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Der Spiegel auf der Flucht von Giovanni Papini

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 19

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Mit dem neunzehnten Band der Bibliothek von Babel wendet sich Herausgeber J. L. Borges dem Italiener Giovanni Papini zu. Der Spiegel auf der Flucht enthält zehn Kurzgeschichten, die den zu Beginn des 20. Jh. erschienenen Bänden Il tragico quotidiano und Il pilota cieco entnommen sind. Sie kreisen um die Themen Sehnsucht und Qual und sind damit im weitesten Sinne dem Horror zuzuordnen.

 

Zu den einzelnen Geschichten:

Zwei Erscheinungen in einem Wasserbecken (12 S.): Der Erzähler kehrt zur kleinen Kreisstadt zurück, in der er einige Zeit gelebt hatte. Sie liegt abgelegen und verfällt langsam. Er geht sofort zu jenem Garten, in dem er früher stets am kleinen Teich verweilte, den der erbauende Fürst per Dekret zum See machte. Heute ist er voller abgestandenem Wasser und toten Blättern. Neben seinem Gesicht spiegelt sich ein weiteres darinnen – es ist sein eigenes, das seinem Ich von vor sieben Jahren gehört.

Eine seltsame Horrorgeschichte, denn sieht man vom naiven, lächerlichen und komplett harmlosen jüngeren Ich ab, gibt es nichts Übernatürliches; es ist so gesehen ein Mini-Thriller, der vielleicht die Leitlinie aufgreift, dass man sich selbst gegenüber mitleidlos sein muss, will man voran kommen. Beeindruckend ist die allgegenwärtige Atmosphäre des Verfalls.

Eine völlig absurde Geschichte (11 S.): Der misanthropische Erzähler verfasst gerade seine verlogenen Memoiren, als es zaghaft an der Tür klopft. Da er keine zaghaften Menschen mag, öffnet er nicht. Tags darauf klopft es heftiger, aber er mag auch keine Menschen, die so schnell ihre Meinung wechseln. Am dritten Tag tritt der Fremde ungebeten ein und fordert den Erzähler auf, seine Erzählung zu beurteilen; gefiele sie ihm gut, müsse er innerhalb eines Jahres berühmt gemacht werden, missfiele sie, wolle er Selbstmord begehen. Überrascht stimmt der Menschenfeind zu, überraschter noch lauscht er dem vortragendem Fremden.

Eine recht offene Horrorgeschichte: Ist alles nur ein gigantischer, grotesker Zufall – oder treibt eine numinose Macht ihr böses Spiel mit den beiden Schriftstellern? Oder ist es eine Allegorie?

Ein geistiger Tod (22 S.): Der Erzähler hat eine seltsame Theorie: Eigentlich seien die meisten Morde und Krankheitstode bloß Selbstmorde. Der Tote hatte gewusst, was auf ihn zukommt, aber nicht den Willen etwas dagegen zu unternehmen – er wählt die Sicherheit des Todes und lehnt die Unabwägbarkeit des Lebens ab. Eines Tages durchwühlt der Erzähler gelangweilt den Bücherstapel eines Antiquariats. Ihm fällt dabei Besi von Dostojewski in die Hände. An dem Rand sind Notizen gemacht worden; es scheint, als sei der Vorbesitzer einer erhabenen Art des Selbstmordes auf der Spur. Der Erzähler macht sich auf diesen Ottone Kressler aufzusuchen.

Diese aus Lebensüberdruss begründete Selbstmord-Fantasie mag beim Leser ob des bizarren Charakters des Ottone Kresslers ein sense-of-wonder auslösen. Die Geschichte erinnert an Gustav Meyrinks J. H. Obereits Besuch bei den Zeitegeln (in Der Kardinal Napellus) auch wenn die Konsequenzen deutlich verschieden sind.

