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NOVA 23

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Die langersehnte Ausgabe 23 des Science-Fiction Magazins Nova ist dem Thema Musik gewidmet. Im Vorwort weisen die beiden Herausgeber Olaf G. Hilscher und Michael K. Iwoleit zudem daraufhin, dass das Magazin mit dem Amrûn Verlag von Jürgen Eglseer ein neues dauerhaftes Zuhause gefunden hat.

 

Zur Einstimmung ins Thema bietet Phantastik-Experte Franz Rottensteiner in seinem Artikel Musik und Science Fiction eine Übersicht über die Bedeutung von Musik in der SF. Dabei fasst er im Wesentlichen den Artikel Music aus der Encyclopedia of Science Fiction von John Clute und Peter Nicholls aus dem Jahr 1993 zusammen, ergänzt um einige jüngste Musikveröffentlichungsdaten. Das große Namedropping bringt mit der Materie unkundigen LeserInnen wahrscheinlich wenig. Außerdem verspricht er musikalische Verbindungen, die die nachfolgenden Storys nicht einlösen.

 

Den Beginn des Storyteils bestreitet Marcus Hammerschmitt mit In Wien ist die Musik.

Das Verhör eines mordenden Triebtäters endet für den österreichischen Beamten der Bundespolizei anders als erwartet …

Die typische Ideenstory bietet über die Verhörsituation hinaus nur wenig Hintergrund bleibt auch in den Figuren blass. Florian Breitsameter wies im Lesezirkel darauf hin, dass die Idee bereits von Arthur C. Clarke in die Die neun Milliarden Namen Gottes besser verarbeitet wurde.

 

In Tremolo von Gabriele Behrend geht es um eine junge Frau in naher Zukunft. Mia tritt als Body-Instrument vor Publikum auf. Jeweils ein Gast spielt auf ihrem Körper und erzeugt so Musik mit ihr.

Erst als sie sich selbst bespielt, findet sie zu sich und ist frei von den sie beherrschenden Männern, sei es die Vaterfigur oder ihr Liebhaber.

Die sehr erotische Story ist einfühlsam erzählt und wandelt nur ganz am Rande in klassischen SF-Gefilden.

 

Etwas klassischer gestaltet Marc Späni seine Liebesgeschichte Dr. Kojimas Cyber-Symphonic Orchstra.

Das Verschwinden seiner Freundin lässt in einem Musikstudenten einen fürchterlichen Verdacht aufkommen …

Ein unaufgeregt erzählter, aber trotzdem sehremotionaler Bericht über ein Roboter-Orchester und über Liebe.

 

Deutlich opulenter kredenzt uns Karsten Kruschel seine futuristische Bergbaustory Was geschieht dem Licht am Ende des Tunnels?.

Rohstoffmangel führt dazu, dass in den Müllkippen des 21. Jahrhunderts ein reger Bergbau betrieben wird. Mit seinem Müllsauger wühlt sich Sebastian durch die Boygroup/Girlgroupschicht, begleitet von seltsamem Musikfetzen, als er plötzlichen ein Köfferchen mit der Aufschrift POUR ELOÏSE findet, voll mit wertvollen Metallzylindern. Mit seinem Kumpel Pretzel will er den Schatz bergen und stößt dabei auf etwas ganz anderes tief im Zentrum der Kippe …

 

Karsten Kruschel würzt den Horror seiner Erzählung mit viel Bergbau-Kolorit. Dabei gelingt ihm eine sehr lebendige und vor allem vielschichtige Extrapolation zukünftigem Umgangs mit heutigem Müll. Er beschreibt das Arbeiten unter Tage ebenso plastisch wie er auch das Unternehmertum und die straffe Ausbeutung der Kumpel durch die Bergbaufirma.

Auch wenn das Graben in Müllbergen zur Ressourcen-Gewinnung bereits heute geschieht und auch in SF-Storys nicht neu ist, wie die Geschichte von Thomas Ziegler zum Abschluss dieser Nova-Ausgabe beweist.

Doch Karsten Kruschel fügt eine typische Monster-Idee hinzu, füllt das ganze mit Musik und macht daraus eine ungemein drängende inner-horror Geschichte.

