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Wicked - Die Hexen von Oz von Gregory Maguire

Die wahre Geschichte der Bösen Hexe des Westens

Reihe: Wicked Bd. 1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Es ist ein unglücklicher Tag, an dem Melena ihr Kind zur Welt bringt: Ihr Gatte Frexspar zieht los um gegen das freudianische Spektakel des Zeitdrachens zu predigen und wird dafür von seiner Gemeinde beinahe gelyncht. Auch das Kind --- es hat die falsche Farbe: Es ist grün wie die Sünde. Soll man es behalten oder ersäufen? Ämmchen, die ehemalige Amme von Melena, überzeugt die verzweifelten Eltern davon, es zu behalten. Die Kleine wird auf den Namen Elphaba getauft und wird ein verschlossenes, schwieriges Kind. Als sie mit zwei endlich ihr erstes Wort spricht, kommt es einer Prophezeiung gleich: "Greuel."

Mit siebzehn kommt sie an eine Universität von Shiz, wo sie sich ein Zimmer mit der eitlen und blasierten Galinda teilen muss. Über die Zimmergenossin lernt sie Boq kennen, der an einer anderen Universität eingeschrieben ist. Dieser kann ihr bei der Arbeit für Doktor Dillamond sehr helfen, denn als Frau ist der Hilfskraft Elphaba der Zugang zu einigen Bibliotheken nicht gewährt und aufgrund der neuen Gesetze ist es TIEREN, intelligenten, sprechenden Wesen mit dem Körper eines normalen Tiers, nicht mehr gestattet zu reisen – und der Doktor ist ein GEISSBOCK. Aber der Wissenschaftler steht kurz vor einer Entdeckung, die eine weitere Diskriminierung der TIERE verhindern sollte. Als Doktor Dillamond ermordet wird, hat Elphaba einen Verdacht – und beschließt sich nachhaltig für die TIERE einzusetzen, selbst wenn sie Risiken dafür eingehen muss.

 

Von nahezu undurchdringlichen Einöden umgeben liegt das seltsame Land Oz abgeschieden vom Rest der Welt dar. Im Osten ist Munchkinland, die Kornkammer von Oz, in dem abergläubische, erzkonservative Bauern ihre Scholle bearbeiten. Im prachtvollen, barocken Kolkengrund residiert der Herrscher von Munchkinland: Eminenz Thropp – Elphabas Großvater. Im Norden liegt Gillikin, das fortschrittlichste und aufgeschlossenste Viertel, in dem nicht nur Luxus, sondern auch Verschwendung und Dekadenz beheimatet sind. Dort befinden sich die Universitätsstadt Shiz und der industrielle Komplex; die Verbindungen zwischen Gillikin und der Smaragdstadt sind locker, aber gut. Winkus heißt das dünn besiedelte westliche Viertel. Über die halbnomadischen Stämme herrschen Fürsten, die als Hinterwäldler bespöttelt werden. Im Süden befindet sich Quadlingen. Dessen Sümpfe werden von als primitiv verachtete Menschen mit sonderbaren Sitten bewohnt – das Gebiet ist wegen seiner Rohstoffe für den Norden interessant.

Ursprünglich übten die Ozmas eine schwache, von der Smaragdstadt ausgehende Herrschaft über das Land aus, aber als Elphaba ihr Studium beginnt, ist die Ozma verschollen, der Ozma-Regent während seines Hausarrestes tödlich verunglückt und ein fremder Zauberer hat die Macht an sich gerissen. Er verfolgt ein schärferes politisches Programm: Die Rechte der TIERE werden beschnitten, die Quadlinger vertrieben um an die Rohstoffe zu gelangen, Royalisten werden immer stärker benachteiligt, die Kontrolle über die Viertel wird strenger. Dazu wird eine spezielle Truppe ausgehoben: Die Sturmtruppe knüppelt den Widerstand nieder und zeigt sich für politische Morde und halböffentliche Hinrichtungen verantwortlich.

Das Setting, besonders die sozialen Strukturen und Entwicklungen, spielt eine große Rolle – es beschreibt das Kernthema: das Leben in einem faschistischen System.

