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Necrologio herausgegeben von Jörg Kleudgen

Rezension von Carina Schöning

 

Rezension:

Der deutsche Autor Jörg Kleudgen ist in der Phantastik-Szene kein unbeschriebenes Blatt. Unter anderem hat er schon mit Alisha Bionda („Wolfgang Hohlbeins Schattenchronik“), Uwe Voehl („Cassinis Gesänge“) und Michael Knoke („Halligspuk“) zusammengearbeitet und war zwischenzeitlich auch Herausgeber bei dem mittlerweile eingestellten Kleinverlag „Goblin Press“, dessen düstere Romane und Anthologien unter Sammlern heiß begehrt und teuer gehandelt sind. Seit 1990 lebt der vielseitige Autor seine Vorliebe für dunkle Themen auch musikalisch aus. Als Frontmann und Sänger der Gothic Rock Band „The House of Usher“ kann er mittlerweile auf 20 Jahre Bandgeschichte, sieben erfolgreiche Alben sowie diverse Konzerte in Europa und den Libanon zurückblicken. Passend zum Jubiläum erscheint nun als Gesamtkunstwerk die limitierte Anthologie „Necrologio“ im Blitz Verlag und eine umfangreiche, gleichnamige DVD beim eigenen Plattenlabel Équinoxe Records.

 

Nach einem persönlichen Vorwort von Jörg Kleudgen legt Martin Schemm mit „An anomalous Species of Terror“ los, einem interessanten Essay, das die bekannte Kurzgeschichte Poes „The Fall of the House of Usher“ näher betrachtet und analysiert.

 

Michael Knoke berichtet dann in „Schattenlieder oder vom Untergang des jungen Freiherrn von Wolfenstein“ von ebendiesen. Der namenlosen Erzähler besucht nach langer Zeit erstmals seinen früheren Studienkollegen aus Göttingen. Freiherr Magnus von Wolfenstein ist schon immer ein wenig einzelgängerisch und exzentrisch gewesen, aber nun ist der Sammler von Tonbändern vollends dem Okkulten verfallen und ausgerechnet sein ehemaliger Freund soll ihm dabei helfen. Die Geschichte erinnert sprachlich und stilistisch stark an Poe, was sie aber gleichzeitig auch ein wenig zäh und vorhersehbar macht.

 

Die titelgebende Geschichte Necrologio von Walter Diociaiuti erzählt von dem kometenhaften Aufstieg und Fall der Rock Band »The Marigold Prellys«. Ein ehemaliges Bandmitglied erinnert sich an das erste Treffen mit dem seltsamen Produzenten Bela und wie die Band zusammen mit ihren Fans nach und nach immer mehr in Irrsinn und Gewalt verfallen ist.

 

Musik spielt auch in der nächsten Erzählung von Tobias Bachmann „Der Fall der Gruppe Us & Her“ eine große Rolle. Der Sänger der Band zieht ausgerechnet in das marode Haus, in dem Poes Erzählung um Roderick und der lebendig begrabenen Madeline Usher angeblich passiert ist. In den Kellergemäuern wird schnell ein eigenes Studio eingerichtet, doch schon bald passieren bei den Aufnahmen für die neue Platte merkwürdige Dinge.

 

In „Die rote Maske des Todes“ von Dominic Flenner und Jörg Kleudgen findet ebenfalls ein Sänger einer Rockband ein früheres Artefakt von Poe, das ihn und sein begeistertes Publikum schnell in den Bann zieht. Dadurch, dass die drei Geschichten stilistisch und thematisch ähnlich aufgebaut sind, wirken sie beim Lesen etwas unoriginell und langweilig. Hier ist die Reihenfolge vom Herausgeber nicht gerade glücklich gewählt, denn die einzelnen Erzählungen sind für sich genommen durchaus gut gelungen.

