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Leichenfresser von Brian Keene

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Schwarz/Weiß, Hoffnung/Designation, Gut/Böse – neben dem »klassischen« Western dürfte es in der modernen englischsprachigen Literatur wohl keine weitere Gattung geben, bei der die Seiten so gewollt eindeutig abgesteckt sind als bei der Coming-of-Age-Geschichte. Macht ja auch Sinn, immerhin treffen in besagten, hierzulande auch gerne mit »Entwicklungsromanen« titulierten Erzählungen zumeist kindliche Helden (Unschuld) auf … Monster (Das Böse), um es mal grob zu umschreiben. Aber diese Monster, diese Ungetüme, diese kollektivierte Bösartigkeit – all dies muss nicht zwangsläufig übernatürlichen Ursprungs sein, eine Lektion, die auch manche von uns gewiss haben lernen müssen; gottlob aber nur sehr selten in jenen Ausmaßen, welche die Autoren für ihre jugendlichen Helden parat haben.

 

Wobei man in Anbetracht eines solch relativ plakativen Titels wie Leichenfresser im ersten Moment eher an markig-harten Horror Marke Richard Laymon oder – teilweise – Edward Lee denkt. Verständlich, ist Brian Keene gewiss auch kein Kostverächter; findet »sein« Horror auch nur selten im Schatten statt oder wird der Fantasie des geneigten Lesers überlassen. Aus diesem Grund hat sich Keene auch seinen Platz im Pantheon von unter anderem erwähnten Größen mehr als verdient. Auch im Falle von »Leichenfresser« wähnt man sich zunächst man sich auf der richtigen Spur, da Keenes Prolog gut und gerne als Pre-Creditszene für einen typischen 80er Jahre-Slasher Marke Freitag, der 13. hätte herhalten können: ein einsamer Friedhof, ein Sixpack Bier, ein Chevy Nova, Mucke von Prince, das hübsche Highschoolmädchen, die Aussicht auf Sex …

Keenes Verneigung vor derlei Filmen funktioniert ausgezeichnet. Nicht nur, weil er mühelos Spannung und Atmosphäre aufbauen kann. Ferner legt er seinen handelnden Personen keine dümmlichen Klischees in den Mund, nutzt er die ihm gegebenen Möglichkeiten, den beiden Akteuren Tiefe und dadurch Authentizität zu verleihen und entgeht somit der Schablonenhaftigkeit. Und dies gerade mal auf den ersten 23 Seiten!

 

Wir springen weiter, genauer gesagt auf den ersten Tag der Sommerferien des Jahres 1984. Wie jeder andere Junge in seinem Alter, ist auch Tommy Greco ganz hibbelig, was die Aussichten für die nächsten drei schulfreien Monate betrifft: ausgedehnte Radtouren in den Wald, Angeln am See, mit seinen Freunden campen … die Möglichkeiten sind gleichermaßen großartig wie unbegrenzt. Selbst das Gemurre seines Vaters, der Tommys Leidenschaft für Zeichentrickfilme á la He-Man and the Masters of the Universe oder Transformers ebenso wenig gutheißt wie dessen Sammlerleidenschaft in Bezug auf Comics, kann diese Begeisterung nur bedingt bremsen.

Wobei Randy Greco gewiss kein Tyrann ist, sondern von kräftezehrenden Doppelschichten und der Verantwortung als Ehemann und Vater schlicht und ergreifend desillusioniert wurde. Kein Vergleich zu seinem lebensfrohen und trotz seines Alters neugierig gebliebenem Vater bzw. Tommys Opa, für den es nichts Schöneres gibt, als das vormittägliche Cartoonprogramm mit seinem Neffen anzuschauen oder als Dank das Leuchten in Tommys Augen zu sehen, wenn er ihm eine Freude bereitet hat.

Trotz allem ist es gewiss ein schönes und relativ unbeschwertes Leben, das Tommy bestreitet. Im Gegensatz zu seinen besten Freunden Barry Smeltzer und Doug Keiser, die unter einem brutalen Alkoholiker als Vater (Barry) und einer geschiedenen, »Zärtlichkeiten« suchenden Mutter (Doug) zu leiden haben. Gemeinsam sind sie gewissermaßen das Trio Infernale von Spring Grove; drei Kids, denen trotz sämtlicher Unwägbarkeiten die Welt zu Füßen liegt, mitsamt den kleinen und großen Problemen – und die geradezu magisch vom Friedhof am Stadtrand angezogen werden; die eindeutigen Warnungen und Order von Barrys Vater, der dort als Friedhofswärter seine Brötchen verdient, geflissentlich ignorierend.

