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Die leuchtende Pyramide von Arthur Machen

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 16

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der sechzehnte Band der Bibliothek von Babel wendet sich dem Waliser Arthur Machen zu. Für Die leuchtende Pyramide hat J. L. Borges drei 1895 entstandene Geschichten ausgewählt; der Schwerpunkt zweier Geschichten liegt auf der finsteren Wahrhaftigkeit von Volksmärchen, die übrige Geschichte wendet sich dann der grauenhaften Verwandlung zu.

 

Die Geschichte vom schwarzen Siegel (74 S.): Miss. Lally berichtet dem zweifelnden Mr. Philipps vom sonderbaren Verschwinden des Ethnologen Prof. Gregg. Dieser hatte sie als Gouvernante für seine Kinder angestellt, nachdem er sie in einer verzweifelten Lage angetroffen hatte. Da sie gebildet und offen für seine neuen Ideen war ohne eine gewisse skeptische Distanz zu verlieren, übernahm sie auch die Aufgaben einer Sekretärin. Nachdem Gregg sein "Handbuch der Ethnologie" fertig gestellt hatte, wollte er einer phantastisch anmutenden These nachgehen, die er schon seit langem hegte. Erläutern wollte er sie nicht weiter, da es ihm noch an Fakten mangelte, aber ein schwarzer Stein, der wie ein Siegel aussieht und mit einer unbekannten Keilschrift versehen ist, und ein paar in einer abgelegenen Gegend von Wales verschwundene Leute spielen eine gewichtige Rolle darin. Dort angekommen entfremden sich Miss. Lally und Prof. Gregg langsam, da er verschlossen und gereizt ist. Sie spielt mit dem Gedanken die Stellung zu kündigen, doch er bittet sie zu bleiben: Die Angelegenheit ist nicht ungefährlich und wenn sich niemand um die Kinder kümmert, kann er nicht weitermachen. Eingedenk ihrer Rettung durch Gregg bleibt sie vorerst.

Diese Gruselgeschichte entstammt dem Episodenroman Botschafter des Bösen. Zunächst mag sie etwas schwerfällig und zu unspektakulär erscheinen. Die Erzählerin holt weit aus, ergeht sich in Andeutungen, es dauert lange bis den Rätseln auf den Pelz gerückt wird und die Momente des wahren Horrors sind dem Leser nicht direkt zugänglich. Schaut man sich die Geschichte jedoch genauer an, so stellt man fest, dass sie sehr präzise entwickelt wird – nichts, außer der ersten Begegnung, bleibt dem Zufall überlassen, alle Figurenhandlungen, alle Stimmungen werden sauber vorbereitet; alles ist durchgeformt. Der Witz der Geschichte ist aber noch origineller. Der gestresste Ethnologe ist dem Wahrheitsgehalt gewisser Volksmärchen auf der Spur und als er den Dingen endlich auf den Grund geht, kann er sie nur mit wissenschaftlichem Vokabular beschreiben. Damit stellt sich dem Leser die Frage, ob er dem unzuverlässig wirkenden Ethnologen oder dem vorwissenschaftlichen Volksmärchen traut.

Die Geschichte vom weißen Pulver (31 S.): Miss. Helen Leicester lebt mit ihrem Bruder Francis zusammen. Der ist ein junger Jurist, der Karriere machen will. So studiert er täglich etliche Stunden Gesetzestexte ohne sich jemals zu amüsieren. Helen ist um sein Wohl besorgt – schließlich erweißt es sich als berechtigte Sorge: Als Francis kurz vor dem Zusammenbruch steht, schaltet sie den Familienarzt Dr. Haberden ein. Der prognostiziert, dass es nichts Ernstes sei, und verschreibt ein Pülverchen, das zweimal am Tag in Wasser aufgelöst einzunehmen ist. Francis hält sich daran und blüht sichtlich auf. Das Studieren lässt er erstmal, dafür plant er mit der Schwester Ferien in Paris zu machen und vergnügt sich einstweilen abends in London. Nach und nach hört er auf von Paris zu sprechen, hört er auf von seinen nächtlichen Eskapaden zu berichten. Ihr Bruder beginnt Helen unheimlich zu werden.