Wer L. Frank Baums Der Zauberer von Oz kennt, dem werden die Unterschiede nicht entgangen sein: Während Oz dort ein buntes, fröhliches Märchenland ist, in dem es nicht falsch ist wenn Mädchen ausgeschickt werden um die böse Hexe zu töten, ist dieses Oz eine finstere und grimmige Dystopie, in der Risiken zu Leid führen und niemand ohne Grund unmoralisch ist, ja, eine Vielheit von Moralen nebeneinander steht.

Diese Tendenz setzt sich auch bei den zahllosen phantastischen Elementen fort: statt eines Porzellanpuppenlandes gibt es Waffenfabriken und das mechanische Spektakel des Zeitdrachen; es gibt auch Zauberei und sogar Elfen, doch nur die TIERE sind etwas relevanter.

 

Maguire gehört zu den Autoren, die schnell und präzise charakterisieren können ohne dabei in Stereotypen zu verfallen. So kann er ein großes Figurenensemble aufbieten und es gleichzeitig weit genug ausführen um es interessant zu gestalten; dabei ist es gleich, ob die Figuren zentrisch oder exzentrisch sind – sie sind allesamt interessant.

Die zentrale Figur ist selbstverständlich Elphaba. Sie ist grün wie die Sünde – und das bei einem strenggläubigen Vater. Dieser ist ein Prediger und hält ihre Hautfarbe für eine Strafe für seine Nachlässigkeit im Glauben. Nun ist er ein mitfühlender, barmherziger Mensch, aber irgendwie überträgt er dennoch dieses Schuldgefühl auf seine Tochter. Übermäßig beliebt bei den Nachbarn ist die Familie sowieso nicht und die Kinder lassen es Elphaba spüren. Auch hier ist ihre grüne Haut nicht hilfreich, ebenso wenig wie die Tatsache, dass ihr der Kontakt mit Wasser große Schmerzen bereitet – Tränen sind für sie ein doppelt unangenehmes Ereignis. Kein Wunder, dass sie hartherzig wird. Doch die Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Anerkennung schlummert weiter in ihr. Von ihrem Vater übernimmt sie einerseits die an Fanatismus grenzende Sturheit und andererseits ein abstraktes Gerechtigkeitsempfinden: Sie ist zu großem Zorn fähig, wenn anderen Unrecht zugefügt wird. Elphaba ist eine interessante Figur, die mit aller Kraft für eine gute Sache eintritt; sie ist allerdings kein leichter Umgang – sie ist verschlossen, abweisend und ruppig. Dennoch wird der Leser mit ihr Leiden.

Wie schon erwähnt, gibt es eine große Anzahl von Figuren. Etwa ein Dutzend spielen größere Rollen. Da ist Elphabas Familie: Ihr sturer, mitfühlender Vater Frexspar, den Elphaba liebt, der aber ihre wunderschöne, wenn auch körperbehinderte Schwester Nessarose bevorzugt, die ebenso religiös und streng wie ihr Vater ist, der aber die Warmherzigkeit fehlt, und Ämmchen, die resolute, stets um die Kinder besorgte Amme. Da sind die Studienfreunde: Ihre Zimmergenossin Galinda, eine Schönheit aus Gillikin, die ihr Herz am rechten Fleck hat - wenn sie es denn schlagen lässt; sie wird ihren Namen später in "Glinda" ändern und zur Guten Hexe werden. Dann sind da noch Boq, ein bodenständiger Junge aus Munchkinland, der sich bis zu einem gewissen Grad für seine Werte einsetzt, Krapp und Timmel, zwei alberne, gutherzige Mitstreiter, und der arrogante Adlige Avaric, den an der Moral nur der Tabubruch interessiert. Später kommen noch einige andere Figuren dazu; sie alle sind psychologisch plausibel konstruiert.

 

Der Plot ist der eines Bildungsromans – der Elphabas. Auch hier setzt Maguire auf eine Nähe zum literarischen Realismus. Die Biographie Elphabas ist wie die meisten Leben verworren. Vieles ist von einem tief greifendem "Stattdessen" durchdrungen oder bleibt offen. Erzählt wird dieses in fünf Episoden, die von der Geburt, über ihre Studienzeit, eine kurze Zeit in der Smaragdstadt als Widerstandskämpferin/Terroristin (je nach Standpunkt), hin zu ihrer Zeit als Böse Hexe des Westens; es wird also ein Zeitraum von 38 Jahren behandelt.

