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Der Kanon mechanischer Seelen von Michael Marrak

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

In einer fernen Zukunft wird die Erde nur noch von wenigen Menschen bevölkert. Sie führen in ihren jugendlichen Körpern ein Leben, das viele Jahrhunderte währt, und manche von ihnen besitzen eine Gabe: Einzig durch ihren Wunsch und eine flüchtige Berührung sind sie fähig, Materie zu beseelen.

In dieser wundersamen, von einer bizarren Mechafauna dominierten Welt lebt Ninive, die auf der Suche nach uralten Relikten das Hochland durchstreift, um längst vergessenen Dingen Leben einzuhauchen und sich ihre Geschichten anzuhören.

Das alles beherrschende Bauwerk ist eine vier Kilometer hohe Mauer, von der niemand weiß, wozu sie einst errichtet wurde und wovor sie die Menschen und Maschinen seit Jahrtausenden schützt – bis ein Gesandter aus der letzten Stadt im Hochland auftaucht, der den Auftrag hat, die Bannmauer zu bezwingen. Und er ist der nicht der einzige, der die verlorene Passage in die Welt dahinter sucht …

 

Rezension:

Die Editionsgeschichte des Kanon mechanischer Seelen von Michael Marrak beginnt mit der Erzählung Zuhause, so fern … für die Jubiläumsausgabe 50 des Readers Digest Jugendbuches im Jahre 2011. Sie erlebte in überarbeiteter Fassung eine Wiedergeburt in Nova 20 bereits unter dem Titel »Der Kanon mechanischer Seelen«. Es folgten weitere Erzählungen in Nova 21, 22 und 23. Sie alle bilden die Grundlage des Romans, wurden zum Teil aber massiv verändert. Der weitaus größte Teil des 725 Seiten starken Romans ist jedoch völlig neu und dürfte selbst jene überraschen, die alle vier Nova-Erzählungen kennen.

 

Im Zentrum der Geschichte steht Ninive. Sie lebt in einem Hügelland im Schatten einer vier Kilometer hohen Mauer und fühlt sich für das Land verantwortlich. Seit Jahrhunderten durchstreift sie es und widmet sich den Hinterlassenschaften untergegangener Zeitalter, die im Schlamm oder Erdhügeln verborgen, Geschichten erzählen können. Denn Ninive ist eine Wandlerin. Sie kann mit der Hand Dinge beseelen. Die Gegenstände erwachen zu einer Art Leben, können reden, fühlen, denken – in eingeschränktem Umfang. So erfährt Ninive viel über die Vergangenheit. Meist entseelt sie die Dinge wieder, doch einige lässt sie beseelt. Einige sogar leben in ihrem Haus. Etwa der Ofen Guss, die Stehlampe Luxa oder die Standuhr Clogger. Eine kleine gemütliche Welt.

Doch alles ändert sich, als ein riesiges beseelten Schrottdingens durch die Hügel pflügt. Dann taucht auch noch der mysteriöse Cutter auf und aus der fernen Mecha-Stadt wird der Wandler Aris entsandt, einer uralten Spur auf die andere Seite der Mauer zu folgen. Plötzlich befindet sich Ninive mitten in einer weltumspannenden Mission …

 

Auf dem Buchrücken wird »Der Kanon mechanischer Seelen« als »Hommage an Stanislaw Lems Kyberiade und seine Robotermärchen, an Miyazaki-Trickfilme wie Chihiros Reise ins Zauberland und Das wandelnde Schloss, an Michael Moorcocks Am Ende der Zeit, garniert mit einem Schuss Alice hinter den Spiegeln« bezeichnet und das sind nur einige der Genre-Verzahnungen mit denen uns Michael Marrak beglückt.

In erster Linie ist »Der Kanon mechanischer Seelen« eine überbordende phantastische Geschichte mit skurrilen Figuren in einer sehr fernen und exotischen Zukunft. Auch wenn das eher typische Ziel der Vermeidung eines Weltunterganges den Plot im Fluss hält, ist der Weg dorthin so steinig wie abwechslungsreich.

