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Mängelexemplare hrsg. von Constantin Dupien

Makabre Erzählungen

 

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Es ist eines von diesen endlosen, gerne geführten Diskussionen; nicht nur in Internet-Foren hierzulande, nein, sondern auf der ganzen Welt: Lohnt sich das Schreiben von Kurzgeschichten überhaupt noch? Oder, andersherum gefragt: Wer liest das Zeug überhaupt noch? Die Dinger sind doch so was von … kurz. Gut möglich, dass es einfach an der gegenwärtigen Aufmerksamkeitsspanne liegt; dass der geneigte Leser im zuweil hektischen Zeitalter von Smartphone, SMS und Co. mitunter einfach nicht die Geduld oder die erforderliche Einstellung mitbringt, um sich auf ein Buch mit mehreren Geschichten und unterschiedlichen Ansätzen konzentrieren zu können. Womit selbstredend nicht alle Leser gemeint sind. Wer sich aber von Grund auf der kürzeren Form des Erzählens konsequent entzieht, darf im Nachhinein aber auch nicht jammern, wenn ihm das eine oder andere literarische Juwel entgangen ist …

 

Womöglich war es ebendiese Intention, welche den Herausgeber Constantin Dupien dazu bewogen hat, seine Sammlung von ausnahmslos fantastischen und düster angehauchten Geschichten ausgerechnet nach Stefanie Maucher Beitrag zu benennen; gewissermaßen als ironisches Augenzwinkern in Richtung all jener, welche weiterhin oben erwähnte Diskussionen durch ihre Kurzgeschichten-Aversionen am Laufen erhalten? Eins ist der Titel aber auf alle Fälle: originell. Anders und einfallsreicher als ein Gros der Konkurrenz, die leider viel zu oft ihre Titel aus dem Klischeeautomaten zieht. Oder, Gott bewahre, kumulieren sich die insgesamt 14 Beiträge letzten Endes doch zu einem Mängelexemplar; einem Werk, über das man besser den Mantel des Schweigens legen und in die nächstbeste Grabbelkiste verfrachten sollte?

 

Der Herausgeber höchstpersönlich legt mit der Auftaktgeschichte Auge um Auge (ein weiterer exzellenter Titel!) die Messlatte gewiss ziemlich hoch an. Die in der klassischen Prosa alter Schauerautoren gehaltene Story um das Schicksal eines Mannes, der sein Augenlicht eingebüßt hat und dem – scheinbar – nur noch die Vorlesungen seiner Freundin geblieben sind, funktioniert praktisch ab dem ersten Wort mit der Präzision eines perfekt aufeinander abgestimmten Uhrwerks. Bewusst altmodischer Grusel in einer perfekten Atmosphäre mitsamt einem kleinen Spritzer Der Mann mit den Röntgenaugen und einem ebenso überraschenden wie passendem Ende … sehr lecker!

 

Nicht ganz so unheimlich, dafür mehr kriminell geht es mit Ruhe sanft! von Hans J. Muth weiter. Ein routinierte, durchaus auf den Punkt gebrachte Geschichte um Gier, Geld und offenbar eindeutige Todesfälle, der aber gerade ob der erwähnten Routine einfach der Aha-Effekt fehlt.

 

Das sieht bei Lisanne Surborg Der Prototyp schon ganz anders aus. Die aus Gifhorn stammende Nachwuchs-Autorin ist DIE Entdeckung innerhalb der Anthologie und mit ihrer abenteuerlichen Steampunk-Story, die auf wenigen Seiten verdammt großes Kino macht, ganz eindeutig ein absolutes Highlight. Wüsste man es nicht besser, man könnte meinen, dass hier ein alter Hase am Werk war. So aber reibt man sich verwundert die Augen und behält den Namen der Autorin definitiv im Hinterkopf.

 

Apropos Profi: Mit Vincent Voss kommt so einer. Einer, der die Phantastikszene in den letzten Jahren mehr als gehörig durcheinander gewirbelt hat. Einer, der drauf und dran ist, zu einem der besten nationalen Spannungsautoren zu werden. Und dessen Titel zumeist harmlos daherkommen oder in die Irre führen. Ich meine, Thomas ist anders? Soll das ein Familiendrama Marke ZDF-Wochenkino sein? Oder ein Loblied auf Dieter Bohlens bessere Hälfte? Weit gefehlt. Was der sympathische Autor aus dem hohen Norden auftischt, ist bester Science Fiction-Horror in Reinkultur. Die Körperfresser kommen, nur eben nicht in San Francisco, sondern in Schleswig-Holstein. Wie auch in seinen Romanen und anderen veröffentlichten Geschichten, sind Prosa und die sich präzise verdichtende Spannung geradezu lehrbuchhaft. Brillant!