Zwar sind die zitierten Songtexte nicht übersetzt, doch im Anschluss an die Story hat der Autor eine Playlist der verwendeten Songs gesetzt, sodass man sich die untermalende und auch suggestive Hintergrundmusik zu Gemüte führen kann. Während der Handlung selbst jedoch kommen die Lyrics nicht wirklich zur Geltung und wirken etwas verloren, so ganz ohne ihre Musik. Die erhoffte Wirkung, » daß in den weggeworfenen Musikalien nicht nur die physischen Bestandteile (Vinyl, CDs etc.), sondern auch die Musik selbst ein Eigenleben entwickelt.«, ließ sich nicht ganz erzielen.

Aber als (ver)wehende Gedanken des Monsters/Geistes im Innern der Müllhalde, als Erinnerungsfetzen erzeugen sie eine zusätzlich gespenstische Atmosphäre.

 

In Shamané skizziert Norbert Stöbe die melancholische Biographie eines Musikers und stellt eine neue Art des Musikkonsums vor.

Die Idee ist schon faszinierend: Jeder Mensch läuft mit einem 80er Jahre Stirnband herum und in der Mitte ein pulsierender Würfel, wie ein Drittes Auge der Hindi. Die Musik entsteht aus einem selbst heraus und kann mit anderen interagieren um sich so weiter zu entwickeln.

Eine richtige Story entwickelt sich daraus jedoch nicht.

 

Bereits zum vierten Mal verzaubert Michael Marrak mit einem Teil seines Kanons der mechanischen Seelen.

Das Lied der Wind-Auguren bringt Ninive zu einem havarierten Ringwesen und sie muss zu dessen Rettung einen sterbensalten Freund besuchen. Cutter schickt indessen die drei beseelten Hausgenossen Ninives, den Ofen Guss, Stehlampe Luxa und Standuhr Clogger in alternative Zukünfte. Denn er muss sich für eine entscheiden …

Erneut gerät man beim Lesen in den Sog einer kunterbunten und liebevoll erzählten Welt jenseits allem Bekonnten und doch mit Vertrautem dicht besetzt. Ein Sturm der Fantasie, jedoch nicht chaotisch, sondern lustig wirbelnd. Imagination auf höchstem Niveau und wir schon in den drei anderen Nova-Ausgaben ein prachtvolles Highlight.

All die abgefahrenen Dinge und Wesen aus dem Kanon mechanischer Seelen werden wir so schnell nicht los, denn das Ende ist gewohnt halboffen und der unerzählten Dinge gibt es noch genug.

 

Danach hätte es jede Geschichte schwer. Thomas Adam Sieber lässt mit Sodom Jazz Festival eine amüsante Beschreibung einer Welt folgen, in der man Tiere intelligent und mittels einen Moduls sprechen, aber vor allem Musik machen lassen kann – schwungvoll präsentiert anhand von Betrachtungen eines Jazz spielenden Schimpansen. Die Story könnte das Intro zu einer Geschichte sein, denn es geschieht recht wenig. Trotzdem ergibt sich eine spaßige Lektüre.

 

Le Roi est mort, vive le Roi! von Guido Seifert ist eine weitere Musikerbiografie in deren Zentrum eine neue Art von Musik steht.

Die ergreifend geschriebene Geschichte berührt mehr durch die Figurenkonstellation als durch fesselnde Dialoge.

Die sehr technischen Einblicke in die Produktion elektronischer Musik sind für Laien weniger verständlich. Man begreift, dass ein Musikprogramm kreativer ist, als es ein normales Programm sein kann und ahnt bald die Zusammenhänge. Vom speziellen Wesen der Musik kommt leider nichts herüber, ein Problem, dass für den Großteil der versammelten Geschichten gilt.

 

In klassische Cyberpunk-Areale stellt Frank Hebben seinen blinden Datenkurier Manuel Friedheim in Cantus.

Er sieht seine Umgebung durch die Visualisierung von Tönen und auch seine zu überbringenden Daten sind als Töne codiert. Doch er hat wenig Zeit für den erfolgreichen Abschluss seines Auftrages …

Zu kurz und altbekannt, um einen Eindruck zu hinterlassen.

 

Die Gaststory kommt dieses Mal von Stephen Kotowych aus Kanada.

Ein Student wagt die vier Jahre lange Reise zum Saturn um das eigenbrötlerische Objekt seiner Forschungsarbeit endlich kennen zu lernen: den genialen Elektroakustik-Komponisten Paulo. Doch die Begegnung verläuft nicht ganz wie geplant …

 

Saturn in g-Moll konstruiert auf einem leicht durchschaubaren Beziehungskonflikt die Beschreibung eines Schöpfungsaktes großer Musik.

