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Northanger Abbey

Reihe: Gruselkabinett 40 & 41

Hörspiel

 

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Catherine Morland ist die Tochter eines Landpfarrers. Sie träumt seit Langem davon, Abenteuer wie die Heldinnen aus Ann Radcliffes Schauergeschichten oder wenigstens rauschende Ballnächte zu erleben. Letzteres könnte in Erfüllung gehen als das wohlhabende, aber kinderlose Ehepaar Allen bei ihren Eltern anfragt, ob Catherine sie nicht als Gesellschafterin nach Bath begleiten wolle. Doch so bald sie in der Stadt mit Mrs. Allen ihre Einkäufe erledigt hat und standesgemäß eingekleidet wurde, ereignet sich erst einmal nichts. Nach einigen Tagen gepflegter Langeweile lernt sie aber Henry Tilney auf einen Ball kennen. Der junge Mann ist leidlich gut aussehend und recht charmant – Catherine fasst eine stille Zuneigung zu ihm. Außerdem lernt sie Isabella Thorpe kennen, die Schwester des besten Freundes ihres Bruders James. Mit ihr verbringt sie trotz der Abwesenheit des jungen Tilney eine recht amüsante Zeit. Dann trifft auch noch Isabellas großspuriger Bruder John zusammen mit James ein; obwohl John sich bald um Catherine bemüht, mag sie ihn nicht sonderlich. Als sie Henry dann endlich auf einem Ball wiedertrifft, kann sie nicht mit ihm tanzen, da ihre Tanzkarte schon voll ist – James und John haben sich großzügig darauf eingetragen. Sie verabredet sich stattdessen mit ihm und seiner Schwester Eleanor zu einem Spaziergang am folgenden Tag. Da es aber heftig regnet, scheinen sie nicht zu kommen. Die Geschwister Thorpe und James fahren dagegen mit einer Kutsche vor und drängen sie, mit nach Bristol zu fahren. Als John erwähnt, die Tilneys hätten die Stadt verlassen, willigt Catherine ein. Kurze Zeit später fährt man aber an Henry und Eleanor vorüber – diese Schande! Ob Henry ihr vergeben wird und sie seine Zuneigung noch einmal gewinnen kann?

 

Die Doppelfolge (40 & 41) Northanger Abbey ist die Hörspieladaption des gleichnamigen Romans von Jane Austen. Huch, eine Geistergeschichte von Jane Austen? Ich verrate nur wenig, wenn ich klipp und klar sage, dass es hier keine Gespenster oder dergleichen gibt. Und um alle falschen Erwartungen zu zerstreuen, die von der Veröffentlichung in der Reihe Gruselkabinett ausgehen mögen: Es ist überhaupt keine Gruselgeschichte. Austen hatte in ihrem Roman den Wunsch nach schrecklichen Geheimnissen bei den Lesern (und besonders Leserinnen) von Schauergeschichten satirisch behandelt. Dass eine solche Geschichte in die Reihe aufgenommen wurde, finde ich nicht per se unangebracht, aber die konkrete Umsetzung scheint mir kein gelungener Beitrag zur Reihe zu sein. Neben der Satire ist es die Entwicklungsgeschichte Catherines. Ganz wie es sich für eine Debütantin aus gutem Hause gehört, findet sie ihren Platz in der Gesellschaft an der Seite eines Mannes. Hier wird einerseits gefragt, welches der bessere Ratgeber für die richtige Wahl ist: romantische Gefühle oder das Streben nach gesellschaftlichem Vorankommen, und andererseits die Frage, ob Catherines Heiratswunsch erfüllt wird. Ich bin der Auffassung, dass die Doppelfolge aus zwei Gründen ungeeignet für die Reihe ist. Zum einen werden die satirischen Momente zu schnell aufgelöst und stehen weitgehend unverknüpft nebeneinander – so kann sich diesbezüglich keine Spannung aufbauen. Zum anderen sind die Gruselmomente viel zu selten; im ersten Teil gibt es praktisch keine, im zweiten Teil nur eine knappe Handvoll. Ich will damit nicht strikt vom Kauf der CDs abraten, doch der Hörer in spe sollte sich absolut darüber im Klaren sein, dass er keine Gruselgeschichte und nur wenig Satire darauf erhält – er bekommt in erster Linie die Entwicklungsgeschichte der Debütantin Catherine Morland. Es geht um die Frage, ob Liebe oder Ehrgeiz den besseren Ehering schmieden, es geht um die Ängste einer jungen Frau, von denen die fehlende Akzeptanz in der besseren Gesellschaft die größte ist, es geht um eine Gesellschaft, in der Frauen stets auf ihre Tugend achten müssen – Männer nicht. Dieser Umstand und die weiteren Verhaltensnormen der Gesellschaft mögen allerdings der wahre Horror für Hörer (und besonders Hörerinnen) sein; kritisch beachtet werden diese Maßstäbe jedoch nicht.

