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Pickmanns Modell

Gruselkabinett 58

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Henry Thurber schleicht durch ein düsteres Haus im schäbigen North End von Boston. Noch vorsichtiger betritt er den Keller, den Blick fest auf den Boden gerichtet, um nicht die grauenhaften Dinge ansehen zu müssen, von denen er weiß, dass die Wände sie zeigen. Schließlich findet er, was er suchte – einen schrecklichen Fund, der seine finsteren Ahnungen zu bestätigen scheint …

Einige Zeit später trifft Henry seinen Freund Eliot Granger. Henry war Eliot eine Zeitlang aus dem Weg gegangen, was Eliot mit aufmerksamem Bedauern verfolgte. Nun setzen die beiden sich zusammen und mit viel Geduld und einigen Gläsern Whiskey gelingt es Eliot, Henry zum Sprechen zu bringen: Es begann mit Richard Upton Pickmann, einem begnadeten Künstler. Pickmann malte unglaublich realistische, lebensechte Bilder des modernen Bostons. Allerdings verarbeitete er Stoffe, die den meisten Künstlervereinen nicht zusagten: Sie waren makaber und abstoßend. Eliot und besonders Henry, der an einer Monografie über die Darstellung des Grässlichen in der Kunst arbeitete, schätzten allerdings Pickmanns Werke. Henry ging sogar eine zurückhaltende Freundschaft mit dem Maler ein – und bekam nach und nach mehr von seinen Bildern zu sehen, Bilder, die weit über die ausgestellten Bilder hinausgingen. Schließlich zog Pickmann Henry so weit ins Vertrauen, dass er ihm sein Atelier im North End zeigte …

 

Pickmanns Modell ist die Umsetzung einer Vorlage von H. P. Lovecraft – eine seiner besten und bekanntesten Geschichten. Es ist im Wesentlichen eine Mischung aus Rätsel- und Wundergeschichte – wobei das Wunder hier ein finsteres ist. Im Zentrum des fiktiven Ereignisses stehen Pickmanns Bilder, genauer gesagt: der Stoff, den er verarbeitet. Diese sind sehr eng mit dem Schicksal des Künstlers verknüpft. Doch statt quasi den Vorhang plötzlich beiseite zu reißen, um das Szenario mit möglichst größter Schockwirkung zu präsentieren, liefert die Geschichte bloß Andeutungen. Gleichsam gemeinsam mit Henry – und Eliot – dringt der Hörer in die Geheimnisse Pickmanns ein, Schritt für Schritt wird ein bisschen mehr Grauen erst angedeutet, dann enthüllt, wobei bei der Enthüllung schon wieder größeres Grauen angedeutet wird. Wer sich hierauf einlassen kann und seine Fantasie spielen lässt, bekommt eine wahre Horrorgeschichte präsentiert.

Dazu tragen die Sprünge in der Erzählten Zeit und die Auflösung der üblichen Struktur von Rahmen- und Binnengeschichte einiges bei. Es beginnt eigentlich mit dem Ende der Binnengeschichte; allerdings kann der Hörer zu diesem Zeitpunkt die Bedeutung des Ereignisses kaum erfassen. Dann wird ein Zeitsprung zum Beginn der Rahmengeschichte gemacht: Henry trifft Eliot und erzählt seine Geschichte – es geht zurück zum Anfang der Binnengeschichte. Dann wird auf kausal strick, temporal nur locker verknüpfte Episoden zurückgegriffen. Unterbrochen – oder verbunden, je nach Blickwinkel – werden diese Episoden von Momenten in der Gegenwart, in denen Eliot kleine Nachfragen stellt, Henry noch einen Whiskey trinkt etc. Hier gelingt bei der Umsetzung ein bravouröser Balanceakt – der Plotfluss ist der Geschichte absolut angemessen.

Insgesamt ist das Skript eine sehr gute Umsetzung; nur an ein oder zwei Stellen klingt die Figurenrede Henrys ein wenig arg gestelzt, doch dies kann man noch als Charakterisierung des verschrobenen Protagonisten auffassen.

