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Interview mit Matthias Oden

geführt von Ralf Steinberg

 

Matthias Oden lieferte mit seinem Debütroman Junktown einen der interessantesten deutschsprachigen SF-Romane des Jahres 2017 ab. Grund genug, ihm ein paar Fragen zu stellen:

 

Matthias Oden, Foto von Sarah El-Wassimy
Matthias Oden, Foto von Sarah El-Wassimy

Fantasyguide: Hallo Matthias, nach Horror-Storys und journalistischen Arbeiten erschien nun von Dir ein SF-Roman. Hast Du damit Deine literarische Heimat gefunden oder bist Du weiterhin auf der Suche?

 

Matthoas Oden: Journalismus war lange Zeit mein Beruf, die Tätigkeit, die meine Miete zahlte. Das andere war mein privates Schreiben, und beides hatte und hat nur begrenzt miteinander zu tun. Bei beidem beschäftige ich mich mit Sprache, aber das war es dann auch eigentlich schon mit den Gemeinsamkeiten. Und es stimmt, Horror ist etwas anderes als SF, aber letztlich sind beide doch nur Spielarten phantastischer Literatur. Und das ist das Obergenre, indem ich mich wohl fühle. Ob das nun Horror, SF, Fantasy oder noch etwas anderes ist, ist nicht so wichtig. Hauptsache es hat ein phantastisches Element.

 

Fantasyguide: Dystopien gibt es wie Sand am Meer. »Junktown« erinnert an die Klassiker des Subgenres ebenso wie an jüngere Werke – welche Lektürebasis besitzt Du? Liest Du überhaupt Science-Fiction? Wenn ja, welche Werke faszinierten Dich zuletzt?

 

Matthoas Oden: Ich fürchte fast, dass ich bei jüngeren Dystopien passen muss. The Hunger Games könnte ich anbieten, aber die kenne ich nur als Filme. Oder Schule der Arbeitslosen, das ist jetzt allerdings auch schon wieder elf Jahre alt. Aber natürlich stehen die Klassiker in meinem Bücherregal: 1984, Clockwork Orange, Schöne Neue Welt (das ich übrigens ziemlich, ziemlich oll finde, auch wenn die Thematik von »Junktown« eine gewisse Ähnlichkeit besitzt), Vaterland, V for Vendetta und so weiter. Ansonsten teilt sich mein Bücherregal zu etwa gleichen Teilen in Science Fiction, Horror und Fantasy auf. GRRM ist natürlich ein gigantischer Geschichtenerzähler, aber unerreicht sind für mich Thomas Ligotti und China Mieville.

Ligotti, weil niemand es schafft, derart unwirklich zu schreiben wie er. Und Mieville sprengt Genres mit einer Chuzpe und mit einem Ideenreichtum, dass man einfach nur staunen kann. In letzter Zeit begeistert hat mich die Reihe Hiobs Spiel von Tobias Meißner – harter, kaputter Stoff, aber geschrieben mit liebevoller Phantasie. Ich mag so was.

 

Fantasyguide: Im Netz wurde darüber gestritten, ob Du Dich etwas zu sehr durch Angst und Schrecken in Las Vegas von Hunter S. Thompson hast inspirieren lassen. Siehst Du da Probleme?

 

Matthoas Oden:

