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Im Schatten des Jaguars von Angélica Gorodischer

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

 

Im Schatten des Jaguars ist eine Sammlung unterschiedlicher Erzählungen Angélica Gorodischers, diese von Rike Bolte herausgegebene Zusammenstellung gibt es allerdings nur im Deutschen. Die Sammlung enthält elf zwischen vier- und siebenundfünfzigseitige Erzählungen, die in den Jahren zwischen 1967 und 2005 entstanden sind. Zudem gibt es ein von Bolte selbst verfasstes vierundzwanzigseitiges Nachwort, in dem sie einen kleinen Überblick über Gorodischers Werk und eine Würdigung desselben bietet.

Damit zu den einzelnen Geschichten.

 

Verkündigung von königlichen Reichen und hängenden toten Gewässern (14 S.): Der Chefarchäologe Iago Lacross stößt mit seinem Grabungsteam auf menschliche Überreste. Er tippt schnell auf eine Kriegerkultur, sein Assistent Pablo Weatherby rät ob der wenigen Hinweise zur Zurückhaltung. Gerne würde Lacross sehen, dass Pablo recht behielte, dass diese vergangene Zivilisation eine gerechte und friedliche war, aber es finden sich immer Waffen. Was mag sich einst in dieser fremden Wüste auf diesen fernen Planeten abgespielt haben?

Eine Rätselgeschichte, deren Clou heute nicht mehr der originellste ist. Situativ erzählte Far Future-SF.

Die Embryonen des violetten Lichts (57 S.): Während Süßgesicht von den Ammenvätern in den Schlaf gesungen wird, führt man Levasnoos in den Folterkeller. Die Besatzung der >Nini Paume Eins< betritt den Planeten Salari II. Die fünfzehn Mann sind leicht bewaffnet, doch nur Dr. Sessler kommt sich dabei lächerlich vor. Sie erkunden die Wüste Puma, die irgendwie zu feucht ist. Da stimmt noch mehr nicht: Ein Fohlen galoppiert an ihnen vorüber – und sie finden einen Pfad, der durch Felder führt. Die vorgefundene Lage weicht erheblich von den Daten ab. Indessen warten der Herr von Vantedour und sein Gefährte Theophilus gespannt auf die Neuankömmlinge.

Diese Novelle (im weiteren Sinne des Wortes) ist zweigeteilt: Zunächst ist es eine Rätselgeschichte – Was ist auf Salari II. los? – die von der Stimmung her an M. John Harrisons Viriconium-Geschichten erinnert, später wird es zu einer conte philosophique um die conditio humana und die Glückseligkeit, die an Momente aus Arthur C. Clarkes 2001: Odyssee im Weltraum erinnern mag. Interessant ist auch die sprachliche Form: Rasche Wechsel zwischen den betrachteten Figuren sorgen für Verwirrung – ein Spiegel der Besatzung der >Nini Paume Eins<. Leider verunzieren wenige Inkohärenzen das Gesamtbild.

Im Licht des keuschen Elektronenmondes (21 S.): Im Burgundy, einem dieser gediegenen, altertümlichen Lokale, die heute, in Zeiten von Neonröhren und Coca-Cola, selten geworden sind, trifft der Erzähler seinen alten Bekannten Trafalgar Medrano. Bei Kaffee und Sherry berichtet der illustre Geschäftsmann von seinen Schwierigkeiten: Auf Verobaar, einem Planeten nahe des Seskundrea-Systems, wo er haltmachen musste, um seinen Induktionsschirm überprüfen zu lassen, nutzte er die Gelegenheit, um ein paar Comics zu verkaufen – und sich eine Menge Ärger mit einer Frau (wenn es denn überhaupt eine Frau war), mit der er im Bett gelandet war, einzuhandeln.

Dieser Text voller – zum Teil mit belanglosen Einzelheiten gefüllter – Einschübe erzählt von den seltsamen Gebräuchen fremder Leute in einer Mischung aus Club-Story à la Lord Dunsanys Jorkens borgt sich einen Whiskey und Weltraum-Schelmenstreich à la Stanislaw Lems Sterntagebücher.

Mangosaft (7 S.): Fräulein Luzuriaga, eine Diva sondergleichen, ist verärgert: Ihr Flug geht doch nicht – es ginge um Papierkram! Der Botschafter bedaure, aber leider müsse er nach Buenos Aires.

Eine seltsame Geschichte, die auf Overstatement-Humor setzt – am besten wohl als shaggy dog tale zu verstehen.

Der unverwechselbare Duft wilder Veilchen (14 S.): Die Nachricht breitet sich rasend schnell aus; dafür wirft die Zarin Katharina V., die Herrin des Heiligen Russlands, ihren Geliebten aus dem Bett, und Präsident Jack Jackson-Franklin, dem es gelang die Unabhängigen Staaten von Amerika wiederzuvereinen, lässt sich zur albernen Behauptung hinreißen, dass die USA das nicht zulassen würden. Die Welt lacht darüber – zu Recht – und fragt sich, wo dieses wagemutige Ländlein wohl liegen mag.