Die Aussicht, auf einem abgeschiedenen Teilstück einen geheimen Clubbunker zu errichten, ist einfach größer. Mit Feuereifer machen sich die drei Jungs ans Werk, ohne dabei zu wissen, welcher unvorstellbaren und tödlichen Gefahr sie ausgesetzt sind. Denn unter den alten Grabsteinen und Grabstätten existiert etwas. Alt, unheimlich, rücksichtslos. Eine Kreatur, die nach Jahrhunderten der Verdammung endlich wieder frei ist und ihren Hunger besänftigen will. Den Hunger nach dem wunderbaren, verfaulten, madenstichigen Fleisch der Verstorbenen. Denn dieses Wesen ist ein Ghoul, im Innersten genauso verdorben wie in seiner Erscheinung. Ein Leichenfresser, und zudem der letzte seiner Art; ein weiterer Umstand, den es schleunigst beenden möchte. Und dafür braucht es Frischfleisch. Der weiblichen, gebärfähigen Art. Weshalb er sich auch mit Clark Smeltzer, Barrys Vater verbündet hat: Besorgt Clark ihm junge Frauen, besorgt ihm der Ghoul im Gegenzug die in den Särgen verborgenen Schätze wie Zahnfüllungen aus Gold, teure Uhren oder Schmuck.

Die erste potenzielle Mutter ist bereits in dem unterirdischen Labyrinth des Ghouls verschwunden – Karen Moore, Tochter des lokalen Pfarrers und die ältere Schwester von Katie, Tommys erster großer Liebe. Selbst Tommy hält ein Ableben für unwahrscheinlich, immerhin kannte auch er Karens coolen Freund und seinen heißen Untersatz. Bestimmt sind die beiden bei Nacht und Nebel durchgebrannt! Als Tommy und die anderen kurze Zeit später jedoch auf ein sonderbares Höhlennetz stoßen, das sich scheinbar über den kompletten Friedhof erstreckt, ahnen sie noch nicht, wie nahe sie der Wahrheit kommen – oder das der Ghoul mit der Jagd auf die drei Buben und letztlich Katie begonnen hat; immerhin weiß er nun neben den Vorzügen von Verschwiegenheit nun auch den Geschmack von frischem, warmem Fleisch zu schätzen …

 

Mit besagtem Ghoul hat Brian Keene ein Fabelwesen »ausgegraben«, das, wenn überhaupt, nur sehr selten bislang Einzug in die Literatur gehalten hat. Außer den Märchen aus 1001 Nacht, mehreren Erzählungen von Horror-Urvater H. P. Lovecraft und unregelmäßigen Auftritten in Jason Darks John Sinclair-Romanheftreihe fallen mir jedenfalls keine weiteren nennenswerten Auftritte ein.

Sehr bedauerlich, besitzt doch das Wesen respektive die Vorgehensweise eines solchen Leichenfressers eine Komponente des Unbekannten und Ungesehenen, das zielgenau an den Urängsten nagt. Keene weiß dies und ebenso weiß er es, dies entsprechend einzusetzen. So hallt die unsichtbare, aber eben doch dauerpräsente Gefahr stets im Hinterkopf des Lesers, wenn die Handlung auf besagten Friedhof verlagert wird. Es sind wohl diese Passagen, die man innerhalb des Buchs als die unheimlichsten und horrorlastigsten bezeichnen kann; brillant ergänzt durch einen glaubwürdigen Mikrokosmos, der bis ins kleinste Detail ausgeklügelt ist und mit seinen zahllosen Referenzen an die 1980er Jahre besonders all jene, die in dieser Zeit groß geworden sind, noch zusätzlich begeistern wird. Man merkt schnell: hier plaudert Keene aus dem Nähkästchen, hier wirkt nichts erzwungen.

 

Doch wieder einmal ist das titelgebende Monster im Grunde nur ein Anstoß, den wahren Monstern nachzugehen – und die hausen nicht in stickigen Höhlen und ernähren sich von Aas. Die wahren Monster, das erkennt auch Keene, sind viel zu oft unsere eigenen Nachbarn, Mütter, Väter. Menschen, die nicht selten von jenen Lasten erdrückt werden, die sie sich zumeist selbst gar nicht aufgeschultert haben und von der daraus resultierenden Verzweiflung seelisch vergiftet werden. Bei Tommys Vater steht dieser Prozess noch aus, wohingegen er bei Dougs Mutter, die regelmäßig ihren Sohn zum Sex zwingen will und Barrys Vater schon ungemein hässliche Blüten getrieben hat. Aber trotz ihrer perversen und perfiden Machenschaften lässt sie Keene nicht zu eindimensionalen Antagonisten verfallen, deren Zweck einzig darin besteht, vom Leser gehasst zu werden. Vielmehr gesteht ihnen Keene Tiefe zu, hinterfragt er deren Motive und dringt zu den Ursachen vor – bis einem Ms Keiser und Mr Smeltzer zwar nicht leid tun, man letztlich aber eingestehen muss, dass auch sie nur Opfer einer Gesellschaft sind, die sich selbst von innen heraus zerfleischt. Traurig, aber leider sehr war. Auch heute noch. Hier darf sie dann also doch noch auftauchen, die berühmte »Grauzone«.