Ich glaube nicht, dass man zuviel von Hunter S. Thompson inspiriert sein kann. Auch wenn Fear and Loathing und »Junktown« völlig andere Geschichten erzählen, glaube ich nicht, dass es mein Buch ohne seines gegeben hätte. Aber Deine Frage zielt ja auf etwas anderes ab, nämlich auf einen Thread auf sf-fan.de, der eine Stelle in »Junktown« moniert, weil sie zuviel Ähnlichkeit mit einer Stelle aus »Fear and Loathing in Las Vegas« hat. Ich kann das überhaupt nicht abstreiten, will ich auch nicht, im Gegenteil. Ich bin etwas erstaunt, dass das Zitat nicht in seiner ganzen Dimension erkannt wird. Die gesamte Flashback-Szene ist schließlich eine ziemlich enge, kaum abgewandelte Wiedergabe von Thompsons berühmter Wave Speech, und die beginnt mit »seltsamen Erinnerungen«. Dieses Stück Literatur hat mich, als ich das erste Mal drauf gestoßen bin, wahnsinnig berührt – und tut es noch immer. Ich kenne keinen Text, der mehr nachdenkliche Melancholie transportiert als dieser, keinen, der poetischer ist. Der Flashback ist eine tiefe, tiefe Verbeugung vor Thompson – tatsächlich ist die gesamte Müllkippenszene nur geschrieben, damit Solomon Cain auf einen Hügel klettern kann, um von dort die Hochwassermarke zu sehen, an der die Welle sich brach und zurückrollte. Dass die Leiche Thons an den Rand der Stadt gekarrt wird, um sie auf der Müllkippe zu entsorgen, ist ja eigentlich etwas konstruiert: Man hätte sie auch irgendwo anders verschwinden lassen können, an einem Ort, der näher ist oder an dem sie weniger leicht gefunden wird, aber ich brauchte Hügel. Und in einer Stadt wie Junktown war klar, dass dafür nur alte Müllberge in Frage kommen würden. Dieses wunderbare Stück Poesie einzubauen und anzupassen, war von Anfang Plan gewesen: Es passt hervorragend zu Cains Charakter, weil es genau ausdrückt, was er fühlt. Und im Original scheitert die Bewegung, weil sie zu passiv ist und die Gunst der Stunde verstreichen ist. In »Junktown« gewinnt sie zwar die Oberhand, aber danach lehnt sie sich zurück, während ihre Ideale pervertiert werden. Die Situationen sind also komplett unterschiedlich, aber in ihrem Ergebnis gleich. Das, diese Unausweichlichkeit des Scheiterns, fand ich interessant, und damit wollte ich spielen.

 

Und zu der Frage ob das ein unerlaubtes Abschreiben ist: Ich gebe Thompson in der Danksagung Credit dafür, insofern zitiere ich ja nicht, ohne den eigentlichen Verfasser zu erwähnen. Das wäre bei der Größe des Zitats ziemlich dreist gewesen. Dass ich in einem Roman nicht mit Fußnote arbeite, ist, denke ich, okay. So sieht es übrigens auch der Verlag, den ich natürlich darauf hingewiesen habe. Ich mag solche intertextuellen Referenzen. An anderer Stelle gibt es ein kurzes Zitat aus einem Flugblatt der Weißen Rose, wieder an anderer eine deutliche Anspielung auf Himmlers Posener Rede. Mich freut es als Leser immer ungemein, wenn ich so etwas entdecke. Das ist wie eine Zusatzebene, die der Text plötzlich bekommt, die wie etwas für Eingeweihte ist und zum Spekulieren und Nachdenken anregt. Als ich etwa das erste Mal True Detective sah und Mcconaugheys Monologen zuhörte, ging mir irgendwann auf, dass ich diese Sätze kenne – und fand es großartig, dass die Serie aus Thomas Ligottis Essay The Conspiracy against the Human Race zitiert. Ich hatte ja schon gesagt, Ligotti ist einer meiner Lieblingsautoren, und es war toll, ihm an dieser Stelle zu begegnen.

 

Fantasyguide: Der Anfang Deines Romans beschreibt in sehr deutlichen Worten mehrere biologische Probleme Deiner Hauptfigur. Der krasse Ton schwindet im Verlauf der Handlung. Warum solch ein kräftiger Einstieg?

 

Matthoas Oden: »Biologische Probleme«, das hast du schön umschrieben … Aber ein kräftiger Einstieg ist doch allemal besser als ein schwacher, oder? Allerdings kannst du so eine Wucht nicht den ganzen Roman über durchhalten, dann wäre er zu laut und würde den Leser irgendwann rausschmeißen. Du musst also die Lautstärke variieren, mal runter und mal wieder rauf steuern, und dafür hast du dann verschiedene stilistische und dramaturgische Optionen. Tatsächlich hat ja auch die Art des Einstiegs eine erzählerische Funktion: Solomon Cain, der Protagonist, steht zu Beginn des Romans unter Droge. Er fühlt sich beschissen, weil sein Körper mit den Nebenwirkungen kämpft, und ich wollte, dass das auch sprachlich rüberkommt. Alle Szenen, in denen Cain im weiteren Verlauf Drogen nimmt, haben ihre eigene Tonalität. Drastische Sprache ist die der ersten. Allerdings verschwindet die nicht komplett, dafür gehört sie zu sehr zu Cains Charakter.

