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Zweiter Zwischenstopp: Osteuropa

von Oliver Kotowski

 

Letzten Monat waren wir durch Westeuropa gereist, also westlich des Eisernen Vorhangs geblieben. Diesen Monat geht es folgerichtig in den Osten davon. Dieser Raum wird auf dem deutschen Literaturmarkt schon erheblich weniger rezipiert. Ich will es am Beispiel von Polen verdeutlichen. Polen hat eine ausgesprochen starke Tradition phantastischer Literatur – hier sei nur als Stellvertreter Stanisław Lem genannt, über dessen Tod 2006 immerhin in der Tagesschau berichtet wurde. Ich wollte also einen polnischen Vertreter. Andrzej Sapkowski fällt formal ob der Länge aus. Ich wollte sowieso lieber Jacek Dukaj oder Marek S. Huberath, die beide als polnische Shootingstars zählen; Dukajs Werk Lód ist mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet worden – der Preis wird von der EU-Kommission gestiftet und soll die Vielfalt europäischer Literatur ins Licht heben. Ins Deutsche übersetzt wurde es leider trotzdem nicht. Es gibt eine lebendige Phantastik-Szene in Polen – ins Deutsche gelangt davon leider nichts. Darum kann ich hier nur mit Bedauern auf die Lücke hinweisen.

Nichtsdestoweniger finden sich zahlreiche wunderbare Werke aus Osteuropa – eine Zeit lang wurden sie als Schlüsselliteratur für Kritik am politischen System verwendet. Vielleicht sind daher die Berührungsängste anerkannter Kulturschaffender mit phantastischen Themen geringer. Das vielfach behandelte Thema "Überwachungsstaat" findet sich sicherlich nicht zufällig so häufig an.

 

Letzten Monat waren wir in Schweden stehen geblieben, heute geht es von dort aus direkt in den Osten: Viktor Pelewin gehört zu den wichtigsten Schriftstellern des gegenwärtigen Russland, der mit viel Interesse auch international gelesen wird. Der von mir aus gewählte Roman ist übrigens zurzeit nicht ins Englische übersetzt – hier hat der deutsche Literaturmarkt die Nase wirklich vorne. Es ist also nicht alles schlecht, was wir der DDR zu verdanken haben.

Der jugendliche Loser Roma geht auf gut Glück einer Anzeige nach, die Eingang in die Elite des modernen Russlands verspricht – und wird prompt in einen Vampir verwandelt. Aus Roma wird Rama II. In der nächsten Zeit wird er vorbereitet, seinen Platz in der Gesellschaft der Vampire einzunehmen. Diese steht hinter den Fehlentwicklungen des kapitalistischen Russlands. Langsam wird ihm klar, dass nicht alle Vampire sein bestes wollen. Ob das daran liegt, dass in Rama immer noch ein Stück vom Rebellen Roma steckt? Pelewins Das fünfte Imperium ist nicht nur eine spannende Entwicklungsgeschichte, in der der Außenseiter Roma/Rama seinen Platz in der Gesellschaft suchen muss, es ist auch eine gnadenlose Abrechnung mit dem postkommunistischen Russland, in dem das Streben nach pompösen Luxus alles ist. Mit Begriffen der Diskursanalyse seziert Pelewin die glänzende Gesellschaft. Dabei strotzt der Roman vor Intertextualität – dass das Vampirmotiv sehr eigenwillig und originell verwendet wird, ist da eigentlich kaum noch überraschend.

Viktor Pelewin, Das fünfte Imperium. Ein Vampirroman (Russland 2006, 399 Seiten)

 

Weiter geht es direkt in den Süden, ins Land der Orangenen Revolution, die sich letztlich als zu inkohärent erwies: Ukraine. Ljubko Deresch war bei der Veröffentlichung des Romans gerade einmal sechzehn Jahre alt – seine Cthulhu-Mythos-Geschichte zeigt, dass jugendlicher Übermut nicht jeder Geschichte im Weg stehen muss.

Der Student Jurko Banzai siedelt von Lemberg ins seltsame Städtchen Midni Buky über, um ein Praktikum am dortigen College zu absolvieren. Zwar wimmelt es in der Schule nur so vor schrägen Vögeln – gerade so wie er selbst, der aufgrund von Experimenten mit psychoaktiven Substanzen mehrfach auf der Intensivstation landete – doch er wird nicht so richtig warm mit ihnen. Nur die Außenseiterin Daria Borges hat es ihm angetan und unaufhaltsam verliebt er sich in die Schülerin. Eigentlich könnte es eine schöne Zeit voller Qualen sein: auf der einen Seite bekloppte Schüler und Lehrer, auf der anderen Seite seine unerfüllbare Liebe zu Daria. Doch es kommt viel schlimmer. Es beginnt ganz harmlos mit Träumen, in denen er in der Bibliothek von Babel lesen darf, aber dann stößt er immer häufiger auf den Begriff "Yog-Sothoth". Deresch zeigt, dass Postmoderne auch in der Ukraine zur Pop-Kultur gehört: Im sarkastisch-ironischen Stil, voller Intertextualität vermengt er Bildungsroman mit Beat-Generation und H. P. Lovecrafts Große Alte in der ukrainischen Provinz (mit Stromsperre). Nicht immer reif, aber ein großer Spaß.

Ljubko Deresch, Kult (Ukraine 2001, 249 Seiten)

 

Jetzt geht es zurück nach Westen, genauer in den Südwesten, ins ehemalige Jugoslawien. Mit seinem Lexikonroman nimmt Milorad Pavić die Balkanisierung seines Heimatlandes vorweg – vor gut zwanzig Jahren sorgte sein Werk auch jenseits des Eisernen Vorhangs für einige Furore.