Der letzte Besuch des kranken Gentleman (10 S.): Der Erzähler erhält einen letzten Besuch von einem sonderbaren Bekannten. Dieser wird von allen der "kranke Gentleman" genannt, da er stets schlaff und kränklich wirkt; beim letzten Mal sieht er sehr geschwächt aus. Schon unter normalen Umständen waren seine häufigen Reden wirr und von bizarren Schrecken durchsetzt, doch bei diesem Besuch hat er schier Unglaubliches zu berichten: Er sei ein real gewordener Traum.

Eine weitere sonderbare Horrorgeschichte: Wunderbar die Vorstellung eines in die Realität geträumten Menschen, grausig das Leben, welches dieser führte.

Ich will nicht länger der sein, der ich bin (7 S.): Der Titel sagt bereits alles nötige aus – es geht um einen Menschen, der sein Selbst radikal ändern möchte. Vielleicht bringt die Geschichte um das Ei des Kolumbus die Leistung auf den Punkt: Das Ergebnis scheint banal, aber nie zuvor wurde es geliefert.

Wer bist du? (15 S.): Als eine der wenigen Abwechslungen in seinem Leben liebt der Erzähler Briefe und seine tägliche Zeitung – diese bleiben an jenem bedeutungsvollen Tag jedoch aus. Um sich von der Frustration abzulenken geht er spazieren. Er trifft einen Bekannten, aber der erkennt ihn scheinbar nicht wieder. Noch weiter frustriert, schreibt er einige Briefe und freut sich schon auf die Antworten. Doch die bleiben aus. Er geht zu seinem besten Freund und auch der will ihn nicht wieder erkennen! All' seine Freunde und Bekannten behandeln ihn wie einen völligen Fremden – was ist geschehen?

Diese Horrorgeschichte könnte die Antwort auf die vorherige sein; sie bezieht ihre Spannung aus dem plötzlichen und unerklärlichen Verlust jeglicher sozialer Bindungen.

Der Seelenbettler (9 S.): Der Erzähler ist hungrig nach Ruhm – aber er ist auch im wörtlichen Sinne hungrig, da er wieder einmal pleite ist. Drum muss er bis Morgen früh eine Geschichte fertig haben, die er für einen kleinen Vorschuss verkaufen kann. Doch dem jungen Schriftsteller will nichts Neues, Erzählenswertes einfallen. Er beschließt einen durchschnittlichen Passanten nach seinem Leben zu befragen – und bekommt ein grausiges Schicksal zu hören.

Diese bittere Horrorgeschichte, in der ein Durchschnittsmensch die Hauptrolle spielt, ist ihrem Wesen nach so anti-phantastisch, das sie schon wieder wundersam ist.

Der stellvertretende Selbstmörder (10 S.): Nichts kann dem Freund des Erzählers helfen; er scheint zerstreut, fast wirr, und gequält. Nach Hause will er nicht – da sei kein Stein, auf dem er sein Haupt betten könne. Auf den spöttischen Einwurf eines weiteren Gastes lässt er sich eine Kerze bringen und verbrennt sich arg die Hand daran. Was er damit beweisen wollte, bleibt unklar. Später gesteht er, dass er nicht glaube, jemand, der mit dreiunddreißig Jahren noch nicht Großes vollbracht habe, solches noch können würde. Und in zwei Tagen werde er vierunddreißig – es bleibe nur sein wertloses Leben zu beenden. Aber er wolle sein Leben für jemanden opfern – da kommt der Erzähler ins Spiel.

In diesem Mini-Drama geht es um einen Menschen, der verzweifelt versucht seinem Leben einen Sinn zu geben. Thematisch erinnert die Geschichte damit an Jack Londons Das Gesetz des Lebens (z. B. in Die konzentrischen Tode).

Der Spiegel auf der Flucht (9 S.): Auf einen Zug wartend wird der Erzähler von einem Fremden auf dem Bahnhof angesprochen. Wie von Champagner trunken parliert er über die Segnungen des Fortschritts, wie der Gedanke daran alleine dem Menschen die Kraft verleiht sich zum Herrscher über die Erde aufzuschwingen. Das Heute sei daher voller Hoffung dem Morgen zu opfern. Der Erzähler bringt eine Gegenrede hervor: Angenommen, die Zeit hielte an – wer wäre dann glücklich?

