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Mehr als nur Nostalgie?

Ein sehr persönlicher Blick auf Nicolai von Michalewskis Mark Brandis-Romane

 

Redakteur: Christel Scheja

 

Was tut ein zwölfjähriges Mädchen, das durch Star Wars-Eine neue Hoffnung, damals im Jahr 1978 noch ganz einfach Krieg der Sterne genannt, mit dem Virus Science Fiction angesteckt wurde? Richtig – es durchforstet die damals noch physisch von der Erwachsenen- abgetrennte Jugendabteilung der Stadtbibliothek nach entsprechenden Titeln, um seinen Hunger zu stillen.

Zunächst griff ich nach den offensichtlicheren Titeln vom Schneider-Verlag wie Commander Perkins, die ich auch schon in den Läden gefunden hatte, dann aber fielen mir die schmalen Bände im blauen Einband auf.

 

Ich weiß nicht mehr, mit welchem der Romane ich angefangen habe. Nur eines. Dass er nicht der einzige blieb. Ich muss zugeben, ich brauchte etwas, um mich an die Geschichten zu gewöhnen, da ihnen ja die märchenhafte Verspieltheit des „Krieg der Sterne“-Films fehlte, sie viel nüchterner waren als andere Bücher ... aber es brauchte nicht mehr als zwei Romane, um mich zu fesseln und auch die anderen Bände innerhalb einiger Wochen zu verschlingen (schon damals las ich erschreckend schnell). Dann begann die quälend lange Wartezeit auf weitere Bücher.

Ich sah mich in dieser Zeit auch in den Buchhandlungen und Kaufhäusern um, aber merkwürdigerweise waren die Romane dort nicht zu finden. Es schien fast, als seien sie nur für die Büchereien produziert worden.

 

So musste ich mich damit begnügen, mir meine Lieblingsbücher immer wieder auszuleihen und später, als ich dann in die Erwachsenenbibliothek wechselte, in Erinnerungen zu schwelgen.

Denn im Gegensatz zu vielen anderen Büchern, die ich in dieser Zeit las, blieb mir gerade Mark Brandis sehr gut in Erinnerung, sein Widerstand, als General Smith die westliche Welt in seinen Klauen hielt, die Forschungsreisen durch das Sonnensystem, die gespannte Lage zum östlichen Teil der Welt.

 

Seltsamerweise waren die Ereignisse, die Nicolai von Michalewski schilderte, für mich sehr nachvollziehbar und glaubwürdig – was nicht verwundert, wenn man die politische Lage der damaligen Zeit betrachtet: Der Kalte Krie“ war noch in vollem Gange und Terrorismus durch radikale Aktivistengruppen wie die RAF ging ständig durch die Medien. So fanden sich viele aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft in den Geschichten wieder, ohne dass Michalewski jedoch mahnend den Zeigefinger hob, wie es andere Autoren und die Lehrer in der Schule schon zu Genüge taten.

Sie waren einfach Teil des Hintergrundes.

Seine Helden hatten mit der Willkür von Wissenschaft, Regierung und Militär zu leben, es sei denn, sie fanden einen Weg, um die Situation so hinzubiegen, dass sie für ihr Gewissen erträglich wurde. Und wenn nicht – dann mussten sie damit zurecht kommen und aus ihren Schwächen, Fehlern und ihrem Unvermögen lernen und durften nicht lange im Selbstmitleid versinken.

 

Aber wichtiger waren mir die Charaktere selbst. Mark Brandis stellte eine Vaterfigur für mich dar. Ein Mann, der mit dem gesunden Menschenverstand entscheidet, aber doch auch mit den Folgen seines Tuns leben muss, der nicht immer unfehlbar ist, aber doch in den entscheidenden Momenten Stärke entwickelt, der liebt und auch schon einmal hassen kann. Aber nicht nur er allein. Mit wenigen Worten gelang es Michalewski Figuren so unverwechselbar zu zeichnen, dass man sie einfach nicht vergessen konnte. Sicherlich erkannte ich in späteren Jahren die Klischees, derer er sich bediente, um bestimmte Kulturen näher zu bringen, aber das hinderte mich auch nicht daran, um Grischa Romen zu weinen, der in seiner Kolibri im All verloren ging und zu hoffen, dass es vielleicht doch noch irgendwie Rettung für ihn geben würde.