Im späten 17. Jh. sind drei sehr unterschiedliche Männer auf der Spur des Chasarischen Wörterbuchs – der walachische Soldatengelehrte Branković, der anatolische Lautenspieler Masudi und der halb ergraute Jude Koën. Sie träumen voneinander, sie wissen, dass sie sich treffen müssen, um ein großes Geheimnis zu lüften: Das Rätsel um den ersten Adam, dessen Nachfahren die chasarischen Traumjäger waren, dessen Nachfahren sie sind. Doch die Drei haben dämonische Feinde, die um jeden Preis verhindern wollen, dass das Chasarische Wörterbuch fertiggestellt und entschlüsselt wird. Das Chasarische Wörterbuch ist ein Lexikonroman: Es gibt eine Einleitung, sechsundvierzig Ordnungswörter, die wiederum in drei Bücher unterteilt sind – eines für jede der drei Buchreligionen – und zwei Anhänge. Hieraus erstellt der Leser nun seine eigene Geschichte: Er bestimmt die Lesereihenfolge und entscheidet, was wahr ist, denn im Chasarenreich war alles im Fluss. Wer Geduld und Aufmerksamkeit mitbringt, kann mit diesem literarischen Puzzel um Selbstverleugnung und Selbstfindung eine höchst interessante Lektüreerfahrung machen.

PS: Das Gesagte gilt für das Männliche Exemplar des Wörterbuchs; sollte der geneigte Leser eine Leserin mit Weiblichen Exemplar des Wörterbuchs sein, bitte ich darum Kontakt mit mir aufzunehmen, damit wir uns an der Konditorei am Marktplatz treffen, die Texte vergleichen und anschließend gemeinsam den Lexikografen gehörig beschimpfen können.

Milorad Pavić, Das Chasarische Wörterbuch. Lexikonroman (Jugoslawien 1984, 366 Seiten)

 

Weiter mit einem Katzensprung zum südlichen Nachbarn Albanien. Ismail Kadare gehört zu den wenigen Schriftstellern von dort, die in Deutschland wenigstens zu einem gewissen Maße gelesen werden; hat der 11. September vielleicht tiefere Spuren als der Eiserne Vorhang hinterlassen?

Im Osmanischen Reich legt man großen Wert auf die Traumdeutung – die omnipräsente Behörde Tabir Saray sammelt im ganzen Reich die Träume von jedermann, schafft sie nach Istanbul, wo jeder Einzelne bearbeitet wird. Die Hauptträumler können mit ihren Interpretationen das Reich in Kriege stürzen. Der Albaner Mark-Alem stammt aus der einflussreichen Familie der Qyprilli. Mit einem Empfehlungsschreiben macht er sich auf zum Palast der Träume, um dort eine Anstellung zu erhalten. Schon zu Beginn wird er in undurchschaubare Ereignisse verwickelt. Der Palast der Träume ist eine Mischung aus Entwicklungsgeschichte des Antihelden Mark-Alem und der Schilderung der kafkaesken Behörde der Traumdeuter. Es wird stets darauf hingewiesen, dass es eine Parabel auf die Zustände jenseits des Eisernen Vorhangs sei, doch ebenso gut kann man es auf die CIA beziehen – ein gewaltiger Apparat, der in die innersten Winkel des menschlichen Geistes dringen will, um eine totale Überwachung und Kontrolle zu erzielen.

Ismail Kadare, Der Palast der Träume (Albanien 1981, 210 Seiten)

 

Und weiter in den Osten zur letzten Station für diesen Monat: Nach Bulgarien, das mittlerweile Mitglied der EU und der NATO ist. Alek Popov zeigt mit seiner Kurzgeschichtensammlung, dass das Land nur begrenzt im Westen angekommen ist.

Ob Sascha, den Viktorija besuchen kommt, eine russische E-Mail-Bekanntschaft, mit der er heißen Cybersex hatte, der Funktionär Kumanoff, der sich selbst einen bezahlten Kurzurlaub in New York in Form eines Stipendiums genehmigt, oder Anjuta Fjodorovna, die sich im Zuge von Glasnost und Perestroika vom US-Amerikaner Luke Bolton wissenschaftlich überwacht im Weltraum befruchten lassen soll, ihnen allen und vielen weiteren stehen unangenehme Überraschungen bevor. Alek Popov ist ein Meister der bitteren, schwarzhumorigen Kurzgeschichte und lässt im Rahmen dieser Sammlung den Leser in zwanzig gemeinen Geschichten daran teilhaben, die von der conte cruel über die tall tale hin zur surrealen Satire reichen – stets balanciert der Autor mit seinen Texten auf der Grenze zwischen Realismus und Phantastik, wobei die verarbeiteten Themen stets modern, von der spätsozialistischen, über die postsowjetische hin zur kapitalistischen Gesellschaft und vor allem deren Probleme reichen.

Alek Popov, Für Fortgeschrittene (Bulgarien 1992-2007, 280 Seiten)

 

Damit verabschiede ich mich für heute. Im nächsten Monat sehen wir uns hoffentlich wieder, wenn es nach Arabien und Afrika geht.

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Zum Überblick:

Wer einen schnellen Blick auf die Landkarte braucht, um den Überblick zu behalten, kann dieses dank der CIA mit einen Klick auf dieselbe auch tun.

 

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Wen interessiert, nach welchen Maßstäben ich ausgewählt habe, der findet hier Antwort.

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Ljubko Deresch: Kult
Milorad Pavić: Das Chasarische Wörterbuch
Ismail Kadare: Der Palast der Träume
Alek Popov: Für Fortgeschrittene

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Erstellt: 09.06.2010, zuletzt aktualisiert: 20.02.2015 00:01