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Val McDermid. Drei Tony-Hill-Hörspiele

Hörspiele

 

Rezension von Oliver Kotowski

 

Val McDermid. Drei Tony-Hill-Hörspiele ist eine Box, die die in den vergangenen Jahren erschienenen drei Tony-Hill-Hörspiele von jeweils etwa zwei Stunden Länge gesammelt herausgibt. Im Folgenden will ich zunächst die Inhalte der drei Hörspiele kurz getrennt anreißen und daran eine Gesamtbesprechung anschließen. Zu den Inhalten:

 

Das Lied der Sirenen: Im Szeneviertel Bradfords werden immer wieder Tote aufgefunden. Seit einiger Zeit weisen einige Leichen ähnliche Verletzungen auf: Die Kehlen wurden mit viel Gewalt aufgeschnitten, die Gliedmaßen aus den Gelenken gerissen und Anal- und Genitalbereich verstümmelt; anscheinend wurden die Männer – es sind stets Männer – vor ihrer Tötung gefoltert. Diese Leichen werden zudem immer in der Nähe von Schwulen-Clubs aufgefunden – gibt es einen Serienmörder, einen "Schwulen-Killer"? Oder sind es doch nur perverse Schwule, die sich gegenseitig umbringen, wie Superintendent Cross vermutet, der die Ermittlungen leitet? Assistent Chief Constable John Brandon, sein Vorgesetzter, glaubt eher an einen Serienmörder. Er bittet die Polizistin Carol Jordan mit dem Psychologen Tony Hill zusammenzuarbeiten. Hill prüft gerade für das Innenministerium, ob es lohnenswert und praktikabel sei, bei jedem Mord einen Profiler zurate zu ziehen. Vom Erfolg der Zusammenarbeit zwischen Jordan und Hill hängt der Erfolg des gesamten Projekts ab. Doch der Psychologe muss sich nicht nur mit brutalen Morden und ablehnenden Polizisten befassen, er hat auch seine eigenen (sexuellen) Probleme – und gerade auf diese Wunde legt die mysteriöse Angelica ihren Finger.

Schlußblende: Nach dem Fall lief es zwischen Tony Hill und Carol Jordan nicht mehr so gut – er hätte sie gerne für seine Profilereinheit rekrutiert, doch sie mied ihn und übernahm schließlich die Leitung der Abteilung in Seaford. Dennoch drängt John Brandon sie, die Hilfe von Hills Einheit anzunehmen, denn einerseits sieht es so aus, als würde Jordan es mit einem Pyromanen zu tun haben, andererseits wäre es gut, wenn die Einheit sich beweisen könnte. Letztlich gibt Jordan nach und geht auf Hill zu. Dessen Einheit macht indessen Hausaufgaben: Sie analysieren die Fälle der in den letzten Jahren verschwundenen Teenager. Während Leon Jackson, der Platzhirsch der kleinen Gruppe, nur an der Oberfläche kratzt, arbeitet die ehrgeizige und clevere Shaz Bowman ein beängstigendes Muster heraus – sieben Fälle um Mädchen weisen erhebliche Ähnlichkeiten auf – und alle waren Fans von Jacko Vance; ist er vielleicht ein Serienmörder? Leon hält dagegen: Warum sollte er? Er war ein überaus erfolgreicher Sportler, ist nach seinem Unfall, bei dem er sich als heldenhafter Retter erweisen konnte, noch beliebter geworden und reich ist er obendrein. Doch Shaz bleibt hartnäckig.

