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Die Verschwiegenheit der Lady Anne von Saki

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 23

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der dreiundzwanzigste Band der von J. L. Borges herausgegebenen Bibliothek von Babel, Die Verschwiegenheit der Lady Anne, enthält vierzehn Kurzgeschichten des Briten Saki, die zwischen 1909 und 1914 entstanden sind. Die überwiegende Mehrheit der Geschichten ist humorvoll, bisweilen verknüpft mit einem grausigen Umstand.

 

Zu den einzelnen Geschichten:

Die Verschwiegenheit der Lady Anne (6 S.): Egbert hatte sich mit Lady Anne gestritten und man könnte sagen, dass er nicht ganz unschuldig an diesem Streit war. Als er den Salon betritt, weiß er also nicht genau, was ihn erwartet. Vorsichtig versucht er das Eis zu brechen, doch Lady Anne schweigt.

Eine groteske, bitterböse, doch im heimeligen Gewand daher kommende conte cruel, bei der der Leser nicht weiß, ob er lachen oder weinen soll.

Der Märchenonkel (10 S.): Das Abteil ist von fünf Personen mit Beschlag belegt worden: Ein kleines Mädchen, ein noch kleineres Mädchen, ein kleiner Junge und deren Tante. Die fünfte Person gehört nicht zu dieser Gesellschaft, es ist ein allein reisender Junggeselle. Die Bahnfahrt langweilt die Kinder und die von der Tante zur Erbauung erzählte Geschichte wird nicht gut angenommen – weder von den Kindern, noch vom Junggesellen, der nicht weiß, wer mehr an seinen Nerven zerrt: Kinder oder Tante? Da beginnt er eine Geschichte zu erzählen.

Die Rache, die der fiktive Mensch in dieser bösen Schelmengeschichte für alle realen Bahnfahrer nimmt, kann vom Leser in ihrer Tragweite leicht unterschätzt werden.

Die Rumpelkammer (11 S.): Nicholas' selbsternannte Tante hat etwas eigenwillige Erziehungsmethoden: Sie erfindet immer dann eine fröhliche Unternehmung, wenn sie ein ungezogenes Kind als Erziehungsmaßnahme davon ausschließen kann. Nachdem Nichols seine Milchsuppe nicht essen wollte – er behauptete, es säße ein Frosch darinnen – durfte er also nicht mit an den Strand. Ihm scheint es eine günstige Gelegenheit zu sein, die verbotene Rumpelkammer zu erkunden.

Eine schelmische Abenteuergeschichte, die an Astrid Lindgrens Michel aus Löneberga erinnert – nur das Michel es nie bös' meint und es auf Löneberga keine unheimliche Rumpelkammer gibt.

Gabriel-Ernest (13 S.): Während der Bahnfahrt warnt Cunningham den Großgrundbesitzer Van Cheele, dass sich ein Raubtier in dessen Wäldern herumtreibe. Van Cheele nimmt die Sache nicht sonderlich ernst – es werden Füchse oder Wiesel sein. Tatsächlich waren in letzter Zeit einige Lämmer und etwas Geflügel geraubt worden; auch das Wild hatte abgenommen. Als er in seine Wälder geht um sich gewohnheitsgemäß deren Zustand zu versichern, trifft er auf einen verwilderten Jungen, der behauptet dort zu leben. Skeptisch fragt der Naturfreund, wie er denn das Wild fangen wolle – der junge Wilderer, dessen Augen jetzt gelb leuchten, entgegnet, dass er des Nächtens auf vier Füssen jage, und verschwindet im Unterholz – doch das war nicht die letzte Begegnung zwischen den Beiden.

Der Wert dieser Horrorgeschichte liegt im Umgang mit dem Wunder: Zwar wird der Leser schnell genug erraten, was es mit dem Wilderer auf sich hat, doch einen direkten Zugang erhält er nicht. Damit ähnelt es einer todorovschen Phantastik, kippt aber in Wunderbare.

