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Das Motel von Brett McBean

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension

Ein neuer McBean? Diese Aussicht dürfte nicht nur dem Rezensenten, sondern auch den fraglos zahlreichen Rezipienten ein zufriedenes Grinsen entlockt haben. Man merkt, dass der sympathische Australier Brett McBean respektive seine harten (Horror-)Thriller nach gerade mal zwei deutschsprachigen Veröffentlichungen (Die Mutter, 2010 und Die Bestien, 2011) hierzulande längst »angekommen« zu sein scheint. Eine Überraschung? Eher nicht. Der Junge ist nämlich wirklich so gut, wie von vielen Seiten behauptet. Die nächste Generation nach Laymon, Ketchum und Co., welche den unzensierten, rohen und mitunter durchaus subversiven Geist besagter Wegbereiter erfolgreich fortführt. Wobei McBeans jüngster Output, Das Motel schon eine gewisse Sonderstellung innehat – es ist nämlich sein Debüt; publiziert noch vor seinen bisherigen Romanen.

Zwei Schritte zurück statt einen nach vorn? Doch bleibt es nicht bei einer Besonderheit. The Last Motel (so der Originaltitel) basiert nämlich auf einer filmischen Vorlage; ist demzufolge ein so genanntes Tie-In . Wobei die Entstehungsgeschichte ziemlich interessant ist. Das kleine Machwerk von Regisseur Bruce ‘Butch’ Callaghan schwamm 1981 ungeschönt auf der immens populären, aufkeimenden Slasher-Welle mit, landete aber aufgrund des Härtegrads und nicht zuletzt dank der mehr als liberal zu nennenden Freizügigkeit auf der berüchtigten Liste der Video-Nasties, einer schwarzen Liste für vermeintlich menschenverachtende Werke. Eine von vielen hysterischen Schnellschüssen während der Thatcher-Ära der 80er Jahre, die neben durchaus nachvollziehbaren Entschlüssen (etwa Conan Le Cilaires Gesichter des Todes (1978) oder Ruggero Deodatos Cannibal Holocaust (1980)) auch vor prominenten Filmemachern keinen Halt machte, wie die Indizierung von Sam Raimis Tanz der Teufel (1981) überdeutlich dokumentiert. Das solch ein gravierendes Urteil das Aus für Callaghans Werk bedeutete, sollte klar sein. Und so verschwanden Film und Regisseur im Dunkel der Vergessenheit. Lediglich eine Handvoll harter Fans behielten The Last Motel in Erinnerung.

20 Jahre später entdeckt ein junger Nachwuchs-Autor eine VHS-Kopie des Films auf dem Grabbeltisch seiner Videothek – und ist umgehend fasziniert. Sein Name? Brett McBean. In Zuge seiner Begeisterung stellt er via Internet Nachforschungen an und muss ernüchtert feststellen, dass DVD-Veröffentlichungen von »The Last Motel« nicht existieren. Schlimmer noch: Offenbar scheint seine Videokassette einer der letzten vorhandenen Beweise für die Existenz des Films zu sein! Immerhin stößt er im Zuge seiner Recherchen auf den Namen des Regisseurs, dem er schlussendlich sogar persönlich seine Aufwartung zuteil werden lässt. Mittlerweile ist Bruce Callaghan Mitte 60 und zu einem verbitterten und frustrierten Alkoholiker geworden; fraglos Resultate seiner Erfahrung mit der britischen Zensurbehörde und den dazugehörigen Folgen. Das er mit seinem Film nichts mehr zu tun haben will, ist verständlich. Aber McBean erweist sich als hartnäckig. Allmählich gewinnt er das Vertrauen des älteren Mannes, der ihn sogar schlussendlich als Freund ansieht. Als Folge erscheint »The Last Motel« erstmals 2003 in Romanform – und markiert damit Brett McBeans literarischen Einstand.

 

Zur Story: Mittelpunkt bildet das titelgebende Lodgepole Pine Motel, weitab vom Schuss, umgeben von Bergen und Wäldern, betrieben von einer netten älteren Dame, die keiner Fliege etwas zuleide tun könnte – oder?

Es ist „diese eine Nacht“, die das friedliche Gleichgewicht empfindlich stört; in der sich die falschen Leute den falschen Ort zur falschen Zeit ausgesucht haben. Wie beispielsweise das Ehepaar, welches nach dem ungewollten Mord an einem jungen Mann die Flucht vor den Behörden angetreten hat. Oder die beiden Kumpel Al und Eddy, die der Alkohol leichtsinnig und überheblich werden ließ. Dabei ist der gestohlene Wagen noch das kleinere Übel. Wesentlich gewichtiger dürfte da schon die unbekannte Leiche im Kofferraum sein …