Diese Horrorgeschichte stammt ebenfalls aus Botschafter des Bösen; sie nutzt das weit verbreitete Thema der horriblen Verwandlung – wie etwa R. L. Stevensons Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder Franz Kafkas Die Verwandlung. H. P. Lovecraft, der dieses Thema selbst vielfach nutzte, urteilt über die Geschichte in seiner Literatur der Angst so: "[…] eine Erzählung, die fast den absoluten Höhepunkt des Ekelhaften und Entsetzlichen erreicht." Freilich nur dann, wenn die Phantasie des Lesers die von Machen gelassenen Lücken aufzufüllen vermag. Den besonderen Horror kann die Geschichte aufgrund ihrer Anbindung entfalten: Der geneigte Leser mag beim nächsten Mal, wenn er von seinem Arzt wegen einer Kleinigkeit ein Medikament mit unaussprechlichem Namen verschrieben bekommt, mit dem Wasserglas in der einen und der weißen Tablette in der anderen Hand, einen Moment verharren, über unerwünschte physische und psychische Nebenwirkungen und über diese Geschichte nachdenken und dann auf die wohlwollende, stets sorgfältig arbeitende Ärzteschaft vertrauen.

Die leuchtende Pyramide (42 S.): Mr. Vaugham besucht seinen Freund Mr. Dyson in London. Vaugham hatte sich vor einiger Zeit auf seinen im ländlichen Südengland gelegenen Familiensitz zurückgezogen. Dorthin lädt er Dyson ein und lockt den Schriftsteller mit der Aussicht, dass in der Ruhe der Abgeschiedenheit die Tinte besser von der Feder fließe. Doch für Dyson gibt es nichts Inspirierenderes als London im September. Mit der Ruhe sei es eh' nicht soweit her, so Vaugham, da vor einiger Zeit die junge Annie Trevor verschwand. Aber eigentlich wollte er Dyson um Hilfe bitten: Er befürchtet eine bevorstehende Gaunerei. Nahe seinem Anwesen legt jemand aus schwarzen Steinkeilen seltsame Muster. Eines sieht aus wie die wertvolle Schale, die er besitzt, ein anderes wie die pyramideförmige Schachtel, in der sie aufbewahrt wird. Dyson lässt sich einen der Steine zeigen und staunt: Die sollten prähistorisch sein! An die Gaunerei glaubt er nicht, aber mit dem Rätsel, nicht mit der Ruhe, kann der Mysterien verabscheuende Vaugham den Amateurdetektiv Dyson auf's Land lotsen.

In Die leuchtende Pyramide trifft man endlich auf den okkulten Detektiv Mr. Dyson (er tritt noch in weiteren Geschichten von Machen auf; z. B. in Das innerste Licht, Die rote Hand und natürlich Botschafter des Bösen). Mit Scharfsinn, ungewöhnlichen Methoden und gewaltigem Mut zur Lücke ermittelt er in rätselhaften Fällen voller wunderbarer und unheimlicher Phänomene. Mr. Dyson ist sicherlich nicht der bekannteste okkulte Detektiv – diese Ehre kommt wohl eher Algenon Blackwoods Dr. John Silence oder W. H. Hodgsons Carnacki zu – aber seine Abenteuer sind wohl die lesenswertesten, denn Machen kann mit großer Stilsicherheit bizarre Horrorgeschichten mit trockenem Humor erzählen. Die modernen okkulten Detektive wie Charles Stross' Bob Howard oder Achim Hiltrops Colin Mirth erinnern eher an Carnacki.

 

Den Settings, jeweils der Süden Britanniens im letzten Jahrzehnt des 19. Jh., wird kaum Raum gewährt, es wird nur dann dargestellt, wenn es aufgrund der Handlung notwendig ist oder zur atmosphärischen Untermalung verwendet wird. Die Figuren werden nur ausschnitthaft beschrieben, sind aber potentiell runde Figuren – es gelingt Machen mit wenigen Worten Vielschichtigkeit zu erzeugen, etwa wenn Miss. Lally mit sich ringt, ob sie wegen der Schrecken den Professor verlassen soll oder ob sie wegen seiner Hilfe bleiben soll. Aufgrund der Kürze der Geschichten beschränken sich die Charakteristika der Figuren meist auf wenige Merkmale.

