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Die Toteninsel und andere unheimliche Geschichten von Marcel Schmutzler

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Die Toteninsel und andere unheimliche Geschichten ist eine Sammlung von fünf Horrorgeschichten im weiteren Sinne des Wortes. Abgesehen von der 2010 in der XUN Nr. 24 abgedruckten titelgebenden Kurzgeschichte sind es Erstveröffentlichungen. Die Geschichten sind recht kurz, zwischen fünf und vierzehn Seiten lang, und da das Buch ein Sedez-Format und durchschnittlich viel Weiß auf den Seiten hat, haben sie nur etwa zwei Drittel des Textes eines üblichen Oktav-Formats mit entsprechend vielen Seiten. Doch nun zu den einzelnen Geschichten.

 

Die Toteninsel (14 S.): Der Erzähler wird zu Grabe getragen. Er kann sich nicht an sein Leben erinnern, nicht einmal an seinen Namen. Als ihn die Geister der Toten zur Rede stellen, entsteht in ihm der Verdacht, dass er sich möglicherweise gar nicht erinnern will.

Requiem für einen Lebenden (6 S.): Der Erzähler fühlt sich während des Konzerts seelisch sehr unwohl. Er blickt sich um und stellt erschrocken fest, dass alle Besucher außer ihm ganz in Schwarz gekleidet sind. Und dann ist da noch jemand …

Stein zu Stein (13 S.): Der Erzähler entdeckt bei einem Museumsbesuch eine kleine, überaus einladende Tür zu einem Raum mit einer wunderschönen Frauenstatue. In der Betrachtung ihrer Schönheit versunken fällt die Tür zu – und das steinerne Frauenantlitz beginnt sich zu wandeln.

Ein endlosgeflochtenes Band (8 S.): Der Erzähler verspürt den Drang, an der Hintertür seiner Wohnung zu lauschen, hinter der ein stetiges Getrappel vom Treppensteigen zu hören ist. Eines Tages gibt er seiner Neugier nach, öffnet die Tür – und macht eine grässliche Entdeckung.

Rückkehr (5 S.): Seit seiner Kindheit verspürt der Erzähler den unwiderstehlichen Drang, sich zu verstecken. Nach und nach kann er den Drang besser kontrollieren, um nach besseren Möglichkeiten zu schauen – bis er das perfekte Versteck findet.

 

Wie der Titel schon verrät, setzt der Autor bei seinen Geschichten in erster Linie auf eine unheimliche Stimmung; tatsächlich gelingt es ihm in allen Fällen, Momente des sanften Gruselns zu erzeugen. Darüber hinaus gibt es Momente der conte cruel, wie man sie bei E. A. Poe oder Auguste Villiers de L’Isle-Adam findet, und bizarre Wunder, wie sie sich in den Geschichten J. L. Borges oder den Bildern von M. C. Escher finden lassen. Protagonist ist stets ein Ich-Erzähler, der oftmals von der hypersensiblen Empfindsamkeit der Helden H. P. Lovecrafts geprägt ist. Schließlich durchziehen ein Hauch des sinnlos Absurden und eine albtraumhafte Atmosphäre, wie sie viele Werke Franz Kafkas ausmachen, die Geschichten.

Die Sätze sind zwar recht abwechslungsreich, neigen aber zur Länglichkeit: Zweigliedrige Sätze dominieren, werden aber häufig von mehrgliedrigen oder eingliedrigen Sätzen abgelöst; selbst letztere sind von einer gewissen Getragenheit geprägt – atomare Sätze oder gar knallige Ein-Wort-Sätze gibt es nicht. Die Wortwahl ist ein wenig altertümelnd, was aber gut zum Tenor der Geschichten passt. Es zeigt sich, dass der Autor gerne Adjektive verwendet, allerdings artet dieses niemals in Ketten aus.

 

Fazit:

In fünf Geschichten müssen sensible Erzähler mit unheimlichen Situationen umgehen, wozu neben einem Totengericht auch eine Variante der belebten Statue gehört. Marcel Schmutzlers Geschichten sind durchaus gelungen: Zwar fehlt es ihnen noch ein wenig an Originalität, um nachhaltig wirken zu können, doch mittels gutem Handwerk kann er stets eine unheimliche Atmosphäre erzeugen. Man darf auf die weitere Entwicklung gespannt sein.

 

 

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Kurzgeschichtensammlung:

Titel: Die Toteninsel und andere unheimliche Geschichten

Reihe: -

Original: -

Autor: Marcel Schmutzler

Übersetzer: -

Verlag: Sonderpunkt Verlag (November 2010)

Seiten: 50 Broschiert

Titelbild: Arnold Böcklin

ISBN-13: 9-78393-329719

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 01.07.2011, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 15:57