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Gothic herausgegeben von Boris Koch

Dark Stories

 

Rezension von Cronn

 

Der neologistische Begriff »All-Age-Literatur« vermittelt das Gefühl von Moderne gepaart mit einem Hauch an Konservatismus und bezeichnet eine Form von Texten, die sich an Leser aller Altersschichten richtet. Bestes Beispiel hierfür ist „Harry Potter“, wobei sich die Zielrichtung hier erst im Laufe der Zeit herauskristallisiert hat.

Inzwischen hat sich der Begriff »All-Age-Literatur« weithin verbreitet und findet vermehrt Nachahmer. Auch im Bereich der unheimlichen Literatur respektive Phantastik wird damit operiert.

 

Gothic ist ein Buch, das man in diese Kategorie einordnen könnte. Dabei stellt »Gothic« eine Sammlung von Kurzgeschichten vor, einer Textform, die bemerkenswert selten in der deutschen Verlagslandschaft Beachtung findet. Erfreulich, dass der renommierte Verlag Beltz & Gelberg hier eine Ausnahmeerscheinung bildet.

 

Der deutsche Autor und Herausgeber Boris Koch hat sich mit seinem eigenen Verlag Medusenblut jahrelang um die deutsche Erwachsenen-Phantastik (wenn der Begriff an dieser Stelle in Abgrenzung zur „All-Age“-Definition verwendet werden darf) verdient gemacht und mit der Herausgabe seiner eigenen Werke und diejenigen deutscher Autoren a la Jörg Kleudgen, Christian von Aster und anderer die deutsche Kleinverlagsszene und Phantasik-Szene bereichert.

Einige dieser Autoren findet man nun auch in »Gothic«, das in der Herausgeberschaft von Boris Koch dieser Tage erschien.

 

Inhalt:

Enthalten sind achtzehn Geschichten, deren Spielarten der Phantastik zwischen den Bereichen „düster“ und „melancholisch“ oszillieren. Dabei fällt die große Bandbreite sowohl hinsichtlich der gewählten Sujets und Themen auf, als auch die großen Unterschiede hinsichtlich des Sprach- und literarischen Niveaus.

 

Den Anfang macht Maike Hallmann, deren Lilith über weite Strecken den Pfaden der Ghotic-Szenen-Literatur folgt. Erst das Ende kann einigermaßen versöhnen.

 

Markus Heitz folgt mit Schattenspiel und wird seinem großen Namen nicht gerecht. Seine Geschichte plätschert seicht dahin, verbleibt im kitschig-sehnsuchtsvollen Gespenster-Mystik-Bereich und endet uninspiriert.

 

Anna Kuschnarowa wartet bei Der Fahrstuhl mit einigen nett zu lesenden erotischen Komponenten auf, doch das Ende verpufft.

 

Dann folgt Markolf Hoffmann mit Die blauen Handschuhe und das Erhoffte tritt nun ein: die Geschichte funktioniert von Anfang bis zum Ende und setzt die Schlusspointe gekonnt. So muss eine Kurzgeschichte aussehen!

 

Malte S. Sembten macht bei Eine halbe Stunde zu früh bis kurz vor Ende alles richtig, zeigt Action und überraschende Wendung, doch gerade das Ende wird zur Eintagsfliege, sehr schade.

 

Amatha von Tobias O. Meißner überrascht mit einer geradezu ungewohnten Düsternis, angesiedelt im urbanen Ambiente und erinnert an die besseren Werke von Thomas Ligotti, ohne dessen sprachliche Stringenz zu erreichen, und kann gefallen.

 

Michael Tillmanns Der Hafenwirt und seine merkwürdigen Gäste ist im anachronistischen Stil verfasst und wirkt insgesamt wenig packend.

 

Auch wenn sich Kathleen Weise bei Der Wolf und das Muli sehr um Jugendkompatibilität bemüht, wirkt ihre Geschichte rund um Werwölfe und Mobbing sehr konstruiert.

 

Christopher Kloebles 13:24:51 läuft merkwürdig abstrakt am Leser vorbei, kann ihn nicht mitreißen.

 

Einzelgänger von Christoph Hardebusch, ebenfalls ein „großer Name“ als Autor, macht in seiner Story den Fehler keine Kurzgeschichte zu schreiben sondern einen Auftakt zu einer längeren Erzählung. Das Ende könnte direkt in ein zweites Kapitel münden. Und wiederum wird der Werwolf-Mythos im Zusammenhang mit Mobbing und Jugendgewalt bemüht.

 

Wolf an der Leine von Simon Weinert, erneut ein Werwolf-Thema. Die Story fesselt anfangs durch gute Dialoge und Personenführung, wird in der Mitte aber abstrus und versickert am Ende ohne Pointe oder Schluss-Höhepunkt und führt sich damit als Kurzgeschichte selbst ad absurdum.