 

Fantasyguide: Der einzelgängerische Ermittler ist ein Standardbaustein des Hardboiled-Krimis. Handhabt sich solch eine Figur leichter als etwa ein weltgewandter Charmeur? Bedingte Deine selbstzerstörerische Gesellschaft eine ebensolche Figur im Zentrum?

 

Matthoas Oden: Der Charmeur hätte nicht ins Setting gepasst. Die Gesellschaft in »Junktown« ist kaputt und von Charme so weit entfernt wie nur irgend möglich. Eine optimistische Figur mit geschliffenen Umgangsformen und feingeistiger Intellektualität hätte also gar keine Ebene gefunden, auf der er auf seine Weise mit seiner Umgebung hätte agieren können. Insofern war das die natürliche, weil einfachere Wahl. Aber ich wollte auch nicht den Untergang eines Sonderlings beschreiben, der einfach keinen Zugang zu der Welt findet, in der er leben muss. Sondern den Konflikt eines Außenseiters, der sehr wohl versteht, wie seine Gesellschaft funktioniert, aber sie letztlich aus Gewissensgründen ablehnt.

 

Fantasyguide: Deine Beschreibung des Rauschsicherheitshauptamtes erinnert stark an die Reichskanzlei Hitlers. Aber auch andere architektonische Schauplätze greifen die monumentale Bauweise der Nazi-Zeit auf. Warum verbindet sich für Dich ein totalitäres Staatswesen mit einer derartigen Architektur?

 

Matthoas Oden: Weil totalitäre Systeme immer auch eine totale Architektur haben, die den Einzelnen zusammenschrumpfen lässt und ihm seine Nichtigkeit angesichts der in Stein manifestierten Ideologie aufzeigen soll. Das ist in den Bauten des »Dritten Reichs« ebenso zu erkennen wie in denen der Sowjetunion oder Nordkoreas. Für mich war das die einzig sinnvolle Art, die politische Architektur Junktowns zu beschreiben. Denn so abgedreht die Ideologie auch sein mag, die sie errichten ließ, sie funktioniert am Ende doch nach den ewig gleichen Mustern der Unterdrückung.

 

Fantasyguide: Neben dem Dritten Reich gibt es auch sprachliche Verbindungen zur DDR. Steckt hinter dem Tripbant mehr als ein Wortwitz?

 

Matthoas Oden: Wenn es nur ein Wortwitz gewesen wäre, wäre er ziemlich schnell abgenutzt gewesen. Die Sprache der Diktatur in »Junktown« ist eine Anlehnung an den NS- und Sowjetsprech, weil ich damit eine ganz bestimmte Atmosphäre heraufbeschwören wollte. Und weil die Lehnwörter bekannt sind, lassen sich auch die Wortneuschöpfungen verorten. Der Tripbant ist dabei ja tatsächlich das harmloseste Beispiel. Ein anderes, das Rauschsicherheitshauptamt, für das natürlich das RSHA der Nazis Pate stand, hast du bereits erwähnt. Es sind Vokabeln wie diese, die die Menschenverachtung des Systems quasi vorwegnehmen.

 

Fantasyguide: Staatlich verordneter Drogenkonsum und damit verbunden ein ständiger Rauschzustand der Protagonisten könnte schwierig umzusetzen sein. Du umgehst stilistische Hürden, indem Du eine abnehmende Wirksamkeit durch regelmäßigen Gebrauch voraussetzt. Hat es Dich nicht gereizt, mehr mit sprachlichen Mitteln zur Darstellung von Bewusstseinstrübungen zu arbeiten?