Ein kalter Strom: Carol Jordan hatte es von Anfang an geahnt: Seaford war für ihre Karriere eine Sackgasse. Seither ist sie Tony Hill aus dem Weg gegangen. Jetzt ist sie zurück bei der MIT von Bradford und hat sich gleich für den Posten des Kontakts zur Interpol beworben. Der zuständige Beamte tritt mit einer Bitte an sie heran: Sie möge an einem kleinen Rollenspiel teilnehmen – es geht um eine Drogenübergabe; vielleicht habe man etwas Größeres für sie. Und wenn sie mit diesem Auftrag fertig sei, könne sie sich ihre Position aussuchen. So viel Zucker – Jordan schluckt die Pille und bittet Hill mit gemischten Gefühlen um Hilfe bei der Vorbereitung. Die Übergabe läuft gut und Jordan bekommt den neuen Auftrag: Sie sieht der verstorbenen Freundin des Menschenhändlers Tadeusz Radecki verblüffend ähnlich – dieser Umstand soll genutzt werden, um sie in die Organisation des brutalen Schwerverbrechers einzuschleusen. Gleichzeitig tritt Petra Becker, die deutsche Kontaktpolizistin, mit einer Bitte an Jordan heran: Sie glaubt, dass es einen unerkannten Serienmörder gibt, der die Deutsch-Niederländische Grenze zur Verschleierung seiner Morde nutzt. Carol vermittelt den Kontakt zu Tony Hill.

 

Die Plots der drei Krimis sind im Wesentlichen der Police Procedure entlehnt: Es geht darum, wie die Polizei arbeitet. Besonders das (damals relativ neue) Profiling wird in den Fokus gerückt. Es wird stets nach Serienmördern gefahndet, aber auch andere Verbrecher wie Tadeusz Radecki können ins Zentrum rücken. Dazu kommen noch die dunklen Seiten der Polizeiarbeit – undichte Stellen im Polizeiapparat, Ablehnung neuer Methoden, Diskriminierung, Vorurteile, gefälschte Beweise – und Schlimmeres. Aber die Geschichten sind keine reinen Police Procedures, sie geraten mindestens in die unklare Zone zwischen Police Procedure und Thriller, genauer gesagt, Psycho-Thriller. Hier geht es ebenfalls um die Mörderhatz, aber Action, direkte physische Bedrohung und psychologischer Druck spielen eine wesentlich größere Rolle als das Wundern ob der technischen Möglichkeiten der Polizei bzw. den überraschenden Erkenntnissen der Profiler. Dann sind da noch die schwierige Beziehung zwischen Carol und Tony sowie der mal sarkastische, mal sardonische Humor zu nennen, die etwas Abwechslung einbringen.

Im Großen und Ganzen ist das adaptierte Skript recht gut geworden, nur dann und wann hätte mehr Zug im Plot die Spannung verdichten können.

 

Die Sprecherriegen sind für etwa zweistündige Hörspiele eher klein – Das Lied der Sirenen und Ein kalter Strom warten mit jeweils dreizehn, Schlussblende mit siebzehn Sprechern auf. Dabei gibt es eine Stammbesetzung von fünf bzw. vier Sprechern. Ungewöhnlich ist die Besetzung des Erzählers: Heikko Deutschmann und Leslie Malton teilen sich den Part. Deutschmann übernimmt die Szenen, die aus Jordans Perspektive erzählt werden; er ist mir bisher als Erzähler in diversen Hörbüchern – Lesungen wie Hörspielen – aus dem Hause Hörverlag positiv aufgefallen. Malton übernimmt die Szenen Hills; auch sie ist mir vor allem aus Hörverlag-Produnktionen bekannt, wie etwa den Krimis um Inspektor Jury, Wallander oder Hercule Poirot. Boris Aljinović spricht Tony Hill, den unsicheren, aber klarsichtigen Psychologen – die Rolle ist durchaus anders als in der bekannten Fernsehserie Hautnah – Die Methode Hill angelegt. Aljinović ist sicherlich bekannter als Tatort-Kommissar Felix Stark, hat aber auch als Hörbuchsprecher einiges vorzuweisen – hier sei nur auf die Tiffany Weh-Hörbücher und das Hörspiel Neuromancer hingewiesen. Florentine Lahme ist mir bis dato als Hörspielsprecherin unbekannt gewesen. In der Tat findet Google schneller Nacktfotos der Schauspielerin (GSG9, Keinohrhasen) als Hinweise auf ihre Hörspieltätigkeit. Ihre Stimme ist ein wenig gewöhnungsbedürftig (aber keineswegs zu wenig moduliert): Sie klingt mehr nach kiebiger Abiturientin als nach gestandener Polizistin, aber das ist wohl gewollt. Felix von Manteuffel gehört quasi ebenfalls zum Stamm – er spricht John Brandon, den Förderer der Profilereinheit in den beiden ersten Hörspielen. Auch von Manteuffel (übrigens der Ehemann von Malton) ist als Schauspieler (z. B. Die Brücke von 2008) bekannt, doch er wird vielen Hörern sicherlich ebenso bekannt als "der andere Harry Potter-Vorleser" oder aus den Hercule Poirot-Hörspielen sein.