 

Wer danach über die nochmals ein Stückchen höher gelegte Messlatte springen muss, ist demzufolge nur bedingt zu beneiden – besonders, wenn es sich dabei um eine Autorin handelt, die eher in der Welt der Fabeln und Kinderbücher zuhause ist, denn bei bitterbösen Horrorstorys. Tja, wie man sich irren kann. Martina Pawlak beweist nämlich mit Qualität hat ihren Preis, dass sie auch in diesem Metier gut mithalten kann, vielleicht sogar der Konkurrenz eine Armeslänge voraus ist. Warum? Weil sie neben einem bewusst deutschen Schauplatz wahren Horror Marke Gammelfleisch gekonnt einzusetzen weiß und sogar noch unserer Gesellschaft Hörner aufsetzt. Wenn auch nur kleine. Da verzeiht man auch den etwas vorhersehbaren Schluss gerne.

 

Auch Jana Oltersdorff orientiert sich innerhalb des Plots von Blind Date am Hier und Jetzt, aber da dies eine dem Science-Fiction-Genre zugewandte Erzählung ist, spielen anstelle von Biobauern und Gammelfleisch virtuelle Realitäten, Avatare und Online-Abhängigkeit entscheidende Rollen. Leider ergibt das Ganze eine zwar durchaus lesenswerte, aber berechenbare Geschichte, bei der die makabre Komponente ferner etwas erzwungen und schablonenartig anmutet. Schade.

 

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit Andreas Zwengels Bedrohte Art. Die Zutaten sind bekannt und munden in der richtigen Mischung auch immer wieder ganz gut: 2. Weltkrieg … das unheimliche Geheimnis einer Militäreinheit … nach Rache sinnende Zigeuner … Wie das zusammengehört respektive endet, dürfte klar sein. Macht ja auch nichts, hätte Zwengel, der ohne Zweifel sein Handwerk versteht, das fertige Gericht mit ein paar garstigen Gewürzen nachgebessert. So aber bleibt ein maximal solider und abermals etwas zu vorsehbarer Beitrag.

 

Newcomer, die 2. – namentlich Stefanie Maucher, deren Debütromane Franklin Gothic Medium und zuletzt Frida gehörig Staub aufgewirbelt haben; harte Thriller, welche auch die Konkurrenz aus Übersee kaum besser hingekriegt hätte. Die titelgebende Story Mängelexemplare jedoch ist anders; ein veträumt-unheimlicher Hybrid aus Science Fiction und Horror, die Sehnsucht einer jungen Frau in einer in allzu entfernten Zukunft, Antworten zu erhalten. Erklärungen, was hinter ihren Blackouts wirklich steckt, was ihre sonderbaren Halluzinationen zu bedeuten haben … »Ist das Leben nur ein Traum?« Eine philosophische Frage, mit der sich einst auch die ehemaligen Wachowski-Brüder (mittlerweile Geschwister) auseinander gesetzt haben (Matrix, 1999). Viele sind daran schon gescheitert, Stefanie Maucher gehört nicht dazu.

 

Antonia Larás präsentiert mit Im Watt versunken den zweiten, reinrassigen Krimibetrag der Anthologie. Frühzeitig spürt man, dass diese Geschichte auf einem mehr als nur guten Weg ist; die Atmosphäre von unendlichen Wattweiten, ein perfider Antagonist, dürstende Vergeltung … und leider eine Auflösung, bei der sämtliche vorangegangenen positiven Attribute schlichtweg verpuffen. Sehr schade – und daher nur guter Durchschnitt.

 

Bei Marc Gore weiß man, was man hat. Der Name ist Programm. Mit seiner harten, blut- und körpersaftgetränkten, sich an den indizierten B-Movies der seligen 1970er und 1980er Jahren orientierenden Prosa eckt er an – und verscheucht all jene, die bei Schlaftabletten Marke Edward Cullen Schweißausbrüche und flatterige Knie bekommen. Wobei auch der Freund der härteren Gangart zuweilen mit dem Mann seine Probleme hat, bedient er – wenngleich auch augenzwinkernd – eben jene Klischees oben erwähnter Filme oftmals einen Tacken zu intensiv, verkommen Frauen hie und da zu hübschen, aber eben auch dämlichen Anhängseln, deren Zwecke scheinbar ausschließlich aus Beischlaf und einem möglichst brutalen Abgang bestehen. Horror-Redshirts gewissermaßen (oder vielleicht auch RedSHORTS). Nun ja. ABER: Mir persönlich sind Autoren, die, auf welche Art und Weise auch immer, anecken, lieber als jene, die sich an der Masse orientieren. Von daher breche ich an dieser Stelle mal eine Lanze für Mr. Gore. Oder besser noch, zwei. Besonders, nachdem ich seinen Devourer – Der Verschlinger ebenso verschlungen habe. Was sich wahlweise nach Dark Fantasy oder dem einfallslosen Namen einer Death Metal-Kombo aus Hürth-Kalscheuren anhört, entblößt sich als verflucht rasante, ungemein kurzweilige, hervorragend ausgearbeitete Hommage an eines der coolsten Monster der Horrorfilmgeschichte, den Blob (und damit ist selbstredend das Remake aus den 1980ern gemeint). Natürlich auf eigene Weise (neu-)interpretiert und damit stellenweise sogar noch bösartiger als die filmische Inspiration. Unterm Strich dürfte dies eine von Gores besten Storys sein und wenn der Mann diese Richtung beibehält, könnte er demnächst auch mal an der Tür der heimischen Genregrößen anklopfen. Es gilt, ihn im Auge zu behalten!

