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In den finsteren Wäldern von Richard Laymon

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Neala und Sherri sind beste Freundinnen und sehnen sich nach einer Auszeit. Die Aussicht auf einen Wochenendtrip sieht daher nicht nur äußerst viel versprechend aus, sondern wird gleich auch eilends in die Tat umgesetzt. Nichts ahnend, beschließen die beiden jungen Frauen einen kurzen Stopp im lokalen Diner der Kleinstadt Barlow zu machen – ein mächtiger Fehler, wie sich zeigen wird …

 

Fast zur gleichen Zeit beschließt ein anderes Quartett von Urlaubern – bestehend aus Vater Lander Dill, Mutter Ruth, Töchterchen Cordelia sowie deren Freund Ben – für die anstehende Nacht das nächstbeste Motel anzusteuern. Dabei kristallisiert sich für Lander schon sehr bald heraus, dass die forschenden Finger von Ben und die auf Hochtouren arbeitenden Östrogene seines vorlauten Töchterchens harmlos sind mit den Schrecken, welche mit der Nacht über ihn und die anderen kommt. Grob und gnadenlos werden sie von einem Mob misshandelt, entführt und an eine Art Ritualstätte gebracht, wo sie den geheimnisvollen Krulls dargeboten werden sollen; in den Wäldern lebende, barbarische Kreaturen mit einer besonderen Vorliebe für Menschenfleisch. Und sie sind nicht die einzigen – auch Neala und Sherri warten, mit Handschellen an einen Opferbaum gefesselt, auf ihr bevorstehendes Ende. Allerdings haben sie und auch der Trupp aus Barlow die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ausgerechnet jetzt überkommen Johnny Robbins Zweifel an seiner Tat – und amouröse Gefühle für Neala. Was spräche auch dagegen, gemeinsam mit ihr dem Irrsinn zu entkommen und irgendwo in der Fremde ein neues Leben zu beginnen; ohne Krulls und den ganzen restlichen Mist, der in und um Barlow regiert?

Gesagt, getan. Doch die Rettungsaktion endet in einem Fiasko. Von den Krulls verfolgt, fliehen Johnny, Neala, Sherry und die Dills in die Wälder. Ein unmenschlicher Kampf ums nackte Überleben hat begonnen …

 

Ganz klar: Es ist ein mehr als bekanntes Feld, welches von Altmeister Richard Laymon beackert wird. Jedoch sollte man sich beim Lesen stets vor Augen führen, dass In den finsteren Wäldern bereits vor mehr als drei Jahrzehnten verfasst wurde, zu einer Zeit also, in der das Sub-Genre »Backwoods-Horror« (also Hinterwäldler-Horror) zumindest literarisch noch in den Kinderschuhen steckte. Apropos: wer jetzt an diverse, gemeine Exploitationwerke von einst denkt, der irrt sich nicht – und Richard Laymon schien ebenfalls mehr als vertraut mit ihnen gewesen zu sein. The Hills have Eyes (1977), Das letzte Haus links (1972), Muttertag (1980) oder auch Ich spuck auf dein Grab (1978) – zunächst wird man das Gefühl nicht los, als habe sich Laymon einfach der besten Versatzstücke bedient, alles in einen Mixer geworfen und die Pürier-Taste gedrückt.

Doch ganz so simpel ist es dann doch nicht. Denn so hart die erwähnten Machwerke auch sein mögen – Laymon übertrifft sie. Von Anfang an ist er schneller, brutaler und überraschender. Atempausen? Wenn überhaupt, dann treten sie in höchst komprimierter Form auf. Aussagen, welche wohl spätestens jetzt auch den letzten Twilight-Leser und/oder Freund des gepflegten Schauderns in die Flucht getrieben haben sollten. Falls hier etwas gepflegt wird, dann ist es die Entschlossenheit des Autors, in Sachen Härte und umherspritzenden Körpersäften neue, bislang ungeahnte Dimensionen zu erschließen – mit Erfolg. Selbst für heutige Verhältnisse liegt der zweite Richard Laymon-Roman deutlich über dem blutigen Durchschnitt.

