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Tausendundeine Nacht von Richard F. Burton

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 26

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Wie schon Band fünfundzwanzig der Bibliothek von Babel wendet sich auch der sechsundzwanzigste Geschichten aus Tausendundeine Nacht zu. Dieses Mal wählte Herausgeber J. L. Borges zwei von Richard F. Burton übersetzte Geschichten aus: Die kurze Erzählung des jüdischen Arztes und den kompletten Subzyklus Die Erzählung der Schlangenkönigin; seine Übersetzung wurde zwischen 1885 und 1888 erstmalig herausgegeben.

 

Die Erzählung der Schlangenkönigin (ca. 25 S.): Der Sohn des griechischen Gelehrten Daniel ist ein Tunichtgut: Zwar hatte der Vater seinem Sohn Hasib Karim al-Din große Weisheit auf fünf Buchseiten hinterlassen, doch der Junge wollte nichts davon wissen und auch sonst keinen Beruf erlernen. Als das Geld knapp wird, gibt die Mutter Hasib eine Axt und einen Esel und schickt ihn mit anderen Männern zum Holzhacken in die Berge. Dort stößt er zufällig auf eine Höhle, in der sich ein Vermögen befindet. Seine Freunde eignen sich den Schatz an und lassen Hasib zurück. Er erkundet die Höhle und trifft in ihr auf eine gewaltige Schlange, deren Kopf die Gesichtszüge einer Frau erkennen lässt. Die Schlangenkönigin bewirtet ihn und erzählt ihm –

Die Abenteuer Bulukias (ca. 39 S.): Ein verehrter jüdischer König, der in Kairo lebte, hinterließ seinem Sohn Bulukias Schriften, die vom Kommen des Messias Mohammed künden. In Bulukias entbrennt nun der Wunsch diesen Mohammed kennen zu lernen und so bricht er auf. Bei seinen Reisen trifft er auf die Schlangenkönigin und später auf den hoch gelehrten Affan, der aufhorcht, als er davon hört. Er erzählt Bulukias von seinem Plan: Man fängt die Schlangenkönigin. Dann verraten die Kräuter ihre geheimen Eigenschaften. Man mischt daraus eine Salbe, die einen über die sieben Meere fliegen lässt und begibt sich zum Grab Salomons. Mit Salomons Siegelring, der die Herrschaft über jegliche Kreatur gewährt, erobert man das Wasser des Lebens und kann so lange genug leben um den Erlöser zu erleben. Im Laufe dieser Queste scheiden sich allerdings die Wege von Bulukias und Affan. Auf der abenteuerlichen Rückreise lernt Bulukias einen Jüngling kennen. Dieser erzählt –

Die Geschichte von Janschah (ca. 79 S.): Janschah ist der Sohn des Tigmus, des Königs von Kabul. Janschah ist dessen ganzer Stolz: Er ist schön, tapfer und sehr gelehrig – schon mit dreizehn Jahren beherrschte er alle Rittertugenden mit Perfektion. Eines Tages zog man zur Jagd aus; Janschah stöberte eine seltsame Gazelle auf. Er folgte ihr mit seinem Gefolge bis an die Küste und ins Meer, wohin das Tier geflüchtet war. Auf See wurden sie von der Nacht und starken Winden vom Kurs abgebracht – am nächsten Tag fanden sie sich in unbekannten Gefilden wieder. Nach einer Reihe haarsträubender Abenteuer gelangt der Prinz an eine Burg in den Bergen, die so hoch ist, dass sie in die Wolken ragt. Dort lebt Scheich Nasr, der König der Vögel. Der weise Alte nimmt Janschah bei sich auf. Da einmal im Jahr alle Vögel zu ihm kommen, damit er sie für Salomon mustere, und er zu dieser herannahenden Zeit nicht in der Burg ist, übergibt er dem Prinzen die Schlüssel, schärft ihm jedoch ein eine besonders prachtvolle Tür nicht zu öffnen. Natürlich kann der junge Mann nicht widerstehen. Dahinter findet er einen außergewöhnlich schönen Garten. Außerdem beobachtet er die Ankunft dreier Tauben mit Adlerschwingen. Sie legen ihr Federkleid ab, verwandeln sich in wunderhübsche Frauen und baden herumalbernd im See – Janschah verliebt sich auf dem Fleck unsterblich in die Jüngste.

