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Tausendundeine Nacht von Antoine Galland

Reihe: Bibliothek von Babel Bd. 25

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der fünfundzwanzigste Band der Bibliothek von Babel wendet sich einem Klassiker zu, von dem sicherlich jeder mindestens schon mal gehört hat: den Geschichten aus Tausendundeine Nacht. Herausgeber J. L. Borges wählte hierfür zwei Anfang des 18. Jh. entstandene Übersetzungen von Antoine Galland aus, die kurze Geschichte Abdullahs, des blinden Bettlers und die lange Historie von Aladin oder Die Wunderbare Lampe; hierbei ist allerdings wiederum Sonderbares passiert: Borges kündigte im Vorwort statt der ersten Geschichte Die Abenteuer des Bulukiya, die immerhin in Band sechsundzwanzig erscheint, und Die Stadt aus Bronze an.

 

Die Geschichte Abdullahs, des blinden Bettlers (7 S.): Abdullah ist ein blinder Bettler, doch das war nicht immer so. Einst war er ein wohlhabender Kaufmann mit achtzig Kamelen. Er berichtet dem neugierigen Kalif Harûn er-Raschîd wie es dazu kam, dass er neben sein Hab' und Gut sein Augenlicht verlor. Er war damals mit seinen unbeladenen Kamelen auf dem Rückweg von Basra nach Bagdad, als er einem Derwisch begegnete. Während man das Mahl zusammen einnahm, erzählte der Fremde von einem unermesslichen Schatz, der unweit in einer Höhle liege. Abdullah würde gerne nachschauen, der Derwisch verlangt jedoch vierzig Kamele. Diese Forderung wurmt Abdullah – warum soll ein Bettler genauso reich werden wie ein Kaufmann – er geht aber darauf ein. Gier ist allerdings ein schlechter Ratgeber.

Diese Fabel gehört in den Subzyklus Die nächtlichen Abenteuer des Kalifen (bei Enno Littmann Buch VI, S. 240-302); Harûn er-Raschîd ist der Kalif in einer Vielzahl von Geschichten aus Tausendundeine Nacht. Der Schatz im magischen verschlossenen Berg erinnert an die Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern; auch dort ist ein Schatz auf diese Art verborgen und der Gierige wird bestraft. In der Galland-Handschrift, die von Muhsin Mahdi editiert und von Claudia Ott übersetzt wurde, findet sie sich nicht. Näheres zu der Entstehungsgeschichte von Tausendundeine Nacht.

 

Historie von Aladin oder Die Wunderbare Lampe (163 S.): Aladin ist ein Tunichtgut. Statt einen ehrbaren Beruf zu erlernen, treibt er sich lieber mit den Straßenjungen herum und stellt allerhand Unfug an. Seinen guten Vater Mustafa hat die Sorge schon ins Grab gebracht. Auch die Mutter kann nichts erreichen und ist vor Gram schon ganz matt. Da taucht ein afrikanischer Zauberer auf, der behauptet, er sei der Bruder des Vaters, in Wahrheit aber Finsteres plant. Er stellt sich gut mit Aladin und der Mutter: Er lässt in deren ärmlichen Haus gut auftischen und verspricht Aladin einen Laden einzurichten. Er beginnt sich nach passenden Häusern umzusehen und macht den Jungen mit einigen Kaufleuten bekannt, auch nimmt er ihn auf lange Spaziergänge zu den Gärten mit. Als die beiden die Stadt und die Gärten weit hinter sich gelassen haben, beginnt Aladin quengelig zu werden, doch der Zauberer beruhigt ihn: Es handele sich um einen sehr schönen, kaum bekannten Garten und man sei bald da. Tatsächlich gelangt man in ein abgelegenes Tal in dem der Zauberer mittels Magie eine Falltür freilegt, die nur Aladin öffnen kann. Den darunter liegenden Keller kann ebenfalls nur er betreten. Dort befinden sich große Mengen Gold und Geschmeide, wundersame Bäume mit kristallenen Früchten, doch der Zauberer will nur die unscheinbare Öllampe, die am Ende steht. Aladin bringt diese auch brav zur Falltür zurück, braucht jedoch Hilfe um herauszusteigen. Die will der Zauberer gerne gewähren – wenn der Junge zuerst die Lampe hoch reicht. Als der sich weigert, verschließt der gereizte Zauberer die Tür und lässt ihn im Dunkeln zurück. Für seinen störrischen Handlanger steht nach einer Zeit des Darbens ein kometenhafter Aufstieg bevor, denn der Zauberer war nicht ohne Grund auf die Lampe so erpicht. Indes, eben jener Zauberer ist noch nicht aus der Welt.

