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Peter Pan und die Einzelkinder von Gilbert Adair

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

1911 veröffentlichte der Schotte J. M. Barrie den Roman Peter and Wendy, der heute schlicht als Peter Pan bekannt ist. Darin geht es um einen Jungen, der nicht erwachsen werden will und eine Schar verlorener Kinder auf einer einsamen Insel versammelt; die Herrschaft über die Insel machen ihnen die Piraten unter Kapitän Hook streitig, der schließlich von einem Krokodil gefressen wird. Dieses Thema wurde schon mehrfach aufgegriffen: Ridley Pearson schrieb mit den beiden Romanen Peter Pan und die Sternenfänger und Peter Pan und die Schattendiebe eine Vorgeschichte und Geraldine McCaughrean setzte mit Peter Pan und der rote Pirat den Kinderbuch-Klassiker fort. Diese Geschichten sind allerdings weit jünger als die 1987 von Gilbert Adair verfasste Variation Peter Pan und die Einzelkinder.

 

Miranda Porter ist mit ihren Eltern auf dem Heimweg von Indien, wo der Vater das Kommando über eine abgelegene Insel hat, nach England. Eines Nachts, als die Eltern wieder einmal den Abend in Gesellschaft verbringen und ihr Kind alleine in der Kabine zurücklassen, hört das Mädchen einen wunderbaren Vers: "Guter Mond, du gehst so stille in den Abendwolken hin." Eine geheimnisvolle und lockende Stimme spricht ihn – dem muss nachgegangen werden! Zwar befindet sich ein sonderbarer schottischer Dichter an Deck, doch – zu spät! – ehe Miranda sich versieht, geht sie über Bord und im Meer unter. Sie ertrinkt allerdings nicht, da eine Bande von Kindern herantaucht und ihr Luft einatmet. Sie führen Miranda zu ihrem Unterwasserversteck, wo ihr Anführer wartet – es ist Peter Pan, der Einzelkinder um sich schart! Kaum hat sie sich in Wasserland eingelebt, als auch schon ein alter Feind aus der Vergangenheit auftritt.

 

Nachdem es vom Dampfer ins Meer geht, wird eine Eigenart deutlich, die alle Bereiche der Geschichte durchzieht: die postmoderne Fabulation. Damit stehen Normen jeglicher Art zur Disposition. Die Kinder wohnen in einem gesunkenen Schoner, der an einem Vulkan lehnt. Das Grollen des Vulkans legt die Tages- und Nachtzeiten fest. Da die anderen Regeln nicht an diese variablen Tageszeiten angepasst werden (und man tagsüber nicht schlafen darf), müssen die Kinder zuweilen heimlich Schlafen gehen. Wie können die Kinder überhaupt unter Wasser leben (und sprechen)? Sie kauen ein spezielles Kraut. Aber nicht alle Normen werden gebrochen: Krokodile leben nicht im Meer, das weiß jeder, daher muss der Bericht über ein solches irrig sein. Goldfische wiederum können im Meer leben.

Damit ist das Setting mit den üblichen Begrifflichkeiten kaum zu fassen; es kann am ehesten als symbolische Kulisse gelten. Die zahlreichen Detailschilderungen dienen einerseits der Normalisierung der Umgebung und andererseits der Befremdung des Lesers: Unter Wasser ist es (fast) genauso wie an Land.

 

Die Figuren sind ähnlich wie im Vorbild exzentrische, dabei aber schlicht gestrickte Typen: Ru (eigentlich "Ruhe Jetzt!") ist ein zickiges, eitles Mädchen, Nachschlag ist ein komischer, dicker Junge und Ralph ist ein fähiger, loyaler Diener (eigentlich der Zweite Offizier Peters). Die anderen Kinder sind ähnlich einfach. Nur Miranda und Peter Pan sind etwas komplexer. Bei Miranda, bei der ein Verliebtsein in Ralph oder Peter angedeutet wird, gibt es einen leichten Konflikt zwischen Pflichtbewusstsein und Wünschen; sonst ist sie das Gegenstück zu Ru: Sie ist tapfer, pragmatisch und uneitel – fast wie ein richtiger Junge. Bei Peter Pan hält sich Adair relativ eng an die Vorlage: Der Berufsjunge ist ein eitler und tollkühner Rabauke, der mit viel Charisma und Chuzpe seine Bande in aberwitzige Abenteuer führt. Dabei ist er zu herzlosen Taten fähig, die ihm umso leichter von der Hand gehen, da er unglaublich vergesslich ist; so kann er sich seinen Launen hingeben. Der kleine Tyrann leidet seit Hooks Tod unter einem Mangel an Herausforderungen. Glücklicherweise kreuzt ein alter Feind wieder seinen Weg. Dieser Antagonist ist in seiner Zerrissenheit vielleicht die interessanteste Figur der Geschichte. Insgesamt charakterisiert Adair seine Figuren wesentlich direkter als Barrie: Wo bei Barrie die Taten sprechen mussten, spricht bei Adair der Erzähler.