 

Zunächst fällt die Schachtelkonstruktion auf, die sich immer wieder in den Erzählungen von Tausendundeine Nacht wieder findet, hier aber besonders gut gelungen ist. Als nicht enthaltene, aber mitzudenkende, quasi nullte Ebene haben wir Schehrezads Geschichte, die dem blutrünstigen König spannende Geschichten erzählt, damit dieser sie nicht hinrichten lässt. Eine dieser Geschichten ist die Erzählung der Schlangenkönigin, der prophezeit wurde, sie werde sterben, wenn Hasib, nachdem er sie verließ, wieder ein öffentliches Bad besucht. Damit er bleibt, erzählt sie ihm die Geschichte von Bulukias, der wiederum in seiner Geschichte, die von Janschah hört. Nachdem Janschahs Geschichte beendet wurde, wird auch Bulukias und dann die der Schlangenkönigin beendet – Schehrezad muss noch einige Nächte aushalten. Interessant ist nun zweierlei: Zum einen ist die Rahmenerzählung der Schlangenkönigin nicht einfach eine verkleinerte Kopie der Rahmenerzählung der Schehrezad, sondern in Teilen eine Umkehrung: Zwar erzählen sowohl Schehrezad als auch die Schlangenkönigin um zu überleben, doch ihre Machtposition ist sehr verschieden; Schehrezad ist die Gefangene des Königs, die Schlangenkönigin ist die Gastgeberin Hasibs. Daraus resultiert die größte Differenz: Die Gefangene Schehrezad kann den König, den nichts drängt, wiederum mit ihren Geschichten einfangen, die mächtige Schlangenkönigin kann ihren Gast Hasib weder physisch – dazu ist sie zu moralisch – noch mit ihren Geschichten festhalten, denn dazu drängt es den ungeduldigen Zuhörer zu sehr nach Hause. Zum anderen findet sich zwischen den drei Geschichten nicht nur eine gewisse strukturelle Ähnlichkeit – der Protagonist ist jeweils ein junger Mann und Sohn eines berühmten Mannes, dem großes Prophezeit wurde und der auf einer abenteuerlichen Irrfahrt nach Hause ist – sondern darüber hinaus noch Verknüpfungen: Die Schlangenkönigin trifft nicht nur Hasib, sondern auch Bulukias, Hasib verwundert sich innerhalb Bulukias' Geschichte, woher die Schlangenkönigin vom weiteren Verlauf weiß etc.

Bei den verwendeten Motiven finden sich weitere Anknüpfpunkte: Der Taugenichts als Held erinnert zunächst an Aladin und die Wunderlampe, wird aber häufiger verwendet; der Arme, der als Holzfäller in die Berge zieht und dort auf einen verborgenen Schatz stößt, erinnert natürlich an Ali Baba und die vierzig Räuber; besonders frappierend ist jedoch die Ähnlichkeit einer Episode des Prinzen Janschah mit Sindbad des Seefahrers zweiten Seereise: In beiden Geschichten wird der Protagonist zusammen mit einem großen Fleischbrocken von einem riesigen Adler einen Berg empor getragen, was mit der Gewinnung von Edelsteinen verbunden ist. Es gibt auch intertextuelle Bezüge zu modernen Werken. Sind die Ähnlichkeiten von Affans Hybris mit der vom Weisen Barzei, die von H. P. Lovecraft in Die Anderen Götter (z. B. in Das schleichende Chaos) geschildert wird, oder von der Schlacht zwischen Ghulen und Affen mit der zwischen Ghulen und den Tiermenschen von Leng, die von Lovecraft in Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath geschildert wird, eher vage, so verwenden die Geschichte von Janschah und Umberto Ecos Baudolino dasselbe Motiv: Den Fluss, der jeden Sabbat aufhört zu fließen.

