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Zwielicht 6 herausgegeben von Michael Schmidt und Achim Hildebrand

Rezension von Marianne Labisch

 

Verlagsinfo:

Im halbjährlichen Rhythmus erscheint Deutschlands einziges Horrormagazin Zwielicht. Die sechste Ausgabe mit zehn zeitgenössischen Kurzgeschichten. Zusätzlich findet sich eine deutsche Erstveröffentlichung von Algernon Blackwood. In drei Artikeln wenden sich drei Beiträge an das Thema Horror um es dem Leser verständlicher zu machen.

 

Rezension:

Eins kurz vorab: Wenn ich Rezensionen verfasse, bin ich ehrlich. Ich sage, was mir ganz persönlich gefällt und was nicht. Bei mir punktet eine Geschichte nicht allein mit einer guten Idee, sondern sie sollte mich bitte auch handwerklich überzeugen.

Bei unerfahrenen Autoren, die gerade erst beginnen, lege ich die Messlatte niedriger an, als bei Preisträgern.

Jetzt zum Buch:

 

Christian Weis: Kleiner Vogel flieg

Mara wird mit zwei weiteren jungen Frauen entführt. Der Leser fürchtet, dass sie entweder in die Prostitution gezwungen werden oder für Snuff Videos herhalten sollen. (FSK ab 10?)

Die Frauen werden in einem Haus oder Schloss mitten im Wald gefangen gehalten und von Männern osteuropäischer Herkunft bewacht.

Ein Wärter unterscheidet sich von den anderen durch seine intensiven grünen Augen und eine Maske. Er verspricht Mara zu helfen, wenn sie nur ihren Körper geschmeidig hält.

 

Ich habe diese Geschichten zügig durchgelesen. Sie hat mich auf eine Art gefesselt und mich neugierig auf das Ende gemacht. Das Ende halte ich allerdings für fragwürdig.

Wobei ich dem Autor zugestehen will, dass er es nicht eindeutig macht. Es könnte auch anders gedeutet werden, als ich es tue.

 

Wortwiederholungen und ausgelatschte Klischees gefielen weniger.

 

Christian Weis hat es allerdings recht glaubhaft geschafft, sich in eine Frau hineinzudenken. Mir ist kein Mal der Gedanke gekommen: Halt. So würde eine Frau sich nicht verhalten.

 

Henrike Curdt: Das letzte Müsli

Illy, ein kleines Mädchen spielt mit seiner Freundin mit Barbie Puppen. Aber an diesem Tag läuft das Spiel irgendwie aus dem Ruder. Als eine der Puppen versehentlich im Wasser landet, wird sie ertränkt. Dann werden die Haare abgeschnitten und das daraus resultierende hässliche Wesen wird verstümmelt. Sie schneiden den Puppen die Hände, Arme und zum Schluss den Kopf ab. Sind ja nur Puppen. Dennoch, als unvermittelt Illys Mutter auftaucht, beschleicht beide ein schlechtes Gewissen. Schnell werden die Überreste vor den Erwachsenen verborgen.

 

Ende wird auch hier nicht verraten, ist aber in meinen Augen ebenfalls fragwürdig. (Für meinen persönlichen Geschmack.)

Die Erzählstimme hat mich mitgenommen. Ich habe ihr den kindlichen Protagonisten abgenommen.

 

Jörg Kleudgen: Benventinue

Ein Brite besucht den anderen. Der Gastgeber hat eine Theorie, für die er Beweise haben will. (Welche das ist, wird dem Leser nicht direkt verraten.)

Allerdings erfahren wir im Laufe der Geschichte: Der Gasteber scheint unsterblich zu sein. Seine Haushälterin, der Butler und die vielen Katzen werden uns beschrieben. Der Gast kann nach dem Gespräch mit seinem Freund nicht einschlafen und unternimmt einen Spaziergang zum Strand.

Bei seiner Rückkehr erfährt er von der Polizei: Der Gastgeber ist verschwunden und man geht von einem Gewaltverbrechen aus. Das gefundene Blut scheint diese Vermutung zu bestätigen. Der Butler, den der Gast nie leiden mochte, gerät in Verdacht.

 

Das Ende stand für mich schnell fest und war mir zu offensichtlich.

Der Autor hat hier einen Text abgeliefert, der erkennen lässt, dass er Poe liebt. Allerdings passt die auf alt getrimmte Erzählweise, meiner Meinung nach, nicht in die Jetztzeit, in der die Geschichte spielt. Ein Übermaß an Hilfsverben hätte für meinen Geschmack heraus gefiltert werden müssen.