Die zentralen Spannungsquellen sind die Entwicklung von Elphaba, die Schilderung der Wechselwirkung zwischen einem Leben im "Faschismus" und dem Charakter, sowie kurze Ausflüge in die Ethik: Der Autor gibt dem Leser kein klares Gut oder Böse, er gibt nur einige Denkanstöße, wie manche Handlungen sich auswirken könnten.

Daneben gibt es natürlich auch Liebe, Mord & Totschlag und eine ganze Reihe von Rätseln: Der geneigte Leser sollte von Anfang an Frau Schackel und den Zwerg des Zeitdrachen genau beachten, vielleicht findet er dann eine Lösung, die Elphaba (und mir) verschlossen blieb. Das ist die andere Seite: Wer einen runden, geschlossenen Plot verlangt, wird enttäuscht werden.

Wer Baums Zauberer von Oz kennt und die ersten beiden Episoden von Wicked gelesen hat, weiß, dass diese desillusionierende Tragödie zwar manches neu ausdeutet, aber an den "Fakten" nichts ändert. Und so bleibt Elphabas Lebensaufgabe am Ende nur halbvollendet.

 

Erzähltechnisch ist der Roman recht konservativ – die aus einer Mischung von auktorialer und personaler Perspektive geschilderte Geschichte kommt ohne sprachliche Experimente aus. Die Sätze gleiten unaufdringlich dahin und auch die Wortwahl ist zwar vielfältig, aber niemals aufdringlich – der Stil wird unsichtbar, so dass der Leser in die Erzählung eintaucht.

 

Die Kirkus Reviews urteilt so: "Halten Sie einen Platz frei im Regal zwischen Alice im Wunderland und Der Hobbit – es lohnt sich." Zwar haben die genannten Werke Lewis Carrolls und J. R. R. Tolkiens einen festen Platz in meinen viel zu wenigen Regalmetern erworben, aber Wicked gehört nicht daneben: Es ist ganz zweifellos kein Kinderbuch. Ins Regal werde ich es dennoch stellen, denn es ist eines der besten Fantasy-Bücher, die ich bisher gelesen habe – ich hoffe sehr, dass es genügend Abnehmer findet, damit Klett-Cotta auch Son of a Witch, den zweiten Teil der Wicked-Reihe übersetzt; wer Serien nicht leiden kann, kann trotzdem Wicked lesen, da es für sich stehen kann.

 

Schließlich ist noch das Wicked-Musical zu erwähnen, das nicht nur seit 2003 am Broadway aufgeführt wird, sondern auch International große Erfolge feiert; in Deutschland wird es im Palladium Theater in Stuttgart aufgeführt. Zwischen dem Buch und dem Musical gibt es allerdings große Unterschiede – es scheint, als wenn die Musical-Macher ihrem Publikum keine Tragödie zutrauen wollten.

 

Fazit:

Die grünhäutige Außenseiterin Elphaba setzt sich für die unterdrückten TIERE ein und wird so immer tiefer in den Kampf gegen den diktatorischen Zauberer von Oz und sein mörderisches System verstrickt. Diese auf L. Frank Baums Der Zauberer von Oz basierende Revisionist Fantasy erzählt eine spannende und intensive Auseinandersetzung mit dem Leben in einem faschistischen System, die am Leben der Bösen Hexe des Westens entwickelt wird. Wer von Figuren getriebene Fantasy mag und Politik nicht scheut, sollte für diesen desillusionierenden Bildungsroman einen Platz zwischen China Miévilles Der Eiserne Rat und Ian R. MacLeods Aether freihalten.

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Titel: Wicked – Die Hexen von Oz.

Untertitel: Die wahre Geschichte der Bösen Hexe des Westens

Reihe: Wicked Bd. 1

Original: Wicked – The Life and Times of the Wicked Witch of the West (1995)

Autor: Gregory Maguire

Übersetzer: Hans-Ulrich Möhring

Verlag: Klett-Cotta (Januar 2008)

Seiten: 533-Klappbroschur

Titelbild: Philippa Walz

ISBN-13: 978-3-608-93811-1

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 11.04.2008, zuletzt aktualisiert: 02.01.2019 13:25