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Kolumne: Schnäppchen 2.0

Autor: Holger M. Pohl

 

Moderne Zeiten! Über Schnäppchen habe ich mich ja schon einmal hier ausgelassen. Und diese Schnäppchen gibt es auch heute noch. Wer so viel in Foren unterwegs ist wie ich, der weiß das.

Doch Dank Internet (und dank Amazon & Co.) haben sich die Möglichkeiten der Schnäppchenjagd wunderbar erweitert. Man … Verzeihung, der Leser (oder natürlich auch die Leserin) hat heute noch weit mehr Schnäppchen zur Auswahl als früher: es gibt das Schnäppchen 2.0!

 

Was nun ist dieses Schnäppchen 2.0!? Wer sich heute etwas zu lesen besorgen möchte – und dabei E-Books nicht verschmäht – dem bieten Plattformen wie Amazon eine schier unendliche Auswahl. Es gibt dort nämlich die kostenlosen Downloads, von den Autoren auch gerne werbewirksam Gratisaktionen genannt. Für die natürlich dann Facebookland auf, Facebookland ab Werbung gemacht wird. Oft in einer schier unerträglichen Penetranz (aber das ist ein anderes Thema). Natürlich werden die dann ermittelten Downloadzahlen werbewirksam eingesetzt, indem Frau Autorin oder Herr Autor sie stolz veröffentlicht. Ist ja auch in Ordnung. Weniger in Ordnung ist dann allerdings, wenn Frau Autorin oder Herr Autor diese Zahlen dann mit Lesern verwechselt. Man könnte es auch schönreden nennen. Oder realitätsfern. Tagtäglich werden nämlich Millionen von kostenlosen Programmen herunter geladen, ohne dass ein User sie je benutzt. Es gibt welche, die laden sie herunter und nutzen sie auch. Aber viele, sehr viele laden sie einfach mal herunter, weil sie kostenlos sind. Und dann vergammeln die Programme ungenutzt auf der Festplatte (oder einem anderen Speichermedium).

 

Und so ergeht es auch diesen E-Books: Sie werden herunter geladen wie andere Dateien auch, weil sie kostenlos sind. Ob sie dann auch gelesen werden, das ist ein völlig anderes Blatt Papier (so man im Zusammenhang von E-Books überhaupt von Blatt und Papier reden kann). Glauben kann man es ja, dass jeder Download ein Leser ist …

 

Manchmal (sehr selten!) folgen nach dem Ende einer solchen Gratisaktion dann tatsächlich nennenswerte Verkäufe. In der Regel (sehr oft!) jammern Frau Autorin oder Herr Autor dann aber, dass nach dem Ende der Gratisaktion die Verkaufszahlen eingebrochen sind und der Limes der Downloadzahlen gegen Null geht. Jammer, Jammer, Jammer! Aber mal Hand aufs Herz: wundert das jemand außer diesen Autoren? Warum soll ein Leser für etwas bezahlen, wenn er es vorher kostenlos haben kann? Und – was sich Frau Autorin oder Herr Autor nicht bewusst machen können oder wollen – der Leser ist nicht dumm! Wenn Autoren regelmäßig, bei jeder ihrer Neuerscheinungen, solche Gratisaktionen machen, warum sollte der Leser dann Geld dafür ausgeben: Autorin S. veröffentlicht ein neues E-Book. Kostenpunkt 1,99 €. Downloadzahlen mies. Gratisaktion zur Werbung muss her! Gratisaktion läuft wie geschmiert! Logisch – denn Leser L. hat ja nur abwarten müssen, bis seine Autorin oder sein Autor eine Gratisaktion macht. Und die kommt oft genug ebenso sicher wie das Amen in der christlichen Kirche.

 

Reine E-Book Autoren scheinen dabei oft nicht zu merken (ob sie es nicht wollen oder können oder sich schlichtweg weigern, weiß man nicht), dass sie sich ihr Geschäft mit solchen Gratisaktionen selbst kaputt machen. Wozu Geld ausgeben, wenn ich nur abwarten muss? Wozu etwas für wenig Geld erstehen, wenn ich es über kurz oder lang als kostenloses Schnäppchen 2.0! haben kann?

 

Trotzdem werden solche Gratisaktionen in schöner Regelmäßigkeit durchgeführt und beworben. Auch dann, wenn gestandene und weitsichtigere E-Book-Autorinnen und -Autoren davor warnen. Zum einen, weil es ihnen das Geschäft kaputt macht. Und wer lässt sich schon gerne das Geschäft kaputt machen? Zum anderen natürlich, weil sie etwas von ihrer Arbeit halten und sich dazu zu Recht auch entlohnen lassen wollen. Nein, sie schreiben nicht des Geldes wegen, aber wenn sie schon schreiben, dann soll es weder kostenlos noch umsonst sein. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel: Es gibt tatsächlich AutorInnen, deren einzige Motivation Geld ist. Aber die jonglieren dann auch mit Pseudo-Öko-Argumenten und verwechseln E-Books mit Büchern oder wissen nicht, wie man richtig recherchiert … halten sich aber für richtig gute AutorInnen.

Dass ein Autor respektive eine Autorin mit seinen/ihren Veröffentlichungen Geld verdienen möchte, das ist legitim. Kostenlos zu veröffentlichen kann eine Grundsatz-Einstellung sein. Es ist aber kein Werbeinstrument. Denn die “Geiz ist geil”-Mentalität macht vor Lesestoff nicht halt. Das nennt sich Realität. Nur am Rande möchte ich anmerken, dass diese Schnäppchen 2.0! oft (nicht immer, aber oft!) eben auch einen kleinen, nicht zu überlesenden qualitativen Nachteil haben. Aber wenn kümmert das schon, wenn es nichts kostet?

 

Als Autor kann ich nur eines sagen: Sollte ich je auf die Idee kommen, ein E-Book selbst zu veröffentlichen, dann wird das nicht kostenlos zu bekommen sein. Die Betonung liegt hierbei auf „ich veröffentliche selbst“ – was mein Verlag oder mein Herausgeber macht, ist vertraglich geregelt. Meine Arbeit ist mir etwas mehr wert als nichts. Und nein, auch Gratisaktionen als „Anreiz“ wird es dann keine geben. Als Werbeinstrument in meinen Augen völlig ungeeignet. Wenn man sich anstrengt, sich Mühe gibt und recherchiert (ja, das gehört einfach dazu!), dann finden sich andere Mittel und Wege, um für sein Werk zu werben.

 

Und als Leser füge ich hinzu: Sollte ich irgendwann doch einmal anfangen E-Books zu lesen (was im Augenblick noch nicht erforderlich ist, da ich genügend Bücher habe, die auf dem SUB liegen und noch einige dazu kommen werden … was aber nicht bedeutet, dass ich etwas gegen E-Books habe), dann werde ich den Autor respektive die Autorin auch dafür bezahlen. Und zwar sehr gerne! Ihre Arbeit ist mir ebenso etwas wert wie die meine …

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Erstellt: 10.08.2013, zuletzt aktualisiert: 29.03.2020 09:59