'Lange' Zeit bleibt der Leser im Dunkeln, worum es in dieser Geschichte überhaupt geht – es werden nur die Reaktionen einer grotesk-archaischen Zukunft auf ein unbekanntes Ereignis geschildert. Dann gibt es eine Auflösung, die wiederum an eine shaggy dog tale erinnert.

Genueser Seemann, Sohn eines einfachen Wollwebers, entdeckt neuen Kontinent (9 S.): 12. Oktober 1492: Christoph Kolumbus geht am Strand von Buenos Aires an Land, er bummelt etwas durch die Stadt und trinkt mit den Einheimischen einen Kaffee. Wie die Stadt denn so gefalle? – Man müsse sie erst erlebt haben, um zu wissen, ob sie gefalle. – Das reizt einen der Einheimischen: Dem wolle er schon klar machen, dass die Kräfte der Natur blind und unbarmherzig seien. Aus der aussage, dass der Kopf schwerer als der ganze Körper sei, entspinnt sich ein Streitgespräch zwischen Amüsement und unterdrücktem Zorn.

Eine sehr seltsame Geschichte: Es ist im Wesentlichen ein komischer (im doppelten Sinne) Dialog, vielleicht um europäische und südamerikanische Mentalität, Verklärung und Realität. Stilistisch wagt Gorodischer den Versuch, das übliche Verhältnis von Beschreibung und verbalem Einschub umzukehren.

De te fabula narratur (6 S.): Hier treibt Gorodischer ihren Schabernack mit medizinisch-psychologischen Texten, indem sie den Stil humanistischer Philosophen nachahmend das menschliche Leben beschreibt.

Schwarzer Kaviar (4 S.): Sie kehren im Dunkeln zurück. Nudeln haben sie leider keine mitgenommen; da waren Mehlwürmer dran. Sie hält die Situation kaum aus, er versucht, sie zu trösten. Sie kommt zum Schluss, dass es einen Ausweg geben muss, und beginnt zu grübeln.

Hier geht es auf den ersten Blick um das Überleben im sterbenden Universum. Genauer besehen geht es vielleicht um etwas ganz Anderes – doch um was? Eine sehr offene und anregende Geschichte.

Die Natur ist eine grausame Mutter (4 S.): Lisandro meint, dass die Natur eine grausame Mutter sei. Silvia stimmt ihm emphatisch zu. Nicht, dass sie seiner Meinung ist, eigentlich ist sie gänzlich anderer Meinung, aber die Frauen ihrer Familie sind der Ansicht, dass Männer es gerne hören, wenn Frauen ihnen zustimmen. Gemeinsam gehen die beiden an den Strand – dort will sie ihm die Schönheit der Natur zeigen.

Eine Art sardonischer Witz über die Verschiedenheit von Standpunkten.

Mit geschlossenen Augen (6 S.): Die Streunerin stößt auf eine Eidechse im Sonnenlicht.

Eine sehr situative Erzählung über jene Eidechse und ein Sinnieren über perfekte Momente.

Grab der Jaguare (6 S.): Jaguare sind kraftvolle Tiere: Sie durchstreifen furchtlos die Nacht, um ihrer Beute nachzustellen. Sicher, auch sie sterben eines gewaltsamen Todes, aber anders als die nackten, auf metallenen Tischen vergewaltigten Frauen sterben sie mit Würde.

Dieser Text reflektiert das 'gute Sterben'; eigentlich ist es ein Auszug aus dem Roman Tumba de Jaguares, der sich mit der argentinischen Diktatur befasst, doch der Text funktioniert als situative Erzählung ebenso gut wie die vorherigen.

 

Fazit:

Die elf zumeist komischen Erzählungen der schön gestalteten Sammlung Im Schatten des Jaguars künden von der Bandbreite der Autorin, aber auch von ihrer generellen Stoßrichtung. Gorodischer ist eine hervorragende Stilistin, die sich gegen hergebrachte Erzählmuster sträubt. Ihr Steckenpferd sind gender-Themen – nun muss man Judy Butlers Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts nicht gelesen haben, um mit Gorodischers Sammlung etwas anfangen zu können, wer aber mit Butlers Themen nichts anfangen kann, wird sich wohl auch bei Gorodischer langweilen, denn sie besitzt noch eine Eigenart: "[Sie pflegt] den Duktus des großen Erzählens nicht […]", wie Bolte im Nachwort feststellt. Anders gesagt: Sie ignoriert den Plot weitgehend. Heraus kommt eine durchwachsene Sammlung: Einige Texte waren mir unzugänglich, andere, wie Die Embryonen des violetten Lichts, Im Licht des keuschen Elektronenmondes oder Schwarzer Kaviar, lassen mich hoffen, dass mehr von Gorodischer übersetzt wird.

 

 

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Kurzgeschichtensammlung:

Titel: Im Schatten des Jaguars

Reihe: -

Original: -

Autor: Angélica Gorodischer

Übersetzer: Marko Große, Rike Bolte, Mathias-Fritz Schwadow u. a.

Verlag: Golkonda

Seiten: 183 Klappbroschur

Titelbild: s.BENeš

ISBN-13: 978-3-942396-08-0

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 26.03.2011, zuletzt aktualisiert: 21.01.2017 16:09