 

Tanja Hanika: Wer den Schorchengeist schimpft …

Dorothea besucht ihre Tante einmal in der Woche. Sie spinnen und essen danach zu Abend. Die Töchter der Tante kommen spät heim und berichten, im Dorf habe eine Frau einen Geist gesehen. Derart inspiriert, erinnern Dorothea und die Tante sich an die alte Geschichte vom Schorchengeist und erzählen sie den beiden Mädchen. Als der gewünschte Effekt eintritt und die Zuhörer sich schön gruseln, lacht Dorothea und verkündet, sie glaube nicht an Geister. Sie geht sogar so weit, den Geist zu verspotten. Die Tante, die eigentlich auch nicht an Schauermärchen glaubt, hat bei der Vorstellung, Dorothea alleine durch den Wald heimgehen zu lassen, kein gutes Gefühl. Sie bittet die junge Frau zu bleiben, oder sich vom Onkel (der bislang in der ganzen Geschichte nicht einmal aufgetaucht ist, auch beim Abendessen nicht.) begleiten zu lassen. Natürlich wird Dorothea vom Geist verfolgt.

 

Tanja Hanika versucht sich hier an einer altertümlich angehauchten Erzählweise. Dies gelingt nur bedingt.

 

Jerk Götterwind: Ich liebte ein Zombiemädchen

Chemielasterunfall – Grabschändungen – Zombies

Ein Mann stellt fest: Seine Angehimmelte ist unter den Zombies und kidnappt sie kurzerhand.

 

Kurz, knapp, erfrischend anders. Die Story gefällt mir, weil dieser Autor seinen eigenen Stil gefunden hat. Es wird nicht lange um den Brei herumgetanzt, er kommt gleich zur Sache und brachte mich sogar einmal zum Lachen.

 

Sascha Lützeler: Absurde Logik

Jonas wacht mit starken Schmerzen auf dem Sofa auf. Alles scheint sich verändert zu haben. Seine Schallplatten stehen auf einem Stapel, als sollten sie entsorgt werden, sein lebensnotwendiges Mischpult ist sogar komplett verschwunden. Dann entdeckt er auch noch eine Fotografie an der Wand. Gerahmt. Mit seiner Freundin Linda darauf. Und einem anderen Mann, den sie verliebt anlächelt.

Er fragt sich, ob sie ihn betrügt. Die entsetzlichen Bauchschmerzen zwingen ihn zurück auf die Couch. Er hört einen Schlüssel im Schloss. Linda. Die wird ihm ein paar Dinge beantworten müssen.

 

Ich gehe nicht weiter auf die Story ein, weil sie absolut lesenswert ist.

Mir hat sie bis jetzt auf jeden Fall am besten gefallen.

Spätestens hier haben die Herausgeber mich an der Angel. Ich wollte direkt weiterlesen, noch bevor ich meine Notizen gemacht hatte. Nur eins muss ich Herrn Lützeler und allen anderen mitgeben: Eine Fliese ist keine Kachel! Eine Kachel kommt nur, und ausschließlich dort, an einem Kachelofen zum Einsatz. Sie ist wesentlich dicker, als eine Fliese, weil sie die Hitze speichern soll.

 

Lothar Nietsch: Zertifiziert

Hubertus Sponger versucht, seinem Kunden Hermann Partikular die Vorzüge einer Zertifizierung seines Unternehmens schmackhaft zu machen. Partikular hinterfragt, scheint nicht zu verstehen, dass die Ausgabe sich lohnen wird.

 

Wieder eine Geschichte, die mich amüsiert hat.

Kurz und unterhaltsam, aber ich hätte die Geschichte höchstens augenzwinkernd unter ›Horror‹ eingestuft.

 

Marcus Richter: Whatever really Happend to Little Albert

Genauso verwirrend wie die Groß- und Kleinschreibung im Titel, ist die ganze Geschichte.

Ein Mann, John Bernard Watson, fährt in die apuanischen Alpen, um eine Höhle zu erforschen. Er fühlt sich verfolgt und kehrt in Gedanken immer wieder zu dem Tag zurück, an dem er seine Tochter tot auffand.

 

Viele Rückblicke, die die im Präsens verfasste Geschichte unterbrechen, machen es unübersichtlich. Schachtelsätze sind nicht jedermanns Geschmack. Für mich (ganz persönlich) war es eine harte Aufgabe, diesen Text bis zum Ende zu lesen.

 

Tanja Wendorff: Das Huhn auf dem Klavier

Eine einsame alte Frau, die in einem verlassenen Schloss wohnt, spielt auf einem Klavier. Darauf sitzt ein Huhn. Es ist eiskalt und sie muss sich Nahrung besorgen.

 

Die Geschichte hat mich weder überrascht noch begeistert.

 

Michael Tillman: Mit H.P. Lovecraft auf dem Bahnhofsklo

Lustiger Titel, aber im E-Book wird dieser Beitrag unter Geschichten aufgelistet. Und der Band, der hier besprochen wird, läuft unter der Rubrik ›Horror‹!

Ein Autor sinniert auf dem Bahnhofsklo über Lovecraft-Anthologien.

Der Autor macht auf mich den Eindruck, als könne er mit Worten und Sprache umgehen. Aber dieser Beitrag ist keine Horrorstory.

(Es sei denn, die Tatsache, dass der Autor an jenem Tag unter einer Verstopfung litt, gelte neuerdings als Grundlage einer Geschichte und diese sei dann automatisch dem Genre ›Horror‹ zuzuordnen.)

Als ich diese Story begann, war ich positiv überrascht, wurde dann allerdings Opfer meiner Erwartungshaltung. (= Horrorstory wo bist du?)

