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Wicker Man von Robin Hardy und Anthony Shaffer

Rezension von Christian Endres

 

Robin Hardy führte 1973 beim originalen »Wicker Man« Regie. Und auch wenn der Film an den Kinokassen floppte und erst über die Jahre hinweg in England Kultstatus erreichte, so entschied sich Hardy bereits 1978, aus dem Drehbuch von Anthony Schaffer einen Roman zu machen.

 

Der schottische Polizeibeamte Neil Howie wird von einem mysteriösen anonymen Brief auf die seltsame Geschehnisse auf der Insel Summerisle aufmerksam gemacht. Dort soll ein junges Mädchen verschwunden sein. Der geradlinige, gläubige Sergeant schwingt sich also hinter den Steuerknüppel seines Wasserflugzeugs und fliegt die kleine Insel an, die für ihre schmackhaften Apfelsorten berühmt ist. Bald schon findet Howie jedoch heraus, dass nicht nur die Äpfel auf Summerisle etwas Besonderes sind, sondern auch die heidnische Einstellung zur Religion der Inselbewohner, die in Sachen Glauben ihr ganz eigenes Süppchen kochen. Auf Summerisle glaubt man nämlich noch an die alten, heidnischen Götter, schert sich einen Dreck um die Gesetzte oder Menschen vom Festland, schreibt ebenso seltsame wie anrüchige Fruchtbarkeitsriten groß und verkauft in der Apotheke sogar ohne mit der Wimper zu zucken Schlangenhäute oder eingelegte Vorhäute ...

 

Howies Weltbild gerät mächtig ins Wackeln, als er dem Geheimnis der Insel auf die Spur kommt und all seinen Glauben aufbieten muss, um sich gegen das Böse zu stemmen, dem er auf Summerisle allerorts begegnet. Doch wird er am Ende stark genug sein, das Böse auch zu besiegen?

 

Robin Hardys Roman beginnt furios: Der Opener mit Howie und dessen Freundin, die ein Steinadlerpärchen beobachten und sich dabei mit einem Wilderer anlegen, ist eine wirklich gelungene, schöne Szene, die einem vor allem Neil Howie schnell näher bringt. Auch die daran anschließenden ersten Schritte von Howies Ermittlung auf Summerisle wissen noch zu überzeugen – doch als sich die nervigen, etwas degenerierten schottischen Insulaner Howie immer und immer wieder mit künstlich-beharrlicher Einfalt in den Weg stellen, nervt das nicht nur den Cop, sondern eben auch den Leser irgendwann gewaltig. Und wenn Howie sich zum x. Mal auf die Knie wirft und darum bittet, nicht der sündhaft schönen Wirtshaustochter mit der Moral einer Straßenkatze im Nebenzimmer zu erliegen, dann wird auch das irgendwann zur Probe für den Leser, der diese Seiten nach dem dritten Mal eigentlich einfach nur überfliegen oder überblättern möchte. Zwischendurch blitzt zum Glück immer wieder die Brillanz von Robin Hardy auf, der eine sehr stimmungsvolle Schreibe pflegt. Das Gespräch zwischen Howie und dem Inselverwalter Lord Summerisle gehört – auch wenn es darin vornehmlich nur um Äpfel und Seevögel geht – mit zu den besten Stellen des Bandes.

 

Das Taschenbuch hat – entgegen der Abbildung in der Verlagsvorschau aus dem Sommer – nun doch ein Film-Covermotiv spendiert bekommen, und so sehen wir Nicolas Cage in einem altertümlich-angehauchten Look, während die Bewohner der Insel sich um ihn herum versammeln und unser lieber Herr Cage einen etwas gehetzten Eindruck macht. Ansonsten gibt es die übliche, erfreuliche Heyne-Qualität: Gutes Papier, guter Druck, schönes, wenn auch schnörkelloses Layout – und 300 Seiten, die ob ihrer Typographie durchaus einige Stunden Lesespaß bereit halten ...

 

Fazit: Interessant wird der Roman vor allem dann, wenn der Autor versucht, den Konflikt »moderner« Religionen mit heidnischem Brauchtum darzustellen. Leider zieht Hauptdarsteller Neil Howie stets ein sehr eindeutiges Urteil für sich, was gleichzeitig die größte Schwäche von »Wicker Man« ist: Die Moral ist an manchen Stellen viel zu aufgesetzt ausgeprägt, nur um wenige Seiten später dann gleich wieder mit heidnischen Barfüßen getreten zu werden – etwa, wenn Hardy die teilweise doch recht rabiaten Fruchtbarkeitsriten auf Summerisle beschreibt ...

 

Somit hinterläst »Wicker Man –Ritual des Bösen« den Eindruck eines eher durchwachsenen Mystery-Thrillers, der das Potential seines Settings, seiner Figuren und seiner Geschichte, aber auch das schreiberische Potential und Talent seines Autors zu kaum einem Zeitpunkt voll ausnutzt und in jederlei Hinsicht hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

 

Der auf der Buchrückseite beworbene »große britische Horror-Klassiker« hat leider nur viel zu selten über die Friedhofsmauer gespäht. Reinschauen lohnt sich aber vielleicht trotzdem für den ein oder anderen Fan etwas ruhigerer, fundierterer Mystery-Thriller fernab Dan Brown und Konsorten, und wer sich das am 2. November angelaufene Remake nun im Kino ansieht und Gefallen daran findet, kann wohl ebenfalls kaum etwas falsch machen, wenn er auch einmal in die passende Verschmelzung von Drehbuch und Roman aus den 70ern reinschaut.

 

Eure Meinung:

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Wicker Man

Autor: Robin Hardy, Anthony Shaffer

Taschenbuch, Heyne, 302 Seiten

Erscheinungsdatum: November 2006

ISBN: 3453500334

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 03.11.2006, zuletzt aktualisiert: 31.03.2021 19:40