Tobermory (14 S.): Bei einer Hausparty wundert sich die Gastgeberin Lady Blemley noch darüber, warum jemand den faden Mr. Cornelius Appin "klug" nennen könnte, als eben jener unscheinbare Mensch eine außergewöhnliche Mitteilung macht – es sei ihm gelungen Tobermory, der Hauskatze der Blemleys, das Sprechen beizubringen. "Wahnsinn!" bekundet ein eher skeptischer Gast, doch es zeigt sich, dass der Kater nicht nur das Englisch perfekt beherrscht, sondern auch ein paar pikante Details zum Besten gibt.

Das Motiv des Tiers, das sprechen lernte, wurde schon häufiger verwendet (etwa von Franz Kafka in Ein Bericht für eine Akademie, z. B. in Der Geier, oder von Leopoldo Lugones in Yzur, z. B. in Die Salzsäule), hier jedoch nimmt es eine gänzlich andere Wendung: Die Wundergeschichte kritisiert die Doppeltmoral und die übersteigerte Wertschätzung des Rufs in der britischen Gesellschaft mit scharfem Sarkasmus. In dieser Geschichte tritt der Dandy Clovis auf, der auch in den beiden folgenden Geschichten eine Rolle spielt.

Der Untergrund (7 S.): Um den vom Kunstgeschwätz gelangweilten Clovis aufzumuntern erzählt sein Freund der Journalist vom bizarren Schicksal des Handelsvertreters Henri Deplis. Dieser hatte sich in den Rücken den Sturz des Ikarus vom gefeierten Künstler Andreas Pincini stechen lassen, konnte die Tätowierung dann aber nicht bezahlen. Die Witwe ist daher nach des Künstlers Tod nur allzu bereit das Werk an die Stadt Bergamo zu verkaufen. Von nun an nimmt das Leben des lebenden Untergrund Deplis eine seltsame Wendung.

Diese Groteske überzeichnet die Wertschätzung, der sich Staaten gegenüber den Kunstwerken (toter) Künstler befleißigen, so sehr, dass sie den Stil einiger Geschichten Woody Allans (z. B. Wir aßen für Sie im "Fabrizio's" in Nebenwirkungen) vorwegnimmt.

Die Therapie (12 S.): Während einer Bahnfahrt hört Clovis, wie der früh vergreiste J. P. Huddle einem seiner Bekannten von sich erzählt: Er schätze die Pünktlichkeit und Monotonie – so habe bisher die Drossel ihr Nest in der Weide gebaut, doch dieses Jahr im Efeu – ein Umstand, der deutliches Missfallen hervorruft. Der Bekannte rät Huddle zu einer Unruhekur. Clovis beschließt die Sache selbst in die Hände zu nehmen und quartiert sich als Privatsekretär des Bischofs bei Huddle ein.

Ein Schelmenstück, das einem Till Eulenspiegel würdig ist.

Der Friede von Mowsle Barton (13 S.): Crefton Lockyer geniest die schläfrige Ruhe, den absoluten Frieden, der den Hof von Mowsle Barton so bezaubernd macht. Er selbst hat lange Jahre in der Stadt gelebt und die stetige, laute Hektik war ihm über. Er beschloss auf dem Hof zu bleiben. Wie bedauerlich, dass jemand mit kreide "Martha Pillamon ist eine Hexe" ans Tor schrieb; offenbar kann jemand die Alte nicht leiden.

Diese Wundergeschichte konterkariert die ländliche Idylle, in dem sie zwei streitlustige Nachbarinnen dort hinein setzt, die im wahrsten Sinne des Wortes Hexen sind.

Wachtelfutter (11 S.): Mr. Scarrick, der einen kleinen Gemischtwarenhandel führt, beschwert sich: Heutzutage sei es für einen kleinen Händler unmöglich Kunden zu halten, wenn man keine fantastischen Attraktionen bieten könne. Tags darauf wird eine sonderbare Bestellung für Wachtelfutter aufgegeben – von einem Jungen und einem Alten, die aussehen, als stammten sie direkt aus Tausendundeine Nacht.

Die 1923 veröffentlichte Satire nimmt eine Werbestrategie vorweg, die in den letzten Jahren (wieder einmal) als originell galt.

