbeit für das System. Da ist zum Beispiel der Journalist Yamal. Eine wahre Drecksschleuder, die in letzter Zeit die Nase zu tief in die Angelegenheiten des Systems gesteckt hat. Also filzt Lennart dessen Wohnung, um belastendes Material zu finden. Tatsächlich, ein Koffer, gesichert mit dem billigen Passwort „Anitkörper“, worauf Lennarts Operator Ray schnell kommt. Dafür übersieht er, dass Yamal samt Security-Chefin Guillotine zurückkommt. Schnell versteckt – doch statt einer Konferenz bekommen Lennart und Ray einen Einblick in Yamals Sexleben: Yamal lässt sich von seiner Security-Chefin via umgeschnallten Gummi-Dildo in den Arsch ficken. Das ist besser als alles, was auf den Daten-Stick im Koffer sein könnte. Dann aber soll der Auftrag abgebrochen werden – Yamal ist tabu. Damit verabschiedet sich auch Ray und Lennart ist auf sich allein gestellt. Dumm nur, dass gerade jetzt die Guillotine auf ihn aufmerksam wird. Die ex-Profikillerin geht auf ihn lost und Lennart schießt sich einen Weg frei. Zu den Kollateralschäden gehört Yamal. Folglich ist Lennart nicht nur aus Staatsdiensten entlassen, sondern auch noch ein neues Ziel – eben noch Superagent, jetzt bloß ein gesuchter Mörder. Bald sind ihm die ehemaligen Kollegen auf der Spur. Erst einmal nicht fassen lassen, und dann, wenn man eine sichere Position gefunden hat, herausfinden, was los ist. Nur: Wo lauern keine Regierungskiller?

 

Das Chamäleon ist der erste von vier Teilen der Geschichte Humanemy, es wird also keine in sich geschlossene Geschichte, sonder viel mehr der Prolog erzählt: Wie kam Lennart in diese Breduille, und was sind die drei wichtigen Handlungsstränge. Bei letzteren handelt es sich natürlich um die Frage, was mit Yamal war und was zum Abbruch des Auftrag führte, dann um die Frage wie Lennart wieder Tritt fässt und letztlich wie es mit einigen persönlichen Feindschaften weiter geht. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf die zweite Frage: Lennart muss erst einmal wieder an Ressourcen kommen – Geld, Ausrüstung, Verbündete. An dieser Stelle ein Wort zum Setting: Humanemy ist wie Shadowrun ohne Magie: Lennart kennt einen Schieber namens „Schmidt“, bekommt später einen Rigger, einen Decker und einen Straßensamurai an die Seite und legt sich mit einer Straßengang an. Autor Stefan Lindner kann dies mit durchwachsenen Erfolg nutzen: Einerseits gibt es ein paar Standards, die wenig originell wirken, andererseits ist man quasi gleich drin, es bedarf wenig, um eine dichte Atmosphäre zu erzeugen. Auch bei den Figuren klingt deutlich eine Shadowrun-Stereotype an: Alle sind hart, cool, käuflich und haben Dreck am Stecken (bzw. Gummi-Dildo). Hier wäre ein bisschen mehr Varianz wohltuend gewesen. Genau dies gilt natürlich auch für die Hauptfigur, was dann aber in einigen Szenen wieder gemildert wird: Klar, Lennart ist ein Killer für's System, der schon mal unliebsame Opposition entsorgt, aber irgendwie hat er doch ein gutes Herz. Entweder hätte ich mir mehr Skrupel beim Morden oder weniger in anderen Situationen gewünscht. Indes: Gerade der Lennart-Typus begegnet einem in Shadowrun regelmäßig. Antihelden (bzw. unsympathische/zynische Helden) gelingen in Hörspielen wie Dorian Hunter oder Cain besser. Dagegen gibt es auch einige schöne Szenen, etwa wenn Lennart auf der Flucht vor den ex-Kollegen demonstriert, was die Fähigkeiten eines Chamäleons sind.

Insgesamt ist das Skript auf solidem Niveau durchwachsen: Es ist ein flotter, kurzweiliger Fluchtplot, mit ein paar wenig originellen Szenen, ein paar schönen Szenen und etwas zu stereotypen Figuren.