 

Matthoas Oden: Die abnehmende Wirksamkeit habe ich mir ja nicht einfach ausgedacht. Toleranzentwicklung ist ein neurochemischer Fakt, eine Begleiterscheinung von ziemlich vielen Drogen. Wenn dich Dein morgendlicher Kaffee nicht mehr so wach macht wie früher, dann ist das genau dieses Phänomen, nur eben auf einem ganz anderen Level. Und in einer Welt, in der Drogenkonsum das gesellschaftliche Fundament ist, muss Toleranzentwicklung einfach ein weit verbreitetes Problem sein. Aber ich wollte ohnehin keinen Roman über Drogenkonsum schreiben. Davon gibt es schon so viele. Ich wollte einen Roman über eine Gesellschaft schreiben, in der Drogenkonsum Staatsdoktrin ist. Die Sinneseindrücke, die Leute auf Drogen haben, braucht es dafür nur bedingt. Und wo sie eine dramaturgische Rolle spielen, gibt es sie dann auch in »Junktown« - an einer Stelle findet sich das sogar im Layout wieder.

 

Fantasyguide: Vermutlich hast Du nicht alle Substanzen testen müssen, um sie im Roman verwenden zu können – wie sah Deine Recherche für »Junktown« aus?

 

Matthoas Oden: Korrekt, das wäre ein bisschen anstrengend geworden — und dem Einhalten der Deadline wahrscheinlich auch nicht ganz zuträglich gewesen. Ich habe während des gesamten Schreibens eine halbe Flasche Whisky und vielleicht drei Bier verbraucht. Mehr wurden es dann, als ich damit fertig war. Recherchiert habe ich allerdings ziemlich viel: Meine Browser-Historie sah zeitweise aus wie der Verlauf eines manischen Junkies. Und ich habe mir bestimmt ein paar Stunden lang Videos von Leuten angesehen, die sich einen Schuss setzen. Immer und immer wieder. Die Szene, in der sich Cain Heroin spritzt, ist mehrere Seiten lang, weil ich sie runterbreche bis ins kleinste Detail. Damit das glaubwürdig rüberkommt, musste ich wissen, wie es geht und worauf es ankommt. Die Zubereitung des Schusses, das war kein Problem. Aber all die Nadeln, die in dick abgebundene Venen fahren – das war eine reichlich bizarre, beinahe schon physisch unangenehme Erfahrung.

 

Fantasyguide: Die Gesellschaft von »Junktown« steht vor dem Kollaps. Konsum von Drogensüchtigen zu fordern ist das eine, das andere ist der Erhalt der Produktivität. Dieses System stellst Du als extrem instabil dar, trotz diversen wissenschaftlichen Fortschritts. Kann es die perfekte Diktatur überhaupt geben?

 

Matthoas Oden: Ich glaube, Nordkorea macht in dieser Hinsicht einen ziemlich guten Job. Ein quasireligiöser Staatskult, keine nennenswerte Opposition, und trotz internationaler Paria-Rolle fest im Sattel – da kann sich manch Diktator einiges von abschauen. Wie die seit Jahrzehnten das Spiel aus durchdachter (Schein-)Eskalation betreiben, dabei Verbündete wie Gegner gegeneinander ausspielen, in Schach halten und ihre eigene Position ausbauen, das ist Machtpolitik auf ganz hohem Niveau. Volatil ist diese Situation ja auch erst durch die Unberechenbarkeit Donald Trumps geworden.

 

Fantasyguide: Das konsumistische Ordnungsprinzip kann man durchaus auch als Kritik oder Extrapolation unserer heutigen Konsumgesellschaft begreifen. Die Freiheit für Spaß und Konsum klingt ja erst einmal auch nicht schlecht. Welche Grenzen würdest Du ziehen wollen? Bücherkauf ist top, Auto hop?

 

Matthoas Oden: Ich möchte da überhaupt keine Grenzen ziehen. Das soll jeder für sich selbst entscheiden, wo Konsum zum Exzess wird. »Junktown« ist ja auch kein Buch, das Drogenkonsum verteufelt, im Gegenteil. Solomon Cain ist zutiefst davon überzeugt, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, Drogen zu nehmen. Nur das, was das System daraus gemacht hat, die Pervertierung zum Zwangskonsum, das stößt ihn ab. Am Ende geht es ihm um Freiheit.

 

Fantasyguide: Es geht in »Junktown« auch um die Möglichkeiten des Staates, seine BürgerInnen perfekt zu kontrollieren. Die Erfassung von Bio-Daten ist schon heute grundsätzlich möglich. So weit weg bist Du gar nicht mit Deiner Zukunftsvision, oder?

