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Fairwater von Oliver Plaschka

oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew

 

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Das fängt ja gut an: Die Journalistin Gloria ist jahrelang nicht mehr in Fairwater gewesen und nun auf dem Weg dorthin mit dem Wagen liegen geblieben. Taxifahrer Jerry nimmt sie zum Venedig Marylands mit und setzt sie gleich bei der 'Beerdigung' ihrer Jugendliebe Marvin ab. Eine Leiche wird dabei freilich nicht unter die Erde gebracht, denn Marvins sterbliche Überreste fand man nie. Ist er überhaupt tot? Glorias Riecher (und Jerrys Beziehungen) führen sie gleich zu weiteren merkwürdigen Details: Es kommen überraschend viele Menschen nach Fairwater um Suizid zu begehen. Die Firma Lifelight betreibt ein Atomkraftwerk, das anscheinend mehrfach die Umwelt schwer schädigte, was aber keinen größeren Skandal nach sich zog. Dessen Besitzer Cosmo van Bergen wurde auf mysteriöse Weise ermordet – er scheint jedoch bloß eines von vielen Opfern eines Serienkillers zu sein, der das Blut der Toten trinkt. Doch schon bald verdeutlichen mysteriöse Regenmantelträger Gloria auf drastische Weise, dass sie ihre Nase besser nicht in Dinge steckt, die sie nichts angehen, und Fairwater wieder verlässt, bevor sie für immer bleibt.

 

Das Geschehen trägt sich in der fiktiven Stadt Fairwater am Chesapeakebai gegenüber von Baltimore zu. Zwar gibt es viele kleine Flüsse und Kanäle – daher die vielen Brücken, die zur Beschreibung als Venedig Marylands führen – aber ein Atomkraftwerk versorgt die Kleinstadt mit Strom, da angeblich die Flüsse zu träge seien und ein Stausee aus Gründen des Naturschutzes nicht genehmigt werde. Es gibt noch mehr Sonderbarkeiten: Was wird eigentlich in den Werken Lifelights hergestellt? Warum ist die Stadt so abgeschnitten und heruntergekommen, wenn die Industrie der Stadt gerade boomt?

Um die Spannung nicht zu verderben, sei hier nicht allzu viel über die phantastischen Elemente gesagt. Obschon die Grundstimmung eher magisch ist, gibt es neben den vermutlich übernatürlichen Phänomenen einige wichtige Motive, die der SF zugehörig sind. Die phantastischen Elemente treten nur selten direkt auf, häufiger muss der Leser sich sein eigenes Bild aus Berichten und Andeutungen machen. Dennoch sind sie kein schmückendes Beiwerk sondern integrale Bestandteile des Plots.

Insgesamt ist das Setting nur relativ wenig entwickelt, vielmehr Raum wird den Figuren eingeräumt.

 

Es gibt eine große Anzahl von Figuren – das Dramatis Personae verzeichnet 19 Figuren, die allerdings unterschiedlich wichtig sind; allerdings ist etwa jede zweite eine Perspektivfigur. Daher können die zumeist exzentrischen Figuren nur knapp skizziert werden, sie entwickeln sich kaum und nur sprunghaft. Da ist Gloria, die harte, erfolgshungrige Reporterin, die zwar zur Beerdigung ihres Freundes fährt, aber sofort eine neue Story wittert. Dann Marvin selbst, ein genialer junger Mann, der zwischen Straßenmusiker der Gosse und Wissenschaftlern der High Society schwankt – ein Unglücksrabe in jeder Beziehung. Er war in Stella, der Tochter des großen Mannes, Cosmo van Bergen, verliebt. Um Stella dreht sich alles. Was ist ihr als siebzehnjährigen Mädchen wirklich geschehen? Nach dem Zwischenfall lag sie bis zum Tod ihres Vaters im Koma und jetzt lebt sie in einer Heilanstalt; dennoch scheint sie wichtig für verschiedene Gruppen zu sein. Auch ihre ehemalige Clique, in der so unterschiedliche Menschen wie der drogendealende Boheme Lars und die dichtende Waise Lysander auf die Kinder reicher Eltern wie Alice und Ayna treffen, scheint weiterhin wichtig zu sein. Die Nebenfiguren können jedoch klischeehafter ausfallen: Lt. McCarthy gibt im doppelten Sinne eine lächerliche Figur ab, denn der Polizist ist nicht nur dick und verschwitzt, sondern auch ein erfolgloser Ermittler.

 

Im Hinblick auf den Plot wird es komplizierter. Zunächst ist Fairwater ein Episodenroman; in acht Episoden gehen die Figuren unterschiedlichen Tätigkeiten nach. Das beginnt mit Gloria, die einen Skandal aufzudecken such, es folgt Lucia, die ehemalige Erzieherin Stellas, die mysteriöse Erlebnisse mit einen eigentümlichen Spiegel vom Herrn Bartholomew hat, und Marvin, der seinen Platz in der Gesellschaft sucht, etc.; die folgenden Episoden neigen dann mehr und mehr zum Exzentrischen und Wundersamen. Durch diese Episoden ziehen sich zwei Handlungsstränge, die gewisse Überschneidungen aufweisen: Da gibt es einmal die Mordopfer, deren prominentestes Cosmo van Bergen selbst ist. Sie sind mit den Lifelight-Werken und natürlich der verwirrten Stella verknüpft und führen zu den mysteriösen Regenmantelträgern. Der Text bietet dem Leser nur beiläufig verstreute Hinweise: Man muss die beiden Metaplots – den phantastischen Krimi und die SF-Abenteuergeschichte – mit hoher Aufmerksamkeit selbst zusammenpuzzeln. Damit funktioniert der Text wie eine Rätselgeschichte; dieses könnte man als einen abstrakten Plot auffassen. Gegenläufig ist jedoch die Offenheit des Textes: Zwar werden die zentralen Fragen geklärt, aber vieles anderes bleibt im Dunkeln.