 

Für ein zweistündiges Hörspiel ist die Anzahl der Sprecher verhältnismäßig gering. Für den ersten Teil werden sechzehn Sprecher aufgezählt, im zweiten fallen sieben davon weg. Da besonders den weiblichen Figuren eine gewisse Relevanz zukommt, ist es aber schon bei dieser Zahl nicht ganz leicht stets den Überblick zu behalten.

Hasso Zorn ist der Erzähler der Geschichte. Man kann Zorn aus Hörspiel-Reihen wie Gabriel Burns, Point Whitmark oder Dorian Hunter kennen, er hatte aber auch schon an früheren Folgen des Gruselkabinetts mitgewirkt. Das Einzige, was man an seiner Performanz aussetzen könnte, ist, dass sie nicht besonders vielschichtig ist – das ist aber nie bei Erzähler-Rollen der Fall. Die zentrale Figur ist zweifellos die junge Catherine Morland – sie ist in jeder Szene dabei. Gesprochen wird sie von Marie-Luise Schramm, die in puncto Hörspiel noch verhältnismäßig jung, aber keineswegs unerfahren ist – Anne, Die Alchemistin oder Hui Buh – Neue Welt gehören zu ihrem Oeuvre. Die beiden Rivalen um Catherines Gunst sind Henry Tilney, der von Robin Kahnmeyer gesprochen wird, und John Thorpe, dem Marius Claréu seine Stimme verleiht. Beide sind vermutlich eher als Synchronsprecher bekannt. Kahnmeyer aus zahlreichen Anime und anderen Zeichentrickfilmen, Claréu als deutsche Stimme von Toby Maguire. Beide haben aber auch einige Hörspiele gemacht. Claréu kann man aus Dorian Hunter oder Faith – The Van Helsing Chronicles kennen, Kahnmeyer aus anderen Produktionen des Labels Titania Medien. Flankiert wird Catherine von zwei unterschiedlichen Freundinnen: Als lebenslustige, aber leichtlebige Isabella Thorpe ist Tanya Kahana zu hören, und als zurückhaltende, aber zutiefst anständige Eleanor Tilney Cathlen Gawlich. Gawlich ist sicherlich die bekanntere: Die Schauspielerin ist nicht nur als Synchronsprecherin, sondern auch in zahlreichen kommerziellen wie nicht-kommerziellen Hörspielen zu hören. Kahana ist Synchronsprecherin ohne feste Schauspielerin und hat bisher nur wenige Hörspiele gemacht; vielleicht ist sie aus Caine bekannt. Als Letztes will ich Norbert Langer erwähnen, der den General Tilney, den gestrengen und kurzmütigen Vater von Eleanor und Henry, spricht. Langer hat an vielen Hörspielen mitgewirkt – Die drei ???, John Sinclair und Don Harris sind nur einige davon. Er ist aber auch als deutsche Stimme von Magnum (Tom Selleck) in Erinnerung geblieben. Er lehnt seine Interpretation des Generals allerdings eher an Inspector Barnaby (John Nettles) an – was sehr gut zur Rolle passt.

Insgesamt ist die Performanz der Sprecherriege sehr solide, auch wenn es gelegentliches Overacting von Kahnmeyer gibt und Kahana mir ein wenig zu krakeelig klingt.

 

Die Inszenierung ist gewohnt altmodisch: Es gibt einen Erzähler und zudem übernimmt Catherine vielfach dessen Funktion, indem sie kommentiert, was sie sieht und macht. Die Untermalung mit Geräuschen und Musiken wird recht sparsam eingesetzt – zwar sind fast ständig im Hintergrund Töne zu hören, doch der Klangteppich ist dünn gewebt: Meistenteils ist nur eine Art von Geräusch oder ein Instrument aktiv. Musiken werden außerdem für Überleitungen verwendet; bei ihnen handelt es sich vor allem um Streicher, die angemessen klassisch klingen.

 

Fazit:

Die Debütantin Catherine Morland reist nach Bath in der Hoffnung, ein Abenteuer zu erleben. Bald lernt sie zwei recht unterschiedliche Geschwisterpaare kennen: die Tilneys und die Thorpes. Wird sie den richtigen Bruder bekommen? Northanger Abbey ist die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau des frühen 19. Jahrhunderts. Es geht nicht um Grusel, sondern um romantische Gefühle und gesellschaftliches Vorankommen. Solide umgesetzt, aber eben nicht unheimlich.

 

 

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Hörspiel:

Northanger Abbey

Reihe: Gruselkabinett 40 & 41

Vorlage: Jane Austen

Produktion & Regie: Stephan Bosenius & Marc Gruppe

Label: Titania Medien

Erschienen: April 2010

Umfang: 2 CDs, ca. 120 min

 

ASIN: 3785742681

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher:

Hasso Zorn

Marie-Luise Schramm

Norbert Langer

Robin Kahnmeyer

Cathlen Gawlich

Tanya Kahana

Marius Clarén

Serienguide:

Alles zur Reihe Gruselkabinett


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Erstellt: 04.06.2010, zuletzt aktualisiert: 15.07.2019 20:03