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Krachkultur 17/2015 hrsg. von Alexander Behrmann und Martin Brinkmann

Schwerpunkt: Phantastik

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Die neue Ausgabe von »Deutschlands frechster Literaturzeitschrift« (CICERO) öffnet sich dem häufig totgesagten, aber nach wie vor quicklebendigen Genre der Phantastik. Neben herausragenden Vertretern der aktuellen deutschsprachigen Phantastik präsentiert KRACHKULTUR 17/2015 auch internationale Größen von gestern und heute aus den Bereichen Horror, Science Fiction und Fantasy.

 

Rezension:

Mit einer Auflage von eintausend Exemplaren gehört Krachkultur vielleicht nicht zu den bekanntesten deutschsprachigen Literaturmagazinen, da es sich in der diesjährigen Ausgabe Nummer 17 mit der Phantastik beschäftigt, könnte es seine Popularität vielleicht auf breitere Publikumskreise ausdehnen.

 

In ihrem Vorwort weisen die Herausgeber Alexander Behrmann und Martin Brinkmann kurz auf die etwas verruchte Stellung der Phantastik innerhalb der Literaturrezeption hin und verorten sie als Summe von Fantasy, Science-Fiction und Horror.

Für diese »Krachkultur«-Ausgabe sammelten sie »Aktuelles und im deutschen Sprachraum bislang Unentdecktes«.

 

Der Beginn darf dann auch gleich programmatisch krachen. Dietmar Dath schreibt einen Brief an eine alte Feindin, die er mit »Liebe Seuche« anspricht. Dath ist bekennender Science-Fiction Fan(atiker) und setzt seine ausufernde Polemik gegen unwissende Phantastik-Kritiker in kluge Worte zum Genre. Dath wird recht wütend in seiner Argumentation und man kann sich durchaus darüber streiten, ob man als LiteraturkritikerIn das Genre kennen muss. Wo ist da die quantitative Grenze? Wie viele Bücher sollte man gelesen haben, um sich über Phantastik-Werke kritisch äußern zu können? Gibt es auch eine qualitative Note? Muss man also auch die »richtigen« Genre-Werke gelesen haben, um über neue urteilen zu können?

Dath ist da leider sehr ungenau. Aber der ganze Brandbrief steckt voller eloquenter Dath-Sätze und breitem Genre-Wissen mit denen er für seine Phantastik-Befreiung kämpft, für uns » … Spinner, die wir uns darauf festgelegt haben, das, was ist, durch die Linse dessen zu betrachten, was sein könnte, und das, was sein könnte, durch die Linsen dessen, was ist …«.

Ein phantastisches Manifest, im Wortsinn, und eine schon fast einschüchternde Einleitung für die folgenden Texte.

 

Harlan Ellison dürfte einer der großen Lehrmeister Daths sein.

In Der mit den Sherlock-Holmes-Büchern aufwuchs, übersetzt von Christoph Jehlicka, wandelt Ellison auf den Spuren berühmter Phantasten, von Edgar Allan Poe über Charles Fort bis zu Arthur Conan Doyles Holmes-Geschichten.

Was zunächst als horrorartige Rachegeschichte um einen üblen Kunsthändler beginnt, wandelt sich schnell in eine rasante Fahrt auf den Gleisen von Wahrscheinlichkeit und Kausalität. Alles hängt mit allem zusammen und ist doch mit diesem einen Schmetterling für immer verbunden.

 

James Sallis erzählt in Die Einnahme von Dallas in der Übersetzung von Meike und Alexander Behrmann die sehr melancholische Geschichte einer Kontaktaufnahme. Quasi eine männliche Version von Jonathan Glazers berührendem Einsamkeitsdrama Under the Skin.

 

Eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit J. G. Ballard und seinem Werk Crash liefert Zadie Smith in ihrem Essay Sex und Motoren, übersetzt von Christoph Fricker.

Smith vermittelt die Probleme ihrer feministischen Sozialisierung mit einem Werk, dessen Sexismus man bei oberflächlicher Sichtweise hassen musste und lässt uns einen Blick auf Ballard’s London werfen, der wenig mit Postkartenidyllen zu tun hat.

 

Damit ist der Essay die passende Eileitung zum Romanauszug von Anja Kümmel. Der Roman V oder die Vierte Wand ist für 2016 angekündigt.

Es geht um eine mexikanische Person, wahrscheinlich queer, die sich 1980 in LA einschifft und im London einer unbestimmten, aber dystopischen Zukunft ankommt.

Das Feeling im Betonwüsten-London scheint ähnlich dem zu sein, dass Zadie Smith in Bezug auf Ballards »Crash« beschreibt.

Es hat nach Träume Digitaler Schläfer lange gedauert, bis die Autorin sich wieder zu Wort meldet, aber der kurze Auszug verspricht sprachlich, als auch thematisch, eine Menge.

