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Der verbotene Ort von Fred Vargas

Reihe: Adamsberg & Danglard Bd. 8

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der französische Kommissar Adamsberg nimmt mit zwei Kollegen, Danglard und Estalère, an einem Kolloquium der europäischen Polizeien in London teil. Am Abend schlendert man unter der Führung des Superintendent Radstock durch die Straßen und stößt auf siebzehn vor den Toren des verrufenen Highgate-Friedhofs stehenden Schuhen, in denen noch abgesägte Füße stecken. Adamsberg ist froh, dass es die britische Polizei ist, die sich mit dieser abscheulichen Sache befassen muss, doch Danglard ist sehr interessiert an den Schuhen – er vermutet, dass ein Paar davon seinem Onkel gehörten. Zurück in Frankreich wartet auf Adamsbergs Brigade ein noch grausigeres Verbrechen: Der griesgrämige Journalist Pierre Vaudel wurde ermordet, seine Leiche mit Axt, Kreissäge und Vorschlaghammer so sehr verstümmelt, dass die kleinen Fleischfetzen und Knochensplitter, die überall im Wohnzimmer verstreut sind, kaum mehr als Leichnam zu erkennen sind. Als wäre das nicht genug, macht Mordent, einer der Ermittler, anscheinend zwei böse Fehler – es sieht fast so aus, als wenn Absicht dahinter stecke.

 

Nach dem Fuß-Fund geht es für Kommissar Adamsberg zurück nach Frankreich. Das Adamsberg-Team pendelt zumeist zwischen Paris und der nahegelegenen Gemeinde Garches. Außerdem geht es später noch nach Serbien in ein entlegenes Dorf. Das Geschehen ereignet sich in der Gegenwart (d. h. 2007-8), ohne dass explizit ein Datum genannt wird. SMS, GPS und DNS sind zwar wichtig, doch moderne Technik dominiert nicht – im Gegenteil, den Roman durchströmt eine altmodische Atmosphäre. Insgesamt wird dem Setting wenig Raum gewährt, die Beschreibungen gehen selten über das Plot-relevante hinaus. Zwar ist die Wechselwirkung zwischen Figuren und Setting gering, doch es gibt dafür eine deutliche zwischen Setting und Plot – damit wird das Setting eine höchst ungewöhnliche Mischung aus Milieu und atmosphärischer Untermalung.

Wie in den früheren Adamsberg-Romane gibt es auch in diesem einige ins Surreale reichende Momente – dazu gehört auch eine Reihe von schicksalshaften Zufällen, die nicht jeden Krimi-Leser gefallen werden. Diese Elemente haben allerdings wenig mit dem Thema Vampirismus zu schaffen, welches in diesem Roman eine Rolle spielt. Wer es ein bisschen mysteriös mag, wenn nicht alles glasklar erklärt wird, dem wird dieser Aspekt gefallen, wem das nicht gefällt, der kann leicht darüber hinwegignorieren. Nur wer handfeste Phantastik will, wird hier enttäuscht.

 

Die Anzahl der auftretenden Figuren ist recht groß. Bei ihnen handelt es sich zumeist um typenhafte Exzentriker: Da ist die rationalistische Sport-Göttin Retancourt, die Brigademutter Froissy oder der unglaublich naive Estalère – wer die älteren Adamsberg-Romane kennt, wird es mit den Polizisten etwas leichter haben und die eine oder andere Entwicklung bemerken.

Zentral ist natürlich das Ermittler-Duo Kommissar Adamsberg und Inspektor Danglard. Adamsberg ist ein langsamer, gemächlicher Mensch. Er hegt Sympathien für die Unterprivilegierten und mag enge Regulierungen nicht sonderlich. Eine Eigentümlichkeit seines Gehirns macht ihn zu einem anstrengenden Menschen und hervorragenden Polizisten: Er kann begrenzt auf sein Unterbewusstsein zugreifen. Das führt dazu, dass er keine ausgeprägten Emotionen entwickeln kann, er sehr sprunghaft in seinen Gedankengängen ist – und dass seine 'Intuitionen' sehr treffsicher sind. Er wirkt zunächst wie ein langsamer, alter Trottel – beinahe das Gegenstück zu Sherlock Holmes – doch seine Aufklärungsrate ist nicht weniger beeindruckend. Wen wundert es da, dass Danglard das Gegenstück zu Dr. Watson ist? Wo Watson Holmes Ratio für den Leser verständlich macht, macht Danglard Adamsberg 'Intuition' verständlich. Danglard ist umfassend gebildet, besitzt ein beinahe fotografisches Gedächtnis und ist ein scharfsinniger Analytiker. Außerdem ist der verantwortungsvolle alleinerziehende Vater von fünf Kindern ein manisch anglophiler Rotweintrinker.