Iris, Ruth O’ Hara und andere Frauen wurden für mich zu Vorbildern, denn auch wenn sie bestimmte Rollen ausfüllten, sie waren stark, selbstbewusst und wurden auch nach ihrer Heirat nicht nur auf die Rolle der Ehefrau reduziert, die zitternd auf die Heimkehr ihres Mannes warteten.

 

Tatsächlich legte ich nur selten eines der Bücher aus den Händen, bis ich es ganz durchgelesen hatte. Für gut zwei Stunden war ich in eine Welt von morgen eingetaucht, aus der ich eine Weile brauchte, um in die Gegenwart zurück zu kehren, und beim Einschlafen spielte ich oft meine eigenen Geschichten aus diesem Universum durch, um meine Begeisterung auszuleben. Nur aufgeschrieben habe ich sie damals im Gegensatz zu anderen „Fanfictions“ nie.

Egal ob Mark Brandis als Weltraumpartisan unterwegs war, auf einer Rettungsmission oder einem Testflug - es funktionierte alles, denn auch wenn das Ganze auf den ersten Blick typisch deutsch – nämlich sehr nüchtern und sachlich beschrieben wurde, so fand der Autor auch ohne ausufernde Innensichten doch immer die richtigen Worte, um neben den technischen Schilderungen auch die Gefühle von Mark Brandis und den anderen Crewmitgliedern zu schildern.

Und das konnte mich letztendlich mehr fesseln als die Abenteuer von Perry Rhodan, die ich im Sommer 1978 in Ermanglung anderer Lektüre für mich entdeckt hatte.

 

In den 1990er Jahren habe ich oft darüber nachgedacht, welche Lektüre meiner Jugend verdient hätte, nicht vergessen zu werden. Als erstes fiel mir „Mark Brandis“ ein. Heute, wo ich wieder Bücher der Reihe in den Händen halte, weiß ich warum.

Wie damals brauche ich nur ein paar Seiten zu lesen und bin gefangen von der Geschichte, die vielleicht einfach erscheint, aber es nicht ist, da man so viel zwischen den Zeilen lesen kann. Nicolai von Michalewski bietet einen spannenden Rahmen, in dem die Phantasie zu sprühendem Leben erwacht, weil man sich so viel selbst vorstellen kann. Mark Brandis erweckt nostalgische Gefühle, aber ist dennoch nicht antiquiert.

Viele Themen wie Terrorismus fanatischer Gruppen, Spannungen zwischen Machtblöcken, die Skrupellosigkeit von Wissenschaftlern, Vorurteile gegen Randgruppen der Gesellschaft oder andere Völker, Sabotage und Spionage, sind noch immer brandaktuell, auch wenn sich der Fokus ein wenig verlagert hat und manches komplizierter wurde.

Mark Brandis ist wie viele seiner Mitstreiter, Freunde und Feinde keine eindimensionale Figur, sondern ein vielschichtiger Held, der vielleicht moralisch integer, aber trotzdem nur ein fehlbarer Mensch ist.

 

Und das ist es, was die Serie wert macht, aus der Vergessenheit gerettet zu werden, um zu beweisen, dass es mehr bemerkenswerte Abenteuer-SF aus deutschen Landen gibt, als nur „Perry Rhodan“ oder Die Abenteuer des Raumschiffes Orion.

 

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weitere Infos:

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Erstellt: 10.05.2010, zuletzt aktualisiert: 16.05.2019 13:31