Neben der interessanten Konstruktion sind die vielen ungewöhnlichen Wunder die Spannungsquelle: Der Leser erfährt, dass die Welt von einem Engel getragen wird, der auf einem Stier steht, welcher sich auf einem gewaltigen Fisch befindet – als Jesus allein den Kopf des Fisches sah, fiel er in Ohnmacht. Der Leser erfährt von Iblis, dem Vater aller Teufel, den sieben Höllen und den sieben Welten, die jenseits des Berges Kaf liegen.

 

Die Erzählung des jüdischen Arztes (18 S.): Ein jüdischer Arzt berichtet von einer seltsamen Begebenheit. Er war zu einem stark geschwächten Edelmann gerufen worden. Statt wie üblich die rechte Hand zum Pulsfühlen zu reichen, gab er die linke. Bei einer folgenden Untersuchung wird offenbar, dass nicht nur die rechte Hand abgeschlagen wurde, sondern auch viele Peitschennarben seinen Rücken verunstalten. Der Arzt wundert sich, wieso ein Edelmann wie ein gemeiner Verbrecher behandelt wurde – und bekommt eine infame Geschichte über die sexuellen Ausschweifungen der dekadenten Töchter der hohen Herren und die korrupten Gerichte zu hören.

 

Diese Geschichte gehört zum Subzyklus Die Geschichte des Buckligen, in dem Angehörige verschiedener Randgruppen in einen pikaresken Kriminalfall um einen Buckligen verwickelt werden und im Zuge der Aufklärung dem Kaiser von China von bemerkenswerten Begebenheiten berichten. Da der Subzyklus weit vorne in den Erzählungen von Tausendundeine Nacht anzusiedeln ist, lassen sich verschiedene Übersetzungen hieran gut vergleichen: Es fällt auf, dass Burton, dem ein Auswalzen sexueller Derbheiten attestiert wird, beinahe genauso übersetzt wie Enno Littmann, dem ein schamhaftes herabspielen derartiger Details nachgesagt wird; Claudia Otts Übersetzung, die die genaueste sein soll, unterscheidet sich in dieser Angelegenheit wiederum nur wenig. Burtons Stil ist jedoch sehr barock und wo Littmann möglichst einfache deutsche Worte und Ott häufiger arabische Fachbegriffe verwendet, nutzt Burton nicht immer nahe liegende, z. T. unpassend wirkende Vokabeln.

Der wahre Wert dieser Geschichte liegt meines Erachtens im Außerliterarischen: Sie dokumentiert, was die Unterschichten an sexuellen Fantasien über die Frauen der Herrschenden hatten und wie sie über das Rechtssystem dachten. Die hier vermittelte Unmoral und Gesellschaftskritik verdeutlichen, warum die Herrschenden die Geschichten aus Tausendundeine Nacht oftmals nicht schätzten.

 

Den Band schließt ein Nachwort Volker Wehdekings ab, der Burtons Text ins Deutsche übersetzte. Darin setzt er sich mit dem Verhältnis von Littmanns Übersetzung zu der Burtons und den sonderbaren Wendungen Burtons auseinander – wer Burton getreulich übersetzt, produziert teilweise Lächerliches. Vor allem aber setzt er sich mit dem Verhältnis von Borges zum abenteuerlichen Übersetzer Burton auseinander.

 

Fazit:

Mit der Erzählung der Schlangenkönigin hat J. L. Borges einen besonders schönen Subzyklus aus Tausendundeine Nacht ausgewählt, der unbegreiflicherweise nur wenig verbreitet ist – meines Wissens nach ist er in keiner anderen deutschen Anthologie zu finden. Richard F. Burtons Übersetzungsstil ist nicht immer passend – ich ziehe Enno Littmanns klar vor. Dennoch ist es eine interessante Erfahrung, den Stil der im englischsprachigen Raum am weitesten verbreiteten Übersetzung mit anderen zu vergleichen.

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Titel: Tausendundeine Nacht

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 26

Original: Ohne Angabe

Autor: Richard F. Burton (Übersetzer aus dem Arabischen)

Übersetzer: Volker Wehdeking

Verlag: Edition Büchergilde (April 2008)

Seiten: 185-Gebunden

Titelbild: Bernhard Jäger

ISBN-13: 978-3-940111-26-5

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 28.05.2008, zuletzt aktualisiert: 13.03.2019 13:45