Die Plots sind streng genommen alle drei Rätselgeschichten: Eine zentrische Figur wird aufgrund unglücklicher Umstände in ein mysteriöses Geschehen verstrickt (und holt sich im Falle Der leuchtenden Pyramide einen Freund zur Hilfe), die dann aufgeklärt werden; am Ende steht die Entdeckung eines scheußlichen Wunders. Ein sehr typisches Plotschema für Horrorgeschichten dieser Zeit. Aber während die Investigatoren des schwarzen Siegels und des weissen Pulvers recht passiv sind und fremdbestimmt die Hinweise entdecken, geht Mr. Dyson, der Ermittler in der leuchtenden Pyramide, den Hinweisen aktiv nach; damit unterscheidet sie sich von den anderen beiden von der Stimmung deutlich; sie ist eine Art Kriminalgeschichte.

Das Aufgreifen von britischen Volksmärchen hat in der phantastischen Literatur eine lange Tradition. Die britischen Feen waren von Shakespeare zu kleinen Flügelfeen verniedlicht worden. Besonders Bekannt ist hier natürlich J. R. R. Tolkiens Wiederbeleben der Elben und auch der Hobbits, die auf das kleine Volk, das unter den Hügeln lebt, zurückgehen. Waren die Elben Tolkiens noch gut und edel, so waren die zeitgleich von Poul Anderson in Das zerbrochene Schwert vorgestellten Elfen zwar ebenso mächtig, aber amoralisch. Terry Pratchett ging mit Lords und Ladies noch einen Schritt weiter und schuf sadistische Bösewichte – damit gelangt er ebenso wie Robert E. Howard mit seinen Erzählungen um Bran Mak Morn, in denen er die degenerierten, kleinwüchsigen Pikten mit Elfen in Verbindung bringt und sich unter die Erde zurückziehen lässt, in die Nähe der hier rezensierten Geschichten.

Da nur zwei Episoden aus dem Episodenroman und eine kurze Erzählung ausgewählt wurden, ist die Erzähltechnik nicht auffällig. Die Sätze fließen schnell und leicht dahin, die Dialoge sind pointenreich – das war das Einzige, was Lovecraft an Machen zu kritisieren hatte: der flotte Stil.

 

An dieser Stelle muss ich mich doch einmal ob Borges' Textwahl verwundern. Die Geschichte vom schwarzen Siegel und Die Geschichte vom weissen Pulver sind zwei sehr einflussreiche Erzählungen. H. P. Lovecraft lobt sie beide sehr und tatsächlich sieht Lovecraft-Kenner S. T. Joshi in ersterer Geschichte eine Inspirationsquelle für Der Ruf des Cthulhu. Beide entstammen Botschafter des Bösen, das als einflussreichstes Werk Machens gilt, in dem übrigens Mr. Dyson und sein Freund Mr. Philipps die ermittelnden Protagonisten sind. Die leuchtende Pyramide ist zweifelsfrei ebenfalls eine sehr gute Geschichte, aber thematisch doch dem schwarzen Siegel sehr ähnlich. Es stellt sich die Frage, ob nicht eine der beiden Geschichten genügt hätte. Und ferner, warum wurde nicht der ganze Episodenroman, sondern nur zwei Episoden, freilich die wichtigsten, ausgewählt? Viel länger ist der ganze Roman auch nicht und der Charakterisierung der Figuren hätte es auch besser getan.

 

Fazit:

Dreimal wird Rätseln mit schrecklichen Lösungen nachgegangen, dreimal weiß der Autor den bekannten Thematiken einen interessanten Dreh zu geben. Arthur Machen ist den meisten Lesern der dunklen Phantastik hauptsächlich als Vorläufer des lovecraftschen Cthulhu-Mythos bekannt; dabei sind seine Stilsicheren Geschichten, die durchaus zwischen hintergründigem Horror und trockenem Humor chargieren können, immer noch für sich lesenswert.

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Titel: Die leuchtende Pyramide

Reihe: Die Bibliothek von Babel

Original: Ohne Angabe

Autor: Arthur Machen

Übersetzer: Herbert Preißler

Verlag: Edition Büchergilde (September 2007)

Seiten: 160-Gebunden

Titelbild: Bernhard Jäger

ISBN-13: 978-3-940111-16-6

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 18.04.2008, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 15:57