 

Matthoas Oden: Zumindest was die Überwachungsmethoden angeht, stimmt. Das war auch etwas, was mich an dem Setting gereizt hat: die Staatstreue eines Bürgers an seinen Blutwerten ablesen zu können. Den Körper also in den Dienst der Obrigkeit zu stellen und ihn gegebenenfalls als Beweismittel gegen seinen Besitzer zu verwenden, das ist eigentlich eine ziemlich gruselige Vorstellung. In Corpus delicti von Juli Zeh klingt ja bereits im Titel etwas ganz ähnliches an. Übrigens ein tolles Buch.

 

Fantasyguide: Die HWMs scheinen für »Junktown« eine große Bedeutung zu haben, immerhin war auch das Opfer eine solche intelligente Maschine. Aber im Roman sind sie aber doch eher ein vergnügliches Beiwerk ohne echte Funktion für die Handlung. Hattest Du Scheu davor, dass eine zu tiefe Einbindung in Richtung Matrix führen konnte?

 

Matthoas Oden: Der Mord an einem HMW ist der Auslöser der gesamten Handlung. Diese Maschinen sind also mehr als nur Beiwerk. Und sie tragen entscheidend mit zur Atmosphäre einer technisierten Welt bei, in der der Mensch wichtige Aufgaben einfach abgegeben hat, weil er zu kaputt ist, um noch richtig arbeiten zu können. Aber das ist genau der Unterschied zu einem Szenario à la »Matrix«: Der Feind in der Welt von »Junktown« sind nicht die Maschinen, sondern der Mensch. Deswegen ist Solomon Cain ja auch zur Gemapo gewechselt, zur Geheimen Maschinenpolizei: Er kann mit den Menschen nicht mehr; die verhältnismäßig unpolitische Arbeit in dieser Behörde ermöglicht ihm weiterzumachen.

 

Fantasyguide: Wie bist Du bei der Festlegung des technologischen Niveaus Deiner Welt vorgegangen?

 

Matthoas Oden: Das kam ziemlich von selbst. Ich wollte keine Hochglanz-Welt, sondern ein raues, tristes Panorama, das von Verfall geprägt ist. Das ist leichter mit gigantischen Industrieanlagen zu erreichen, mit Kolbenstangen und Tanks und Förderbändern als mit digitalisiertem Hightech. Ich wollte eher eine DDR auf Speed erschaffen als ein neues Gattaca. Gleichzeitig sollte die Welt vertraut, aber eben auch befremdlich wirken, leicht neben der Spur eben. Deswegen gibt es diese ganzen Retro-Elemente. Und so kam eine Welt heraus, in der Maschinen Menschen ausbrüten und Gefühle destilliert werden können, Daten aber noch auf Lochkarten gespeichert werden und Ferngespräche von Telefonistinnen hergestellt werden müssen.

 

Fantasyguide: Es gibt in »Junktown« eine Sexszene die an »1984« erinnert. Ging es Dir nur um eine solche Reminiszenz?

 

Matthoas Oden: Findest du? Ich musste die Szene in »1984« noch einmal nachlesen, weil ich sie nicht mehr im Kopf hatte, und die ist doch recht anders: Bei Orwell ist das ein kurzer Absatz, der kaum auf Details eingeht, außerdem findet die Szene auf einer Lichtung im Wald statt. Die in »Junktown« ist ein ziemlich großes Stück expliziter und hat ein Bett als Handlungsort. Pate für sie stand eine Szene aus einem amerikanischen Schmuddelheft der 70er – ich hatte echt großen Respekt davor, sie zu schreiben, weil sie nicht ungelenk oder peinlich rüberkommen sollte. Also habe ich mir Inspiration bei den alten Meistern geholt … Es ging mir damit also auch nicht um eine Hommage an eine der klassischen Dystopien, die gibt es an anderer Stelle schon genug, und die eher dröge Szene aus »1984« fände ich dafür auch die falsche Wahl. Ich brauchte an dieser Stelle eine Sexszene, weil sie die Spannung auflösen sollte, die sich zwischen den beiden Beteiligten aufgebaut hatte, und weil sie die Beziehung der beiden zueinander auf den nächsten Level heben sollte. Ich hielt sie an dieser Stelle einfach für dramaturgisch notwendig. Und ich dachte mir: Wenn du schon eine Sexszene einbaust, dann bitteschön richtig.

