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Essay: Die Bibliothek von Borges und der Kanon

Autor: Oliver Kotowski

 

Jorge Luis Borges war nicht nur Direktor der argentinischen Nationalbibliothek, er hat auch als Schriftsteller Großes geleistet: Er übte einen nachhaltigen Einfluss auf die postmoderne Literatur und auf den Magischen Realismus aus, ohne seine unglaublich konzentrierten, originellen und anspielungsreichen Kurzgeschichten sähe die lateinamerikanische Literatur deutlich anders aus – ohne Borges Werke wären die von Alejo Carpentier, Julio Cortázar, Carlos Fuentes, Gabriel García Márquez, Juan Rulfo und Mario Vargas Llosa in dieser Form nicht möglich gewesen, egal, ob sie sich positiv oder negativ auf Borges beziehen.

Anhänger phantastischer Literatur werden wahrscheinlich schon das eine oder andere seiner Werke gelesen haben: Tlön, Uqbar, Orbis TertiusDie kreisförmigen RuinenDer Garten der Pfade, die sich verzweigen und Das Aleph sind bekannte Werke aus seiner schriftstellerischen Frühzeit (z. B. in Fiktionen und Das Aleph). Doch auch später schuf er nicht minder Bedeutendes: Das Sandbuch25. August 1983Die Rose des Paracelsus oder Blaue Tiger – vieles davon findet sich in der Anthologie 25. August 1983. Dort findet sich auch Borges wohl bekannteste phantastische Geschichte: Die Bibliothek von Babel. Diese situative Kurzgeschichte um eine ewige, aber endliche Bibliothek, in der es jedes erdenkliche mögliche Buch gibt, ist sowohl von Literaturwissenschaftlern, wie auch von 'bloßen Fans' gut aufgenommen worden.

 

Diese Geschichte verlieh auch der von Borges herausgegebenen dreißig bändigen Reihe zur Phantastik ihren Namen – eben Die Bibliothek von Babel – die dieses und letztes Jahr (i. e. 2007-8) dankenswerterweise erneut von der Edition Büchergilde verlegt wurde. "40 Autoren aus 3 Jahrhunderten und 5 Kontinenten", wirbt der Verlag – man könnte die Zahl der Jahrhunderte sogar noch weiter fassen, denn die Bibliothek enthält zwei Bände (25 & 26) mit Übersetzungen von Tausendundeine Nacht durch Antoine Galland bzw. Richard F. Burton. Wiewohl die Übersetzungen recht frei sind, stammen die Geschichten doch aus dem arabischen Mittelalter. Andererseits wüsste ich nicht, welcher der Autoren Australier sein könnte.

Gleichwie, der Verlag prahlt mit den Namen von "Cortázar, James, Kafka, Kipling, London, Lugones, Melville, Meyrink, Poe, Stevenson, 1001 Nacht, Tolstoi, Voltaire, Wells, Wilde u. a. m." – ich stelle mir vor, dass die Auswahl sehr schwer fiel, denn eigentlich haben es alle Autoren verdient, genannt zu werden. Die meisten der Geschichten sind Kurzgeschichten, dazu kommen noch einige Novellen und Erzählungen sowie zwei Kurzromane, nämlich Vathek von William Beckford und Der verliebte Teufel von Jacques Cazotte.

 

Man sieht, es ist eine breit gefächerte Sammlung von Texten herausragender Schriftsteller. Schöpft die Bibliothek alle Möglichkeiten der Phantastik aus? Ist das, wie auf einem bekannten Forum gefragt wurde, der Kanon der phantastischen Literatur? – Nun, ich glaube, Borges selbst würde sich gegen diese Vorstellung verwehrt haben – er wusste sehr gut, dass menschliches Schaffen zu vielfältig und zu fehlerhaft ist um eine ewige Textgruppe festzusetzen. Aber ich bin ein böser Mensch und will mich über den (vermeintlichen) Willen eines Verstorbenen hinwegsetzen.

In einem hätte Borges jedoch recht: Wer eine endgültige Auswahl von Texten ohne Makel erwartet, der wird enttäuscht werden. So lange wir nicht an Arnold Gehlens Ende der Geschichte angelangt sind, ist eine solche Textgruppe unmöglich zu erstellen. Ja weiter noch, wer postmodernem Gedankengut anhängt, wird ein derartiges Unterfangen für per se unmöglich halten, da es der Natur des modernen Menschen widerspreche.

 

Um den Begriff "Kanon" sinnvoll zu verwenden, muss man ihn also anders besetzen. In den geisteswissenschaftlichen Disziplinen werden mit gewisser Regelmäßigkeit Kanones aufgestellt. Pädagogen stellen Kanones auf, damit ihre Zöglinge ein Grundverständnis der eigenen Kultur entwickeln, Literaturkritiker stellen gute und wichtige Werke zusammen, damit Leser literarische Leistungen einschätzen können, und Historiker listen Quellen und Sekundärliteratur auf um ihren Studenten einen Einstieg in ein bestimmtes Thema zu erleichtern. Damit orientiert man sich an der vierten vom Fremdwörter-Duden angegebenen Bedeutung: Ein von den Alexandrinern angelegtes Verzeichnis mustergültiger Schriftsteller.