Sammeln sich zunächst beim Lesen etliche Fragen zu bestimmten Prämissen der Handlung an, etwa wie das mit dem Beseelen funktioniert, warum die wenigen Menschen unsterblich sind oder warum der leibhaftige Tod umherwandelt und eher Leben rettet als nimmt, beginnt man mit fortschreitender Lektüre nicht nur immer intensiver in dieser Welt zu leben und ihre Besonderheiten zu akzeptieren, die Fragen werden tatsächlich sogar beantwortet.

 

Michael Marrak hat sich einige kauzige Figuren ausgedacht, die durch ihre kleinen Spezialitäten dafür sorgen, dass nie Langeweile aufkommt. Die Heldengruppe besteht neben Ninive, Aris und Cutter zudem noch aus zwei Titelbildfiguren beseelter Folianten, einem Unterseeboot, einer Taucherrüstung, einem wütenden Fluss und einem verrückten mechanischen Wissenschaftler. Sie alle tragen auf irgendeine Weise zum Finale bei und ergeben in Summe eines der absonderlichsten Ensemble der Phantastik.

 

Ninive ist eigentlich eine uralte Frau. Doch stets voller Neugier und einem weiten Herzen. Sie liebt ihre Welt über alles. Meist nimmt sie sich was sie will und schätzt ihre Unabhängigkeit über alles. Doch wenn sie helfen kann, tut sie es bis zur Selbstaufgabe.

Cutter als personifizierter Tod spielt die Rolle eines alles wissenden und nichts verratenden Mentors, der mit Deus ex machina Momenten hantiert und stets für einen Gag gut ist. Doch seine Figur wird durch die Verharmlosung mittels Humor zu einem Schlüsselcharakter, bündelt sich in ihm doch die lockere Erzählweise zu einem beständigen Augenzwinkern.

Auf eine ganz andere Weise schräg ist der irgendwie unseriöse Monozyklop Coen Sloterdyke. Durch Zeitexperimente an seine Laborklosterfestung gefesselt, liefert er zwar diverse Lösungsmöglichkeiten für die anfallenden Probleme der Weltenrettung, ist aber auch ein Symbol für genau diese Welt. Als ein mechanisches Urmonster, ein Fossil eines untergegangenen Zeitalters sucht auch er letztlich in ihr nach einem Platz.

 

Auch wenn es so klingt, als überwöge der Fantasy-Anteil, entwickelt sich der Roman mit jedem Bruchstück, das wir mehr über die Hintergründe erfahren, immer weiter in Richtung Utopie. Zwar verwendet Michael Marak so genreberühmte Topoi wie Orb oder Flux, seine Ideen zu Wahrscheinlichkeiten von Zukünften und Auswirkungen kosmischer Ereignisse, beweisen jedoch Hard-SF Ambitionen. Zu den charmantesten Wendungen des Romans gehört es sicher, wie Cutter den Zwang für eine Zukunftsentscheidung delegiert und dabei Raum für drei sehr kuriose Reisen in die Zukunft öffnet.

 

Am Ende der phantastischen Reise möchte man die liebgewonnene Welt mit ihren schillernden Figuren gar nicht verlassen. Michael Marrak scheint mit ihr jedoch fertig zu sein. Die großen Fragen sind beantwortet, Wunder offenbart und alles erzählt. Doch dieses Alles gehört zu den farbenprächtigsten Science-Fiction-Universen der letzten Jahre. Mit dieser unbändigen Fantasie darf uns Michael Marrak gern noch öfter verzaubern.

Und er nutzt dafür auch seine zeichnerischen Talente. Nicht nur das Cover stammt von ihm selbst, auch die Innenillustrationen entstanden passend zum Roman. Eine perfekte Kombination.

 

Fazit:

Mit »Der Kanon mechanischer Seelen« liefert Michael Marrak den bisherigen Höhepunkt seines Schaffens. Die phantastische Abenteuergeschichte lebt von einem exotischen Setting, liebevoll chaotischen Figuren und einer überquellenden Fantasie, deren Wurzeln fest im Genre stecken und weder die Heroen der Gattung noch sich selbst ganz ernst nehmen.

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Buch:

Der Kanon mechanischer Seelen

Autor: Michael Marrak

gebundene Ausgabe, 725 Seiten

Amrûn, 2017

Cover und Illustrationen: Michael Marrak

 

ISBN-10: 3958692575

ISBN-13: 978-3958692572

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B071S5JHV8

 

Erhältlich bei: Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 24.01.2018, zuletzt aktualisiert: 07.12.2018 13:36