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Kolustros Traum von Olaf Reins

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Peter Kolustro ist ein reicher Hedonist – erlesene Speisen und der Schlaf sind seine bevorzugten Genussmittel. Eines Mittags weckt ihn die Haushälterin – Kolustros Vater sei zu Besuch gekommen, es gehe um etwas Wichtiges, er sei sehr aufgebracht. Letztlich ist es (für Peter) eine Banalität, doch auf dem Rückweg ins Schlafzimmer bricht der übergewichtige Mann zusammen und macht eine Nahtoderfahrung – doch weil er so viel geschlafen hat, dass es an einer wahren Sünde grenzt, soll Peter noch ein Jahr und zehn Tage leben – ohne zu schlafen. Von nun an nimmt das Leben des Lebemanns eine seltsame Wendung. Es beginnt damit, dass er Einblick in einen rätselhaften Bericht erhält.

 

Beim Lesen braucht man einige Zeit, bis man herausgefunden hat, wo und wann das Geschehen stattfindet – es ist (vermutlich) eine deutsche Stadt im Jahre 2003. Allerdings spielt die Geschichte in seltsam antiquiert wirkenden Kreisen von Clubs, Anwesen mit Haushälterin und gediegenen Versteigerungen. So erscheinen die modernen Einsprengsel – etwa ein SF-Heftroman – lange Zeit wie Fremdkörper. Da das Setting nur relativ knapp ausgeführt wird, ist nicht leicht zu entscheiden, ob es sich um ein Ambiente oder eine atmosphärische Untermalung handelt.

Auf den ersten Blick gibt es einige phantastische Elemente – Engel, einen für ein Jahr und zehn Tage Unsterblichen, Dimensionstore und darüber hinaus noch einiges zur Postmoderne Gehörendes. Allerdings lässt sich die ganze Geschichte auch als Traumsequenz lesen. Die Hinweise darauf sind indes eher subtil – die deutlichsten bieten die Meta-Texte Titel und Klappentext.

 

Es gibt sechs wichtige Figuren, die nach und nach eingeführt werden. Wie üblich bei ereigniszentrierten Geschichten werden die Figuren nur skizziert und neigen zum Typenhaften; zudem sind sie allesamt exzentrisch.

Exemplarisch sei hier Peter Kolustro als primus inter pares vorgestellt. Peter Kolustro ist ein Mann im fortgeschrittenen Alter, der sich schon in den Ruhestand zurückgezogen hat; die dafür notwendigen Geldmittel erwarb er als international tätiger Waffenhändler. Jetzt gibt sich der stets spöttische Hedonist ganz dem Genuss guter Alkoholika und ausgewählter Speisen hin. Statt irgendwelchen banalen Aktivitäten nachzugehen, begibt er sich lieber in Morpheus' Arme – wenig überraschend, dass er recht übergewichtig und schlapp geworden ist. Dennoch gedenkt er nichts zu ändern – er liebt sein Leben ganz so, wie es ist.

 

Vom Plot her ist Kolustros Traum eine Rätsel- und Wundergeschichte. Sehr bald nach der Nahtoderfahrung bzw. dem Engelstraum erhält Kolustro Einblick in ein mehr als hundert Jahre altes Schriftstück – das über einem äußerst intimen Moment aus seinem Leben berichtet. Und das ist erst der Anfang. Gemeinsam mit den anderen Figuren macht er sich daran, die seltsamen Rätsel zu erkunden, die ihre Leben miteinander verknüpfen. Daneben gibt es noch einige weitere wunderbare Ereignisse, die tendenziell dem postmodernen Fundus entstammen.

Entsprechend sind die wichtigsten Spannungsquellen die Rätsel und die grotesken Wunder, zu denen im weiteren Sinne auch die exzentrischen Figuren zählen. Weiterhin gibt es noch einige überraschende Wendungen und komische Szenen, die ihren Humor aus ironischem Under- bzw. Overstatement ziehen.

 

Erzähltechnisch ist die Erzählung überraschend konventionell. Es gibt einen Erzählstrang, der aus auktorialer Perspektive erzählt wird, auch wenn oftmals aus Kolustros Sicht geblickt wird. Die Handlung entwickelt sich prinzipiell progressiv, aber es gibt zahlreiche regressive Einschübe; diese Einschübe verleihen der Erzählung auch einen deutlichen episodischen Anstrich; dennoch ist sie eigentlich dramatisch.

Der Stil ist schon ungewöhnlicher: Die barocke Haltung, die aus der gestelzten Wortwahl und den langen Schachtelsätzen entspringt, wird bisweilen von schlichten Alltagssätzen durchbrochen. Diese finden sich am häufigsten in der Figurenrede. Eingeflochten sind alle üblichen Stilmittel des postmodernen Registers.

Da darf ein Vergleich mit anderen Werken der Postmoderne natürlich nicht ausbleiben: Kann man Kolustros Traum neben Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht oder William S. Burroughs Nova Express stellen? Nur bedingt, denn die Erzählung ist in der Wirkung wesentlich gemäßigter. Wo Salvador Plascencias Menschen aus Papier ein brüllender Tiger, wo Chuck Palahniuks Das Kainsmal ein heimtückischer Skorpion oder Gilbert Adairs Peter Pan und die Einzelkinder immerhin noch ein schräger Vogel ist, ist Kolustros Traum eher ein Goldhamster. Nichtsdestotrotz gehören Hamster zu den beliebtesten Haustieren.

 

Fazit:

Der Hedonist Peter Kolustro erliegt anscheinend seinem höchst ungesundem Lebenswandel, doch ein Engel sendet ihn für ein Jahr und zehn Tage zurück – von da ab nimmt sein Leben einige außerordentlich seltsame Wendungen. Olaf Reins hat mit Kolustros Traum eine postmoderne Rätsel- und Wundergeschichte verfasst. Die Erzählung wird die Literaturgeschichte nicht erschüttern, sie bietet aber eine leicht zugängliche und durchaus unterhaltsame Lektüre.

 

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Erzählung:

Titel: Kolustros Traum

Reihe: -

Original: -

Autor: Olaf Reins

Übersetzer: -

Verlag: Acabus Literatur (Juni 2009)

Seiten: 106 - Broschiert

Titelbild: Katharina Haas

ISBN-13: 978-3-941404-86-1

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 03.11.2009, zuletzt aktualisiert: 19.08.2018 11:02