 

Die Anzahl der Sprecher ist recht klein – das Booklet zählt gerade einmal sechs auf. Zudem sind zwei Rollen übergehbar klein und eine weitere auf eine einzelne Szene beschränkt; nichtsdestoweniger kommt keine Kammerspielatmosphäre auf, noch wirkt die Besetzung zu dünn – sie ist genau richtig für die Inszenierung. Eigentlich gibt es nur drei gewichtige Sprechrollen: Dietmar Wunder (Henry Thurber), Stefan Kaminski (Eliot Granger) und Sascha Rotermund (Richard Pickmann). Wunder hat zweifelsohne den meisten Text, und obwohl er viele bekannte Rollen spricht – er ist nicht nur der neue Bond, er ist auch der neue (Classics) Sinclair, die Titelfigur der Serie Don Harris und Florian Borger aus Offenbarung 23 – ist seine Stimme sehr wandelbar, sodass keine Gefahr der Übersättigung besteht; an seinen sprecherischen Leistungen bestehen ohnehin keinerlei Zweifel. Kaminskis Rolle ist die undankbarste: Sieht man von einer Szene ab, in der Eliot mit dem puritanischen Dr. Reid (Matti Klemm) und Pickmann um den Wert und Sinn von Kunst streitet, darf er nur die Szene für Henry bereiten. Dennoch trägt seine sichere Performanz zum Gelingen des Hörspiels bei. Kaminski könnte den Hörern wiederum aus einer Vielzahl von Hörspielen und Lesungen bekannt sein: aus der Septimus Heap-Reihe, der Wolf-Gang oder Den drei ???, um nur einige zu nennen. Die Leistung Rotermunds, den ich anlässlich der Aylmer Vance-Rezension positiv erwähnte, war für mich indes am überzeugendsten: Mal troff seine Stimme vor Hohn und Spott, mal war er grenzenlos überheblich, dann voller Eifer und Begeisterung und schließlich verholen höchst besorgt – herausragend, meine ich.

 

Die Inszenierung ist recht modern, deutlich moderner als üblich für die Reihe – und überaus angemessen und gelungen dazu. Einen Erzähler im engeren Sinne gibt es nicht, allerdings übernimmt der Protagonist Henry oftmals dessen Funktion; sehr geschickt wird mittels einer Mischung aus Inneren Monolog und Bericht die subjektiv erfahrene Umwelt geschildert. Diese kaum trennbare Mischung findet einen Nachhall in der Verquickung von Musik und Geräuschkulisse: Grundlage der Musiken ist ein Orchester – es gibt Geigen, Harfe, Trommel, Pauke, Flöten, und ich meine auch Klarinette und ein Spinett gehört zu haben, um nur ein paar Instrumente zu nennen. Die Instrumente werden indes nur selten im Zusammenspiel verwendet, sondern eher separat, z. T. nebeneinander. So spielen in der Einstiegsszene verhallte Geigen eine dünne, unheimliche und – schön passend – wenig zugängliche Melodie. Hinzukommt eine Pauke, die dunkel im Rhythmus eines Herzschlages gespielt wird und dann noch eine Art Trommel (vielleicht eine Rahmentrommel), die auf- und abschwellend geschlagen wird, sodass es wie ein über Bahnschwellen fahrender Zug klingt. Später wird diese Musik dann mit 'echten' Geräuschen einer Bahnfahrt ergänz bzw. ersetzt. Hinzu kommt die (wiederum für die Reihe) überraschend tiefe Schichtung der Tonebenen: Da ist die unheimliche Musik, Geräusche der Bahn und einem bedrohlichen Wesen, Henrys unwillkürliches Selbstgespräch und seine Würggeräusche und schließlich der aus der Szene herausreichende Monolog Henrys. Aber vier Tonebenen sind eher selten, zwei bis drei sind aber normal.

 

Fazit:

Henry Thurber pflegte die Bekanntschaft des makabren Künstlers Pickmann, die ihn schließlich völlig aus der Bahn warf; er erzählt seinem Freund Eliot, wie es dazu kam. Pickmanns Modell ist eine der besten Geschichten H. P. Lovecrafts, die hier von Titania Medien hervorragend umgesetzt wird: ein sehr gutes Skript, eine sehr gute bis herausragende Sprecherperformanz und eine ebensolche Inszenierung – so kann es absolut weitergehen!

 

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Hörspiel:

Pickmanns Modell

Reihe: Gruselkabinett 58

Vorlage: H. P. Lovecraft

Buch: Marc Gruppe

Regie: Stephan Bosenius & Marc Gruppe

Label: Titania Medien

Erschienen: November 2011

Umfang: 1 CD, ca. 65 min

ASIN: 378574529X

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher (Auswahl)

Dietmar Wunder

Stefan Kaminski

Sascha Rotermund

Matti Klemm

 

Serienguide:

Alles zur Reihe Gruselkabinett

Weitere Infos:


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Erstellt: 26.02.2012, zuletzt aktualisiert: 15.07.2019 20:03