 

Fantasyguide: Überhaupt das Thema Frauen. Weibliche Figuren sind bei Dir entweder tot oder eine klassische Femme Fatale (zumindest auf den ersten Blick). Ist diese Einseitigkeit dem Krimistil geschuldet? Denkst Du, dass Leserinnen sich mit Solomon Cain oder gar Bathseba identifizieren können?

 

Matthoas Oden: Ja, das mit den Frauen fiel mir beim Schreiben auch irgendwann auf … Ich denke, wenn du dich auf einer Hardboiled-/Noir-Schiene bewegst, dann bist du eben sehr schnell bei solchen Rollenzuteilungen. Aber machst es das leichter oder schwerer, sich über Geschlechtergrenzen hinweg mit Figuren zu identifizieren? Ich würde vermuten, dass das prinzipiell keine allzu große Rolle spielt. Ich zumindest kann mich problemlos auch mit Bathseba identifizieren. Und: Eigentlich ist sie die stärkere von beiden Charakteren. Sie ist die Frau der Tat, sie ist diejenige, die etwas bewegen will, die auf Veränderung drängt. Cain hingegen hat sich in seine innere Emigration zurückgekrochen und begnügt sich mit der Rolle des zynischen, aber letztlich passiven Betrachters. Das ist in dieser Aufteilung dann doch ein Bruch mit den Klischees.

 

Fantasyguide: Gegen Ende hin erschien mir der Kriminalfall immer unwichtiger zu werden. Zwar gibt es eine klassische Auflösung, aber eher wieder im Umfeld von »1984« bis hin zu einer stärkeren Fokussierung auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. War Dir der Fall allein zu wenig Stoff?

 

Matthoas Oden: Ich mag keine Krimis. Dieses ewige Suchen nach dem Mörder, das sich Selbstzweck ist – das ist mir zu langweilig. Natürlich hat »Junktown« starke Krimi-Elemente, aber sie sind eingebettet in einen Verschwörungskontext, dienen also einem Plot, der eher Polit-Thriller ist. Und als das war »Junktown« von Anfang an gedacht. Ansonsten hätte es das Setting ja auch gar nicht gebraucht: Ein Mordfall in einem dystopischen Setting, der einfach nur ein Mordfall ist – das wäre eine Verschwendung von Zeit und Papier gewesen.

 

Fantasyguide: Mir fiel auch auf, dass ich von Anfang an sicher war, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird. Stellt Vorhersehbarkeit für Dich ein Problem dar?

 

Matthoas Oden: Nein, gar nicht. Es gibt Geschichten, bei denen weißt du, dass alles gut ausgehen wird, und es gibt Geschichten, bei denen weißt du, dass es das nicht tun wird. Beides finde ich völlig legitim, denn eine Geschichte gewinnt ihren Reiz ja nicht zwangsweise daraus, dass dieser Punkt unklar ist. Und manche Genres bedingen nun einmal eine bestimmte Art von Schluss: Eine Dystopie kann kein Happy End haben, sonst wäre sie keine Dystopie. Am Ende muss meiner Meinung nach die Restauration des Unrechts stehen, die Wiederherstellung der Hoffnungslosigkeit. Wenn es so etwas wie Erlösung geben kann, dann höchstens auf der persönlichen Ebene. Und die findet Cain ja auch tatsächlich: Die Dämonen, die ihn das ganze Buch über gequält haben, sind am Ende nicht mehr. Cain ist mit sich selbst im Reinen. Zumindest diesen Sieg trägt er über das Regime davon, und das ist eigentlich schon eine ganze Menge.

 

Fantasyguide: Autoren einer Dystopie werden oft gefragt, ob sie sich so unsere Zukunft vorstellen. Bei »Junktown« fand ich diesen Gedanken eher unwahrscheinlich, da die zukünftige Welt doch sehr starken Modellcharakter besitzt und mit historischen Entwicklungen spielt, deren Duplizierung man sich auf gar keinen Fall wünscht. Müssen wir »Junktown« verhindern oder reicht es Dir, ein angenehmes Gruselgefühl vermittelt zu haben?