Nicht zu vergessen: Wayne, der gemeinsam mit seinem Sohn einen Unterschlupf für die kommende Nach sucht. Doch sind die beiden wirklich, was sie vorgeben zu sein? Für Motel-Betreiberin Madge ist der Fall nicht ganz so klar. Von irgendwoher kennt sie diesen Wayne. War er schon nicht schon einmal Gast im Lodgepole Pine? Und hatte er damals nicht auch schon männliche Begleitung dabei? Nach und nach begibt sich die resolute 64jährige Madge Fraiser auf immer dünneres Eis, wohingegen die vermeintlichen Schutzwälle ihrer Gäste nach und nach erste Risse zeigen; ausgelöst durch Widersprüche und unüberlegte Handlungen. Unterdessen hat es ein bewaffneter Unbekannter auf das Haus einer attraktiven und, wie er feststellen muss, sexuell höchst offenen Ehefrau abgesehen. Eine weitere ungebremste Gewalt, die ebenfalls in Zusammenhang mit dem Lodgepole Pine Motel zu stehen scheint. Ganz gleich, wie: In dieser Nacht werden sie alle zusammentreffen. In dieser Nacht werden Leid und Tod fette Beute halten. Diese Nacht wird zum Inferno werden …

 

Besonders der gelegentlich etwas ungelenk wirkende Stil verrät, dass es sich hier um McBeans Roman-Erstling handelt. Synchron werden aber auch jene Stärken offenbart, die Brett McBean in seinen anderen Werken nahezu perfektioniert hat: Atemlose Spannung und keine Rücksicht auf Verluste. Zur reinen Schlachtplatte verkommt »Das Motel« trotzdem nicht. McBean kennt die Mechaniken, er weiß, wie ein Psychothriller funktioniert. Ähnlich einem Schachspieler platziert er zunächst seine Pro- und Antagonisten, deren Positionen im Verlauf mitunter ungezwungen und auch reichlich überraschend die Seiten wechseln. Auch danach kommt der Roman zunächst ein bisschen träge in Fahrt, wäre ein eventuelles Anziehen des Tempos durchaus etwas von Vorteil gewesen. Querlesen ist aber nicht – trotz dieses kleinen Schönheitsfehlers.

Dafür werden Charaktere und Lokalitäten viel zu lebendig und interessant portraitiert. Ohnehin: Langwieriges Gefasel ist nicht. McBeans Prosa ist stets sauber, klar und deutlich abgesteckt. Blumige Phrasen und ähnlich vermeidliche Stilblüten wird man vergeblich suchen. Aber ebenjener Stil trägt zu der dichten Atmosphäre bei, die bei Psychothrillern von diesem Schlage auch erwartet werden darf. Dabei dürfte sich McBean, auch das wird mit fortschreitender Handlung immer deutlicher, an einem hochkarätigen Klassiker orientiert haben, nämlich Psycho von Robert Bloch, der – Überraschung! – auch in einem einsamen Motel spielt. Es gibt schlechtere Vorbilder. Allerdings wirken Blochs Andeutungen von sexuellem Verlangen und Gewalt verglichen mit McBean geradezu kindlich-naiv. »Bizarr« und »abartig« beschreiben die sadistischen Gewalt- und Sexualakte eigentlich nur rudimentär, verleihen dem Roman aber einen Biss und eine Schärfe, die man bei vergleichbaren Veröffentlichungen mit der Lupe suchen muss. FSK 18, definitiv. Allerdings lässt sich McBean nicht von den mannigfaltigen Gräueltaten anstecken. Nein, diese Passagen sind keine Selbstläufer, sondern sorgen zusätzlich für klamme Handflächen und erhöhte Pulsfrequenzen; sind sozusagen die Kirsche auf dem blutig-kranken Kuchen, in dessen Füllung ferner ein überaus glaubwürdiges 80er Jahre-Flair und höchst interessante Rückblenden gepackt wurden, wobei letzter Punkt für Tiefe bei den einzelnen Handelnden sorgt. Wie gesagt: Blutig. Aber lecker.

 

Fazit:

Trotz marginaler Kinderkrankheiten (es handelt sich um einen Erstling!) ist Brett McBeans Das Motel ein blutiges Steak von einem Psychothriller. Ungemein hart, ausschweifend und vor allem verdammt raffiniert. Ein weiteres atemberaubendes Werk von einem der besten Nachwuchs-Vertreter der Neuen Härte. Wer im Übrigen mehr über die filmische Vorlage erfahren möchte, findet reichliche Informationen hier.

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Eure Meinung:

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Buch:

Das Motel

Originaltitel: The Last Motel

Autor: Brett McBean

Übersetzerin: Doris Hummel

Taschenbuch, 380 Seiten

Festa-Verlag, 9. April 2012

 

ISBN-10: 3865521479

ISBN-13: 978-3865521477

 

Erhältlich bei: Amazon

 

ASIN-Kindle: B007ROXXB0

 

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Erstellt: 31.05.2012, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 15:57