Die Geschichte spielt – theoretisch – in China. Dieses weiß man aber nur, weil es Eingangs explizit erwähnt wird. Die Namen, eingeflochtenen Sitten und Gebräuche sind eindeutig Arabisch. Ausführlich beschrieben wird der Schauplatz aber nur selten – nur dann, wenn es etwas Prächtiges zu bestaunen gibt. Diese detaillierten Ausführungen gehören zu den Spannungsquellen – sie richten sich an Leser, die gerne über luxuriöse Schönheit staunen. Dagegen wird das eigentlich Wunderbare – der Zauberer, der Dschinn (hier mit "Geist" übersetzt) – nur beiläufig erwähnt: Der Dschinn ist von Furcht erregender Gestalt. Das war's. Die vielen phantastischen Bilder, die beim Lesen entstehen, dürften eher durch bekannte Illustrationen oder Filme inspiriert sein.

Die wenigen Figuren sind Typen und damit sogar noch schlichter: Aladin ist zwar ein Tunichtgut, aber mit einem opportunistischen Gespür; seine Mutter ist rechtschaffen, aber furchtsam; seine zukünftige Frau naiv und der Zauberer will die Wunderlampe und ist rachsüchtig. Diese dürftige Charakterisierung ist allerdings typisch für die Geschichten aus Tausendundeine Nacht und trug neben den vielen Wundern zur generellen Einordnung als Märchensammlung bei.

Den Plot kann man als eine Art Entwicklungsgeschichte lesen: Aus dem armen Straßenjungen wird ein reicher und angesehener Edelmann. Typisch für die Tausendundeine Nacht-Geschichten gibt es keinen Hinweis auf eine charakterliche Entwicklung oder vielmehr: Sie spiegelt sich ausschließlich im vermehrten Besitz wieder. Diese Entwicklung wird in einer handvoll locker verknüpften Episoden erzählt: Aladin erhält die Wunderlampe, er lernt den Reichtum schätzen, er wirbt um eine Braut usw. Dem modernen westlichen Leser könnten die Episoden etwas langweilig vorkommen, denn es gibt zwar unterschiedliche Herausforderungen, doch da Aladin über einen nahezu allmächtigen Dschinn verfügt, kann er diese recht einfach bewältigen.

Die Galland-Übersetzung verwendet einen recht schlichten Stil, der ebenfalls an Märchen erinnert. Im Gegensatz zur Übersetzung von Enno Littmann ist diese teils gekürzt, teils leicht erweitert. Dieses entfernt sie zwar weiter vom Original, ist aber ein Gewinn für die literarische Seite – die vielfachen Wiederholungen der Littmann-Übersetzung können sehr anstrengend zu lesen sein. Auch diese Erzählung findet sich nicht in der Galland-Handschrift. Tatsächlich gibt es nicht einmal eine arabische Fassung, die älter als Gallands Übersetzung ist. Darum wurde spekuliert, dass Galland sie zur Gänze erfunden habe und die arabischen Fassungen alle Rückübersetzungen seien; dieses scheint jedoch einigermaßen unwahrscheinlich.

Über die Bedeutung der Geschichte lässt sich kaum streiten: Neben Ali Baba und die vierzig Räuber und Sindbad der Seefahrer gehört sie zu den bekanntesten und einflussreichsten Geschichten aus Tausendundeine Nacht – wer hat noch nicht vom Wünsche erfüllenden Dschinn gehört, der erscheint, wenn man an der magischen Öllampe reibt? Mir selbst gefällt sie zwar nicht übermäßig, aber es ist dennoch höchst interessant, die Geschichte in Gallands Fassung zu lesen, die er vielleicht komplett erfand, sicherlich aber massiv überarbeitete und die sich dann als besseres Zugpferd als die Originale erwies.

 

Fazit:

Abdullah und Aladin erhalten jeweils die Möglichkeit an unglaublichen Reichtum zu gelangen. Doch wo der Ehrgeizige scheitert, hat der opportunistische Tunichtgut Erfolg. Zwar ist die Übersetzung Gallands nicht mehr auf der Höhe der Zeit, aber für an den Geschichten von Tausendundeine Nacht über die Littmann-Anthologie hinaus Interessierten ist es durchaus reizvoll, sich der wichtigen Galland-Übersetzung zu widmen. Über die Bedeutung der beiden Geschichten voller Reichtum und Wunder braucht sowieso nicht gestritten werden.

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Titel: Tausendundeine Nacht

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 25

Original: Ohne Angabe

Autor: Antoine Galland (Übersetzer aus dem Arabischen)

Übersetzer: Maria Bamberg u. a.

Verlag: Edition Büchergilde (April 2008)

Seiten: 182-Gebunden

Titelbild: Bernhard Jäger

ISBN-13: 978-3-940111-25-8

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 23.05.2008, zuletzt aktualisiert: 13.03.2019 13:45