Die Spannungsquellen sind entsprechend weit gestreut: Von echten Action-Sequenzen über die bedrohliche Grundstimmung hin zu Wundern und Rätseln, die beide besonders schwer wiegen. Eine weitere wichtige Spannungsquelle sind die vielen intertextuellen Bezüge. Da gibt es Filmzitate (schon der Titel Fairwater kann als Anspielung auf den Ort, in welchem Michael J. Fox als Frank Bannister in The Frighteners Geister bekämpft, verstanden werden), Musikzitate (der Autor scheint Genesis und Pink Floyd zu mögen), sogar Musicalzitate, vor allem aber Buchzitate. Diese sind häufig offensichtlich, manchmal weniger leicht zu erkennen, und bezeugen eine breite Belesenheit: Neben Mervyn Peakes Der junge Titus und Patrick Süskinds Das Parfum wird auf die Elbensprachen von J. R. R. Tolkiens Mittelerde angespielt. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um bloßen Selbstzweck, in einigen Fällen geht es jedoch darüber hinaus. Das Spiegel-Motiv verweist auf Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln, China Miévilles Spiegelhaut (in Andere Himmel) und den chinesischen Mythos über Spiegelwesen, von dem J. L. Borges in Einhorn, Sphinx und Salamander berichtet – doch Plaschka übernimmt das Motiv nicht einfach, er variiert es.

 

Wirklich kreativ ist der Autor im Umgang mit der Erzähltechnik. Wie berichtet gibt es acht Episoden, die mindestens einen Handlungsstrang umfassen, und die zwei Metahandlungsstränge. Diese Vielfalt erlaubt es dem Autor mit den Aspekten der Entwicklung/Desillusionierung und Progressivität/Regressivität zu spielen: Glorias Episode wird vor der Episode Marvins erzählt, ihre folgt aber kausal aus seiner. Dieses Vor- und Zurückspringen in der Zeit findet z. T. auch innerhalb der Episoden statt. Eben deshalb ist der Text nicht einfach regressiv erzählt. Auch mit der Erzählperspektive wird experimentiert. So gibt es auktoriale und personale Abschnitte, Ich-Erzählungen und Szenen, in denen von der personalen Perspektive in die Ich-Erzählung gewechselt wird, wie etwa in Jeff VanderMeers Erzählung Der seltsame Fall des X (in Stadt der Heiligen und Verrückten).

Die Zeitsprünge kombiniert mit dem Perspektivenspiel machen es zuweilen schwer, das Erzählfragment richtig einzuordnen. Hier sind die Anhänge sehr hilfreich, die den groben Verlauf und die relevanten Punkte der Figuren nachzeichnen. Doch diese Anhänge sind Segen und Fluch zugleich, denn in ihnen zu lesen kommt nicht nur einem Nachschlagen der Lösungen in einem Rätselheft gleich (und raubt so den Spaß des Selbst-Lösens), sondern raubt der Geschichte auch einiges an interessanter Offenheit: Die Anhänge sind privilegierte Erzählrede und damit WahrTM.

Mit den einzelnen Episoden versucht der Autor auch jeweils eine eigene Erzählstimme zu finden, die vom Gespreizten über das Förmliche hin zum Saloppen und Vulgären reichen; doch es fehlt hier etwas an Prägnanz, da sie alle klar zum Neutralen neigen. Die Sätze tendieren zur Länge, wobei Verschachtelungen relativ selten sind.

Erwähnenswert sind noch die Dialoge, die sehr gewitzt und spritzig sein können.

 

Schließlich ist noch auf die Gestaltung des Textes hinzuweisen: Plaschka spielt mit Schrifttypen, Schriftgrößen und der Kursivität um verschiedene Medien oder Textsorten zu symbolisieren – soweit wie in Mark Z. Danielewskis Das Haus – House of Leaves geht er allerdings bei weitem nicht. Zur Textgestaltung gehören auch die z. T. an Kupferstiche erinnernden Innenillustrationen von Oliver Graute, die jeweils zu Beginn eines Kapitels wichtige Elemente der betreffenden Episode darstellen.

 

Fazit:

Gloria, Stella und weitere mit ihrer ehemaligen Clique im Zusammenhang Stehende geben in acht Episoden einige Geheimnisse Fairwaters preis. Die Stärken des Romans liegen klar in der dreifachen Konstruktion des Plots und den Experimenten mit der Erzähltechnik. Er ist damit eher für Freunde intellektueller Puzzles als für Freunde von normalen Mystery-Thrillern geeignet.

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Eure Meinung:

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Buch:

Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew

Autor: Oliver Plaschka

Feder & Schwert, Oktober 2007

Taschenbuch, 464 Seiten

Titelbild und Innenillustrationen: Oliver Graute

ISBN-13: 978-3-86762-011-6

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 13.02.2008, zuletzt aktualisiert: 21.03.2019 11:22