 

Die Anzahl der Sprecher ist für ein relativ unbekanntes Label sehr hoch – die Hüllenangaben nennen achtzehn Sprecherrollen und ganze siebenundzwanzig (!) Sprecher in weiteren Rollen. Mit durchgehend hohen Leistungen ist kaum zu rechnen. Tatsächlich: Kaum ein Sprecher der wichtigeren Rollen ist bekannt, die überwiegende Mehrheit hat keine Hörspielerfahrung. Dies fällt mal mehr mal minder ins Gewicht. Die zentrale Rolle ist hierbei Lennart, das Chamäleon; eingesprochen wird sie von Thomas Lindner. Er dürfte eher als Sänger der Gruppe Schandmaul, denn aus dem Hörspiel Dragonbound bekannt sein. Tausendsassa Stefan Lindner übernimmt neben Buch und Regie auch die Rolle des Hackers Bones – in puncto Hörspiel kenne ich ihn auch nur aus Dragonbound. Die beiden weiteren wichtigen Rollen werden von Patrick Borlé (Maurice, der Fahrer) und Johnny Wittermann (Center, ein Straßensamurai) eingesprochen – beide kann man aus der Lindenblatt-Records Produktion Das Déjà Vu kennen. Die vier liefern eine solide bis gute Performanz. Es gibt aber auch ein paar Veteranen wie Oliver Mink und Claudia Urbschat-Mingues. Er spricht die Introstimme, man kann ihn als Dick aus Die Fünf Freunde oder aus Die drei ??? kennen, sie spricht eine Bardame; kann man sie aus den Reihen Cain, Dorian Hunter, Gabriel Burns, John Sinclair und etlichen weiteren kennen. Die beiden sind gewohnt gut. Unter den Kleinstrollen verbergen sich noch Namen wie Philipp Gorges oder Julia Fölster. Die vielen hier ungenannten Sprecher bringen recht unterschiedliche Leistungen: Einige sind gut, andere mäßig, manche eher schwach. Insgesamt stört dies aber selten; nur der Umstand, dass besonders in der ersten Hälfte viele prollig grölende Kerle auftreten irritiert – hier wäre weniger mehr gewesen.

Die Performanz der Sprecherriege insgesamt ist wiederum auf solidem Niveau durchwachsen.

 

Die Inszenierung ist recht modern: Es gibt keinen Erzähler im eigentlichen Sinne, auch wenn Lennart gelegentlich dessen Funktion übernimmt, und die Geräusche werden untermalend, selten dramatisch benützt. Die Musiken werden meistens untermalend oder als Überleitung zwischen Szenen verwendet; die Auswahl ist übrigens sehr gelungen und reicht von esoterischen Sphärenklängen über Lounge-Musik hin zum Techno. Hinsichtlich der Tonschichten ist man zwar erfreulich wagemutig, aber leider nicht immer ganz harmonisch. Meistens sind zwei bis drei Tonsichten (Sprecherdialog und Geräusche oder Musik) zu hören. In seltenen Fällen wird eine der Schichten gedoppelt: In der Bar etwa fungiert die in der Bar gespielte Musik neben dem Stimmenwirrwarr und Gläserklingen einerseits als Geräuschkulisse, andererseits als untermalende Musik, die wiederum von einem bedrohlichen Dröhnen begleitet wird. In einer anderen Szene sprechen mehrere Figuren durcheinander – das Ergebnis ist leider kaum verständlich.

Alles in allem eine gute Inszenierung – noch ein bisschen mehr Feingefühl bei den Tonschichten, und dann spielt man in der Oberliga mit.

 

Fazit:

Troubelshooter Lennart wird während eines Auftrags fallen gelassen und bald darauf von seinen ehemaligen Kollegen gejagt – da ist doch was faul! Mit Das Chamäleon wird eine Serie in das arg vernachlässigte Feld der Dark Future-Geschichten gebracht – alleine dies ist zu honorieren. Bedenkt man, dass Lindenblatt-Records ein kleines Label ist und in Sachen Hörspiel auch eher unerfahren, dann kann man die Schwächen als Kinderkrankheiten abtun. Der Hörer bekommt eine handwerklich solide und unterhaltende Geschichte geliefert, wobei die Reihe noch viel Potenzial hat.

 

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:


Keine Einträge
Keine alten Kommentare vorhanden.

Zum Seitenanfang

Platzhalter

Hörspiel:

Das Chamäleon

Reihe: Humanemy 1

Buch: Stefan Lindner

Regie: Stefan Lindner

Label: Lindenblatt-Records

Erschienen: März 2013

Umfang: 1 CD, ca. 65 min

ASIN: B00BLMIZ0S

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher (Auswahl):

Thomas Lindner

Patrick Borlé

Stefan Lindner

Johnny Wittermann

Alex Wesselsky

Stephanie Marin

 

Weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 29.09.2013, zuletzt aktualisiert: 03.09.2018 18:38