 

Der Plot ist der einer typischen Abenteuergeschichte. Miranda wird im Zuge einer Reise durch exotische Gefilde in ein unglaubliches Abenteuer verwickelt: Zusammen mit Peter Pan und seiner Bande geht sie gegen einen Furcht erregenden Gegner vor. Entsprechend gibt es einige überraschende Wendungen und bedrohliche Szenen. Doch hier kommt wieder die Postmoderne zum Tragen: Die Szenen sind überzogen, sie bewegen sich irgendwo zwischen Übertreibung und Parodie des Vorbilds. Nun mag man dieses als Schwäche auffassen, aber für viele Autoren der Postmoderne ist die triviale Spielerei mit literarischen Vorbildern Programm. So dramatisch wie Adairs Werktitel Wenn die Postmoderne zweimal klingelt. Variationen ohne Thema wird es dann aber doch nicht, denn der Autor lotet John Donnes bekanntes Bonmot "Niemand ist eine Insel" aus.

Wichtigste Spannungsquelle ist aber das Spiel mit dem Vorbild: Adair schafft es in vielen Belangen dem Vorbild fast sklavisch zu folgen, aber zugleich subtil, beinnahe subversiv, zu variieren.

 

Damit geht es auch zum meiner Ansicht nach gelungensten Aspekt der Geschichte: der Erzähltechnik. Der Handlungsaufbau erinnert mehr an eine Novelle als an einen Kurzroman: Es wird eine Ausgangssituation etabliert (das Leben in Wasserland), es tritt eine Krise ein (Peters alter Feind tritt auf), es kommt zu einer Lösung. Anfangs sind die dynamischen Szenen selten, dann gibt es ein langes Verharren und am Ende häufen sie sich; zwei Regressionen, in denen erklärt wird, wie Peter und sein Feind in die gegenwärtige Lage gelangten, und zwei Digressionen, in denen das Verhalten von Nebenfiguren verfolgt wird, strecken die statischen Szenen weiter. Damit entsteht ein abwechslungsreicher Plotfluss: Zunächst geht es gemäßigt los, verlangsamt sich dann weiter, um erst am Ende massiv Fahrt aufzunehmen.

Wirklich ungewöhnlich ist die Erzählperspektive: Ein Ich-Erzähler plaudert mit dem geduzten Leser. Doch dieser Ich-Erzähler ist keine Handlungsfigur, damit ist es keine Ich-Erzählung. Ein Bericht ist es auch nicht, denn der Erzähler kann nach belieben in die Geschichte eingreifen: Gleich zu beginn verleiht er Major Porter mit einem markanten Kinn Charakterfestigkeit. Häufig kennt er die Motive und Gefühle der Figuren; so wirkt es auktorial, doch dann schreckt er wieder davor zurück in ihre Köpfe zu schauen. Der Ich-Erzähler erinnert den Leser immer wieder daran, eine (postmoderne) Geschichte zu lesen.

Der Stil ist empathisch. Die Sätze neigen zur Länge, wobei auch komplexere Strukturen nicht gescheut werden; da Adair aber in Teilen natürliches Sprechen nachahmt, sind die Sätze nicht übermäßig schwer verständlich. Die Wortwahl ist generell neutral, neigt aber leicht zum Saloppen mit einigen exotischen Einsprengseln gehobener Worte.

 

 

Fazit:

Das Mädchen Miranda schließt sich der im Indischen Ozean lebenden Bande von Peter Pan an und muss schließlich gegen dessen alten Feind ziehen. Auf dem ersten Blick ist es eine Abenteuergeschichte und Fortsetzung von J. M. Barries Peter Pan, doch genauer betrachtet wird es zu einer Variation und gemäßigten postmodernen Fabulation, bei der es weniger auf den Inhalt, sondern viel mehr auf der Form des Erzählten ankommt – wer schräge Erzählperspektiven schätzt, der kommt um Peter Pan und die Einzelkinder kaum herum.

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Titel: Peter Pan und die Einzelkinder

Reihe: -

Original: Peter Pan and the Only Children (1987)

Autor: Gilbert Adair

Übersetzer: Joachim Körber

Verlag: Edition Phantasia (2007)

Seiten: 139-Klappbroschur

Titelbild: Alex Uhde

ISBN-13: 978-3-937897-26-4

ISBN-10: 3937897267

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 17.01.2008, zuletzt aktualisiert: 30.10.2018 20:21