 

Mit Cosmo von Leif Randt gewann 2006 beim OpenMike und weist stilistisch und mit etwas kühl-sachlichen Tonfall bereits in Richtung seines jüngsten Romanes Planet Magnon. Auch Cosmo ist ein Versuch, die hippe Großstadtwelt in eine ebenfalls hippe Zukunft zu versetzen. Der androgyne Fitness-Club-Mitarbeiter Jazz wandelt zwischen Eventkunst und Versklavung, fast schon androidenhaft funktional, die Emotionen immer einige Längen vom inneren Fokus entfernt.

Randts großes Thema ist die Verfremdung des Menschlichen, wie sie aus der heutigen gesellschaftlichen Melange entstehen könnte.

 

Der Bienengott von Joseph Felix Ernst ist eine kleine mystische Geschichte um eine Absonderlichkeit aus dem Zeiten Weltkrieg. Der Jagdbomber-Pilot Thomas Seiboldt macht sich mit seinem Flugzeug auf in den Süden und strandet auf einer Pazifikinsel. Die Einwohner verehren ihn, Jahre später lebt niemand mehr.

Die Story könnte eine Metapher auf das Monströse der Nazikultur sein, die selbst jenseits des Krieges alles Leben auszulöschen vermag. Der Autor hält das bewusst offen.

 

Für Horror-Fans ist Tobias O. Meißner schon lange durch Hiobs Spiel ein Begriff und so überrascht der paranoide Ton in Das Gefaltete nicht sonderlich. Sehr treibend inszeniert, entwickelt sich beklemmende Angst vor dem seltsamen Wesen an der Küchenwand zu einer Auseinandersetzung mit der Angst an sich.

Trotz hohem sprachlichen Niveau handelt es sich letztlich aber um eine eher typische und oft erzählte Geschichte.

 

Das gilt auch für Bernhard Trecksels Story Dass du paranoid bist, bedeutet nicht, dass sie nicht hinter dir her sind …

Whistleblower, Datendiebstahl und eine zugrunde liegende Verschwörungstheorie, an deren Verfilmung sich jeder Genre-Fan erinnern wird, reichen hier nicht für einen überzeugenden Spannungsbogen, selbst wenn man den Lovecraftschen Bezug berücksichtigt, der aber hilflos am Ende verpufft.

 

Weit zurück im Genre geht es mit Algernon Blackwood, dessen Werke in den letzten Jahren in Deutschland immer mal wieder in Neuübersetzungen erschienen. Wie so oft fertigte Joachim Körber die Übersetzung an.

Die Olive ist Liebespfand und magischer Schlüssel zu einer göttlichen Traumwelt zugleich. Blackwood entwickelt eine bezaubernde Liebesgeschichte mit mythologischen Schlenkern, klassisch und verführerisch. Vielleicht mag sie zur Zeit ihres Erscheinens 1924 durch die deutliche sexuelle Konnotation und der Hinweis auf bacchantische Riten unheimlich gewirkt haben, daraus entwickelt sich heute aber kein Erschauern mehr.

 

Ganz anders geht es dem nächsten Klassiker. Die Vogelscheuche flieht vor den Vögeln vom niederländischen Phantasten Ferdinand Bordewijk, übersetzt von Holger E. Wiedenstried, ist auch heute noch eine stimmungsvolle Geschichte über die Auflösung der Grenze zwischen Künstler und Kunstwerk.

 

Auch John Russo besitzt Klassiker-Status, immerhin schrieb er mit George A. Romero zusammen am Script für den Zombie-Kultfilm Night of the Living Dead von 1968 mit.

Der erste Fall in der Übersetzung von Martin Brinkmann und Christoph Jehlicka versucht diesem Kult einen Beginn zu verschaffen, liefert letztlich aber nur eine weitere Zombie-Story ohne sonderlichen Reiz. Das Thema Zombie war noch nie besonders ergiebig und Russo beweist das eindrucksvoll.

 

Das tiefe Ende eines Schwimmbeckens ist der tragische Schauplatz in Robert R. McCammons Geschichte über den manischen Versuch eines Vaters, sein ertrunkenes Kind zu rächen. Mit einer Harpune geht er des nachts auf die Jagd nach einem Monster, dem er die Schuld am Tod seines Sohnes anlastet.

Die ebenfalls von Christoph Jehlicka übersetzte Story ist Mitgefühl erweckend geschrieben, bleibt aber letztlich luftleer. Es fehlt irgendwie die Überraschung oder eine Entwicklung über die Jagd hinaus. Es wird versucht, ein gewisses Grauen aus geheimnisvollem See und dunklem Schwimmbad zu ziehen, was aber mangels Ausbau des Hintergrundes nicht gelingt.