 

Der kürzeste Beitrag stammt von Michael Sonntag: Heimkehr. Auf gerade mal knapp vier Seiten übt sich der emsige Autor und Herausgeber an eine Art Mini-Horrorwestern, dessen Szenario vage an die vergessene Filmperle Ravenous – Friss oder Stirb aus dem Jahre 1999 erinnert. Der Zusatztitel dürfte erahnen lassen, wohin die kurze Reise geht; eine Reise, die aber trotz oder gerade wegen ihrer Kürze einen ganz besonderen Reiz intus hat.

 

Warum hat die bekennende Sammlerin extravaganter Strumpfkreationen, die überaus talentierte wie charmante Österreicherin Nina Horvath den Status hat, eine der besten phantastischen Autorinnen im deutschsprachigen Raum zu sein? Weil sie stets und gleichermaßen zu unterhalten wie zu begeistern weiß. Ihre Geteilte Seele stellt dieses außergewöhnliche und verdientermaßen preisgekrönte Talent eindrucksvoll zur Schau. Man wird förmlich entführt in die Geschichte um einen modernen Homunkulus, genießt die Wechselwirkung aus Modern und Klassisch, dieses gelungene Treffen alter Schauermeister und aktueller Gruselexperten. Eine wunderbare Erzählung, die von neuem Horvaths ungemein außergewöhnliches Talent beeindruckend unterstreicht.

 

Bei Regina Müllers 3:30 trifft Und täglich grüßt das Murmeltier auf Matrix … irgendwie. Ein hochinteressanter Ansatz, bei dem ihre Träume einer Schriftstellerin als Inspiration dienen sollen, aus den guten Vorsätzen aber schnell Alpträume werden. Aber leider fehlt auch dieser Geschichte das Garstige, die Ecken und Kanten, der krönende Abschluss. Schön, aber eben auch nur gutes Mittelmaß.

 

Zum Abschluss gibt es noch ein verschüttet gegangenes Juwel vom Meister des eleganten Gruselns, Markus K. Korb. Ursprünglich in seiner Sammlung Träume vom Abgrund 2002 erschienen, gräbt der sympathische Franke eine seiner mittlerweile zahllosen Perlen aus, die es mit einer Länge von gerade Mal sechs Seiten schafft, dass man verzückt mit der Zunge zu schnalzen beginnt, während einem parallel dazu eisige Schauer über den Rücken kriechen. Karussells auf Rummelplätzen – der Titel mag verspielt, ja träumerisch rüberkommen, ist aber tatsächlich ein garstiges Kindertrauma, welches die kindliche Protagonistin zu einem tragischen Sühneopfer werden lässt.

 

Fazit:

14x Makabres. 14 Kurzgeschichten, die den Leser abwechselnd am Kragen packen oder sich tückisch von hinten anschleichen. Ob Krimi, gepflegter Grusel, rasanter Splatter oder Science-Fiction, es werden (fast) alle Geschmäcker bedient, wenngleich die einzelnen Gänge dieses Menüs sicherlich nicht immer jedem munden werden. Trotzdem muss man dem Herausgeber attestieren, dank seines guten Händchens eine Anthologie zusammengestellt zu haben, die sich deutlich über die bisweilen doch arg austauschbare Konkurrenz hervorhebt und sogar einige funkelnde Diamanten verborgen hält. Titular gewiss ein »Mängelexemplar«, qualitativ aber meilenweit entfernt davon, den einen oder anderen Grabbeltisch mit seiner Anwesenheit zu beehren.

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Eure Meinung:

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Buch:

Mängelexemplare

Makabre Erzählungen

Herausgeber: Constantin Dupien

Buchlader / Edition Lepidoptera, 10. Juni 2013

Titelbild: Karin Bufe

Taschenbuch, 229 Seiten

 

ISBN-10: 3941809148

ISBN-13: 978-3941809147

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Constantin Dupien: Auge um Auge
  • Hans J. Muth: Ruhe sanft!
  • Lisanne Surborg: Der Prototyp
  • Vincent Voss: Thomas ist anders
  • Martina Pawlak: Qualität hat ihren Preis
  • Jana Oltersdorff: Blind Date
  • Andreas Zwengel: Bedrohte Art
  • Stefanie Maucher: Mängelexemplar
  • Antonia Larás: Im Watt versunken
  • Marc Gore: Devourer – Der Verschlinger
  • Michael Sonntag: Heimkehr
  • Nina Horvath: Die geteilte Seele
  • Regina Müller: 03:30
  • Markus K. Korb: Karussells auf Rummelplätzen

Weitere Infos:


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Erstellt: 01.02.2014, zuletzt aktualisiert: 31.08.2018 17:18