Die offene Tür (7 S.): Der überspannte, scheue Framton Nuttel soll im Urlaub für seine Schwester an deren Bekannte Mrs. Sappelton einen Brief überbringen. Während er auf die Frau wartet, erzählt ihm ihre Nichte von der Tragödie ihrer Tante: Vor drei Jahren war ihr Mann mit seinen Freunden ins Moor zum Jagen gegangen, doch der starke Regen hatte sonst harmlose Flecken tückisch aufgeweicht und so waren sie vom Boden verschluckt worden. Makabererweise erwartet Mrs. Sappelton immer noch auf die Rückkehr ihres Mannes – daher ist die Tür offen; er müsste jeden Augenblick da sein.

Auch diese Schelmengeschichte ist eines Eulenspiegels würdig – ihre ganze Bosheit wird erst im Nachsatz offenbar.

Sredni Vashtar (9 S.): Dem zehnjährigen Conradin wird diagnostiziert, er habe nur noch fünf Jahre zu leben. Dieses nimmt sein Vormund, seine Kusine Mrs. De Ropp, zum Anlass für endlose Schikanen – sie bemüht sich sein restliches Leben so freudlos wie möglich zu gestalten, da zu viel Aufregung etc. nicht gut sei. Conradin hasst die "Frau", wie er sie nennt; da sie sehr religiös ist, beschließt er ein Frettchen, welches ihm ein Schlachterjunge schenkte, als Gott anzubeten.

Borges schätzt die Offenheit dieses Miniaturdramas – für ihn war klar, dass das Frettchen tatsächlich göttliche Qualitäten besitzt, allein die Quelle war ihm unklar. Mir scheinen die Qualitäten nicht so deutlich: Kann es nicht auch Zufall sein? Schließlich hat Conradin bzw. der Leser den Vorgang nicht direkt beobachten können. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, wird es zur todorovschen Phantastik.

Die Aufschneider (8 S.): Morton Crosby sitzt im herbstlichen Hyde Park auf einer Bank, raucht müßig seine Zigarette und beobachtet ein Paar Schneegänse, als ein berufsmäßiger Schnorrer an ihn herantritt. Zwischen den beiden entspannt sich ein eigenwilliger Zweikampf.

Zum Abschluss gibt es ein Schelmenstück mit dem doppelten Baron Münchhausen. Hier ist etwas Sonderbares passiert: Borges kündigt im Vorwort eindeutig The Interlopers an und im Quellennachweis wird es auch aufgeführt, jedoch mit Die Aufschneider übersetzt – dabei handelt es sich bei der Übersetzung ganz klar um die von The Romancers.

 

Auffällig sind die vielen Geschichten, in denen drangsalierte Kinder sich mit Erwachsenen auseinandersetzen müssen; hier spiegeln sich Sakis eigene Erfahrungen wider, der von seiner Großmutter und Tanten erzogen wurde. Geschichten mit eindeutig übernatürlichen Elementen gibt es nur wenige und auch bei denen steht weniger das Wunder per se im Vordergrund, als dass es ein Mittel ist, gewisse gesellschaftliche Eigenarten zu kritisieren. Eigenwillig ist der langsame Angang der Geschichten: Trotz der Kürze schiebt Saki in der Regel eine ein- bis zweiseitige Einleitung dem eigentlichen Geschehen vor, in der er stark zusammenfassend eine Unmenge an Informationen liefert. Der ironische bis sarkastische Stil macht das Lesen der bissigen kleinen Geschichten oftmals zum Genuss.

 

Fazit:

Ob Kinder, die unter Erwachsenen leiden, sich eine Bosheit ausdenken, Wilderer und Hexen das ländliche Idyll demontieren oder Schelme einen Streich aushecken, mit diesen vierzehn zumeist humorvollen Kurzgeschichten geht Saki die britische Moral mal direkt und mal indirekt an. Man muss nicht nur J. L. Borges, sondern auch der Edition Büchergilde dankbar sein, denn Die Verschwiegenheit der Lady Anne ist zur Zeit der einzige in deutscher Sprache verlegte Werk Sakis.

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Titel: Die Verschwiegenheit der Lady Anne

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 23

Original: Ohne Angabe

Autor: Saki

Übersetzer: Günter Eichel u. a.

Verlag: Edition Büchergilde (Januar 2008)

Seiten: 142-Gebunden

Titelbild: Bernhard Jäger

ISBN-13: 978-3-940111-23-4

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.05.2008, zuletzt aktualisiert: 07.05.2019 18:36