 

Dies gelingt Sven Amtsberg in Alsterzilla deutlich besser. Die Hamburger Alster als durchtriebener Feind bedrängt einen Hamburger, der sich rein aus Statusgründen ein Haus am Alsterufer leistet. In einer kafkaesken Schlacht versucht er, das Gewässer zu besiegen. Wenn Gentrifizierung nur immer so leicht zu bekämpfen wäre.

 

Eine kurze Vignette zum Thema Kriegspropaganda ist Draußen lauert der Feind von Torsten Wohlleben. Intensiviert wird die Ausweglosigkeit und fatalistische Stimmung durch aktuelle Entwicklungen in Hinsicht auf deutsche Kriegseinsätze.

 

Als erzählerische Debüt wurde Natascha Berglehners Ganz nah vorgestellt.

Ein junges Mädchen mit psychischen Problemen wankt durch eine Klinik. Die psychologisierende Problemstory passt nicht recht zum thematischen Schwerpunkt des Magazins, da sie keinerlei phantastischen Elemente aufweist. Aber Natascha Berglehner beweist sprachliches Talent und großes Einfühlungsvermögen in ihre Figuren.

 

Huan Vu hat die wunderschöne Lovecraft-Verfilmung Die Farbe geschaffen und versucht in seinem Artikel Wider den Kult des Realen, einen Überblick über die deutschsprachige Phantastik zu liefern unter Betrachtung ihres schweren Standes innerhalb der Kultur. Dabei handelt es sich um eine gekürzte und überarbeitete Version seines Essays Die Gedanken sind frei aus dem Jahre 2013.

In ihm geht er seinen beruflichen Background gemäß neben literarischen Werken auch auf phantastische Filme aus deutschen Landen ein.

Erwähnenswert ist vor allem die gleichberechtigte Betrachtung von Ost und West nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier benennt er zwar kaum noch Werke, aber zumindest analysiert er treffend die kulturellen Unterschiede.

Seine Werk-fundierten Kenntnisse scheinen in den 1950ern zu enden, vielleicht aber spricht er den nachfolgenden Werken auch eine herausragende Bedeutung ab. Das ist nicht genau zu erkennen. Seine Stärken hat der Text aber vor allem in der Betrachtung klassischer Phantastik. Eine zukünftige Vertiefung der einzelnen Abschnitte ist wünschenswert, da der neutrale Ton von Huan Vu Betrachtung dem Thema sehr zu gute kommt.

 

Nicht unerwähnt bleiben soll das Cover von Yanko Tsvetkov, der das edel erscheinende Magazin würdig mit einem dem Mond an- und zerfletschenden Wolf aus Dreiecken schmückt.

 

Fazit:

Der 2015er »Krachkultur«-Band mit dem Schwerpunkt Phantastik ist durchaus lohnenswert. Die Science-Fiction-Anteile sind qualitativ interessanter, besonders das kämpferische Manifest Dietmar Daths.

Die Horror-Storys hingegen bedienen eher den Standard und wurden mit Klassik-Titeln aufgefüllt. Erstaunlicherweise fehlt Fantasy völlig, obwohl man sie nach dem Vorwort erwarten durfte. Hier fanden die Herausgeber wohl nichts, was sie einer Literaturzeitschrift für würdig hielten. Mit allen Schmuddelkindern will die »Krachkultur« dann doch nicht spielen.

 

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Magazin:

Krachkultur 17/2015

Herausgeber: Alexander Behrmann und Martin Brinkmann

Taschenbuch: 236 Seiten

Krachkultur, 26. Oktober 2015

Cover: Yanko Tsvetkov

Inhalt:

 

  • Vorwort – Alexander Behrmann und Martin Brinkmann
  • Dietmar Dath – Brief an eine alte Feindin
  • Harlan Ellison – Der mit den Sherlock-Holmes-Büchern aufwuchs
  • James Sallis – Die Einnahme von Dallas
  • Zadie Smith – Sex und Motoren
  • Anja Kümmel – V oder die Vierte Wand (Romanauszug)
  • Leif Randt – Cosmo
  • Joseph Felix Ernst – Der Bienengott
  • Tobias O. Meißner – Das Gefaltete
  • Bernhard Trecksel – Dass du paranoid bist, bedeutet nicht, dass sie nicht hinter dir her sind …
  • Algernon Blackwood – Die Olive
  • Ferdinand Bordewijk – Die Vogelscheuche flieht vor den Vögeln
  • John Russo – Der erste Fall
  • Robert R. McCammon – Das tiefe Ende
  • Sven Amtsberg – Alsterzilla
  • Torsten Wohlleben – Draußen lauert der Feind
  • Natascha Berglehner – Ganz nah
  • Huan Vu – Wider den Kult des Realen

 

 

ISBN-10: 3931924122

ISBN-13: 978-3931924126

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

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Erstellt: 03.12.2015, zuletzt aktualisiert: 08.03.2018 21:19