 

Besonders erwähnenswert müssen in dieser Hinsicht auch jene Passagen sein, die Clark Smeltzers innere Disharmonie reflektieren; seine Verzweiflung, seine Not, seine Ängste – und gegen die er nichts machen kann, außer sie kurzweilig in billigem Fusel zu ertränken, ohne dabei die Konsequenzen zu bedenken. Selten gelang Keene bisher eine solch glaubwürdige Portraitierung eines von seinen inneren und äußeren Dämonen zerfressenen Mannes. Meine Hochachtung.

 

Doch im Grunde sind es nicht nur einzelne Personen, die vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig werden – eigentlich ist es eine komplette Stadt. Wie auch schon in Eine Versammlung von Krähen, beweist Brian Keene nun in »Leichenfresser« abermals sein feines Gespür und Gehör für den »kleinen Mann«, die gewöhnliche Arbeiterklasse. Deren Nöte und Sehnsüchte.

Ganz ehrlich, außer Stephen King bekommt das momentan kein Autor aus dem Bereich Horror und Dark Fantasy so gut hin wie Keene. Und beide wissen auch, dass ihre Leserschaft nicht in Watte gehüllt ist – und was sie dementsprechend verlangen darf.

 

Nüchtern mag sich »Leichenfresser« trotz des Titels und der anfänglichen »Irreführung» wie ein typischer Roman für junge Leser anfühlen, per se kann er sogar als solcher auch durchgehen. Mit einem Unterschied: Keene hat nicht dieses weichgespülte, aufgesetzte, moralisch glänzende und letztlich widerlich daherkommende, überkorrekte Wesen intus. Sicher, hier und da wird schon mal leicht der erhobene Zeigefinger präsentiert – was man zumeist aber auch nachfühlen kann, immerhin ist Brian Keene ja auch ein Vater. Andernfalls wären die Taten des Ghouls gewiss nicht so drastisch ausgefallen, wenngleich sich Keene zu zügeln weiß. Gleichfalls aus gutem Grund, hätte überbordende Gewalt und ins Lächerlich-Gleichgültige abdriftende Bluträusche das Wesen dieses wunderbaren Romans zunichte gemacht. So aber trägt der »gesunde« Gewaltgrad sogar zur Qualität bei; fühlt man sich als Leser weder veralbert noch mit der Kneifzange angefasst. Wobei Keene letzten Endes sogar aus dem Ghoul eine im Grunde tragische Gestalt werden lässt; ein weiteres Opfer von Umständen, für die es eigentlich nichts kann. Die richtigen Monster dagegen – sie sterben nie aus. Mitunter wird man mit den Jahren sogar selbst zu einem. Ein weiterer, leider nur all zu wahrer Fakt des Lebens, den uns Keene unverhohlen vor Augen führt.

 

Fazit:

Man kann im Falle von Brian Keenes »Leichenfresser« eindeutig von einer Perle der modernen Horror-Literatur sprechen; einer nahezu perfekt ausbalancierten Mischung aus nostalgischer Coming-of-Age-Erzählung und teils atmosphärisch dichtem, teils durchaus direktem Grauen. Ein Wechselbad aus Nostalgie, Melancholie und nervösem Fingernägelkauen – und noch dazu wunderbar kurzweilig. Der weitere Beweis, dass Brian Keene schlicht und ergreifend gegenwärtig einer der besten Vertreter seiner Zunft ist.

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Eure Meinung:

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Buch:

Leichenfresser

Original: Ghoul, 2007

Autor: Brian Keene

Übersetzung: Michael Krug

Taschenbuch, 395 Seiten

Festa-Verlag, 15. August 2013

 

ISBN-10: 3865522076

ISBN-13: 978-3865522078

 

Erhältlich bei: Amazon

 

ASIN (Kindle): B00DSPAHKM

 

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Erstellt: 09.11.2013, zuletzt aktualisiert: 10.11.2020 18:24