 

In „Kein Gott auf Erden“ von Heiko Haas und Jörg Kleudgen tritt der Erzähler seine Anstellung auf einem abgelegenen Anwesen im weit entfernten Ozalith an. Der Hausherr Leander hat eine Vorliebe für das Okkulte und zugleich eine seltsame Krankheit, die beim Erzähler die Erinnerung an der Soleil Noir- Seuche seiner Kindheit wachruft. Die etwas längere Erzählung ist ganz im Sinne von Poe gehalten und überzeugt mit einem mehrdeutigen Schluss.

 

„Entschleiert“ von Arnold Reisner fällt dagegen umso kürzer aus. Der Erzähler sucht in einer gewöhnlichen Stadt die verschollen geglaubte Kapelle des Mithras und stürzt dabei in sein Unglück.

Die nächste Zusammenarbeit erinnert wieder etwas stärker an das Werk des amerikanischen Meisters. Markus K. Korb und Jörg Kleudgen schicken in „Transmutation II“ den Erzähler auf eine seltsame Reise nach Cathay, um dort wiederum einem okkulten Ritual beizuwohnen. Leider ist er jedoch der Ehrengast bei der makaberen Vorstellung.

 

„Der Raub der Zeit“ von Christian von Aster und Jörg Kleudgen fällt ungewöhnlich surreal aus. Auch hier hat der Erzähler eine schicksalhafte Begegnung und erfährt in einem Wiener Kaffeehaus von den seltsamen Diebstählen der Uhren an öffentlichen Gebäuden.

 

„Morphin“ dagegen von Boris Koch und Jörg Kleudgen handelt von einer seltsamen Mordserie in Frankreich. Zufällig findet ein Polizist die Leiche eines ehemaligen Kollegen und stellt selbst Nachforschungen an. Stilistisch und sprachlich sticht die Geschichte hier etwas hervor, da sie wesentlich moderner als die anderen ausfällt.

 

Abschließend erzählt Mark Freier, der auch das düstere Titelbild gestaltet hat, in „Subinfernal“ von einem namenlosen Mörder und Lügner, der langsam dem Wahnsinn verfällt. Die Geschichte ist sehr atmosphärisch und düster gehalten und damit mein persönliches Highlight hier.

 

Ausstattung und Verarbeitung der Anthologie sind rundherum gut gelungen. Für den stolzen Preis von fast 18,- EUR bekommt man ein liebevoll gestaltetes Hardcover mit glänzendem Schutzumschlag. Einziger Kritikpunkte ist der wechselhafte Druck, mal ist dieser eher grau statt einheitlich schwarz und auch Kurzbiografien der einzelnen Autoren wären nicht schlecht gewesen. Besonders positiv sind hingegen die vielen kleinen Illustrationen von Jörg Kleudgen, dadurch ist das düstere Gesamtkunstwerk noch etwas persönlicher geworden. Abschließend erzählt der ehemalige Schulfreund und heutige Bestseller-Autor Kai Meyer von seiner Freundschaft zu dem Herausgeber und Co-Autor, sowie die Entwicklungen in der Phantastik Szene.

Für Sammler und Bibliophile ist es sicherlich auch interessant, dass die Auflage vom Blitz Verlag limitiert wurde und auf 888 Exemplare begrenzt ist.

 

Fazit:

Insgesamt ist „Necrologio“ eine abwechslungsreiche Kurzgeschichten Sammlung in bester Tradition des amerikanischen Horror-Großmeisters Edgar Allan Poe, die gerade in Zusammenspiel mit der Musik von „The House of Usher“ wunderbar funktioniert. Wer die 2005 veröffentlichte Kurzgeschichten-Sammlung „Cosmogenesis“ von Jörg Kleudgen schon mochte, kann hier ruhig zugreifen.

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Eure Meinung:

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Buch:

Necrologio

Anthologie

Herausgeber: Jörg Kleudgen

Umschlaggestaltung: Mark Freier

Innenillustrationen: Jörg Kleudgen

Blitz Verlag, 2009

Gebundene Ausgabe, 317 Seiten

 

ISBN-10: 3898402851

ISBN-13: 978-3898402859

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 23.01.2010, zuletzt aktualisiert: 11.10.2020 16:04