Vielleicht ist aber auch nur das Inhaltsverzeichnis fehlerhaft?

Dann ist es ein lustiger, netter Artikel, der mir als solcher sogar gefällt.

 

Algernon Blackwood: Max Hensig

Williams, ein Reporter, wird beauftragt, über die Hensig-Story zu berichten. Er sieht sich allerdings schon über Mord- und Totschlaggeschichten hinaus und ist zuerst nicht von dieser Aufgabe angetan. Dieser erste Eindruck verstärkt sich, als er den vermeintlichen Ehefrauenmörder im Gefängnis interviewt. Hensig ist ein Deutscher mit brillantem Geist, aber keinerlei Skrupeln, der behauptet, wenn er seine Frau ermordet hätte, wäre er nie so stümperhaft vorgegangen, dass man ihm die Tat nachweisen könne. Der eiskalte Blick des Inhaftierten macht ihm Angst. Obwohl Williams als Reporter eigentlich neutral berichten soll, gewinnt er im Laufe seiner Recherchen immer mehr Einsichten in die überhebliche Wesensart Hensigs und lässt sich dazu verleiten, ihn vorzuverurteilen. Auch in der Berichterstattung spiegelt sich diese Einstellung wider. Damit zieht er den Zorn des Häftlings auf sich. Als dieser freigesprochen wird, fürchtet er um sein Leben. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten.

 

Eine ältere Geschichte, die hier in einer Übersetzung erscheint. Die Geschichte überzeugt: Mir hat sie außerordentlich gut gefallen.

 

Katharina F. Bode: Through the Gates of life & fiction

In ihrem Artikel widmet sich die Autorin dem Wirken des H. P. Lovecraft. Mir hat ihr Artikel gefallen, dem ich anmerke, dass sie sich mit Lovecraft, seinem Leben, seinem Werken, seinem Einfluss auf uns noch heute beschäftigt hat.

 

Daniel Neugebauer: ?! oder ein Blick auf Jonathan Carrolls magischen Realismus und Eric Hantsch: Bruno Schulz – Die Mythologie der Häresie

Beide Autoren umreißen das Leben und Schaffen der gewählten Autoren. Sie tun dies gewissenhaft und zumindest Neugebauer gelingt es, mich neugierig zu machen. (Dass Hantsch es nicht schafft, liegt nicht an ihm, sondern an Bruno Schulz und ist mein ganz persönlicher Geschmack.)

 

 

Das Cover von Björn Ian Craig gefällt mir ausnehmend gut. Ein Gebäude, vor dem man einen Friedhof erkennt. Durch die Anordnung der Fenster und Grabsteine erhält dieses Haus ein grinsendes Gesicht, das allerdings nichts Gutes verheißt.

 

Fazit:

Ich habe das E-Book gelesen. Ob E- und Printbuch identisch sind, kann ich nicht beurteilen. Hätte ich dieses Buch käuflich erworben, wäre ich sauer.

Ich kann damit leben, dass es kaum noch Druck-Erzeugnisse gibt, in denen keine Fehler zu finden sind, aber dass sie hier so geballt auftreten, stört zumindest meinen Lesegenuss. Das Lektorat/ Korrektorat in diesem Band hat mich nicht überzeugt.

 

Auch die Geschichten selbst fegen mich nicht von Hocker.

Ich glaube nicht, dass eine Geschichte nur durch ein vermeintlich überraschendes Ende zu einer Horrorgeschichte wird.

Selbstverständlich sind Geschmäcker verschieden und vielleicht bin ich mit einer zu hohen Erwartungshaltung an das Buch herangegangen, weil einige Zwielicht-Bände ausgezeichnet wurden.

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Magazin:

Zwielicht 6

Herausgeber: Michael Schmidt und Achim Hildebrand

Taschenbuch, 350 Seiten

Saphir im Stahl, 19.3.2015

Cover: Björn Ian Craig

Illustrationen: Oliver Pflug

 

ISBN-10: 394394848X

ISBN-13: 978-3943948486

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00V400SHK

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Inhalt:

  • ChristianWeis – Kleiner Vogel, flieg!
  • Henrike Curdt – Das letzte Müsli
  • Jörg Kleudgen – Penventinue
  • Tanja Hanika – Schorchengeist
  • Jerk Götterwind – Ich liebte ein Zombiemädchen
  • Sascha Lützeler – Absurde Logik
  • Lothar Nietsch – Zertifiziert
  • Marcus Richter – Whatever really Happened to Little Albert
  • Tanja Wendorff – Das Huhn auf dem Klavier
  • Michael Tillmann – Mit H. P. Lovecraft auf dem Bahnhofsklo
  • Algernon Blackwood – Max Hensig
  • Katharina Bode – 125 Jahre Howard Phillips Lovecraft – Through the Gates of life &Fiction
  • Daniel Neugebauer – ?! oder ein Blick auf Jonathan Carrolls magischen Realismus
  • Eric Hantsch – Bruno Schulz: Die Mythologie der Häresie

weitere Infos:

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Erstellt: 27.11.2015, zuletzt aktualisiert: 08.11.2018 19:02