Was unweigerlich zur Frage führt, wie die Lektoren von einst auf solch einen gnadenlosen Ritt reagiert haben möchten. Die Antwort darauf gibt es im Vorwort von Laymons Tochter Kelly – und sie fällt nicht gerade aufbauend für den 2001 verstorbenen Autor aus, erklärt aber letztlich, warum Richard Laymon im eigenen Land stets unter »Ferner liefen« rangierte. Ähnliches musste ja auch kein Geringerer als Jack Ketchum erfahren, der fast parallel zu Laymon mit Beutezeit ein in Sachen Brutalität und Thematik ähnlich geartetes Elaborat auf den Markt bringen wollte und dem letztlich dank der radikalen Änderungen von Seiten seines Verlages mehr oder weniger das Genick gebrochen wurde.

Doch damit sind die Parallelen zwischen Laymon und Ketchum längst nicht beendet. So pflegen beide Autoren einen verhältnismäßig überschaubaren, aber stets messerscharfen Sprach- und Handlungsfluss, bei dem jedes Wort, jeder Satz perfekt sitzt. Hier wird nicht lange geschwafelt, sondern ohne Umwege direkt zum Kern des Schreckens vorgedrungen – ähnlich wie es Altmeister Robert Bloch in seinem wegweisenden Schocker Psycho (1959) vorgemacht hat. Freilich ohne die Kenntnis des subversiven Wesens der B-Movie-Bewegung der späten 70er und frühen 80er Jahre.

Doch wo Ketchum die dunkelsten Seiten der menschlichen Natur extrapolieren wollte, strebt Laymon einem anderen Ziel entgegen. Er will seinen geneigten Leser einfach nur am Kragen packen, ihn ordentlich durchrüttelt und erschöpft, schockiert aber hochzufrieden zurücklassen. Ein Vorhaben, welches ihm mit Bravour gelungen ist. Doch stellenweise kann auch er es nicht lassen; fällt der Vorhang der vermeintlich zivilisierten Menschen und offenbart ungeschönt deren animalisches Naturell. Ein Bonus, der dem Roman noch mehr Klasse verleiht, wenngleich in Laymons späteren Werken noch ausgiebiger darauf eingegangen wird. Man kann es aber letztlich dennoch drehen und wenden wie man will: Mit In den finsteren Wäldern präsentiert sich Richard Laymon in absoluter Weltklasse-Form und unterstreicht beeindruckend, warum er weiterhin von Legionen treuer Leser und Autorenkollegen geliebt und bewundert wird – unter anderem auch von dem australischen Durchstarter Brett McBean, der das Nachwort zum Roman beisteuerte.

 

Wenn überhaupt, so sind die einzigen Haare in dieser goregetränkten Suppe hie und da auftretende, ein wenig irrational wirkende Handlungen (wobei man wohl kaum behaupten kann, dass Menschen in Extremsituationen stets logisch und besonnen reagieren) und kleine Brüche mit der Logik – wahrscheinlich, weil Richard Laymon beim Schreiben die sprichwörtlichen »Pferde durchgegangen sind«. Doch beides lässt sich locker verschmerzen. Ein großes Lob muss ferner auch an den Übersetzer Richard Krug gerichtet werden, der Laymons filmisch-knackigen Stil samt der dazugehörigen Atmosphäre perfekt ins Deutsche übertragen hat.

 

Fazit:

Blutfontänen, abgetrennte Gliedmaßen und Genitalien, Kannibalismus, nackte Haut – „In den finsteren Wäldern“ ist ein Überfallkommando von einem Buch. Von Beginn an drückt Laymon voll aufs Gas und denkt nicht im Traum daran, das Tempo zu drosseln. Vor dem Start dieser irrwitzigen Fahrt sollten geneigte Leser daher auch besser ihren Sicherheitsgurt kontrollieren – und gegebenenfalls einen Eimer parat halten. Definitiv einer der härtesten Vertreter seiner Art, aber auch einer der besten – und zudem eine der herausragendsten Laymon-Übersetzungen überhaupt.

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Buch:

In den finsteren Wäldern

Originaltitel: The Woods are Dark

Autor: Richard Laymon

Übersetzer: Michael Krug

Taschenbuch, 256 Seiten

Festa Verlag, 14. Oktober 2011

 

ISBN-10: 3865521002

ISBN-13: 978-3865521002

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 13.11.2011, zuletzt aktualisiert: 12.07.2019 15:15