Daneben finden sich noch weitere Sprecher: Dabei sind Andreas Fröhlich (Kevin Matthews), Oliver Rohrbeck (Leon Jackson), Detlef Bierstedt (Douglas McCormick), Kerstin Draeger (Frances) oder Wolf Frass (Kees Maartens). Die Performanzen der Profis stimmen immer und die Besetzungen sind weitgehend treffend. Eine kleine Ausnahme ist Valery Tscheplanowa als Shaz Bowman – sie klingt Lahme zu ähnlich. Glücklicherweise sind die Szenen mit der Schauspielerin (u. a. Speed Racer von den Wachowski-Brüdern) gut zu überblicken und damit ist die Verwechslungsgefahr gering.

Alles in allem bietet die Sprecherriege eine sehr ordentliche Performanz.

 

Die Inszenierung ist relativ modern und komplex. Das beginnt damit, dass es eben nicht nur einen, sondern gleich zwei Erzähler gibt. Zudem sind auch die Tonschichten verhältnismäßig tief gestaffelt und bisweilen sehr komplex. So beginnt Das Lied der Sirenen mit dem sirrenden Geräusch von Fotoapparaten, dann setzt ein Regenrauschen und Plätschern ein, es kommen verwaschene Geräusche eines Funkgeräts hinzu. Dann beginnt der Erzähler, die Szene zu beschreiben. Musik, irgendwelche Bläser, Hörner, vielleicht eine Oboe setzen hintergründig ein. Zunächst kaum erkennbar – ist es vielleicht noch das Funkgerät – beginnen die Sprecher ihren Dialog. Das sind in Spitzenzeiten vier Schichten: Geräuschkulisse, Musik, Erzähler und Sprecherdialog. Üblicherweise sind es aber nur zwei bis drei Schichten und zudem ist die Musik sehr hintergründig. Nichtsdestoweniger ist sie passend und unterstützt die Atmosphäre gut: Um die unterschwellige Drohung bei der Entdeckung der Leiche zu unterstreichen, ertönt ein dumpfes Dröhnen kaum definierter Instrumente. Hintergrundgeräusche sind dagegen fast ständig zu hören – eine Rückkoppelung vom Mikrofon, Fahrgeräusche, Scheibenwischer. Selten konstituieren sie eine Szene, dafür tragen sie zur Stimmung und mehr noch zur Realistik bei. Hier werden die Möglichkeiten des Mediums zwar nicht ausgeschöpft – es fehlt z. B. der Innere Monolog – doch für die meisten Hörer dürfte das gebotene Niveau hoch genug sein; nach meinem Dafürhalten wird ein guter Mittelweg zwischen Zugänglichkeit und Komplexität gewählt.

 

Fazit:

In drei Fällen ermitteln der Profiler Tony Hill und die Polizistin Carol Jordan gegen Serienmörder und andere Verbrecher. Die Hörspiele sind relativ realistische Mischungen aus Police Procedure und Psycho-Thriller. Sven Strickers Hörspiel-Adaptionen sind gut gelungen und auch die Sprecherperformanz ist sehr ordentlich – schade, dass die Reihe nicht weiter fortgeführt wird.

 

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Hörspiel:

Val McDermid. Drei Tony-Hill-Hörspiele

Reihe: Tony Hill

Vorlage: Val McDermid

Regie: Sven Stricker

Der Hörverlag, Februar 2011

Umfang: 6 CDs

Laufzeit: ca 366 Minuten

 

ASIN: 3867177120

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher (Auswahl):

Boris Aljinović

Florentine Lahme

Heikko Deutschmann

Leslie Malton

Felix von Manteuffel


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Erstellt: 26.04.2011, zuletzt aktualisiert: 14.05.2019 14:55