Die Probleme liegen auf der Hand: "Wo sind die Frauen?", fragen die Feministinnen. "Warum werden kapitalismuskritische Texte heutzutage im Alltagsdiskurs per se abgewertet?" fragen Linksintellektuelle. "U-Literatur ist genauso viel Wert wie E-Literatur!", schimpfen Anhänger der Pop-Kultur – kurzum: Wer bestimmt über den Inhalt des Kanons? Die Probleme lösen sich, wenn man den Kanon nicht als Joch versteht, unter das der Leser gezwungen wird, sondern als Werkzeug, bei dem der Leser selbst entscheidet, welches Themenfeld er damit bearbeiten will.

Womit man zu einer weiteren Schwierigkeit gelangt; der Psychotherapeut Paul Watzlawick formulierte es so: "Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel." – Naheliegend, das sich Brüche schlecht mit einem Hammer heilen lassen. Jedes Problem braucht ein eigenes, spezielles Werkzeug. Daraus lässt sich für Kanones ohne weiteres ableiten: Je allgemeingültiger ein Kanon sein will, desto zweifelhafter wird er. Wer die hundert besten Werke der Weltliteratur präsentiert, kann nur für sich selbst sprechen, zu sehr hängt die Auswahl von der Vorbildung des Entscheiders ab. Das macht sich vor allem bei der Größe des Textkorpus' bemerkbar: Ist der Korpus zu groß, wird die Auswahl beliebig – mehr als 100 Texte sind in keinem Fall sinnvoll. Ist der Korpus zu klein, fehlen wichtige Texte. Bei der Weltliteratur im Allgemeinen erfüllt ein Korpus von 101 Texten gleich beide Bedingungen.

 

Zurück zur Bibliothek von Babel – ist Borges Auswahl als Kanon zu gebrauchen? Für die gesamte Phantastik sicherlich nicht: Zwar gibt es eine Reihe von Geschichten, die sich thematisch der SF zuordnen lassen – ich denke da an Texte wie Nathaniel Hawthornes Das Brandopfer der Erde (in: Das große Steingesicht), Charles Howard Hintons Eine flache Welt (in: Wissenschaftliche Erzählungen) oder Jack Londons Der Schatten und das Funkeln (in: Die konzentrischen Tode) – ja in Adolf Bioy Casares Der Tintenfisch bleibt bei seiner Tinte (in: Argentinische Erzählungen) und Voltaires Mikromegas (in: Mikromegas) spielen sogar Außerirdische eine Rolle, aber Galaktische Imperien, aufrührerische Roboter und Cyberpunks oder Ingenieure mit Strahlenwaffen gibt es nicht. Fantasy im engeren Sinne gibt es auch nicht – und wer wollte bestreiten, das Robert E. Howards Conan-Abenteuer oder Fritz Leibers Geschichten um Fafhrd und den Grauen Mausling nicht mustergültig für die Sword & Sorcery seien? Weiter gibt es zwar einiges an Horror, aber kaum Monster: Einen esoterischen Vampir (Gustav Meyrinks Kardinal Napellus, in: Kardinal Napellus), einen Werwolf (Sakis Gabriel-Ernst, in: Die Verschwiegenheit der Lady Anne) und einen Geist von der traurigen Gestalt (Oscar Wildes Das Gespenst von Canterville, in: Lord Arthur Saviles Verbrechen). Außerdem gibt es eine Reihe von Geschichten, die kein phantastisches Element im engeren Sinne enthalten – wie etwa Gilbert K. Chestertons Pater Brown-Geschichten (in: Apollos Auge).

 

Nimmt man also phantastische Elemente im herkömmlichen Sinn als Maßstab, dann ist die Auswahl einerseits zu eng, da vieles fehlt, und andererseits zu weit, da realistische (wenn auch nicht wahrscheinliche oder gar mimetische) Geschichten dabei sind. Und doch haben sie alle einen gemeinsamen Nenner – es ist Borges erstes Thema, dessen Symbol das Labyrinth ist: Egal ob conte cruel, Kunstmärchen oder todorovsche Phantastik, jede Geschichte zielt darauf ab den Leser zu verblüffen. Man könnte die Bibliothek von Babel als Kanon der erstaunlichen Geschichten begreifen.

Ist er als solcher abgeschlossen? Ich denke nicht: Ist María Esther Vázquez die einzige Frau, die verblüffende Kurzgeschichten schreibt? Gibt es wirklich keine derartigen Geschichten aus Australien? – Wohl kaum. Hätte Borges China Miévilles bizarre Kurzgeschichten mit aufgenommen? Jeff VanderMeers surrealistische Werke? Kelly Links aberwitzige Wundergeschichten? Ich stelle mir vor, dass er Haruki Murakamis Hardboiled Wonderland oder Mark Z. Danielewskis Das Haus – House of Leaves genossen hätte (obschon sie beide zu lang für die Bibliothek wären), aber letztlich bleibt das pure Spekulation.

Davon unbenommen ist diese Reihe ein hervorragender Grundstein, von dem aus man sich weitere Geschichten, die verwundern, erstaunen und verblüffen, aneignen kann. Kennt man alle dreißig Bände wird es außerdem kaum mehr ein literaturwissenschaftliches Seminar zur Phantastik geben, bei dem der Leser sich nie einbringen könnte – außer, natürlich, es wird ein Spezialfall wie "Die Stellung der Episode mit Tom Bombadil im Gesamtwerk J. R. R. Tolkiens" verhandelt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht jedem jede Geschichte gleichgut gefallen kann, aber wer über eine der Geschichten die Nase rümpft, zeigt damit nur, dass er keine Ahnung von Literatur hat.

 

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Erstellt: 23.07.2008, zuletzt aktualisiert: 29.11.2019 14:09