"Carpe diem!" ruft der Autor mit diesem Gedankenexperiment um stillstehende Zeit aus.

Der nicht zurückerstattete Tag (11 S.): Der Erzähler verbringt seine Zeit gerne mit alten Prinzessinnen, denn obzwar sie in vielerlei Belang armselige, gar lächerliche Figuren abgeben, kennen sie doch die abenteuerlichsten Geschichten. So lässt er sich von einer alten Österreicherin von einer schier unglaublichen Begebenheit berichten: Vor vielen Jahren, als die Dame zweiundzwanzig und die Schönste in ganz Wien war, da trat ein alter Mann auf sie zu, der von ihr das dreiundzwanzigste Lebensjahr als Leihgabe für seine kranke Töchter erbat – sie solle diese Zeit bis zum letzten Tag vollständig zurück erhalten. Wann immer sie wolle.

Im Grundzug erinnert diese schöne Wundergeschichte an ein Märchen – eine wohltätige Prinzessin, die ihre Jugend wieder aufleben lassen kann – doch sie ist melancholischer und tragischer als alles, was die Gebrüder Grimm festhielten.

 

Dem Setting wird nur der nötigste Raum gewährt. Für gewöhnlich kann man bloß ahnen wann oder wo der Schauplatz angesiedelt sein soll; nur in Zwei Erscheinungen in einem Wasserbecken und Ein geistiger Tod erhält es als atmosphärische Untermalung genutzt etwas mehr Bedeutung. Gleiches gilt für die Figuren: Sieht man vom Ich-Erzähler der Geschichten ab, so sind sie nur Handlungsträger. Der Erzähler könnte ein Fragment des Autors sein, wie schon Borges selbst feststellte.

 

Die Plots gehören grob gesprochen in zwei unterschiedliche Kategorien. Da sind zunächst einmal die Wundergeschichten; die erstaunliche Begebenheit ist in ihnen üblicherweise zugleich eine grausige. In den anderen wird eine gewisse bittere oder melancholische Stimmung hervorgehoben. Die erste und die letzte Geschichte brillieren in beiden Kategorien gleichermaßen. Auch wenn alle Geschichten im weitesten Sinne zum Horror gehören, so gibt es eine ganze Reihe, die ohne phantastisches Element auskommen; diese Geschichten stammen meistens aus der zweiten Kategorie.

 

Erzähltechnisch fällt auf, dass sie alle aus der Perspektive eines ungenannten Ich-Erzählers geschildert werden. Die dem Erzähler zukommende Rolle variiert aber wesentlich: Mal ist er kaum mehr als ein bloßer Zuhörer, mal ist er die zentrale Figur. Auch sonst ist sein Stil vielfältig: Die Wortwahl ist sehr breit, auch wenn sie zum Gewählten neigt, und die Sätze können kurz und knapp oder lang und gewunden sein. Zueigen ist ihm aber eine stete sprachliche Klarheit.

 

Fazit:

Zehnmal werden gewöhnliche und ungewöhnliche Sehnsüchte und daraus entstehendes Leid thematisiert. Mit den vorliegenden Geschichten wird ein ganz eigentümlicher Aspekt des Horrors, wenn auch nicht immer der Phantastik, vorgestellt; einzelne von ihnen, vor allem die erste und die letzte, haben eine viel größere Bekanntheit verdient.

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Titel: Der Spiegel auf der Flucht

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 19

Original: Ohne Angabe

Autor: Giovanni Panini

Übersetzer: Angelika Hocke-Asam

Verlag: Edition Büchergilde (Januar 2008)

Seiten: 133-Gebunden

Titelbild: Bernhard Jäger

ISBN-13: 978-3-940111-19-7

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 25.04.2008, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27