Alle Figuren sind skurrile, schrullige Sonderlinge, manche liebenswert, andere weniger. Außerdem sind alle wichtigeren Figuren vielschichtig genug, um ein klares Gut-böse-Schema zu vermeiden: Adamsberg hat Schattenseiten, der Mörder vielleicht nicht ganz unrecht und selbst die Motive der 'verräterischen' Handlanger sind nicht völlig unmoralisch und aus der jeweiligen Perspektive nachvollziehbar.

 

Beim Plot gibt es insofern kein Rätselraten, als dass es eindeutig ein Ermittlungskrimi ist – und damit gehören Rätsel natürlich zu den wichtigsten Spannungsquellen. Wer hat Pierre Vaudel getötet? Zwar finden sich bald Verdächtige, aber keiner will so recht zur schockierenden Vernichtung der Leiche passen. Und warum wendet jemand überhaupt so viel Zeit für die Zerstörung der Leiche auf? Ist doch per DNS-Analyse schnell geklärt, wer der Tote war. Auch ein rasender Wutausbruch war es nicht – dazu hat die Tat zu viel Zeit in Anspruch genommen und war auch zu gut vorbereitet. Dann stellt sich die Frage, warum einer der Mitarbeiter die Ermittlungen stört. Hinzukommen Elemente des Thrillers – Adamsberg findet bald heraus, dass der Mörder mit ihm spielt und sein Leben der Einsatz ist.

Daneben gibt es auch einige Anspielungen. Wie erwähnt geht es auch um Vampirismus. Dabei wendet sich Vargas weniger den literarischen Vampiren oder den historischen Vampiren, sondern vielmehr den Vampiren der Sagen zu. (Ja, was für Vampire gibt es denn alles?) Das Motiv wurde in Kriminalromanen (im weiteren Sinne) schon häufiger verwendet – hier seien nur John Dickson Carrs Der verschlossene Raum, Jacques Chessex' Der Vampir von Ropaz oder Theodore Sturgeons Blutige Küsse genannt – doch Vargas verwendet es auf ungewöhnliche, originelle Weise. Während die Anspielungen auf die Sagen sehr direkt sind, gibt es auch wesentlich subtilere – welcher moderne Roman mit dem Thema Vampirismus käme schon ohne einen Kotau gegenüber Bram Stokers Dracula aus?

Wie Kommissar Adamsberg so ist auch der Plotfluss eher gemütlich und wie Adamsbergs Gedanken oftmals sprunghaft sind und Unwichtiges verarbeiten, so gibt es auch hier immer wieder Einschübe, die Nebensächlichkeiten behandeln (und den Fluss verlangsamen).

 

Erzähltechnisch ist der Roman eher konservativ, was gut zur Geschichte passt. Es gibt einen Erzählstrang, der aus einer Mischung aus auktorialer und personaler Perspektive (Adamsbergs) erzählt wird. Bisweilen werden gänzlich auktoriale Momente eingestreut. Wie üblich bei Krimis entwickelt sich die Handlung regressiv.

Die Sätze sind ein wenig länglich, aber stets gradlinig und leicht lesbar. Gelegentlich wird der Satzduktus den Ereignissen deutlich angepasst – wenn z. B. Adamsberg eine überraschende Feststellung macht, werden die Sätze knapp und prägnant. Die Wortwahl ist recht neutral, was wohl Adamsbergs Distanziertheit widerspiegeln soll, sie wird aber bisweilen von saloppen Begriffen und Bildern aufgelockert, was dem Text einen gewissen alltagssprachlichen Klang verleiht.

 

Fazit:

Adamsbergs Team muss den grausigen Mord an Pierre Vaudel aufklären, dessen Leiche völlig zermalmt wurde – die Spur führt nach Serbien. Dies ist mittlerweile Fred Vargas' achter Krimi um Adamsberg und Danglard. Wie immer geht es spannend zu, gibt es viele verschrobene Charaktere und manch bizarres Ereignis; dieses Mal wird es für Vampirismus-Freunde besonders interessant.

 

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Roman:

Titel: Der verbotene Ort

Reihe: Adamsberg & Danglard Bd. 8

Original: Un Lieu Incertain (2008)

Autor: Fred Vargas

Übersetzer: Waltraud Schwarze

Verlag: Aufbau-Verlag (April 2009)

Seiten: 423 - Gebunden

Titelbild: Andreas Heilmann & Gundula Hißmann

ISBN-13: 978-3-351-03256-2

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 15.08.2009, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27