 

Im Nebel von Uwe Voehl greift hier besser an. Die Schilderung der Wartenden und die Atmosphäre im Fährhaus ist packend und dicht. Und am Ende wartet der Autor sogar mit einer geschickt eingesetzten Wendung auf.

 

Nicht von dieser Welt stammt von Jörg Kleudgen und beschreibt das Verschwinden eines Jugendlichen in der Welt eines Computerspiels. Leider ist die Story vorhersehbar und das Ende wirkt lustlos. Auch die Sprache erscheint uninspiriert. Andere Geschichten des Autors sind um Längen besser als diese.

 

Melanie Stumms Die Kerze im Spiegel wechselt Ort und Szenerie nach Japan. Dabei geht sie sehr geschickt vor und zeichnet ein in sich stimmiges Atmosphärenbild, ehe sie die Geschichte beginnen lässt. Eine überraschende Pointe am Schluss gepaart mit einer überzeugenden Recherche-Arbeit zum Hintergrund machen die Kurzgeschichte zu einem Lesevergnügen und einer echten Überraschung im Band.

 

Viola von Sylvia Ebert variiert erneut das Thema »Jugendliebe unter phantastischen Blickwinkeln« und reiht sich somit in eine Reihe der Autoren dieses Bandes ein. Die Geschichte ist sicherlich nicht uninteressant geschrieben, ermangelt aber eines wirklich vorhandenen Originalitäts-Faktors.

 

Boris Hillens Avezzano macht richtig, dass er den Schauplatz wechselt und seine Erzählung auf Kreta ansiedelt. In etwas gespreizt wirkender Sprache verfasst, aber dennoch literarisch anspruchsvoll gestaltet, schildert der Autor seine Mär von der Spukgestalt des Schäfers und seiner bizarren Herde in verschachtelter Weise und liefert damit eine nicht einfach zu lesende, aber sprachlich und inhaltlich packende Kurzgeschichte ab.

 

Das Ende der Kindheit von Christian von Aster berichtet um einen merkwürdigen Spielzeugsammler und seine Beweggründe. Warum die Story im anglo-amerikanischen Sprachraum angesiedelt ist, wird nicht klar und wirkt damit unmotiviert. Dennoch ist die Sprache gekonnt und die Story spannend bis zum überraschenden Schluss.

 

Michael Marraks Liliths Tochter schildert seine Version der Lilith-Alraune-Sage in einer gekonnten Sprachmanier, bemüht sich um interessante Details und bereichert so den Band. Leider brechen einige humorige Dialog-Sätze die ansonsten durchgehaltene düstere Stimmung, sodass die Einheit des Effektes der Story nicht konsequent durchgehalten wird.

 

Fazit:

Insgesamt zeigt sich bei »Gothic« die interessante Tendenz, dass viele der vermeintlich »großen Namen« im Bereich der Kurzgeschichte enttäuschen und einige der Szeneautoren zu überzeugen wissen. Leider sind viele Storys dabei, die in der Sammlung nicht gefallen können, so dass »Gothic« als Storysammlung insgesamt sehr durchwachsen wirkt und gerade noch im Mittelfeld der Bewertung angesiedelt werden kann.

Was »Gothic« vor dem Abrutschen bewahrt, sind die wirklich exquisiten Erzählungen, die bereits gewürdigt wurden und die zeigen, was die unheimliche Phantastik als Genre zu leisten imstande sein kann.

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Eure Meinung:

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Gothic

Dark Stories

Herausgeber: Boris Koch

Taschenbuch, 208 Seiten

Beltz u. Gelberg, 18. März 2009

 

ISBN-10: 3407741200

ISBN-13: 978-3407741202

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Maike Hallmann – Lilith
  • Markus Heitz – Schattenspiel
  • Anna Kuschnarowa – Der Fahrstuhl
  • Markolf Hoffmann – Die blauen Handschuhe
  • Malte S. Sembten – Eine halbe Stunde zu früh
  • Tobias O. Meißner – Amatha
  • Michael Tillmann – Der Hafenwirt und seine merkwürdigen Gäste
  • Kathleen Weise – Der Wolf und das Muli
  • Christopher Kloebles – 13:24:51
  • Christoph Hardebusch – Einzelgänger
  • Simon Weinert – Wolf an der Leine
  • Uwe Voehl – Im Nebel
  • Jörg Kleudgen – Nicht von dieser Welt
  • Melanie Stumm – Die Kerze im Spiegel
  • Sylvia Ebert – Viola
  • Boris Hillen – Avezzano
  • Christian von Aster – Das Ende der Kindheit
  • Michael Marrak – Liliths Tochter

Weitere Infos:


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Erstellt: 22.04.2009, zuletzt aktualisiert: 13.08.2019 17:04