Erneut ist es sehr unbefriedigend, die beschriebene Musik nicht hören zu können. So vermag zwar die Idee, die hinter der ganz besonderen Komposition steht, zu fesseln, aber man gewinnt keinerlei Eindruck davon, wie der Saturn nun wirklich klingt. Gerade weil dies für die Figuren so wichtig ist, fehlt der Story eine berührende Ebene.

 

Im zweiten Sachartikel der Ausgabe Das Fremde als Konstrukt – Musik und Science Fiction beschäftigt sich die Musikwissenschaftlerin Martina Claus-Bachmann vor allem mit den filmmusikalischen Aspekten. Nach Genre-Eingrenzungen und Kategorisierungen erklärt sie an wenigen, ausgesuchten Beispielen die besonderen Mittel, die jeweils verwendet wurden, um den SF-Charakter in der Musik zu erzeugen.

Die Einteilungen sind nachvollziehbar erklärt und die Filmmusik-Beispiele wecken Lust und Neugierde darauf, die Filme unter diesen Gesichtspunkten zu betrachten.

Es wäre schön gewesen, wenn auch zu den anderen Kategorien so ausführliche Erläuterungen zu lesen gewesen wären.

 

Zum Abschluss beschert uns Ronald M. Hahn aus dem Nachlass seines Freundes Rainer Zubeil aka Thomas Ziegler mit Unten im Tal eine herrlich nostalgische Kapitalismuskritik, ein witzig böses Weltuntergangszenario mit schrägen Typen sehr viel Sex und einer unordentlichen Portion Lem. Die Geschichte setzt zwei Schauplätze nebeneinander. Sich selbst überlassene Astronauten auf Io und die Bewohner einer Müllkippe in Wuppertal. Ziegler glänzt mit einer sehr punkig-kauzigen Figurenbeschreibung. Dreck und Elend sind förmlich zu riechen, ebenso der Witz und die lockere Lebensfreude. Eine pralle Packung Atmosphäre.

 

Ein großes Plus der Ausgabe ist neben den wunderbar leuchtenden und detailreichen Cover von Dirk Berger die sehr unterschiedliche Illustrierung der einzelnen Geschichten. Das Magazin ist ein echtes Schmuckstück geworden. Jedesmal wenn man es zum Weiterlesen in die Hand nimmt, geht dem bibliophilen Fan das Herz auf.

 

Fazit:

Die 23. Ausgabe von Nova ist keine Enttäuschung. Allerdings zeigt sie, wie schwer es ist, Musik, insbesondere neue, bisher ungehörte, so zu beschreiben, dass sie auch in der Leserin oder dem Leser erklingt. So muss sie der Rest der Geschichte einfangen, was nicht immer gelingt.

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Eure Meinung:

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Magazin:

Nova 23

Nova 23

Herausgegeber: Olaf G. Hilscher und Michael K. Iwoleit

Taschenbuch, 191 Seiten

Amrûn Verlag, Juli 2015

Cover: Dirk Berger

Illustrationen: Gloria Manderfeld, Susanne Jaja, Rasputin, Christoph Jaszcuk, Jan Neidigk, Stas Rosin, Michael Marrak, Christian Günther, Nummer 85 und Michael Wittmann

 

ISSN: 1864-2829

ISBN-10: 3958690319

ISBN-13: 978-3958690318

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Franz Rottensteiner: Musik & SF
  • Marcus Hammerschmitt: In Wien ist die Musik
  • Gabriele Behrend: Tremolo
  • Marc Späni: Dr. Kojimas Cyber-Symphonic Orchstra
  • Karsten Kruschel: Was geschieht dem Licht am Ende des Tunnels?
  • Norbert Stöbe: Shamané
  • Michael Marrak: Das Lied der Wind-Auguren
  • Thomas Adam Sieber: Sodom Jazz Festival
  • Guido Seifert: Le Roi est mort, vive le Roi!
  • Frank Hebben: Cantus
  • Stephen Kotowych: Saturn in g-Moll
  • Martina Claus-Bachmann: Das Fremde als Konstrukt – Musik und Science Fiction
  • Thomas Ziegler: Unten im Tal

weitere Infos:

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7 Fragen im September NOVA - Das etwas andere Magazin


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Erstellt: 15.07.2015, zuletzt aktualisiert: 02.04.2019 14:48