 

Matthoas Oden: Man kann natürlich ziemlich viel und nichts in »Junktown« hineininterpretieren, wenn man will. Und wenn ein Buch geschrieben ist, gehört es eh den Lesern und nicht mehr dem Autor. Ich finde beide Überlegungen völlig legitim: »Junktown« vor allem als Unterhaltungslektüre zu betrachten — oder als Auseinandersetzung mit dem Recht auf konsumtielle Selbstbestimmung.

 

Fantasyguide: Du lobst im Nachwort die Zusammenarbeit mit Deiner Lektorin Catherine Beck. Gab es Vorschläge von ihr, die Dich so richtig überraschten, oder war das Lektorat eher ein Feinschliff?

 

Matthoas Oden: Überrascht hat mich eher, was sie mir durchgehen ließ. Die Sache mit dem NDU zum Beispiel. Das ist ein ziemlich offensichtliches Wortspiel mit dem NSU, nur vertausche ich dabei die moralischen Seiten: Der Neue Diätistische Untergrund ist eine Widerstandsgruppe gegen ein Unrechtsregime, keine Mörderbande. Ich habe beim Schreiben überlegt, ob ich das tatsächlich machen sollte, sie hat überlegt, ob sie das raushaben will. Am Ende blieb der NDU drin, und wir beide — und der Verlag — können damit leben. Catherine Beck hat mir mal gesagt, dass sie niemand ist, der sich in fremden Texten selbst verwirklichen muss, und so lektoriert sie auch: mit der Geschichte des Autors im Kopf. Das ist eine tolle Eigenschaft, und ich schätze sie dafür sehr. Womit sie allerdings recht viel zu tun hatte: mit dem Rausredigieren bajuwarischer Formulierungen. Ich lebe seit 2014 in München, und mir ist erst durch sie klar geworden, wie sehr das auf meinen Wortschatz abgefärbt hat. Für einen gebürtigen Berliner ist so etwas natürlich eine ziemliche Schande …

 

Fantasyguide: Zum Beispiel?

 

Matthoas Oden:

Vor allem das Wort »schauen« war so ein Fall. Mir war überhaupt nicht klar, dass das vor allem im süddeutschen Sprachraum benutzt wird, und ich habe es meisten gewählt, wenn im Buch gesehen oder geblickt wurde. Dank Catherine Beck ist es jetzt nur noch ein Synonym, wenn die beiden anderen Verben bereits benutzt worden sind.

 

Fantasyguide: Erster Roman, gleich bei »Heyne« – wird man da größenwahnsinnig und greift nach der Weltherrschaft? Wann kommt die Verfilmung?

 

Matthoas Oden: Dass das so gekommen ist, ist in der Tat ziemlich großartig. Für Größenwahn ist es aber trotzdem noch ein bisschen früh, würde ich sagen — man muss sich ja noch Dinge offen lassen. Und wann die Verfilmung kommt? Sobald irgendjemand die Filmrechte kauft. Wenn du einen Interessenten kennst, gib ihm meine Email-Adresse.

 

Fantasyguide: Das mach ich! Welche Projekte stehen bei Dir als nächstes an? »Junktown« scheint mir auserzählt …

 

Matthoas Oden: Ich mag Junktown, die Stadt, meine ich jetzt. Und ich will nicht ausschließen, dorthin noch einmal zurückzukehren. Aber es stimmt, ich sehe gerade auch keine Geschichte, die sich anbieten würde. Das nächste Projekt steht tatsächlich auch schon fest. Es wird noch ein bisschen bis zur Veröffentlichung dauern, und ich kann deswegen nicht viel dazu sagen. Aber so viel kann ich schon verraten: Es wird wieder phantastische Literatur, es wird wieder Heyne, und es wird radikal anders als »Junktown«.

 

Fantasyguide: Vielen Dank für das Interview!

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Buch:

Junktown

Autor: Matthias Oden

Taschenbuch, 400 Seiten

Heyne Verlag, 9. Mai 2017

Cover: Das Illustrat

 

ISBN-10: 3453318218

ISBN-13: 978-3453318212

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B01N1P9Z59

 

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Erstellt: 16.10.2017, zuletzt aktualisiert: 17.11.2017 09:23